{"id":146241,"date":"2025-05-28T12:31:11","date_gmt":"2025-05-28T12:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/146241\/"},"modified":"2025-05-28T12:31:11","modified_gmt":"2025-05-28T12:31:11","slug":"vorbereitung-auf-den-ernstfall-entscheidet-sich-im-ostseeraum-die-zukunft-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/146241\/","title":{"rendered":"Vorbereitung auf den Ernstfall: Entscheidet sich im &#8222;Ostseeraum&#8220; die Zukunft Europas?"},"content":{"rendered":"<p>Oliver Moody, Berliner Korrespondent der Londoner &#8222;Times&#8220;, hat sich f\u00fcr sein neues Buch &#8222;Konfliktzone Ostsee &#8211; Die Zukunft Europas&#8220; mehr als zwei Jahre mit der Politik und den Perspektiven der neun Ostseestaaten besch\u00e4ftigt. Neben Deutschland z\u00e4hlen dazu Polen, D\u00e4nemark, Schweden, Finnland, Estland, Litauen und Lettland sowie Russland &#8211; das mit seiner Schattenflotte zur Umgehung von Sanktionen oder mit Sabotageakten f\u00fcr Schlagzeilen sorgt. Sie verst\u00e4rken das Bild von der russischen Bedrohung, die Moody als Resultat territorialer Begehrlichkeiten und geopolitischer Anspr\u00fcche beschreibt, die unter Wladimir Putin laut wurden. W\u00e4hrend sich Finnland und die drei baltischen Staaten existenziell bedroht f\u00fchlen &#8211; was die Abschreckung Russlands f\u00fcr diese L\u00e4nder identit\u00e4tspr\u00e4gend macht &#8211; entwickeln sich Krisenszenarien in der deutschen \u00d6ffentlichkeit zu einem zentralen Thema, so Moody im Interview mit ntv.de. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Wenn die Deutschen &#8222;Ostsee&#8220; h\u00f6ren, denken sie an Ferien &#8211; aber nicht unbedingt an den geopolitischen Raum, den Sie beschreiben. Woran liegt das?<\/b><\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/moody.jpg\">     <img decoding=\"async\" alt=\"Oliver Moody sieht der Zukunft auch nach seinen Recherchen positiv entgegen.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/moody.jpg\" class=\"lazyload\"\/>  <\/a>  <\/p>\n<p class=\"article__aside__caption\">Oliver Moody sieht der Zukunft auch nach seinen Recherchen positiv entgegen.<\/p>\n<p class=\"article__aside__copy\">(Foto: Martin von den Driesch)<\/p>\n<p>Oliver Moody: Dass sich &#8222;Ostseeraum&#8220; zun\u00e4chst etwas holprig anh\u00f6rt, k\u00f6nnte daran liegen, dass es den politischen Begriff erst seit 35 Jahren gibt. Die Region war bis dahin seit dem 12. Jahrhundert mehr oder weniger kontinuierlich zwischen den regionalen Gro\u00dfm\u00e4chten aufgeteilt und zerrissen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wollten einige Politiker, etwa der schleswig-holsteinische Ministerpr\u00e4sident Bj\u00f6rn Engholm, den Ostseeraum als Inbegriff f\u00fcr die Integration von Ost- und Westeuropa entwickeln. Die Idee war gut, aber viel zu akademisch, um das Bild von Strandk\u00f6rben und D\u00fcnen zu verdr\u00e4ngen. <\/p>\n<p><b>Bildet die Angst vor Russland den neuen, verbindenden Faktor?<\/b><\/p>\n<p>Man kann sagen, dass die Ziele von Engholm &amp; Co. durch 18 Jahre Aggression von Wladimir Putins Regime erreicht worden sind. Inzwischen arbeiten acht Staaten nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch milit\u00e4risch und politisch enger denn je.<\/p>\n<p><b>Sie heben in Ihrem Buch Estland, Finnland, Lettland und D\u00e4nemark als besonders resilient hervor. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Kein Land ist total resilient.<b> <\/b>Am n\u00e4chsten kommt dem Finnlands &#8222;comprehensive security&#8220;: Politik und Privatwirtschaft entwerfen fl\u00e4chendeckende, sehr detaillierte Pl\u00e4ne f\u00fcr den Ernstfall. M\u00f6glich ist das durch eine sehr scharfe Wahrnehmung der Bedrohungen und eine andere Art von Gesellschaftsvertrag, auf eine Art, die Gro\u00dfbritannien oder Deutschland nicht kennen. Grundlage ist Sicherheit als \u00fcbergeordnete und unverzichtbare Aufgabe aller.