{"id":149880,"date":"2025-05-29T21:42:10","date_gmt":"2025-05-29T21:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/149880\/"},"modified":"2025-05-29T21:42:10","modified_gmt":"2025-05-29T21:42:10","slug":"erinnerungskultur-der-stolperstein-effekt-tagesschau-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/149880\/","title":{"rendered":"Erinnerungskultur &#8211; Der Stolperstein-Effekt | tagesschau.de"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 29.05.2025 20:53 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong><strong>Sie sollen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Doch wie zuletzt in Kaiserslautern werden Stolpersteine besch\u00e4digt oder gestohlen. Die Gesellschaft reagiert darauf schockiert, aber auch kreativ.<\/strong><\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                        <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/korrespondent-443.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                                            <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Juri Sonnenholzner\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sonnenholzner-103.jpg\"\/><br \/>\n                                        <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nRund 120.000 Stolpersteine erinnern mittlerweile in ganz Europa an Menschen, die Nationalsozialisten einst verfolgten und ermordeten. Meist wird der faustgro\u00dfe Betonblock vor dem ehemaligen Wohnhaus des Opfers in den Boden eingelassen, eine Messingplatte nennt seinen Namen, Lebensdaten und letzten Verbleib. Damit soll &#8222;den gepeinigten Menschen ihr Name, ein Gesicht und ein Platz in der Mitte der Gesellschaft wiedergegeben&#8220; werden, lautet das Ansinnen des Initiators und K\u00fcnstlers Gunter Demnig und seiner 14 Mitarbeiter.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAls k\u00fcrzlich in Kaiserslautern vier solcher kleinen Mahnmale in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone mit roher Gewalt entwendet worden waren, sammelte die SWR-Journalistin Alexandra Dietz in einer Stra\u00dfenumfrage die Meinung von Passanten dazu ein: &#8222;Es zeigt, wie es in unserer Gesellschaft aussieht&#8220; oder &#8222;es ist widerlich&#8220; lauteten Antworten. Eine junge Frau brach nach wenigen Worten in Tr\u00e4nen aus: &#8222;Ich finde es so schlimm! Mir und meiner Generation nimmt es jegliche Perspektive, wenn ich wei\u00df: In der Gesellschaft, in allen Schichten, gibt es Leute, die andere so sehr verachten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAlle Passanten, die Dietz f\u00fcr die Umfrage angesprochen habe, habe sie als sehr schockiert und angefasst von dem Diebstahl wahrgenommen: &#8222;Sie haben diese Art der Erinnerung als extrem wichtig empfunden. Und dass es eigentlich noch viel mehr davon geben m\u00fcsste.&#8220;<\/p>\n<p>    Vorf\u00e4lle nur ungenau erfasst<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAnders sehen es offenbar T\u00e4ter in Magdeburg, L\u00fcnen, Menden, Zeitz, Gotha, Cottbus, Weimar oder Forst in der Lausitz. In diesen St\u00e4dten wurden allein in diesem Jahr bereits Stolpersteine entwendet oder besch\u00e4digt. Eine offizielle Statistik dar\u00fcber ist kaum zu erhalten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDenn Besch\u00e4digen oder Stehlen von Stolpersteinen ist in der Kriminalit\u00e4tsstatistik f\u00fcr politisch motivierte Straftaten nicht &#8222;als bundesweit g\u00fcltiger Katalogwert vereinbart&#8220;, wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamts erkl\u00e4rt. So z\u00e4hlen besch\u00e4digte oder entwendete Stolpersteine zwar als politische Straftat, falls eine Ermittlungsbeh\u00f6rde davon Kenntnis erlangt. H\u00f6chstens \u00fcber die Inhalte der Freitexte, die Ermittler zu den Straftaten formulieren, l\u00e4sst sich mittels &#8222;h\u00e4ndischer Durchsicht&#8220;, wie es die Polizei Hamburg nennt, eine Straftat zu einem Stolperstein zur\u00fcckverfolgen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSo z\u00e4hlte das Bundeskriminalamt 2024 neun Diebst\u00e4hle und 25 Sachbesch\u00e4digungen, Baden-W\u00fcrttemberg vier Stolpersteine, NRW sieben, Sachsen-Anhalt 18, Berlin &#8222;ein Fallaufkommen zum Nachteil von Stolpersteinen&#8220; in H\u00f6he von sechs im vergangenen Jahr. Niedersachsen erfasste im Jahr 2024 F\u00e4lle &#8222;im unteren zweistelligen Bereich&#8220;, aber &#8222;ungef\u00e4hr etwa doppelt so hoch wie noch im Vorjahr&#8220;.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nMehrere Beh\u00f6rdensprecher betonen die Ungenauigkeit der Erfassung. Ein Viertel der Landeskriminal\u00e4mter gibt an, Stolperstein-Delikte gar nicht auswerten zu k\u00f6nnen oder erachtet es als zu hohen Aufwand.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuch da, wo die Stolpersteine entstehen, l\u00e4sst sich die Zahl nicht genau beziffern: &#8222;Wir ersetzen nicht mehr als insgesamt acht bis maximal zehn Stolpersteine im Monat, die sich diesen F\u00e4llen zuordnen lassen&#8220;, erkl\u00e4rt Katja Demnig, Stellvertreterin von Gunter Demnig und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin seiner Stiftung. &#8222;Das ist vergleichsweise sehr wenig, wenn man bedenkt, dass inzwischen knapp \u00fcber 120.000 Stolpersteine europaweit verlegt wurden.