{"id":1412,"date":"2025-04-01T22:28:15","date_gmt":"2025-04-01T22:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1412\/"},"modified":"2025-04-01T22:28:15","modified_gmt":"2025-04-01T22:28:15","slug":"erinnerung-an-hans-rosenthal-du-hast-ueberlebt-das-ist-nicht-deine-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1412\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Hans Rosenthal: \u201eDu hast \u00fcberlebt, das ist nicht deine Schuld\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Vor hundert Jahren wurde der Fernsehmoderator Hans Rosenthal geboren. Er \u00fcberlebte den Holocaust versteckt in einer Berliner Gartenlaube. Das ZDF erinnert an ihn mit einem Biopic, das man ihm gar nicht zugetraut h\u00e4tte. Es erz\u00e4hlt auch von einem Konflikt mit dem Sender.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Du hast \u00fcberlebt\u201c, sagt die Frau, die vielleicht kl\u00fcger ist als alle um sie herum, \u201edas ist dein Gl\u00fcck, nicht deine Schuld.\u201c Und dann sagt sie noch etwas, das einem, wenn man wei\u00df, zu wem sie es sagt und was er vielleicht heute \u2013 gut f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter \u2013 tun m\u00fcsste, durch Mark und Bein geht: \u201eDu musst dich nicht verstecken.\u201c<\/p>\n<p>Traudl hei\u00dft die Frau. Traudl Rosenthal. Sie ist so blond und blau\u00e4ugig, wie sie klug ist. Und als sie, Silke Bodenbender macht das mit einer herrlichen Doppelb\u00f6digkeit, das sagt in \u201eRosenthal\u201c, dem Biopic des ZDF zum 100. Geburtstag des m\u00f6glicherweise legend\u00e4rsten seiner Showmaster (\u201eDalli Dalli\u201c), ist sie seit gut drei\u00dfig Jahren mit Hans Rosenthal zusammen. Wir schreiben das Jahr 1978. Auch so eine Art Zeitenwende. Am 9. November n\u00e4mlich \u2013 33 Jahre nach Kriegsende und vierzig Jahre nach den Pogromen, die als \u201eReichskristallnacht\u201c in die Geschichte eingingen \u2013 wird es zum ersten Mal eine \u00f6ffentliche Gedenkfeier geben. <\/p>\n<p>In der K\u00f6lner Synagoge. Und ein deutscher Bundeskanzler \u2013 Helmut Schmidt \u2013 wird sprechen. Juden werden wieder sichtbar in der deutschen Gesellschaft. Und Rosenthal, der wahrscheinlich Sichtbarste aller unsichtbaren deutschen Juden, ger\u00e4t in eine Zwickm\u00fchle. <\/p>\n<p>\u201eRosenthal\u201c ist, was Biopics im besten Fall sind, nicht nur die Geschichte eines Menschen allein. \u201eRosenthal\u201c ist ein Gesellschaftsportr\u00e4t, Ausschnittvergr\u00f6\u00dferung, Momentaufnahme eines Landes im Umbruch. <\/p>\n<p>Hans Rosenthal wurde 1930 in Berlin geboren. Seine Eltern verlor er fr\u00fch. Der Vater starb, da war er sieben, die Mutter, da war er elf. Sein Bruder Gert war zehn Jahre j\u00fcnger als er. Sie kamen in ein j\u00fcdisches Waisenhaus. W\u00e4hrend Hans, das sieht man in einer der dramaturgisch geschickt eingebauten R\u00fcckblenden, bei der Musterung ist und erf\u00e4hrt, dass er ab jetzt Hans \u201eIsrael\u201c Rosenthal hei\u00dfen muss und \u201ewehrunw\u00fcrdig\u201c ist, wird Gert verschleppt (und von der SS sp\u00e4ter in Riga erschossen). <\/p>\n<p>Hans \u00fcberlebt in der Laube der Ida Jauch, einer Freundin seiner Mutter. Als Ida 1944 stirbt, k\u00fcmmern sich zwei andere Frauen. Immer wenn bei Fliegerangriffen der Alliierten Sirenen die Deutschen in die Luftschutzbunker rufen, kann er raus. Sirenenkl\u00e4nge, an die jeder sich erinnert, der in den Siebzigern jeden Donnerstag Rosenthals \u201eDalli Dalli\u201c erlebt hat, werden Symbole der Freiheit. <\/p>\n<p>Ein