{"id":141189,"date":"2025-05-26T14:03:09","date_gmt":"2025-05-26T14:03:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/141189\/"},"modified":"2025-05-26T14:03:09","modified_gmt":"2025-05-26T14:03:09","slug":"kein-schlussstrich-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/141189\/","title":{"rendered":"Kein Schlussstrich \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>In einer Vitrine liegt eine Polizeischirmm\u00fctze, in einer weiteren eine Uhr, deren Zeiger 13 Minuten vor Zehn anzeigen, den Todeszeitpunkt des urspr\u00fcnglichen Besitzers \u2013 die Gegenst\u00e4nde sind Leihgaben von den Hinterbliebenen und jeweils einer und einem der zehn Menschen gewidmet, die zwischen 1998 und 2011 vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet wurden: Enver \u0218im\u0219ek, Abdurrahim \u00d6z\u00fcdo\u011fru, S\u00fcleyman Ta\u0219k\u00f6pr\u00fc, Habil K\u0131l\u0131\u00e7, Mehmet Turgut, \u0130smail Ya\u0219ar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kuba\u0219ik, Halit Yozgat und Mich\u00e8le Kiesewetter.<\/p>\n<p>Die Vitrinen stehen am Eingang des gro\u00dfen Raumes des am Sonntag er\u00f6ffneten Dokumentationszentrums in der Chemnitzer Innenstadt. Hier wird nicht nur der Opfer des rechten Terrors gedacht, sondern nach den Hintergr\u00fcnden von strukturellen Rassismus und Rechtsextremismus gefragt, nach der Rolle des Staates und wie Alltagsorte zu Tatorten werden konnten, wie mit Erinnerungsorten umgegangen wird und welche Fragen nach dem NSU-Prozess noch unbeantwortet sind. Daher stammt auch die Bezeichnung \u00bbOffener Prozess \u2013 ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex\u00ab, getragen von den Vereinen ASA-FF, RAA Sachsen und der Initiative Offene Gesellschaft und mit Mitteln des Bundes und des Landes finanziert.<\/p>\n<p>Bereits 2021 er\u00f6ffnete in Jena die Ausstellung \u00bbOffener Prozess\u00ab mit k\u00fcnstlerischen Arbeiten zum Thema und zur Aufarbeitung des rechten Terrors, die danach noch in anderen St\u00e4tten zu sehen war (siehe auch\u00a0<a href=\"https:\/\/kreuzer-leipzig.de\/2021\/08\/11\/kontinuitaeten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kontinuit\u00e4ten<\/a>).<\/p>\n<p>Dass in der europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt ein Ort zur Aufarbeitung der rechten Strukturen er\u00f6ffnet und kontinuierlich arbeitet, scheint mehr als zwingend angebracht, denn hier lebte das Trio B\u00f6nhardt, Mundlos und Zsch\u00e4ppe ungest\u00f6rt vor staatlichem Zugriff. In jenem Plattenviertel wurde im Oktober 2023 am Haus der Friedrich-Viertel-Stra\u00dfe 2 \u2013 zwanzig Stra\u00dfenbahnminuten vom Zentrum entfernt \u2013 das Wandbild \u00bbIn unserer Mitte\u00ab zur Erinnerung an die Opfer des NSU er\u00f6ffnet. Auch darauf finden sich die Polizeim\u00fctze von Kiesewetter oder die Schl\u00fcssel von Mehmet Kuba\u0219ik, die jetzt im Dokumentationszentrum zu sehen sind.<\/p>\n<p><strong>Kunstraum, Podcasts, Statistiken<\/strong><\/p>\n<p>Nun sind in der Mitte der Stadt in dem gro\u00dfen Raum k\u00fcnstlerische Arbeiten aus der Ausstellung \u00bbOffener Prozess\u00ab zu sehen \u2013 wie von Forensic Architecture \u00bb77sqm_9:26min\u00ab. Darin wird die Rolle des Verfassungssch\u00fctzers Andreas Temme w\u00e4hrend des Mordes an Halit Yozgat am 6. April 2006 rekonstruiert mit all den Widerspr\u00fcchlichkeiten. Diese konnten weder die Ermittlungsbeh\u00f6rden noch das Gericht beim Prozess, der 2013 in M\u00fcnchen gegen f\u00fcnf Angeklagte begann und f\u00fcnf Jahre dauerte, vollst\u00e4ndig aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Andererseits k\u00f6nnen an zwei Audiostationen Podcasts zum NSU-Komplex angeh\u00f6rt werden, in B\u00fcchern zum Themenfeld gelesen und in Ordnern zu den Untersuchungsaussch\u00fcssen des Bundes, in Th\u00fcringen und Sachsen gebl\u00e4ttert werden.<\/p>\n<p>Dem stehen zwei Wandbilder gegen\u00fcber, die das Kuratorenteam entwarf. Eines stellt Zahlen seit Beginn der 1990er Jahre zu Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und rechter Gewalt vor. Eine Liste nennt unter anderem die Todesopfer rechter Gewalt von 1991 bis 2018 \u2013 Leipzig ist dabei mit sieben Opfern am h\u00e4ufigsten vertreten. Auch die Zahl 58.500 Euro ist zu lesen \u2013 diese Summe stellte Sachsen f\u00fcr den Abriss des NSU-Verstecks in der Fr\u00fchlingsstra\u00dfe 26 in Zwickau zur Verf\u00fcgung. Eine Entsch\u00e4digung der Hinterbliebenen steht noch aus. 36 von 107 Personen, die im Verdacht stehen, dem NSU geholfen zu haben, stammen aus der Region Chemnitz, Zwickau und Erzgebirge.