{"id":155462,"date":"2025-06-01T01:08:17","date_gmt":"2025-06-01T01:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/155462\/"},"modified":"2025-06-01T01:08:17","modified_gmt":"2025-06-01T01:08:17","slug":"blick-auf-frauen-den-krieg-im-blick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/155462\/","title":{"rendered":"Blick auf Frauen den Krieg im Blick"},"content":{"rendered":"<p>\u201eSeit dem 24. Februar 2022 habe ich mich von einer Schriftstellerin zur Rechercheurin von Kriegsverbrechen gewandelt und dann gelernt, beides zu sein, damit ich Ihnen, der Welt, die Geschichte von der Suche der ukrainischen Zivilgesellschaft nach Gerechtigkeit erz\u00e4hlen kann.\u201c<\/p>\n<p>Schreibt Victoria Amelina in ihrem Nachwort, das sie bereits vor Fertigstellung ihres geplanten Buches verfasste. Kurz vor ihrem Tod hatte sie beschlossen, die Ukraine f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu verlassen, sie hatte einen Forschungsaufenthalt an der Columbia University in Paris angeboten bekommen. Dort wollte sie ihr Buch fertigschreiben. Doch dazu sollte es nicht kommen. Am 27. Juni 2023 wurde sie in einer Pizzeria in Kramatorsk bei einem russischen Raketenangriff so schwer verletzt, dass sie am 1. Juli starb. Zuvor hatte sie noch eine Datei an eine Freundin gemailt:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eEs ist ungewiss, von welcher Rakete ich (\u2026) getroffen werde, also kann dieses Dokument auf alle F\u00e4lle bei dir bleiben.\u201c<\/p>\n<p>In dieser Datei befanden sich unbearbeitete Notizen, eine Sammlung von Texten, der Gro\u00dfteil in Rohform: Portraits etwa von Journalistinnen, Anw\u00e4ltinnen, Menschenrechtsaktivistinnen, Kulturschaffenden, die seit Kriegsbeginn ihr Leben daf\u00fcr riskieren, eine vielf\u00e4ltige Gesellschaft in der Ukraine zu erhalten. Aber auch Berichte von Reisen waren darunter, die ab M\u00e4rz 2022 entstanden, immer dann, wenn Amelina f\u00fcr die Menschenrechtsorganisation Truth Hounds an Orte reiste, wo die russische Armee Kriegsverbrechen ver\u00fcbt hatte und sie mit Betroffenen und Augenzeugen sprach. <\/p>\n<p>                      Zum Tod von Victoria Amelina vor zwei Jahren<\/p>\n<p>              Den Opfern des russischen Angriffskriegs Geh\u00f6r verschaffen<\/p>\n<p>Enge Freundinnen und Kollegen entschieden sich nach ihrem Tod, diese Fragmente herauszugeben \u2013 und versuchten, wie sie im Nachwort schreiben, in das Originalmanuskript so wenig wie m\u00f6glich einzugreifen. Sie wollten Amelinas Anliegen unterst\u00fctzen, den Opfern Geh\u00f6r zu verschaffen. Ein Anliegen, dass sie mit vielen ukrainische Autorinnen und Autoren teilte, wie sie noch im Fr\u00fchling 2023 auf einem kolumbianischen Literaturfestival erz\u00e4hlte:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eMein Schriftstellerkollege Wolodymyr Wakulenko zum Beispiel wurde w\u00e4hrend der russischen Besatzung der Region Isjum get\u00f6tet. Und zwar weil er sich f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Ukraine eingesetzt hat. Das klingt verr\u00fcckt, weil\u2026nat\u00fcrlich hatte er eine pro-ukrainische Haltung, er war ja ein ukrainischer Schriftsteller. Uns war allen klar, dass die russischen Soldaten bei der Invasion auch Leichens\u00e4cke dabeihatten. Wir sind sicher, dass die auch f\u00fcr uns bestimmt sind, f\u00fcr Schriftsteller, B\u00fcrgermeister, f\u00fcr all die Menschen, die in den besetzten Gebieten gefoltert und ermordet werden.