{"id":140433,"date":"2025-05-26T07:06:14","date_gmt":"2025-05-26T07:06:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/140433\/"},"modified":"2025-05-26T07:06:14","modified_gmt":"2025-05-26T07:06:14","slug":"johann-scheerer-ueber-seinen-neuesten-roman-play","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/140433\/","title":{"rendered":"Johann Scheerer \u00fcber seinen neuesten Roman Play"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-style-question\">SZENE HAMBURG: Johann, du bist Musiker, Musikproduzent, Autor. Wenn dich jemand, der dich nicht kennt, fragt, was du beruflich machst, was antwortest du dann?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Johann Scheerer: Als ich angefangen habe, B\u00fccher zu schreiben, habe ich immer gesagt, dass ich beruflich Musikproduzent bin, aber ein Hobby habe: das Schreiben. Ich bin mit dem Schreiben aber erfolgreicher als als Musikproduzent, und irgendwie f\u00fchlt sich das f\u00fcr mich mittlerweile ein bisschen kokett an, wenn ich das als Hobby bezeichne. Aber alles, was ich mache, macht mir wahnsinnig viel Spa\u00df, daher f\u00fchlt sich das alles nicht an wie ein Job.<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">Aber das sind doch die allerbesten Voraussetzungen \u2026<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Oder die allerschlimmsten, weil man dadurch aus dem Arbeiten gar nicht mehr rauskommt. Das wird ja auch in meinem aktuellen Buch verhandelt: Dass es so schwierig ist, Leuten begreiflich zu machen, dass das Arbeit ist. Dieses wochenlange vermeintliche Nichtstun, wenn man ein Buch schreibt, aber noch kein Ergebnis hat, und man anderen noch nicht mal genau erkl\u00e4ren kann, worum es im neuen Buch eigentlich geht. Teil der Arbeit ist zudem ja auch spazieren zu gehen und dar\u00fcber nachzudenken.<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">W\u00e4hrend du dich auf \u201eWir sind dann wohl die Angeh\u00f6rigen\u201c aus dem Jahr 2018 mit der Entf\u00fchrung deines Vaters aus Sicht deiner Familie auseinandergesetzt hast und in \u201eUnheimlich nah\u201c \u00fcber dein von Personensch\u00fctzern begleitetes Leben geschrieben hast, ist \u201ePlay\u201c nun dein erster wirklich fiktiver Roman. Hast du das als schwieriger empfunden?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Ich schreibe immer \u00fcber das, was mich bewegt und das, was ich kenne. Ich sch\u00f6pfe aus einem Pool von Emotionen, die mir irgendwie nahe sind. Auch das Buch tr\u00e4gt daher viel von mir in sich, aber auf eine derart verdichtete und abstrakte Art, dass es sich streckenweise auf eine ganz gute Art und Weise fremd anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Das ist der Job: Die intensive Befassung mit Themen ist keine Ablenkung, sondern notwendig beim Schreiben<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">Das Buch handelt von jemandem aus der Musikindustrie.<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Es ist insofern autobiografisch inspiriert, als dass es in den letzten 20 Jahren immer wieder Momente gab in meiner Arbeit mit Musikerinnen und Musikern, in denen ich dachte: Die Geschichte m\u00fcsste ich mal aufschreiben. Ich habe Anfang 2023 mal ein Buch gelesen: \u201eDer Briefwechsel\u201c, der zwischen dem komplizierten Autor Thomas Bernhard und dem ehemaligen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld stattgefunden hat. Darin gibt es teilweise Unterhaltungen, die auch ich schon gef\u00fchrt habe oder f\u00fchren k\u00f6nnte. Ich fand es faszinierend zu lesen, wie unkonventionell dieser Verleger vorgehen musste, um seinen Autor bei Laune zu halten, um ein Setting zu schaffen, bei dem dieser Autor in der Lage war, \u00fcberhaupt Kunst zu produzieren. Literatur zu schreiben. Das hat mir total geholfen. In der Vergangenheit habe ich oft gedacht, dass mich diese st\u00e4ndige, intensive Auseinandersetzung davon abh\u00e4lt, meinen Job zu machen. Bis ich nach Lekt\u00fcre dieses Buches gemerkt habe: Das ist der Job.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich sch\u00f6pfe aus einem Pool von Emotionen, die mir irgendwie nahe sind<\/p>\n<p>Julian Scheerer<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"is-style-question\">Das klingt in der Tat aufschlussreich.<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Ich fand au\u00dferdem irre, dass es da diese starke Parallele zum Kinder gro\u00dfziehen gibt. Man ist ja die ganze Zeit v\u00f6llig im Arsch. Und man muss sich als Individuum mit seinen pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen als Elternteil bis zu einem gewissen Grad aufgeben. Denn wenn du dich st\u00e4ndig gegen die Bed\u00fcrfnisse deiner Kinder sperrst, weil du selber Bed\u00fcrfnisse hast, dann wird das nichts mit dem gemeinsamen Gro\u00dfwerden. Und genauso ist es auch in der K\u00fcnstlerarbeit. Dieses Spannungsfeld hat mich interessiert, weil ich gemerkt habe; Da gibt es doch erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen den Anspr\u00fcchen kleiner Kinder an ihre Eltern und den Anspr\u00fcchen von K\u00fcnstlern an ihre Mitarbeiter, Manager und so weiter. Und wenn man diese Erkenntnis mal weiterdenkt und sogar noch zusammenbringt, dann k\u00f6nnte das vielleicht ganz gute Unterhaltung werden. So ist dieses Buch entstanden.