{"id":153207,"date":"2025-05-31T04:04:11","date_gmt":"2025-05-31T04:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/153207\/"},"modified":"2025-05-31T04:04:11","modified_gmt":"2025-05-31T04:04:11","slug":"eine-hommage-an-johann-sebastian-bach-in-lauter-film-bildern-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/153207\/","title":{"rendered":"Eine Hommage an Johann Sebastian Bach in lauter Film-Bildern \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Das Bachfest steht wieder vor der T\u00fcr und wird wieder tausende Bachverehrer nach Leipzig locken. Manche allein wegen der Musik, manche auch, weil sie ein wenig von der Aura des ber\u00fchmten Komponisten sp\u00fcren m\u00f6chten. Denn seit er im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert ein bisschen \u201eaus der Mode\u201c gekommen war, ist er heute l\u00e4ngst einer der meistgespielten und meistbewunderten Komponisten weltweit geworden. Und in einer ganzen Reihe von Filmen auch der Star. Denn etliche Regisseure wollen das Genie unbedingt auch im Bilde einfangen. Fast ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Auch wenn der Journalist, Moderator und Bachverehrer Knut Elstermann mittlerweile einen ganzen Berg von Filmen sichten kann, in denen Johann Sebastian Bach meist die Hauptrolle, manchmal auch die Nebenrolle spielt. Er gibt gern zu, dass er nicht vom Fach ist und bei der musikalischen Interpretation Bach\u2019scher Werke manchmal \u00fcberfordert ist.<\/p>\n<p>Aber da geht es ihm wohl wie den meisten Menschen, die sich von Bachs Musik bezaubern lassen. Man f\u00fchlt ihre Wucht und Sch\u00f6nheit, ohne sagen zu k\u00f6nnen, wie es der Leipziger Thomaskantor gemacht hat. Was nat\u00fcrlich wieder das Bed\u00fcrfnis verst\u00e4rkt, den Mann selbst irgendwie kennenzulernen. Was praktisch unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Denn es gibt so gut wie keine pers\u00f6nlichen Aufzeichnungen von Johann Sebastian Bach. H\u00e4tte er sich nicht eifrig mit Ratsherren und Magistraten gestritten, w\u00fcssten wir noch viel weniger \u00fcber ihn und sein Temperament.<\/p>\n<p>Es gibt keine Tageb\u00fccher und auch keinen mitrei\u00dfenden Briefwechsel mit Freunden, Geliebten, Kollegen. Eher scheint er in den Erinnerungen seiner S\u00f6hne und von musizierenden Zeitgenossen auf, die ihn in Leipzig noch erlebt haben.<\/p>\n<p>Welcher Bach eigentlich?<\/p>\n<p>Aber schon da wird es schwierig. Denn auch dar\u00fcber, wie er sich in der Stadtgesellschaft bewegte oder wie seine meist im Husarenritt f\u00fcr die n\u00e4chste Motette geschriebenen Musikst\u00fccke in den Leipziger Kirchen vom Publikum aufgenommen wurden, gibt es praktisch keine Aufzeichnungen. Keine Erinnerungen. Nichts.<\/p>\n<p>Sodass alle seine Biografen darauf angewiesen sind, seinen Charakter und sein Auftreten irgendwie aus den \u00fcberlieferten biografischen Daten und vor allem aus seiner Musik herauszulesen. Was schon ein furioses Bild ergibt, wie etwa John Eliot Gardiner in seinem Buch <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2016\/11\/das-buch-mit-dem-john-eliot-gardiner-leipzigs-beruehmtesten-komponisten-endlich-vom-falschen-sockel-holt-157077\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBach. Musik f\u00fcr die Himmelsburg\u201c<\/a> zeigen konnte. Oder Michael Maul in<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2023\/06\/bach-wie-wunderbar-sind-deine-werke-michael-maul-539954\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eJ.S.Bach. Wie wundersam sind deine Werke\u201c.<\/a><\/p>\n<p>Wenn man seine Musik h\u00f6rt, meint man, sich diesen Mann unbedingt auch vorstellen zu k\u00f6nnen. Aber Knut Elstermann hat es nicht beim Anschauen der Filme gelassen. Er hat auch die Fachleute besucht. In Leipzig zum Beispiel Michael Maul. Aber er war auch in Arnstadt und Eisenach, den fr\u00fchen Wirkungsst\u00e4tten von Johann Sebastian Bach, sprach mit Musikern und K\u00fcnstlern \u2013 etwa Bernd G\u00f6bel, dem Sch\u00f6pfer des burschikosen, aber gerade deshalb so bezaubernden Bachdenkmals in Arnstadt.<\/p>\n<p>Jenem Bach, den man oft vergisst, wenn man immer nur den gestandenen Leipziger Thomaskantor vor Augen hat und nicht den jungen Spr\u00f6ssling aus der ber\u00fchmtesten Th\u00fcringer Musikerfamilie, der sich auch gern mit der Obrigkeit anlegte, wenn er seinen k\u00fcnstlerischen Stolz verletzt sah.