\u201c<\/p>\n<p>Der Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufzeichnungen der Autorin. Er hatte seit der russischen Invasion Tagebuch gef\u00fchrt und konnte es noch im Garten vergraben, bevor er im M\u00e4rz 2022 verschleppt, gefoltert, schlie\u00dflich get\u00f6tet wurde, seine Leiche wurde im Sommer darauf in einem Massengrab entdeckt. Victoria Amelina beschreibt, wie sie das Tagebuch nach der Besatzung ausgr\u00e4bt und dem Charkiwer Literaturmuseum \u00fcbergibt. Amelina zitiert die letzten S\u00e4tze, die Wakulenko schrieb:<\/p>\n<p>\u201eIn den Tagen der Besatzung habe ich mich ein bisschen gehen lassen, dann irgendwann \u2013 weil ich halb verhungert war \u2013 ganz. (\u2026) Heute am Tag der Poesie wurde ich von einer Gruppe Kraniche begr\u00fc\u00dft, (\u2026) und durch ihre \u201aKranu\u2018-Rufe hindurch konnte man es fast schon h\u00f6ren: \u201aDie Ukraine wird sich erholen! Ich glaube an den Sieg!\u2018\u201c<\/p>\n<p>              Leid und Widerstand in der ukrainischen Geschichte<\/p>\n<p>Amelina beschreibt auf ersch\u00fctternde Weise die Auswirkungen der Besatzung. Au\u00dferdem sucht sie nach M\u00f6glichkeiten, wie Kriegsverbrechen durch das V\u00f6lkerrecht geahndet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eWas ist Gerechtigkeit? Wem sind wir schlie\u00dflich bereit zu vergeben? Wie k\u00f6nnen wir derweil mit der Tatsache umgehen, dass die T\u00e4ter schlimmster Verbrechen oft ungestraft davonkommen? Wie k\u00f6nnen wir das \u00e4ndern? Und welche Waffen w\u00e4hlen wir (\u2026)? Keine Entscheidung ist f\u00fcr die, die Gerechtigkeit wollen, einfach, und f\u00fcr die meisten von uns ist der Ausgang unseres Kampfes noch ungewiss.\u201c<\/p>\n<p>In ihren Texten zieht Amelina immer wieder auch Parallelen zwischen Vernichtung und Widerstand ukrainischer Intellektueller heute und denen in der j\u00fcngeren Geschichte. Schon in den 1920er und 30er-Jahren hatten sich im Land Intellektuelle gegen die sowjetische Unterdr\u00fcckung und Russifizierung der ukrainischen Kultur gestellt. Sie werden heute unter dem Begriff der \u201eerschossenen Wiedergeburt\u201c eingeordnet. <\/p>\n<p>              Kriegsverbrechen unter russischer Besatzung <\/p>\n<p>In den 1960er und 1970er-Jahren versuchte dasselbe dann noch einmal die sogenannte \u201eSechziger\u201c-Bewegung, allen voran die Malerin und Dissidentin Alla Horska, die damals schon Menschenrechtsverbrechen des kommunistischen Regimes dokumentierte und unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden starb. Die K\u00fcnstlerin ist ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr Amelina:<\/p>\n<p>\u201eUnter dem Einfluss der humanistischen Kultur des Westens und der erschossenen Wiedergeburt hatten die Sechziger bemerkenswerte Kunst geschaffen und sie hatten ein ebenso bemerkenswertes, aber hartes Leben. Man k\u00f6nnte sie mit den Beatniks oder den Hippies im Westen vergleichen, aber sie hatten es mit einem totalit\u00e4ren und anti-ukrainischen Sowjetstaat zu tun. Jetzt, im Jahr 2022, erscheint uns diese Seite der Sechziger-Bewegung viel verst\u00e4ndlicher, n\u00e4her und wichtiger.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBlick auf Frauen den Krieg im Blick\u201c von Victoria Amelina ist keine einfache Lekt\u00fcre, auch wegen des notwendig fragmentarischen Charakters. Und dennoch ist es ein immens wichtiges Zeugnis der allt\u00e4glichen Herausforderungen des Krieges in der Ukraine aus der Perspektive der Frauen. Und es ist eine Aufforderung an die Welt und jeden einzelnen, die systematischen Menschenrechtsverletzungen unter russischer Besatzung nicht zu ignorieren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eSeit dem 24. 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