{"id":155682,"date":"2025-06-01T03:17:11","date_gmt":"2025-06-01T03:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/155682\/"},"modified":"2025-06-01T03:17:11","modified_gmt":"2025-06-01T03:17:11","slug":"ein-dramatischer-krimi-aus-dem-herzen-der-alten-buchstadt-leipzig-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/155682\/","title":{"rendered":"Ein dramatischer Krimi aus dem Herzen der alten Buchstadt Leipzig \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Kai Meyer ist der wohl produktivste Autor, der derzeit in Leipzig lebt und arbeitet. \u00dcber 70 Romane hat er schon ver\u00f6ffentlicht. Und seit drei Jahren hat er auch ein Herzst\u00fcck seiner Heimatstadt zum Thema einer Romanreihe gemacht: das Grafische Viertel. Und zwar das alte, so wie es bis zu den Bombenzerst\u00f6rungen im Weltkrieg aussah. Ein ganzes Viertel voller rumpelnder, rauchender und eindrucksvoller \u201eB\u00fccherfabriken\u201d, die sich \u00f6stlich des Stadtzentrums aneinander reihten. Neblig und unheimlich sah es da wohl auch aus.<\/p>\n<p>Was weniger an der dort verlegten und gedruckten Literatur lag, als an der Tatsache, dass die Maschinen mit Dampf betrieben wurden und daf\u00fcr die Essen qualmten. Anders als heute war es kein ruhiges und idyllisches Quartier, sondern das l\u00e4rmende Herz der deutschen Buchproduktion. In<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2023\/11\/bibliothek-im-nebel-kai-meyer-562864\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eDie Bibliothek im Nebel\u201c<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2022\/12\/die-bucher-der-junge-und-die-nacht-ein-kai-meyer-buchstadt-leipzig-502464\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDie B\u00fccher, der Junge und die Nacht\u201c<\/a> hat <a href=\"http:\/\/kaimeyer.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kai Meyer<\/a> das Viertel schon zur Kulisse dramatischer Handlungen gemacht. Ganz bewusst \u2013 auch als Einladung an Leserinnen und Leser, f\u00fcr die sich die gr\u00f6\u00dften Abenteuer der Welt nat\u00fcrlich in B\u00fcchern abspielen.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/43a76715ddcb4f0ba7bc63a8e6980df7.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/06\/1\"\/><\/p>\n<p>Wenn dann auch gleich noch Verleger, Buchh\u00e4ndler und Autoren selbst Teil einer aufregenden Handlung werden, in der Meyer auch gleich noch die politischen Gewitter der Zeit beleuchtet, dann ist im Grunde genau der Stoff beisammen, bei dem Leser und Leserinnen schon deshalb mitfiebern, weil es um ihr ureigenstes Lebenselixier geht.<\/p>\n<p>In finsteren Zeiten<\/p>\n<p>Und so geht das auch in \u201eDas Haus der B\u00fccher und Schatten\u201c weiter, mit einem j\u00fcngst erst aus dem Polizeidienst entlassenen Kriminalkommissar Cornelius Frey. Es ist das Jahr 1933 und die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten r\u00e4umen auf, schmei\u00dfen alle Leute aus dem Dienst, die ihre Weltanschauung nicht teilen, gar Kommunisten oder Juden sind. Oder wie dieser Frey einfach nicht begreifen wollen, dass an Mord und Totschlag nur die Kommunisten schuld sein k\u00f6nnen. U<\/p>\n<p>nd dass er dann auch ein paar Kommunisten zu pr\u00e4sentieren habe, wenn ein Haufen randalierender SA-Leute get\u00f6tet wurde. Aber diese Wunscht\u00e4ter zu finden, war nicht so Freys Ding. Und seit die Nazis auch die Polizei beherrschen, hat er dort auch noch einen besonders verbissenen Widersacher, der alles tut, ihn zu dem\u00fctigen oder am Ende gar t\u00f6ten zu lassen.<\/p>\n<p>Denn das macht ja ganz offensichtlich in einem Land, in dem die Willk\u00fcr die Macht \u00fcbernommen hat, keinen Unterschied mehr. Au\u00dfer f\u00fcr Frey, der aus seiner Haut als unparteiischer Polizist nicht heraus kann und lieber Nachtw\u00e4chter in der Deutschen B\u00fccherei wird. Bis zu dem Tag, an dem just vor der B\u00fccherei eine junge Frau ermordet wird, deren Leben er am Tag zuvor gerade gerettet hat. Und dazu auch noch einer seine ehemaligen Polizistenkollegen. Weil das nun einmal ein Polizistenmord war, darf er wieder ermitteln. Mit sehr unkonventionellen Methoden. Auch weil er keinem seiner Kollegen im Polizeipr\u00e4sidium mehr traut.