Fest f\u00fcr K\u00fcchenpsychologen <\/p>\n<p>Rosenthal \u2013 geboren in Prenzlauer Berg \u2013 geht zum Radio. Zum sowjetischen Sender in Berlin zuerst. Dann der Freiheit wegen in den Westen. Hans Rosenthal wird Legende beim RIAS, sp\u00e4ter dessen Unterhaltungschef. Am 13. Mai 1971 geht es los mit \u201eDalli Dalli\u201c. <\/p>\n<p>K\u00fcchenpsychologen w\u00e4re die Spielshow vermutlich immer noch ein Fest. Ein j\u00fcdischer Moderator, der im prinzipiell langsamen deutschen Fernsehen der Siebziger Deutsche gegen die Uhr anspielen l\u00e4sst. Ein \u00dcberlebender des Holocaust, der Prominente aus dem Volk der T\u00e4ter (ein paar der Kandidaten von \u201eDalli Dalli\u201c waren offensichtliche Mitl\u00e4ufer der Nazis) dazu bringt, unter Zeitdruck v\u00f6llig absurde Sachen zu tun. <\/p>\n<p>Das ist ein f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse v\u00f6llig irrer Erfolg. Im Durchschnitt zwanzig Millionen Bundesb\u00fcrger (die Dunkelziffer der DDR-Zuschauer geht wohl auch in die Millionen) schaut zu. \u201eDalli Dalli\u201c erreicht locker f\u00fcnfzig Prozent Marktanteil. <\/p>\n<p>Und dann sind wir, damit geht \u201eRosenthal\u201c los, bei den Vorbereitungen f\u00fcr die Jubil\u00e4umssendung. Das Sendejahr 1978 wird geplant auf dem Mainzer Lerchenberg. Die 75. Version von \u201eDalli Dalli\u201c steht an. Live-Aufzeichnung in M\u00fcnchen. Am 9. November. Rosenthal \u2013 den Florian Lukas, der eigentlich keinerlei \u00c4hnlichkeit hat mit Hans Rosenthal, so intensiv spielt, dass einem das gar nicht auff\u00e4llt \u2013 versucht irgendwie aus der Klemme zu kommen. <\/p>\n<p>Seinen Status zu behalten. Ein Jude zu bleiben, von dem keiner wei\u00df, dass er Jude ist, obwohl alle wissen k\u00f6nnen, dass er Jude ist. Die Deutschen gl\u00fccklich zu machen, fr\u00f6hlich, menschlich. Rosenthal will die Verschiebung des Termins. Das ZDF lehnt ab. In der ZDF-Dokumentation zum Rosenthal-Biopic wird der damalige Unterhaltungschef und sp\u00e4tere Intendant Dieter Stolte mit einer geradezu abenteuerlichen Begr\u00fcndung zitiert. <\/p>\n<p>Auf Rosenthal wird ein \u201eWachhund\u201c angesetzt (\u201eRosenthal\u201c steckt \u00fcbrigens voller solcher Spitzen gegen den damals latenten Zeitgeist). Er beugt sich dem Diktat. Wehrt sich aber, wo er kann. Wimpel werden ab- und eine Art Friedhofsdeko aufgeh\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Statt Volksliedern werden Opernarien gesungen. Statt eines gruselig-karierten Peter-Frankenfeld-Lookalike-Anzugs tr\u00e4gt Florian Lukas Schwarz und k\u00fcndigt an, nicht zu h\u00fcpfen, wie Rosenthal es \u2013 sein Sprung nach der Frage ans Publikum: \u201eSie sind der Meinung: Das war Spitze?\u201c ist Markenzeichen von \u201eDalli Dalli\u201c \u2013 sonst tut, wenn ein Team sozusagen seinen Spielplan \u00fcberf\u00fcllt hat. <\/p>\n<p>\u201eRosenthal\u201c ist \u00fcbrigens getragen von einer geradezu erstaunlichen F\u00e4higkeit zur Selbstironie. Die Nonchalance, mit der sich das ZDF vom Drehbuchautor Gernot Kr\u00e4\u00e4 und vom Regisseur Oliver Haffner ins Knie schie\u00dfen l\u00e4sst, h\u00e4tte man den Mainzern niemals zugetraut. Einer der roten F\u00e4den dieser beinahe perfiden Geschichte ist die (fiktive) des Dr. Hummel. Der ist die Quersumme aller realexistierenden Unterhaltungschefs. Hans-Jochen Wagner spielt ihn in aller Schmierigkeit. <\/p>\n<p>Dr. Hummel versucht, sich von seiner mit Katharina Marie Schubert eigentlich \u00fcberbesetzten und hochtoupierten Sekret\u00e4rin