<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">Am Anfang von \u201ePlay\u201c steht unter anderem ein Zitat des Rappers Apsilon aus dessen Song \u201eBaba\u201c, in dem es hei\u00dft: \u201eMein Baba hat ein\u2019 starken R\u00fccken. Der schleppt viel mit sich rum bei Nacht.\/Ich w\u00fcnscht, er w\u00e4r ein bisschen schw\u00e4cher. Dann h\u00e4tt\u2019s ihn nicht kaputtgemacht.\u201c Bezieht sich das auf den Inhalt deines Buches oder richtet sich das mehr an deinen eigenen Vater?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Dieser Song ist mir richtig reingegangen. Die Gen-Z w\u00fcrde sagen: Ich f\u00fchle das. Und nat\u00fcrlich betrifft das meinen Vater, aber auch mich als Vater und wahrscheinlich 99 Prozent der V\u00e4ter: dieses M\u00e4nnerbild, das wir vorgelebt bekommen haben in den Jahrzehnten, in denen wir aufgewachsen sind \u2013 bei mir waren das die Achtziger und Neunziger. Da sind wir mit einem M\u00e4nnerbild aufgewachsen, das keine Schw\u00e4che zugelassen hat und emotional einfach nicht ansprechbar war. Aber das hat nat\u00fcrlich Konsequenzen und dazu gef\u00fchrt, dass es vielen Generationen von M\u00e4nnern schwerf\u00e4llt, emotional available zu sein und soft sein zu d\u00fcrfen. Deswegen finde ich diesen gigantischen Song von Apsilon wahnsinnig wichtig. \u00dcbrigens auch, weil er eine Migrationsgeschichte hat und es in der migrantischen Gesellschaft auch M\u00e4nnerbilder gibt, die noch viel kantiger sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"914\" height=\"1500\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/135779.jpeg\" class=\"wp-image-148129\" alt=\"\"  \/><br \/>\nBuchcover \u201ePlay\u201c von Johann Scheerer (\u00a9Piper Verlag)\u00a0<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">Du hast einen bekannten Vater, auf den du sicher h\u00e4ufig angesprochen wirst, und hast mit vielen bekannten Pers\u00f6nlichkeiten zusammengearbeitet wie Peter Doherty, Rocko Schamoni, Wolf Biermann oder Frank Spilker. Hast du es manchmal als schwierig empfunden, gerade hinsichtlich Medien und der \u00d6ffentlichkeit, dir und deinem Schaffen unabh\u00e4ngig davon die n\u00f6tige Aufmerksamkeit zu verschaffen?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Es geht mir \u00fcberhaupt nicht darum, das Spotlight auf mich zu richten, nur phasenweise darauf, was ich tue. Mir ist wichtig, durch die Inhalte, die ich literarisch oder musikalisch erzeuge, wahrgenommen zu werden \u2013 und dem steht diese Entf\u00fchrungsgeschichte nat\u00fcrlich im Weg. Das ist der Grund, warum ich mein erstes Buch geschrieben habe, um die Deutungshoheit dieser Geschichte bei mir zu haben und es aus dem Weg zu schreiben. Das ist mir nicht abschlie\u00dfend gelungen, weil diese Geschichte eine bizarre \u00dcbermacht hat, die meinem Vater noch viel mehr im Weg steht als mir. Weil es kein Gespr\u00e4ch gibt in der \u00d6ffentlichkeit, wo das nicht Thema ist. Und das ist nat\u00fcrlich ein Problem, und das wird nicht besser dadurch, dass es diesen irren True-Crime-Hype gibt und alle denken, Verbrechen sind bis zu einem gewissen Grad auch was abgefahren Cooles. Da muss es noch viel gesellschaftliche Arbeit geben, um zu verstehen, dass das ein kompliziertes Thema ist.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das Schreiben weist starke Parallelen zum Kinder gro\u00dfziehen auf.\u00a0<\/p>\n<p>Julian Scheerer\u00a0<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"is-style-question\">Du bist in Hamburg geboren, aufgewachsen und lebst immer noch hier. Hattest du nie mal den Drang, wegzuziehen?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Ich habe fr\u00fch Kinder bekommen, dann wird alles schwieriger. Au\u00dferdem hatte ich mein Studio. Aber ja: Kulturarbeit zu machen in Hamburg ist schon m\u00fchsam, da ist man in Berlin eigentlich besser aufgehoben. Gerade international muss man immer erkl\u00e4ren, warum Hamburg auch eine coole Stadt ist. Hier ist alles so ein bisschen d\u00f6rflich. Ich mag das aber gerne.<\/p>\n<p class=\"is-style-question\">Hat Hamburg als Stadt auch einen Einfluss auf dich und dein Schaffen?<\/p>\n<p class=\"is-style-answer\">Ich habe eine gro\u00dfe Abneigung gegen Lokalpatriotismus, weil es immer so was D\u00fcnkeliges hat, was mir \u00fcberhaupt nicht gef\u00e4llt. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Stadt auch eine Faszination und eine Sch\u00f6nheit hat. Ich mag Hamburg schon sehr.<\/p>\n<p>Interessanter Artikel?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"SZENE HAMBURG: Johann, du bist Musiker, Musikproduzent, Autor. 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