{"id":146076,"date":"2025-05-28T11:04:10","date_gmt":"2025-05-28T11:04:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/146076\/"},"modified":"2025-05-28T11:04:10","modified_gmt":"2025-05-28T11:04:10","slug":"marmor-statt-mahnung-der-neue-stalin-kult-in-russland-demokratie-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/146076\/","title":{"rendered":"Marmor statt Mahnung: Der neue Stalin-Kult in Russland \u2013 Demokratie und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Am 15. Mai 2025 er\u00f6ffnete die Moskauer Metro in der Station Taganskaja ein sowjetisches Relikt neu: das Wandrelief \u201eDank des Volkes an den F\u00fchrer und Feldherrn\u201c, das Josef Stalin als zentralen Helden der Nation zeigt. 1965 wurde das Wandrelief im Zuge der Entstalinisierung entfernt. Nun ist es zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anders als bei Restaurierungen in Moskau \u00fcblich, wurde dieses Projekt weder angek\u00fcndigt noch \u00f6ffentlich diskutiert, sondern als blo\u00dfe \u201eRenovierung\u201c getarnt. Erst f\u00fcnf Tage vor der Enth\u00fcllung sickerten Informationen durch, dass es sich in Wahrheit um die Reproduktion eines Stalin-Reliefs handelt. Kritiker werfen den Moskauer Beh\u00f6rden vor, bewusst verschleiert zu haben, worum es bei der Restaurierung ging \u2013 wohl um Proteste zu vermeiden.<\/p>\n<p>Der Zeitpunkt der Enth\u00fcllung selbst \u2013 p\u00fcnktlich zum 90. Geburtstag der Moskauer Metro \u2013 war offensichtlich nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt. Als w\u00fcrdige Erinnerung an sowjetische Ingenieurskunst inszeniert, wirkt die Stalin-Figur im Herzen Moskaus wie ein Schritt zur\u00fcck in die dunkelsten Kapitel der sowjetischen Geschichte \u2013 eine \u00c4ra der Repressionen, Schauprozesse und des Gro\u00dfen Terrors.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte den Vorfall als Einzelfall abtun, wenn er nicht in einen gr\u00f6\u00dferen Trend eingebettet w\u00e4re. Laut dem Recherchekanal \u041c\u043e\u0436\u0435\u043c \u043e\u0431\u044a\u044f\u0441\u043d\u0438\u0442\u044c\u00a0(\u201eWir k\u00f6nnen es erkl\u00e4ren\u201c) wurden allein im Mai 2025 sieben neue Stalin-Statuen in Russland eingeweiht \u2013 ein Rekord seit den Tagen des Personenkults unter Stalin selbst. Neben St\u00e4dten wie Serpuchow, Ulan-Ude oder Moschaisk tauchte Stalins Konterfei sogar im besetzten Melitopol in der Ukraine auf.<\/p>\n<p>In der Stadt Bor in der Region Nischni Nowgorod entsteht ein ganzes \u201eStalin-Zentrum\u201c \u2013 ein Museumskomplex mit neuem Denkmal, das eine bereits 2020 errichtete Statue ersetzen soll. Insgesamt z\u00e4hlt Russland nun rund 123 Stalin-Denkm\u00e4ler \u2013 \u00fcber 90 Prozent davon wurden unter der Pr\u00e4sidentschaft Wladimir Putins errichtet. Anders als eine regelrechte Rehabilitierung Stalins kann man das kaum nennen. Subtil orchestriert und staatlich toleriert, wenn nicht gar aktiv gef\u00f6rdert, kehrt sein Name Schritt f\u00fcr Schritt in den \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcck.<\/p>\n<blockquote>\n<p>F\u00fcr die einen ist er ein Held, f\u00fcr die anderen ein Symbol f\u00fcr Angst, Repressionen und zerst\u00f6rte Leben.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Wiederanbringung des Reliefs l\u00f6ste scharfe Kritik aus. Der Abgeordnete Alexander Dawanow von der Partei Nowyje Ljudi forderte umgehend \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen. In einem Statement warnte er: \u201eStalin bleibt eine umstrittene Figur. F\u00fcr die einen ist er ein Held, f\u00fcr die anderen ein Symbol f\u00fcr Angst, Repressionen und zerst\u00f6rte Leben. Sollen wir wirklich einen neuen gesellschaftlichen Konflikt provozieren?\u201c Sein Vorschlag: ein \u00f6ffentliches Referendum nach dem Vorbild der Diskussion um das Denkmal f\u00fcr Felix Dserschinski an der Lubjanka. Doch sein Appell blieb folgenlos.<\/p>\n<p>Auch k\u00fcnstlerisch ist das Ergebnis fragw\u00fcrdig. Die ehemalige Direktorin des Puschkin-Museums, Jelisaweta Lichatschowa, bezeichnete das Relief als ein Fake: \u201eDas ist kein Kunstwerk, sondern billiger PR-Populismus\u201c, so Lichatschowa. Eine sorgf\u00e4ltige Rekonstruktion war offensichtlich zweitrangig \u2013 entscheidend war das politische Signal. Die Wiederherstellung wirkt wie ein symbolischer Akt in der geschichtsrevisionistischen Staatspolitik, die das Bild Stalins umdeutet: weg vom Diktator, hin zum \u201estarken F\u00fchrer\u201c und milit\u00e4rischen Helden.