<\/p>\n<p><strong>Forderungen der Hinterbliebenen<\/strong><\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sind die Auswirkungen auf die Familien der Opfer im Rahmen der rassistisch motivierten Untersuchungen in den Mordf\u00e4llen dargestellt: Etwa Zeugenaussagen, in denen die T\u00e4ter als Nazis beschrieben wurden, die dann aber keine Beachtung fanden. Oder wie die Angeh\u00f6rigen selbst als Verd\u00e4chtige behandelt wurde. Die Hinterbliebenen formulierten zur Er\u00f6ffnung des Dokumentationszentrums ihre zehn Forderungen nach einer vollst\u00e4ndigen Aufarbeitung. An der Schaufensterscheibe k\u00f6nnen sie nachgelesen werden. Dort hei\u00dft es: \u00bbAlle Akten m\u00fcssen uns Betroffenen sofort zug\u00e4nglich gemacht werden.\u00ab An die aktuelle Bundesregierung appellieren sie, \u00bbdas Versprechen von Angela Merkel einzul\u00f6sen und \u203aalles zu tun, um die Morde aufzukl\u00e4ren.\u2039\u00ab Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer des NSU sollten ermittelt und angeklagt werden. Au\u00dferdem fordern sie eine nachhaltige psychologische und unb\u00fcrokratische Unterst\u00fctzung f\u00fcr sich und, die staatliche Entsch\u00e4digungsl\u00fccke f\u00fcr Betroffene des NSU-Terrors zu schlie\u00dfen und eine angemessene finanzielle Entsch\u00e4digung zu gew\u00e4hrleisten. Gleichzeitig solle mehr F\u00f6rderung f\u00fcr Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement gegen allt\u00e4glichen und institutionellen Rassismus bereitgestellt werden. An die Medien richten sie einen Appell, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und sich insbesondere nicht an rassistischer Berichterstattung beteiligen. Bund und L\u00e4nder sollten Rechtsextremismus, Rassismus und rechte Netzwerke konsequent bek\u00e4mpfen und die f\u00fcr die Hinterbliebenen traumatisierenden Methoden von Polizei und Verfassungsschutz abgeschafft werden. Die Forderungen schlie\u00dfen mit den Worten: \u00bbDie Taten des NSU und unsere Opfer sollen nicht vergessen werden. In ihrem Andenken setzen wir unseren Kampf fort.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Veranstaltungen<\/strong><\/p>\n<p>Zum Demokratiefestival Kosmos finden am 14. Juni um 15.30 Uhr und am 15. Juni um 11 Uhr \u00f6ffentliche F\u00fchrungen statt. Am 21. Juni l\u00e4dt das Dokumentationszentrum zur Buchvorstellung \u00bbDas Ende rechter R\u00e4ume. Zu Territorialisierungen der radikalen Rechten\u00ab um 19 Uhr ein. Jeden vierten Freitag im Monat findet von 18.30 bis 20.45 Uhr die Filmreihe \u00bbIm Fokus: Rechter Terror\u00ab statt. <\/p>\n<p>Von Juni bis November gibt es zudem die Sammlungskampagne \u00bbLebendiges Archiv\u00ab, das um Material und pers\u00f6nlichen Geschichten zur Erschlie\u00dfung und Aufarbeitung der gesellschaftlichen Dimension des NSU-Komplexes bittet.<\/p>\n<p>&gt; Offener Prozess \u2013 Das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex, Johannisplatz 8, 0911 Chemnitz, \u00d6ffnungszeiten: Mi\/ Fr\/ Sa\/ So 10-17 Uhr, Do 11-17 Uhr<\/p>\n<p>&gt;\u00a0<a href=\"https:\/\/offener-prozess.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.offener-prozess.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In einer Vitrine liegt eine Polizeischirmm\u00fctze, in einer weiteren eine Uhr, deren Zeiger 13 Minuten vor Zehn anzeigen,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":141190,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1851],"tags":[2770,3364,29,20613,14739,912,548,663,3934,51184,30,13,14,51185,15,417,51186,859,12,3699,20183,10842,33067],"class_list":{"0":"post-141189","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-chemnitz","8":"tag-chemnitz","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-dokumentation","12":"tag-erinnern","13":"tag-eroeffnung","14":"tag-eu","15":"tag-europa","16":"tag-europe","17":"tag-gedenkort","18":"tag-germany","19":"tag-headlines","20":"tag-nachrichten","21":"tag-nationalsozialistischer-untergrund","22":"tag-news","23":"tag-nsu","24":"tag-nsu-komplex","25":"tag-sachsen","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-veranstaltung","28":"tag-veranstaltungshinweis","29":"tag-veranstaltungsort","30":"tag-veranstaltungsreihe"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114574511555252336","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=141189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141189\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/141190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=141189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=141189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=141189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}