<\/p>\n<p><b>Welche Rolle spielt Deutschland gegenw\u00e4rtig im Ostseeraum &#8211; welche Verantwortung und Potenziale erkennen Sie?<\/b><\/p>\n<p>Deutschland ist der Dreh- und Angelpunkt. Dabei sind sich die Deutschen ihrer \u00f6konomischen Rolle f\u00fcr die Nachbarstaaten bewusst. Nun sickert langsam durch, dass man auch die wichtigste Nation f\u00fcr die Verteidigung des Ostseeraums ist &#8211; aufgrund der Truppenst\u00e4rke, als Drehscheibe der Nato und weil man \u00fcber milit\u00e4rische F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt, die den anderen Staaten fehlen. Deren Wunsch nach einer politischen F\u00fchrung aus Berlin bleibt allerdings unerf\u00fcllt. Damit ist eine aktive und sogar risikobereite F\u00fchrung gemeint, die die Ideen, Vorstellungen und \u00c4ngste der Nachbarl\u00e4nder einbezieht.<\/p>\n<p><b>Was w\u00fcrde das konkret bei einem russischen Angriff bedeuten?<\/b><\/p>\n<p>Ein realistisches Szenario w\u00e4re ein Angriff auf die baltischen Staaten. Berlin m\u00fcsste dann entschlossen reagieren &#8211; also so, wie es die Nato vorsieht, und milit\u00e4risch k\u00e4mpfen. Auch, damit die Nato am Leben bleibt. Deutschlands milit\u00e4rische St\u00fctzpunkte, Verkehrsadern oder Kraftwerke w\u00fcrden dadurch zu potenziellen Zielen von Angriffen. Alleine das w\u00e4re ein enormes Risiko, da Deutschland \u00fcber keine ausreichende Luftabwehr verf\u00fcgt.<\/p>\n<p><b>Adolf Hitler bezeichnete die Ostsee als &#8222;deutsches Meer&#8220; und wollte sie rundherum beherrschen. Begr\u00fcndet diese historische Last das heutige Desinteresse?<\/b><\/p>\n<p>Die Ostsee hat generell einen untergeordneten Platz in der deutschen Erinnerungskultur. Wenngleich es aus historischen Gr\u00fcnden Vorbehalte gibt, werden diese mit Sicherheit nicht von den Nachbarstaaten geteilt. F\u00fcr Deutschland liegt die Herausforderung darin, in die Zukunft zu blicken und sich seiner Rolle als gr\u00f6\u00dfte Seemacht der Region bewusst zu werden. Es muss die F\u00fchrung \u00fcbernehmen &#8211; ohne andere zu dominieren. Gefordert ist gewisserma\u00dfen im Kleinen das, was die USA bisher in der Nato im Gro\u00dfen waren: Eine verantwortungsbewusste Schutzmacht f\u00fcr den Ernstfall.<\/p>\n<p><b>Verhindert &#8222;Putin-Versteherei&#8220; Deutschlands vollumf\u00e4ngliche Kooperation im Ostseeraum?<\/b><\/p>\n<p>Ich kann diese Frage am besten mit einem Vergleich beantworten: Auch Finnland legte nach dem Kalten Krieg gro\u00dfen Wert auf ein spezielles Verh\u00e4ltnis zu Russland. Diesem Exzeptionalismus mit seiner Besserwisserei, fragw\u00fcrdigen Lobbygesch\u00e4ften und Energie- und Rohstoffabh\u00e4ngigkeiten stand Deutschland in nichts nach. Trotzdem sind die Finnen 2022 der Nato beigetreten &#8211; eine echte Zeitenwende! Ein gewisser Grad an Putin-Versteherei l\u00e4sst sich also aushalten, solange sie der Sicherheitspolitik nicht im Weg ist. Was Deutschland derweil am meisten gehemmt hat, ist die Angst der Bev\u00f6lkerung vor einer kriegerischen Eskalation. Die massive Investition in die Verteidigung bewerten die Nachbarl\u00e4nder inzwischen positiv.<\/p>\n<p><b>Die deutsche Kampfbrigade in Litauen hat sich bisher nur teuer und tr\u00e4ge entwickelt&#8230;<\/b><\/p>\n<p>Nun hat die Bundeswehr eine gr\u00f6\u00dfere Einheit dauerhaft im Ausland stationiert. Klar k\u00f6nnte und sollte das schneller gehen. Doch das Tempo ist kein deutsches Einzelproblem. <\/p>\n<p><b>Was k\u00f6nnen die Ostseestaaten beispielsweise vom Vereinigten K\u00f6nigreich lernen?<\/b><\/p>\n<p>Im April hat die britische Regierung eine neue &#8222;UK Resilience Academy&#8220; gegr\u00fcndet, um sich nach finnischer Art auf den Ernstfall vorzubereiten. Der Oberbefehlshaber der britischen Streitkr\u00e4fte hat gegen\u00fcber Vertretern aus Estland, Litauen, Schweden und Finnland jedoch zugestanden, dass die britische Zivilverteidigung unterentwickelt sei. Die drei baltischen L\u00e4nder hingegen lehren uns den Umgang mit der Zeit: Eine existenzielle Dringlichkeit, gepaart mit einer Offenheit f\u00fcr die Zukunft. Als ich das in der &#8222;Times&#8220; schrieb, wollte das britische Verteidigungsministerium, dass der Text von der Website verschwindet.