<\/p>\n<p>Stalin steht im heutigen Russland vermehrt nicht mehr f\u00fcr Gulag, Schauprozesse und Angst, sondern f\u00fcr Ordnung, St\u00e4rke und Sieg \u2013 insbesondere f\u00fcr den milit\u00e4rischen Triumph im Zweiten Weltkrieg, der zunehmend als Sieg \u00fcber den Westen interpretiert wird. Die Renaissance eines Mannes, dessen Terrorregime Millionen das Leben kostete, scheint in das gegenw\u00e4rtige politische Klima gut zu passen. Der Stalin-Kult, offiziell nach 1953 ge\u00e4chtet und nach 1991 historisch eingeordnet, ist zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dabei hatte Pr\u00e4sident Putin 2017 noch das \u201eMauer-Denkmal\u201c in Moskau zur Erinnerung an die Opfer der stalinistischen S\u00e4uberungen er\u00f6ffnet \u2013 ein Zeichen, dass auch das offizielle Russland seine dunkle Vergangenheit nicht verdr\u00e4ngen wollte. Doch genau dieser Anspruch ger\u00e4t ins Wanken. Im selben Jahr sagte Putin, die \u201eD\u00e4monisierung\u201c Stalins sei \u201e\u00fcberm\u00e4\u00dfig\u201c und ein \u201eAngriff auf Russland\u201c. Historische Verdienste, vor allem im Krieg, d\u00fcrften nicht vergessen werden, so der Pr\u00e4sident in einem Interview mit Oliver Stone.<\/p>\n<p>Parallel dazu wandelt sich auch die \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Einer Umfrage des unabh\u00e4ngigen Lewada-Zentrums zufolge \u00e4u\u00dferten 2017 rund 46 Prozent der Russen \u201eBewunderung\u201c, \u201eRespekt\u201c oder \u201eSympathie\u201c f\u00fcr Stalin. Schon 2019 hielten 70 Prozent Stalins Rolle in der Geschichte f\u00fcr positiv \u2013 ein Rekord. Laut aktuellen Erhebungen geh\u00f6rt er zu den drei beliebtesten Politikern der Vergangenheit, gleich nach Peter dem Gro\u00dfen und Katharina der Gro\u00dfen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die schleichende R\u00fcckkehr des Stalin-Kults folgt einer klaren Logik.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die schleichende R\u00fcckkehr des Stalin-Kults folgt dabei einer klaren Logik: Sie soll vermitteln, dass es in der russischen Geschichte keine Fehler gab, nur Gr\u00f6\u00dfe und Siege. In dieses Bild passt auch die Schlie\u00dfung des Gulag-Museums in Moskau im November 2024 \u2013 offiziell wegen Brandschutzm\u00e4ngeln. Der Zeitpunkt \u2013 kurz nach dem Gedenktag f\u00fcr Opfer politischer Repressionen am 30. Oktober \u2013 l\u00e4sst vermuten, dass politische Motive im Spiel waren.<\/p>\n<p>Das Museum war eine der wenigen staatlich unterst\u00fctzten Institutionen, die offen \u00fcber das sowjetische Lagersystem aufkl\u00e4rten. Es wurde oft mit dem J\u00fcdischen Museum Berlin verglichen. Nicht nur wegen seiner innovativen Ausstellung, sondern auch wegen seiner emotionalen Vermittlung von Geschichte durch Bilder, R\u00e4ume und Erz\u00e4hlungen. Nun ist diese Plattform verstummt \u2013 ein alarmierender Kontrast zur wachsenden Zahl der Stalin-Denkm\u00e4ler.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Direktor des Gulag-Museums, Roman Romanow, sagte 2019 in einem Interview, der neue Stalin-Kult sei kein Massenph\u00e4nomen, sondern gehe vor allem von einer kleinen, aber lauten Gruppe aus. \u201eSie glauben an den Mythos einer glorreichen sowjetischen Vergangenheit \u2013 und das Bild Stalins ist untrennbar mit diesem Mythos verkn\u00fcpft\u201c, erkl\u00e4rte der Historiker. \u201eDiese Menschen k\u00f6nnen sagen, dass Repressionen inakzeptabel sind \u2013 und doch behaupten: Wenn wir Stalin h\u00e4tten, g\u00e4be es Ordnung.\u201c Inzwischen ist Romanow entlassen. Und Stalin dient nicht mehr als Mahnmal, sondern als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr autorit\u00e4re Sehns\u00fcchte. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nicht mehr erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Bereits am Tag nach der Enth\u00fcllung des Wandreliefs platzierten anonyme Aktivisten neben der Stalin-Figur Plakate mit Zitaten von Putin und Medwedew, in denen beide den Personenkult fr\u00fcher scharf kritisierten. So sagte Dmitri Medwedew 2012 am Gedenktag f\u00fcr die Opfer politischer Repressionen: \u201eF\u00fcr das, was damals geschah, verdienen nicht nur Josef Stalin, sondern eine ganze Reihe weiterer F\u00fchrungspersonen die sch\u00e4rfste Verurteilung. Man kann sie nicht mehr zur Rechenschaft ziehen \u2013 aber genau so ist es.\u201c<\/p>\n<p>Die Aktion solle auf die Absurdit\u00e4t der Stalin-Wiedererrichtung aufmerksam machen, erkl\u00e4rten die Initiatoren dem Telegram-Kanal \u041e\u0441\u0442\u043e\u0440\u043e\u0436\u043d\u043e, \u043d\u043e\u0432\u043e\u0441\u0442\u0438\u00a0(\u201eVorsicht, Nachrichten\u201c). Inzwischen t\u00fcrmen sich zu Stalins F\u00fc\u00dfen in der Metrostation Taganskaja Berge roter Nelken. Sollen diese den Diktator ehren \u2013 oder seiner Opfer gedenken? Doch ein neues Video vom Wandrelief l\u00e4sst wenig Raum f\u00fcr Zweifel: Ein alter Mann tritt heran, legt seine Blumen ab, verneigt sich ehrf\u00fcrchtig \u2013 und bekreuzigt sich, immer wieder, als st\u00fcnde er vor einem Heiligenbild.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 15. 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