<\/p>\n<p>Irgendwie steckte gerade in diesem jungen Bach schon jener K\u00fcnstlerstolz, der mit dem Geniekult im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert seinen Ausdruck finden sollte. Aber daran war im fr\u00fchen 18. Jahrhundert noch nicht zu denken. Kein einziger der honorigen Leipziger Stadtv\u00e4ter w\u00e4re wohl auf die Idee gekommen, in diesem aufm\u00fcpfigen Thomaskantor ein Genie zu sehen.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Ihnen war das, was er in den Kirchen inszenierte, viel zu viel, zu opernhaft. Auch wenn das einige musikbegeisterte Leipziger damals durchaus anders sahen. Aber die Zeit war noch nicht reif.<\/p>\n<p>Welches ist der Richtige?<\/p>\n<p>Und so sind auch viele der Verfilmungen eine Suche nach dem \u201erichtigen\u201c Bach, so wie er m\u00f6glicherweise wirklich war. Aber das Problem beginnt ja \u2013 wie Elstermann feststellt \u2013 schon beim Konterfei. Hunderte von Bildern geistern durch die Welt, von denen behauptet wurde, sie zeigten Bach, auch wenn die meisten schlicht nichts mit dem ber\u00fchmten Musiker zu tun haben. Am n\u00e4chsten kommt ihm \u2013 das gibt auch Elstermann zu \u2013 das Leipziger Hau\u00dfmann-Portr\u00e4t, auch wenn daran wohl nur der Kopf den Thomaskantor zeigt.<\/p>\n<p>Der Rest scheint irgendwie von etwas dilettantischen Sch\u00fclern angest\u00fcckelt. Und solche H\u00e4nde \u2013 da ist sich Elstermann sicher \u2013 hatte der virtuos auf Orgel und Cembalo spielende Bach ganz gewiss nicht.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/172d68dc9e3043fdbfa80a431359e229.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/05\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/05\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Aber ihm geht es ja vor allem um die Filme \u2013 die gelungenen und die misslungenen. Und dass gerade die \u00e4lteren Verfilmungen, die Bach als steifen, barocken Per\u00fcckentr\u00e4ger zeigen, bei ihm nicht gut wegkommen, ist nur zu verst\u00e4ndlich. Dass dieser \u201edeutsche\u201c Bach, den die Regisseure irgendwie in das nationalistische Verst\u00e4ndnis von deutschen Kunstheroen pressten, mit dem lebendigen Bach nichts zu tun hat, sieht man, wenn man Ohren hat zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das ganze sp\u00e4te 20. Jahrhundert ist ja ein einziges Arbeiten daran, Bach aus dieser holzschnittartigen deutschen Glorifizierung wieder herauszuholen und ihn als den lebendigen, von den eigenen Anspr\u00fcchen getriebenen Musiker zu zeigen, der er war. So zeigen ihn die \u00fcberlieferten Partituren.<\/p>\n<p>Und wenn man sich dann noch das turbulente Leben mit der Familie in der Thomasschule vorstellt, wird endg\u00fcltig r\u00e4tselhaft, wie er unter so turbulenten Bedingungen ein solches Werk schaffen konnte. Aber schon mit der DDR-Verfilmung \u201eJohann Sebastian Bach\u201c mit Ulrich Thein in der Hauptrolle wurde sichtbar, was in diesem Musiker tats\u00e4chlich steckt. Es ist kein Zufall, dass Thein selbst h\u00f6chst musikalisch war.<\/p>\n<p>So wie so manch anderer sp\u00e4terer Bach-Darsteller. Denn eins wird \u2013 je weiter sich Elstermann durch die Bach-Verfilmungen arbeitet \u2013 immer deutlicher: Man kommt dem Mann nur \u00fcber seine Musik n\u00e4her. Sie zeigt nicht nur das Genie, sie zeigt auch seine in Noten gegossene Gef\u00fchlswelt. Er schrieb zwar keine mitrei\u00dfenden Liebesbriefe (jedenfalls sind keine \u00fcberliefert), aber wie man liebt, hofft, trauert und wieder aufsteht, das hat er in seine Musik geschrieben. Sein ganzes Leben im Grunde.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Unbekannte<\/p>\n<p>Das ist Musik, die nicht nur moderne Verfilmungen wie \u201eMein Name ist Bach\u201c tragen, sondern auch all jene Filme, in denen Bachs Musik \u2013 von einf\u00fchlsamen Regisseuren richtig eingesetzt \u2013 zum Filmmotiv wird. Und auch davon gibt es dutzende gro\u00dfe Filme, die Elstermann n\u00e4her beleuchtet.<\/p>\n<p>Und das alles in einem leichten, sehr feuilletonistischen Ton, der sp\u00fcrbar macht, wie alle seine Begegnungen mit Schauspielerinnen, Regisseuren, Bach-Darstellern, Kost\u00fcmbildnerinnen, Notenretterinnen und Kantoren eine journalistische Suche nach dem Phantom Bach sind.