{"id":14261,"date":"2025-04-07T23:37:25","date_gmt":"2025-04-07T23:37:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/14261\/"},"modified":"2025-04-07T23:37:25","modified_gmt":"2025-04-07T23:37:25","slug":"zwei-buecher-und-die-ewige-frage-nach-der-herkunft-ein-abend-mit-mohammad-sarhangi-und-behzad-karim-khani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/14261\/","title":{"rendered":"Zwei B\u00fccher und die ewige Frage nach der Herkunft: Ein Abend mit Mohammad Sarhangi und Behzad Karim Khani"},"content":{"rendered":"<p>Es ist mucksm\u00e4uschenstill, nur die Stimme von Mohammad Sarhangi erf\u00fcllt den Raum. Gebannt lauscht das Publikum dem Wissenschaftler, der aus seinem Werk &#8222;Jahre der Angst, Momente der Hoffnung: Eine Gef\u00fchlsgeschichte der Migration&#8220; liest. Mit ihm auf der B\u00fchne sitzt Schriftsteller Behzad Karim Khani, der mit seinem zweiten Roman &#8222;Als wir Schw\u00e4ne waren&#8220; f\u00fcr Furore sorgte.<\/p>\n<p>Beide Autoren sind in Teheran geboren, leben in Berlin und sind an diesem Abend zu Gast im Literaturhaus M\u00fcnchen \u2013 was Sarhangi gut gelaunt mit &#8222;So fangen Witze eigentlich an&#8220; kommentiert. Eingeladen wurden er und Khani unter dem etwas sperrigen Titel &#8222;Vater, Mutter, Kind &#8211; Familie im Exil&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>Sarhangi und Khani: Zwei spannende B\u00fccher<\/p>\n<p>Warum sie zusammen eingeladen wurden? Keine Ahnung. Nun, beide haben persische Wurzeln und beide schreiben B\u00fccher. Sarhangi,\u00a0Historiker am Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung an der TU Berlin, hat ein exzellent recherchiertes Sachbuch dar\u00fcber geschrieben, wie Exil, Fremdheit und Diskriminierung die Gef\u00fchle von Migrant*innen pr\u00e4gen und auch \u00fcber Generationen hinweg formen. In seinem neuen Roman erz\u00e4hlt Khani, Schriftsteller, in einer unglaublich dichten, mal z\u00e4rtlichen, mal brutalen, immer pr\u00e4zisen Sprache die Geschichte einer Familie, die in den 1990er Jahren aus dem Iran nach Deutschland flieht und in einer Plattenbausiedlung im Ruhrgebiet lebt.<\/p>\n<p>Da gibt es durchaus \u00dcberschneidungen, die an diesem Abend aber leider eher selten und wenn, dann eher trotz als wegen der Moderation zum Vorschein kommen. Diese \u00fcbernimmt Susanne L\u00fcdemann, Professorin f\u00fcr Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Sicherlich eine ausgewiesene Expertin auf ihrem Gebiet, gelingt es ihr bei der Doppellesung nur selten, den beiden Autoren wirklich interessante Aussagen zu entlocken.<\/p>\n<p>Das ist schade, denn hier sitzen zwei sehr spannende Pers\u00f6nlichkeiten. Die eine, Sarhangi, hat eine wahnsinnig spannende Analyse der Gef\u00fchlswelt von Migrant*innen geschrieben. Elegant verwebt er dabei eigene Erfahrungen mit Oral-History-Interviews und autobiografischen und literarischen Ver\u00f6ffentlichungen. Der andere, Khani, hat den vielleicht besten deutschsprachigen Roman der letzten Zeit geschrieben, der sich in gewisser Weise auch mit Migrant*innen besch\u00e4ftigt \u2013 aber eben, wie er auf eine Frage der Moderatorin betont, aus k\u00fcnstlerischer, nicht wissenschaftlicher oder gar politischer Sicht.\u00a0<\/p>\n<p>Spontane Heiterkeit und die Frage der Herkunft<\/p>\n<p>Der Abend hat seine besten Momente, wenn Dinge einfach spontan passieren. So erw\u00e4hnt Sarhangi den iranischen S\u00e4nger Dariush Eghbali, Perser*innen einfach als Dariush bekannt. Khani steigt sofort darauf ein und erz\u00e4hlt eine lustige Anekdote: Eine Freundin und er h\u00e4tten sich k\u00fcrzlich traurige iranische Lieder geschickt, eine Art Wettbewerb \u2013 aber mit der Regel &#8222;Dariush z\u00e4hlt nicht&#8220;, das w\u00e4re zu einfach.\u00a0<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Heiterkeit im Saal, doch die Moderatorin meint, die gute Stimmung abk\u00fchlen zu m\u00fcssen, mit dem k\u00fchlen, fast schroffen Hinweis, sie habe sich in Vorbereitung auf diesen Abend einige Lieder von Dariush angeh\u00f6rt &#8211; &#8222;und bei mir l\u00f6st das gar nichts aus&#8220;. Autsch.<\/p>\n<p>Solche Momente ziehen sich durch den ganzen Abend: Statt der guten Energie zwischen Sarhangi und Khani, die beide zu Sp\u00e4\u00dfen aufgelegt sind und das Publikum ein ums andere Mal zum Lachen bringen, einfach freien Lauf zu lassen, bremst sie immer wieder.\u00a0<\/p>\n<p>Bezeichnend ist auch, dass sich ihre Fragen fast ausschlie\u00dflich um das Thema Migration drehen. Und dieser Umstand enth\u00e4lt, abgesehen davon, dass er inhaltlich eher \u00e4rgerlich ist, eine tragische Erkenntnis \u00fcber den deutschen Literaturbetrieb, mehr noch, \u00fcber die gesamte deutsche Gesellschaft: Du bist ein kluger Mensch, du schreibst ein kluges, fantastisches Buch \u2013 aber alles, was die wei\u00dfe Mehrheitsgesellschaft letztlich interessiert, ist deine Herkunft. \u00dcbrigens: Am n\u00e4chsten Tag wird der Deutsche Bundestag \u00fcber einen Antrag der Union zur drastischen Versch\u00e4rfung des Asylrechts abstimmen, der f\u00fcr eine knappe Mehrheit auf die Stimmen der AfD angewiesen ist. \u00a0<\/p>\n<p>Sollten sich Sarhangi und Khani an dieser etwas verengten Sicht auf ihr jeweiliges Werk st\u00f6ren, so lassen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Dank ihres Charmes und vor allem Khanis Humor ist der Abend trotz dieses kleinen Sch\u00f6nheitsfehlers sehr gelungen und bietet neben viel Stoff zum Nachdenken auch immer wieder witzige Momente. Zum Beispiel diesen: Sarhangi dr\u00fcckt vor seiner Lesung seine Bewunderung f\u00fcr Khanis Roman aus und betont, welche Ehre es f\u00fcr ihn sei, mit ihm auf einer B\u00fchne zu sitzen, was der so Gelobte mit einem trockenen &#8222;Liest du jetzt aus meinem Buch vor?&#8220; kommentiert. \u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist mucksm\u00e4uschenstill, nur die Stimme von Mohammad Sarhangi erf\u00fcllt den Raum. 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