<\/p>\n<p>Schon das ist Nervenkitzel genug: Wie bleibt man ein anst\u00e4ndiger Polizist, wenn die F\u00fchrung korrupt ist und Kriminelle ganz offiziell in Uniform auf der Stra\u00dfe ihr Unwesen treiben? Es geht bei Meyer ganz un\u00fcbersehbar auch immer um die Frage des menschlichen Anstands in finsteren Zeiten, der Bereitschaft, menschlich zu bleiben, wenn alle mit den W\u00f6lfen heulen. Und dazu kommt in dieser Geschichte: Die Leute, die er verd\u00e4chtigt, an dem Doppelmord tats\u00e4chlich schuld zu sein, sind m\u00e4chtig, geh\u00f6ren zur Unterwelt in der Stadt und sind selbst wieder mit den M\u00e4chtigen und Reichen in der Stadt verbandelt. Und: Sie verfolgen jeden seiner Schritte.<\/p>\n<p>Wenn man niemandem mehr trauen kann<\/p>\n<p>Was eben auch bedeutet: Mit allem, was er ermittelt, bringt er nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch die Menschen, die er als Zeugen befragt oder gar \u2013 wie das M\u00e4dchen Leontine \u2013 versucht zu besch\u00fctzen. Denn auch sie wei\u00df zu viel \u00fcber die feine, heimliche Welt der M\u00e4chtigen, die sich in esoterischen Zirkeln und Freimaurerlogen treffen, etliche davon l\u00e4ngst Teil des neuen Regimes. Gleich mehrfach ger\u00e4t Frey mit ihren kraftstrotzenden T\u00fcrstehern aneinander, ist eigentlich schon zur H\u00e4lfte des Romans gr\u00fcndlich l\u00e4diert und zerpr\u00fcgelt. Aber er l\u00e4sst nicht locker. Auch nicht, als er in einen Hinterhalt ger\u00e4t und beinah selbst get\u00f6tet wird.<\/p>\n<p>Dabei ahnt er schon, dass die Spur zum Doppelm\u00f6rder in eine ganz andere Richtung f\u00fchrt. Dass vielleicht auch die Ermittlungen seines ermordeten Kollegen Joseph Zirner selbst der Grund daf\u00fcr war. Ermittlungen, die \u2013 wie kann es bei Kai Meyer anders sein \u2013 tief in die Welt der B\u00fccher f\u00fchrt. In diesem Fall in die Welt eines Autors namens Aschenbrand, der in einem Gutshaus im fernen Livland lebt und in einem Leipziger Verlag seine ersten beiden B\u00fccher mit Erfolg ver\u00f6ffentlichte. Nur beim dritten Buch klemmt es.<\/p>\n<p>Er wird einfach nicht fertig. Und so reist seine Lektorin Paula Engel mit ihrem Lektorenkollegen Jonathan Zirner zusammen bei Schnee und Eis ins ferne Livland, in die abgelegenen W\u00e4lder, wo das Gutshaus liegt. Und Kai Meyer braucht gar nicht lange, um genau die beklemmende, eisige und einsame Atmosph\u00e4re zu schaffen, in der die Leser auf Schritt und Tritt mit dem Schlimmsten rechnen m\u00fcssen. Erst recht, als sie im Hauptstrang des Romans l\u00e4ngst erfahren haben, dass das Gutshaus abgebrannt ist und Paula und Jonathan nicht nach Leipzig zur\u00fcckgekehrt sind.<\/p>\n<p>Und da sich die Entwicklung in der Haupterz\u00e4hlung um Cornelius Frey und in der Erz\u00e4hlung um die Ereignisse im eisigen Livland ineinander verschr\u00e4nken, d\u00fcrfte so mancher Leser um seinen Schlaf gebracht sein, wenn er so wagemutig war, vorm Schlafengehen in diesen Roman zu schauen.<\/p>\n<p>Denn auf beiden Erz\u00e4hlebenen geht es ganz und gar nicht friedlich zu. In der Einsamkeit des Gutshauses in Livland, dessen G\u00e4nge mit B\u00fccherregalen vollgestellt sind, was dann auch den Titel f\u00fcr den Roman hergab, merkt Paula sehr schnell, dass einiges von dem, was Aschenbrand erz\u00e4hlt hat, nicht stimmen kann. Au\u00dferdem scheint es in dem alten Kasten zu spuken, scheinen die Geister zweier toter M\u00e4dchen durch die G\u00e4nge zu streichen.