{"id":147809,"date":"2025-05-29T02:41:09","date_gmt":"2025-05-29T02:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/147809\/"},"modified":"2025-05-29T02:41:09","modified_gmt":"2025-05-29T02:41:09","slug":"buch-radio-sarajewo-krieg-endet-nicht-wenn-die-waffen-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/147809\/","title":{"rendered":"Buch Radio Sarajewo&#8220;: Krieg endet nicht, wenn die Waffen schweigen"},"content":{"rendered":"<p>29.05.25 &#8211; <strong>Man kann &#8222;Radio Sarajevo&#8220; lesen als Versuch, Mensch zu bleiben in einer Welt, die alles daf\u00fcr tut, einem genau das auszutreiben. Man kann das Buch lesen als Traumabew\u00e4ltigung. Das Buch tut weh. Das muss es auch, denn einer Erkenntnis kann man sich nicht entziehen: Wer Krieg erlebt, wird ihn nie wieder los.<\/strong><br \/>&#13;\n<\/p>\n<p><strong>Keinen Krieg erleben ist nicht selbstverst\u00e4ndlich<\/strong><br \/>\nTjian Silas Auftritt im F\u00fcrstensaal war ein wenig anders als gewohnt \u2013 in Jeans, Sneakern und T-Shirt sa\u00df er am Lesetisch, und ich fragte mich unwillk\u00fcrlich, wie gro\u00df er wohl den Kontrast dieses barocken Prachtsaals zu dem St\u00fcck seines Lebens empfand, \u00fcber das er gleich lesen w\u00fcrde. Auch Oberb\u00fcrgermeister Dr. Heiko Wingenfeld ging auf die unterschiedlichen Erfahrungen ein, als er sagte, er selbst \u2013 wiewohl \u00e4lter als Sila \u2013 geh\u00f6re zu einer Generation, die Krieg nie habe erleben m\u00fcssen. Dass das nicht selbstverst\u00e4ndlich sei, h\u00e4tten die meisten Europ\u00e4er sp\u00e4testens am 22. Februar 2022 begriffen. Umso aktueller sei Silas Buch.<\/p>\n<p>Der OB freute sich \u00fcber den Besuch einer Schulklasse der Ferdinand-Braun-Schule mit ihrer Lehrerin und dankte den Sponsoren, die erm\u00f6glichen, &#8222;Literatur im Stadtschloss&#8220; kostenlos anzubieten. Leider war die Akustik im F\u00fcrstensaal auch an diesem Abend ein Problem. F\u00fcr mich ist nach so vielen Lesungen mit mittelm\u00e4\u00dfiger oder schlechter Tonqualit\u00e4t nicht mehr nachvollziehbar, warum man nicht grunds\u00e4tzlich nur noch mit Headsets arbeitet. Das ist doch keine Frage des Wollens oder Nicht-Wollens seitens der Autoren, sondern eine der H\u00f6flichkeit gegen\u00fcber dem Publikum, das kommt, um Autoren zu &#8218;h\u00f6ren&#8216;!<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p><strong>Man kann nicht alles reparieren<\/strong><br \/>\nSila las zun\u00e4chst seinen Text &#8222;Der Tag, als meine Mutter verr\u00fcckt wurde&#8220;, f\u00fcr den er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2024 ausgezeichnet worden ist. Der Text schlie\u00dft thematisch und chronologisch an &#8222;Radio Sarajevo&#8220; an. &#8222;Ich schreibe gegen das Vergessen an&#8220;, so Sila, denn &#8222;Krieg h\u00f6rt nicht auf, wenn die Waffen schweigen.&#8220;<\/p>\n<p>Der kurze Text ist ber\u00fchrend, entwaffnend und in seiner Lakonie ersch\u00fctternd. Sila beschreibt den Verfall seiner Eltern mit geradezu chirurgischer Pr\u00e4zision. Und doch sp\u00fcrt man in jedem Satz seine Zuneigung und Verzweiflung. So werden die endlos vielen Radios, Plattenspieler und sonstigen elektrischen Ger\u00e4te, die der Vater sammelt, reparieren und wieder verkaufen will, zur Metapher der Kriegsversehrten: Nicht nur Radios kann man manchmal nicht reparieren, Menschen noch viel weniger.<\/p>\n<p>Der Krieg aus der Perspektive eines Kindes<\/p>\n<p>Dann las Sila drei Szenen aus &#8222;Radio Sarajevo&#8220;, der &#8222;Geschichte meiner Kindheit und meines Kriegs&#8220;. Als der Krieg 1992 ausbricht, ist Sila 11 Jahre alt. Seine Heimatstadt Sarajevo steht von einem Tag auf den anderen in Flammen. Tijan Sila wagt mit diesem Roman ein literarisches Kunstst\u00fcck, das in seiner Wucht, seiner Intimit\u00e4t und seinem Humor gleicherma\u00dfen \u00fcberzeugt: Er erz\u00e4hlt vom Bosnienkrieg \u2013 aber aus der Perspektive eines elfj\u00e4hrigen Jungen. Schon deswegen ist das nie pathetisch, sondern mit einer radikal kindlichen Offenheit, die mehr ersch\u00fcttert, als es der Bericht eines Erwachsenen je k\u00f6nnte. Der Alltag des erz\u00e4hlenden Jungen ist gepr\u00e4gt von Hunger, Angst und der st\u00e4ndigen Gegenwart des Todes. Und doch will dieser Junge verstehen, leben, lachen. Er sucht nach Halt in einer Welt, in der es genau das nicht mehr gibt, denn auch die Erwachsenen um ihn herum verlieren den Halt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich sind die Szenen, in denen der Junge versucht, das Unbegreifliche zu begreifen. Etwa, wenn er von Leichen auf der Stra\u00dfe erz\u00e4hlt \u2013 nicht schockiert, sondern beinahe sachlich, als sei das eben normal geworden. Oder wenn er beschreibt, wie man aus verbrannten B\u00fcchern in der Bibliothek Feuer macht, um nicht zu erfrieren. In einer Szene bringt ihn ein Scharfsch\u00fctze fast um \u2013 nicht etwa beim Kampf, sondern w\u00e4hrend er auf der Suche nach S\u00fc\u00dfigkeiten ist. Die Normalit\u00e4t des Absurden zieht sich durch das ganze Buch. Sila macht aus dem Kind aber keinen allwissenden Erz\u00e4hler. Der Junge versteht vieles von dem, was um ihn herum passiert, nicht. Weil wir Leserinnen und Leser mehr wissen, erzeugt das eine st\u00e4ndige Reibung zwischen kindlicher Weltsicht und erwachsener Trag\u00f6die.