<\/p>\n<p><b>Wenn man Ihr Buch liest, sp\u00fcrt man Ihre Faszination haupts\u00e4chlich f\u00fcr die drei baltischen Staaten. Welcher beeindruckt Sie am meisten?<\/b><\/p>\n<p>Am meisten beeindruckt haben mich Litauen und Estland. Ihr Tatendrang und ihr geopolitisches Selbstbewusstsein sind beachtlich.<\/p>\n<p><b>Glauben Sie, dass Finnland eine \u00e4hnliche milit\u00e4rische Bedeutung entwickeln k\u00f6nnte wie die Ukraine &#8211; und damit den wichtigsten Abwehrposten gegen Russland darstellt?<\/b><\/p>\n<p>Finnland hat seit seinen Kriegen gegen die Sowjetunion eine eigene Strategie der Gesamtverteidigung entwickelt. Das Motto: Auch der st\u00e4rkste B\u00e4r wird nicht versuchen, ein Stachelschwein zu fressen. Ein Angriff lohnt sich nicht. Der Nato-Beitritt hat diese Abschreckung verst\u00e4rkt. Damit spielt das Land auf einmal innerhalb der Nato eine essenzielle, strategische Rolle.<\/p>\n<p><b>H\u00e4tten die kleinen L\u00e4nder denn \u00fcberhaupt eine Chance gegen Russland?<\/b><\/p>\n<p>Als ich den Gro\u00dfteil des Buches letztes Jahr geschrieben habe, war der Konsens unter Strategen und Milit\u00e4rexperten: Mit US-amerikanischer Unterst\u00fctzung h\u00e4tten wir Chancen, jeden Zentimeter des Nato-Territoriums zu verteidigen, auch wenn es zu einem furchtbar verlustreichen Kampf kommen w\u00fcrde. Mit &#8222;Trump 2.0&#8220; ist das Kalk\u00fcl ein anderes: Er kann die Abschreckung an der Ostflanke untergraben, wenn er nur Zweifel daran streut, dass sich die USA im Ernstfall an Artikel 5 halten w\u00fcrden. Der gegenw\u00e4rtige Albtraum ist, dass im Gegenzug f\u00fcr ein Friedensabkommen in der Ukraine alle US-amerikanischen Streitkr\u00e4fte aus Polen und den baltischen Staaten zur\u00fcckgezogen werden.<\/p>\n<p><b>Haben Sie seit der Besch\u00e4ftigung mit dem Buch mehr Angst vor einer sicheren Zukunft?<\/b><\/p>\n<p>Eher weniger. Ich gewinne immer Zuversicht, wenn ich ohne Besch\u00f6nigung den Ernst der Lage erkenne und gleichzeitig Wege zu einer L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Mit Oliver Moody sprach Peter Littger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Oliver Moody, Berliner Korrespondent der Londoner &#8222;Times&#8220;, hat sich f\u00fcr sein neues Buch &#8222;Konfliktzone Ostsee &#8211; Die Zukunft&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":146242,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3933],"tags":[331,332,14979,1160,3189,548,663,158,3934,3935,646,13,929,812,14,15,2852,307,12,1319,317,306],"class_list":{"0":"post-146241","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-eu","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-baltikum","11":"tag-daenemark","12":"tag-estland","13":"tag-eu","14":"tag-europa","15":"tag-europaeische-union","16":"tag-europe","17":"tag-european-union","18":"tag-finnland","19":"tag-headlines","20":"tag-kriege-und-konflikte","21":"tag-litauen","22":"tag-nachrichten","23":"tag-news","24":"tag-ostsee","25":"tag-russland","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-schweden","28":"tag-ukraine","29":"tag-wladimir-putin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114585474458223130","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=146241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146241\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/146242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=146241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=146241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=146241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}