Helga immer wieder verleugnen zu lassen. Mal ist er auf Elba, mal ist er essen, mal hat er irgendwelche Termine. Und ist er mal da, redet er, bis es nicht mehr geht, dieses Dings, dieses Ereignis, diesen Pogrom beim Cognac klein, an den zu erinnern, es am 9. November vor allem gilt. <\/p>\n<p>Das ZDF, sagt Hummel, sei halt keine Volkshochschule. Die Leute, sagt Hummel, wollen \u201eSpa\u00df haben, wollen nach vorne schauen, nicht immer zur\u00fcck\u201c. Das kommt jedem, der damals bei der Geschichtsverleugnung dabei war und jetzt irgendwelche Debatten verfolgt, leider fast f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter immer noch furchterregend aktuell vor.<\/p>\n<p>\u201eZwei Leben\u201c in Deutschland<\/p>\n<p>\u201eRosenthal\u201c erinnert \u00fcberhaupt jeden, der es sieht und nicht nur jeden, der noch wei\u00df, wie es war, daran, wie weit die deutsche Gesellschaft bis heute gekommen ist. Und was auf dem Spiel steht. Rosenthals Bungalow in Berlin, der ganze Film ist halt nicht nur der Tapeten, der M\u00f6bel, der furchterregenden Krawatten wegen eine Zeitkapsel. <\/p>\n<p>Ein gar nicht ferner Spiegel des Gesellschaftsdiskurses und der Geschlechterverh\u00e4ltnisse, eine Warnung an alle, die meinen, die damals g\u00e4ngige, machistische Rollenverteilung zwischen M\u00e4nnern und Frauen h\u00e4tte Menschen fr\u00fcher gl\u00fccklich gemacht.<\/p>\n<p>Am Ende wei\u00df Hans Rosenthal, dass er nicht mehr schweigen darf. Dass er sich und sein Judentum und seine Geschichte \u00f6ffentlich machen muss. Damit das Verleugnen, das Verschweigen, die traditionelle deutsche Erinnerungskultur nicht dazu f\u00fchrt, dass wieder geschieht, was geschehen ist. Rosenthal schreibt seine Autobiographie. \u201eZwei Leben\u201c hei\u00dft sie. Es ist immer noch ein Bestseller. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte sie unbedingt lesen.<\/p>\n<p>Es gibt einen einzigen Moment in \u201eRosenthal\u201c, da w\u00fcnscht man sich zur\u00fcck ans Ende der Siebziger. Eben hat Hans seinem Bruder im Waisenhaus noch einen zusammengeflickten Lederball geschenkt und wusste nicht, dass er dabei Gert zum letzten Mal begegnete, bevor er weggebracht und ermordet wurde von den Deutschen. Dann sieht man ihn im Hof des J\u00fcdischen Gemeindezentrums zu Berlin. Er spielt Fu\u00dfball mit den Jungs da. Und es ist kein einziger Polizist zu sehen. Das erschreckt einen total. Das w\u00e4re heute v\u00f6llig unm\u00f6glich. Das f\u00e4hrt einem durch Mark und Bein. Juden m\u00fcssen sich heute wieder verstecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor hundert Jahren wurde der Fernsehmoderator Hans Rosenthal geboren. Er \u00fcberlebte den Holocaust versteckt in einer Berliner Gartenlaube.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1413,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[155],"tags":[29,214,30,1596,1597,1594,1595,45,215,1448],"class_list":{"0":"post-1412","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-unterhaltung","8":"tag-deutschland","9":"tag-entertainment","10":"tag-germany","11":"tag-hans-quiz-master","12":"tag-juden","13":"tag-krekeler-elmar","14":"tag-rosenthal","15":"tag-texttospeech","16":"tag-unterhaltung","17":"tag-zdf"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114265070195480398","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1412"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1412\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1413"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}