<br \/>&#13;\n<\/p>\n<p><strong>Musik und Gewalt<\/strong><br \/>\nDas Radio ist im Roman die Verbindung zur Welt, zur Hoffnung und zur Erinnerung an ein Leben vor dem Krieg. Musik wird zum emotionalen Rettungsanker. Das Radio spielt zwar viel jugoslawische Volksmusik, aber eben auch westlichen Pop und Rock \u2013 etwa Iron Maiden, Metallica, Michael Jackson, Guns N\u2019 Roses oder David Bowie. Dessen &#8222;Suffragette City&#8220; erklingt, als der Krieg beginnt. Die Musik wird so zur Parallelsprache f\u00fcr alles, was das Kind nicht in Worte fassen kann.<\/p>\n<p>Schon bevor der Krieg ausbricht, macht der Junge viele Gewalterfahrungen. Sein Vater schl\u00e4gt ihn viel und oft. Der Krieg ist deshalb nur eine Eskalation dessen, was der Junge schon kennt: dass Macht mit Gewalt durchgesetzt wird. Die Familie ist hier kein sicherer Ort \u2013 sondern einer, an dem Schmerz und Ohnmacht beginnen. Die Gewalt im Elternhaus zieht sich wie ein d\u00fcsterer Schatten durch das ganze Buch. Sie bricht nicht nur K\u00f6rper, sondern auch Seelen. Mit dem Ausbruch des Krieges verlagert sich die Gewalt ins \u00d6ffentliche, aber sie \u00e4ndert ihr Gesicht kaum. M\u00e4nner mit Waffen bestimmen, wer leben darf. Wer auf die Stra\u00dfe geht, riskiert erschossen zu werden. H\u00e4user st\u00fcrzen ein, Menschen verhungern, Kinder sterben beim Spielen. Sila beschreibt diese Gewalt oft beil\u00e4ufig und lakonisch, gerade das macht sie so erschreckend. Wenn der Junge berichtet, wie er in einer Pf\u00fctze Blut steht oder seine Freundin nicht mehr zur Schule kommt, weil sie erschossen wurde, klingt das nicht nach Entsetzen. Es klingt nach Gew\u00f6hnung. Und das ist das eigentlich Verst\u00f6rende: wie schnell Menschen sich an das Grauen anpassen. Gewalt zerst\u00f6rt nicht nur K\u00f6rper, sondern auch Beziehungen, Tr\u00e4ume und die Sprache. Die Figuren stumpfen ab, viele verfallen in Zynismus, andere fl\u00fcchten sich in Drogen oder religi\u00f6sen Fanatismus. Manche, wie der jugendliche Erz\u00e4hler, klammern sich an Musik \u2013 an alles, was noch an ein anderes Leben erinnert.<\/p>\n<p>Lange, bevor man das Buch aus der Hand legt, wei\u00df man: Krieg ist eine lose-lose-Situation. Es gibt hier nichts zu gewinnen, am Ende sind alle Verlierer. Wenn man mit seiner Todesangst fertigwerden will, braucht man \u2013 so wie Tijan Sila in seinem Text \u00fcber den Wahnsinn seiner Mutter \u2013 ein Mantra: &#8222;Bleib ruhig, bleib cool, bleib stabil, bleib stark&#8220;.<\/p>\n<p> Schon mal vormerken: Am 05. Juni um 19:00 Uhr \u2013 erh\u00e4lt Riccarda Messner den Fuldaer Literaturpreis f\u00fcr ihr Buch &#8222;Wo der Name wohnt&#8220;. (Jutta Hamberger) +++<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"29.05.25 &#8211; Man kann &#8222;Radio Sarajevo&#8220; lesen als Versuch, Mensch zu bleiben in einer Welt, die alles daf\u00fcr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":147810,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[6193,6195,1784,1785,29,214,6197,6192,30,2052,1381,14,6196,15,6194,215],"class_list":{"0":"post-147809","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-alsfeld","9":"tag-bad-hersfeld","10":"tag-books","11":"tag-buecher","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-flieden","15":"tag-fulda","16":"tag-germany","17":"tag-hessen","18":"tag-lauterbach","19":"tag-nachrichten","20":"tag-neuhof","21":"tag-news","22":"tag-osthessen","23":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114588816884103487","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/147809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=147809"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/147809\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/147810"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=147809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=147809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=147809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}