<\/p>\n<p>Wenn ein Leben nicht mehr z\u00e4hlt<\/p>\n<p>Und von einem n\u00fcchternen Ermitteln kann auch Cornelius Frey nicht reden. Im Gegenteil: Immer neue Todesf\u00e4lle pflastern den Weg der Ermittlungen. Ein Leben scheint im neuen Reich der Nazis keinen Pfifferling mehr wert. Die Brutalit\u00e4t greift um sich. Und auch die Figuren in den esoterischen Kreisen, in die Frey ger\u00e4t, sind skrupellos. Und wenn sie selbst nicht t\u00e4tig werden, kaufen sie sich die Handlanger auf dem freien Markt, die f\u00fcr sie Mord und Totschlag begehen. Gleichzeitig ist dieser Teil der Geschichte auch ein Ausflug in die Welt der Esoterik mit ihren Logen und Verlagen, die es vor 1933 in Leipzig tats\u00e4chlich gab. Die Buchstadt war ein Dorado f\u00fcr praktisch jede Art von Literatur. Auch esoterische, v\u00f6lkische und \u2013 auch das wird thematisiert \u2013 antisemitische.<\/p>\n<p>Eine kleine Erinnerung daran, wie leicht manipulierbar die Menschen sind und wie sehr die in riesigen St\u00fcckzahlen produzierte antisemitische Literatur mit dazu beitrug, die T\u00f6tungsmaschine der Nazis vorzubereiten.<\/p>\n<p>Und auch wenn Frey sich von Anfang an ziemlich sicher ist, dass es die Wunscht\u00e4ter seiner Vorgesetzten nicht waren, die seinen Kollegen und das M\u00e4dchen Emelie umgebracht haben, ist er \u00f6fters nahe daran, wieder von den Ermittlungen abgezogen zu werden. Doch wo andere schon schlotternd in den Seilen h\u00e4ngen w\u00fcrden, rafft er sich wieder auf und macht weiter, folgt der n\u00e4chsten Spur, dem n\u00e4chsten Indiz und kl\u00e4rt am Ende tats\u00e4chlich einen h\u00f6chst literarischen Fall. Und der Leser erf\u00e4hrt, warum Paulas Geschichte von der Reise nach Livland als Ich-Erz\u00e4hlung eingebettet ist in den Roman.<\/p>\n<p>Am Ende brennen B\u00fccher. Cornelius Frey hat den Fall gel\u00f6st. Aber es ist absehbar, dass sein weiteres Leben als Polizist kein Zuckerschlecken werden kann in einem Regime, wo die M\u00e4chtigen willk\u00fcrlich bestimmen, wer Feind und Opfer sein soll. F\u00fcr Lesebegeisterte freilich ist es ein weiterer, mit starken, d\u00fcsteren Farben gemalter Roman, der in jene neblige, d\u00fcstere Buchstadt entf\u00fchrt, die Leipzig damals noch war. U<\/p>\n<p>Und in eine Welt, in der seltsame Verlage samt ihren Verlegern und Autoren existierten, die mit obskurer Literatur Gesch\u00e4fte machten. Aber auch Autoren wie dieser Aschenbrand existierten, die mit d\u00fcsteren, dicken Romanen den Nerv des Publikums trafen. Romanen, die die Schrecken der Zeit literarisierten, perfekt lektoriert von Menschen wie Paula Engel. F\u00fcr ein Publikum, das geradezu hungert auf dramatische und auch d\u00fcstere Geschichten. Sehr wohl wissend, dass sich die Wirklichkeit davon nicht wirklich unterscheidet, wenn finstere Sekten wieder zur Macht greifen und Schauer und Schrecken in der Gesellschaft verbreiten.<\/p>\n<p><strong>Kai Meyer <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783426293591@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDas Haus der B\u00fccher und Schatten\u201c<\/a><\/strong> Knaur Verlag, M\u00fcnchen 2024, 24 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kai Meyer ist der wohl produktivste Autor, der derzeit in Leipzig lebt und arbeitet. \u00dcber 70 Romane hat&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":155683,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,24344,11071,1803,1795,215],"class_list":{"0":"post-155682","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-grafisches-viertel","14":"tag-kriminalroman","15":"tag-rezension","16":"tag-roman","17":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114605945557386363","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/155682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=155682"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/155682\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/155683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=155682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=155682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=155682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}