&#8220;<\/p>\n<p>    RIAS: 102 antisemitische Vorf\u00e4lle in Bezug auf Stolpersteine<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierten 102 antisemitische Vorf\u00e4lle in Bezug auf Stolpersteine im vergangenen Jahr, wie tagesschau.de vor der Ver\u00f6ffentlichung kommende Woche erfuhr. 2023 waren es noch 70. Dazu z\u00e4hlten Besch\u00e4digungen, Beschmutzungen oder Entwendungen. Zugrunde liegen Meldungen durch Betroffene, Zeugen und andere Organisationen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Es l\u00e4sst sich nicht empirisch mit Zahlen belegen&#8220;, sagt auch Nikolas Lelle von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die antisemitische Vorf\u00e4lle in Deutschland mit Hilfe von Pressemeldungen oder Informationen von Initiativen und Projekten dokumentiert. &#8222;Mein Eindruck ist aber, dass solche Vorf\u00e4lle in den vergangenen anderthalb Jahren zugenommen haben.&#8220; Lelle nennt das erschreckend: &#8222;Allein schon deshalb, weil es in einem gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Klima steht, in dem antisemitische Straftaten, Schmierereien, Parolen immer mehr im Stadtbild sichtbar werden.&#8220;<\/p>\n<p>    &#8222;Es ist der Rechtsruck der Gesellschaft&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWarum machen die T\u00e4ter das? Auch das ist schwer zu beantworten: Bislang sind kaum T\u00e4ter identifiziert worden, somit bleiben auch ihre Beweggr\u00fcnde unbekannt. Wenn, dann geh\u00f6rten sie dem rechtsextremen Milieu an, wie junge Leute Anfang 20, die 2015 in Salzburg verurteilt wurden. &#8222;Es geht um Neonazis, die Erinnerungskultur schlimm finden; die einen Schlussstrich ziehen wollen unter dem, was die Vergangenheit ist; die etwas tun wollen gegen diese Erinnerung an die Opfer der Shoah und die Opfer des Nationalsozialismus&#8220;, vermutet Lelle. &#8222;Es ist der Rechtsruck der Gesellschaft, der auch hier Ausdruck findet.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nK\u00f6nnte Besch\u00e4digung und Diebstahl von Stolpersteinen auch \u00f6fter eine falsche Art eines Pro-Pal\u00e4stina-Protests gegen Israels Reaktion auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 ausdr\u00fccken? In Zeitz in Sachsen-Anhalt etwa verschwanden ausgerechnet am ersten Jahrestag des Angriffs zehn Stolpersteine. &#8222;Wir sehen dieses Problem in Gedenkst\u00e4tten. Es ist selten, aber wir erleben durchaus auch, dass die Erinnerungskultur von der linken Seite angegriffen wird&#8220;, sagt Lelle.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Pseudo-Logik dahinter: Die deutsche Erinnerungskultur legitimiere Israels Handeln. &#8222;Also wird sie mitangegriffen, weil diese Erinnerungskultur als etwas erscheint, das so zusagen \u201avon oben\u2018, etwa \u00fcber den Begriff &#8218;deutsche Staatsr\u00e4son&#8216;, oktroyiert sein soll&#8220;, versucht sich Lelle in die K\u00f6pfe mancher T\u00e4ter zu versetzen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Dennoch: Wenn auf Stolpersteinen Parolen standen, stammten sie fast alle aus dem rechtsextremen Milieu. Es gibt nur einen Fall, bei dem \u201aBDS\u2018 auf dem Stein stand&#8220;, sagt Lelle. BDS steht f\u00fcr &#8222;Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen&#8220; &#8211; eine internationale Kampagne, die ein akademischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott des j\u00fcdischen Staates Israel fordert.<\/p>\n<p>    Es ist eine Erinnerungskultur von unten<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWer mit seinem Handeln Erinnerungskultur zu verhindern versuchte, erreicht offenbar eher das Gegenteil, einen Streisand-Effekt &#8211; jenes Ph\u00e4nomen, bei dem ausgerechnet erst der Versuch, eine Information zu tilgen, die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit darauf lenkt. Nun ist es der &#8222;Stolperstein-Effekt&#8220;: Auf den Diebstahl von Zeitz folgten mehr Spenden als f\u00fcr den Ersatz ben\u00f6tigt. In Berlin und Leipzig fertigten Menschen Repliken aus dem 3D-Drucker; und Schulen nahmen die Vorf\u00e4lle in ihrer Stadt zum Anlass, sich im Unterricht des Themas anzunehmen. Lebendige Erinnerungskultur.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Das hat viel damit zu tun, was diese Stolpersteine sind: Es ist eine Erinnerungskultur von unten&#8220;, findet Sozialphilosoph Lelle. Zwar beruhe die Idee des Stolpersteins auf der Idee Demnigs, also auf der Initiative eines einzigen K\u00fcnstlers. &#8222;Aber er kommt nur, wenn ihn eine lokale Initiative vor Ort ruft, sich mit der Geschichte der Opfer ausgiebig befasst, recherchiert, Geld sammelt. Deshalb \u00fcberrascht mich auch nicht, dass diese Initiative von unten wieder eine starke Antwort gibt, wenn Stolpersteine rausgerissen werden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAuch in Kaiserslautern kam es zu dieser Antwort: Etwa 30 Teilnehmer einer &#8222;Critical Mass&#8220;-Aktion machten den Ort der verschwundenen als auch der \u00fcbrigen Stolpersteine der Stadt zu Etappenzielen, erfuhren in kleinen Vortr\u00e4gen deren geschichtliche Hintergr\u00fcnde. Repliken aus dem 3D-Drucker sind auch schon in Arbeit. Mehrere Spender sicherten bereits zu: Sie bezahlen die vier neuen Steine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 29.05.2025 20:53 Uhr Sie sollen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. 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