<\/p>\n<p>Das ein Phantom bleiben muss. Denn nat\u00fcrlich hat jeder einen anderen Bach vor Augen, h\u00f6rt andere St\u00fccke im inneren Ohr, wenn der Name f\u00e4llt, f\u00fchlt sich dem Komponisten in v\u00f6llig verschiedenen Situationen nah.<\/p>\n<p>Sodass es auch kein Wunder ist, dass es die Regisseure aufgegeben haben, nach Bach-Darstellern zu suchen, die dem Hau\u00dfmann-Bild oder der Bach-Rekonstruktion von Wilhelm His m\u00f6glichst nahekommen. Immerhin zeigt auch das Hau\u00dfmann-Gem\u00e4lde den sp\u00e4ten Bach, den Mann, der seine K\u00e4mpfe mit einer sturen Obrigkeit ausfocht, aber die meisten seiner Werke alle schon geschrieben hatte.<\/p>\n<p>Selbstbewusst, sich seines K\u00f6nnens sicher. Aber auch da ist nur ein Puzzle-Teil dieser musikalischen Biografie, wie Elstermann am Ende seiner Reise durch die bachschen Filmwelten feststellt: \u201eDie Bach-Darsteller in Film und Fernsehen sind Vermittler und Erfinder, sie spielen den gro\u00dfen Unbekannten nach einer fragmentarischen und frei erg\u00e4nzten Partitur. Niemand von ihnen kann die absolute Wahrhaftigkeit seiner Interpretation beanspruchen, aber alle tragen zum Bild bei, das wir uns von Bach machen.\u201c<\/p>\n<p>Variationen auf einen Bach<\/p>\n<p>Und so sorgen auch die Filme daf\u00fcr, dass wir uns innerlich ein Bild von diesem Mann machen. Ohne zu wissen, wie er wirklich zu seiner Zeit auftrat und durch die Stadt lief. Eilig, weil er die Partitur mal wieder auf den letzten Dr\u00fccker fertiggebracht hat? Getrieben von seiner inneren Musik, die unbedingt in Noten gefasst werden musste?<\/p>\n<p>Oder beh\u00e4big wie ein gut situierter Leipziger B\u00fcrger, f\u00fcr den Eile unter seiner W\u00fcrde war? Wir wissen es einfach nicht. Und so werden auch alle k\u00fcnftigen Verfilmungen immer nur eine m\u00f6gliche Ann\u00e4herung sein an einen Bach, wie wir ihn uns vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es wird Regisseuren oft so gehe wie Knut Elstermann: Sie werden innerlich schw\u00e4rmen von diesem Bach. Aber jeder neue Film wird \u2013 ganz im Sinne Bachs \u2013 wieder nur eine Variation \u00fcber ein unendlich gro\u00dfes Thema sein. Nicht nur in den Goldberg-Variationen hat Bach ja gezeigt, wie das geht. Und sich vielleicht innerlich gedacht: Daran werden sie sich noch in 300 Jahren die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen.<\/p>\n<p>Oder eben ihre pure Freude haben am Verfilmen wie in \u201eBach \u2013 Ein Weihnachtswunder\u201c mit Devid Striesow von 2024, die nat\u00fcrlich auch mit ins Buch gefunden hat. Denn nat\u00fcrlich erz\u00e4hlt auch sie davon, wie diese Musik auch uns Heutige noch mit sich rei\u00dft.<\/p>\n<p>Und wie darin m\u00f6glicherweise selbst das turbulente Familienleben der Bachs eingefangen ist. In furiosem Tempo in Noten gesetzt. Vielleicht ging es bei Bachs tats\u00e4chlich genau so zu. Aber ob es genau so war, ist auch egal. Denn seine Musik erz\u00e4hlt jedem auf seine Weise: Genau so war es. Und wird es f\u00fcr jeden, der Ohren hat, immer wieder sein.<\/p>\n<p><strong>Knut Elstermann <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783898092623@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bach bewegt<\/a><\/strong> BeBra Verlag, Berlin 2025, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Bachfest steht wieder vor der T\u00fcr und wird wieder tausende Bachverehrer nach Leipzig locken. Manche allein wegen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":153208,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,10689,71,859],"class_list":{"0":"post-153207","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-johann-sebastian-bach","12":"tag-leipzig","13":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114600468008363566","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/153207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=153207"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/153207\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/153208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=153207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=153207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=153207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}