{"id":156983,"date":"2025-06-01T15:21:09","date_gmt":"2025-06-01T15:21:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/156983\/"},"modified":"2025-06-01T15:21:09","modified_gmt":"2025-06-01T15:21:09","slug":"berlin-kleiner-buchladen-abschiedsfeier-im-karl-liebknecht-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/156983\/","title":{"rendered":"Berlin \u2013 Kleiner Buchladen: Abschiedsfeier im Karl-Liebknecht-Haus"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img306512\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/306512.jpeg\" alt=\"Ein letztes Mal Andrang im Kleinen Buchladen im Karl-Liebknecht-Haus bei der Abschiedsfeier am Freitagabend.\"\/><\/p>\n<p>Ein letztes Mal Andrang im Kleinen Buchladen im Karl-Liebknecht-Haus bei der Abschiedsfeier am Freitagabend.<\/p>\n<p>Foto: Gabriele Senft<\/p>\n<p>Auf den Fensterbrettern stehen Kisten mit alten B\u00fcchern, die vom versunkenen Leseland DDR k\u00fcnden. Verlage, die l\u00e4ngst abgewickelt sind oder nur noch ein Schattendasein f\u00fchren, konnten einst auf Qualit\u00e4t achten. Sie druckten dies und jenes nicht, was politisch unerw\u00fcnscht war. Vor allem aber verlegten sie keinen Schund. So m\u00fcssen in Berlin <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190630.kleiner-buchladen-linke-buchhandlung-im-karl-liebknecht-haus-wird-geschlossen.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die letzten Kunden des Kleinen Buchladens<\/a> im Karl-Liebknecht-Haus am Freitag und Samstag nicht lange st\u00f6bern, um lesenswerte Literatur zu entdecken.<\/p>\n<p>Ein Schauspieler ist zuf\u00e4llig vorbeigekommen und erf\u00e4hrt erst jetzt, dass der Kleine Buchladen nach 35 Jahren geschlossen wird. Der 84-J\u00e4hrige bedauert es zutiefst. Er nutzt die letzte Gelegenheit und kauft \u00bbAus Goethes Brieftasche\u00ab, die sch\u00f6nsten Aufs\u00e4tze des Dichters \u00fcber Natur, Kunst und Volk und dazu Baltasar Gracians \u00bbKunst der Weltklugheit\u00ab f\u00fcr zusammen f\u00fcnf Euro.<\/p>\n<p>Es bildet sich noch einmal eine lange Schlange an der Kasse. Wenn es immer so w\u00e4re, h\u00e4tte Inhaber Wanja Nitzsche nicht aufgeben m\u00fcssen. Aber so, wie die Ums\u00e4tze w\u00e4hrend der Corona-Pandemie eingebrochen waren, ging es nicht mehr weiter. Die Miete war dem Buchladen schon lange erlassen worden, und er musste auch keine Betriebskosten mehr zahlen. Es n\u00fctzte alles nichts.<\/p>\n<p>Als G\u00f6ran Sch\u00f6fer <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/204772.kleiner-buchladen-steht-vor-dem-ende.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Kleinen Buchladen 2012<\/a> \u00fcbernahm, konnten die damals schon einmal eingebrochenen Ums\u00e4tze nur stabilisiert, aber leider nicht gesteigert werden. Ohne ehrenamtliches Engagement und Besch\u00e4ftigung zum Niedriglohn w\u00e4re es schon viel fr\u00fcher vorbei gewesen. \u00bbViele dachten, mit so einem Buchladen k\u00f6nne man sicher Geld verdienen\u00ab, erz\u00e4hlt Sch\u00f6fer. \u00bbWir konnten es leider nicht.\u00ab <\/p>\n<p>Wanja Nitzsche hat sich von Sch\u00f6fer zum Buchh\u00e4ndler ausbilden lassen und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1171633.kultur-kleiner-buchladen-grosses-ziel.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00fcbernahm den Laden 2023<\/a>, als Sch\u00f6fer in Rente ging. \u00bbAls ich angefangen habe, habe ich geahnt, dass das nicht klappen wird\u00ab, sagt Nitzsche am Freitagabend bei der Abschiedsfeier im Innenhof des Karl-Liebknecht-Hauses. Er schildert die allgemeine Krise der Buchhandlungen. Selten er\u00f6ffne eine neu, aber regelm\u00e4\u00dfg melde das B\u00f6rsenblatt der Branche Schlie\u00dfungen. Nitzsche spricht an, was seiner Meinung nach schief l\u00e4uft. B\u00fccher f\u00fcr 24 Euro und mehr seien einfach zu teuer. Da \u00fcberlege sich ein Arbeiter dreimal, eins zu kaufen, wenn er mehrere Stunden daf\u00fcr arbeiten m\u00fcsse. Erschwingliche Taschenb\u00fccher seien nicht von ungef\u00e4hr einst von Arbeiterkindern erfunden worden, erinnert Nitzsche. \u00bbWir haben jeden Tag Leute im Laden, die k\u00f6nnen sich die neuen B\u00fccher einfach nicht leisten.\u00ab Au\u00dferdem fehle es an allgemeinverst\u00e4ndlicher Literatur. Linke Verlage w\u00fcrden zu oft viel zu komplizierte Schriften verlegen, f\u00fcr die sich nur ein ganz kleiner Kreis von Intellektuellen interessiere.<\/p>\n<p>Zur Abschiedsfeier sind einige gekommen, die im Laufe der Jahre im Kleinen Buchladen oder seinen fr\u00fcher vorhandenen Filialen gearbeitet haben: Noch ganz jung Kim Just, alt geworden Birgit Hoffmann. Ihr Mann Werner Hoffmann hatte 1990\/91 begonnen, B\u00fccher bei PDS-Veranstaltungen zu verkaufen. Er baute ein kleines Netz von Buchl\u00e4den in Berlin, Dresden und Potsdam auf, wobei der Verkauf oft bei den Gesch\u00e4ftsstellen der Partei angesiedelt war, so wie in Alt-Marzahn 64, wo der Kleine Buchladen seinen Anfang nahm und wo Klaus Baltruschat arbeitete. 1995 verungl\u00fcckte Werner Hoffmann. Doch seiner Frau Birgit hatte er zuvor gesagt, wenn ihm einmal etwas zusto\u00dfen sollte, so solle sie den umsatzst\u00e4rksten Laden behalten und die anderen abgeben. Der h\u00f6chsten Umsatz sei im Karl-Liebknecht-Haus gemacht worden, erinnert sich Birgit Hoffmann.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>\u00bbWir haben jeden Tag Leute im Laden, die k\u00f6nnen sich die neuen B\u00fccher einfach nicht leisten.\u00ab<\/p>\n<p>Wanja Nitzsche\u2003Buchh\u00e4ndler<\/p><\/blockquote>\n<p>In Alt-Marzahn \u00fcbernahm <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1134799.linke-geschichte-fuer-jede-ein-foto.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Klaus Baltruschat<\/a> mit seiner Frau. Die kauften niemals etwas f\u00fcr ihr Antiquariat an. Einwohner von Berlin-Marzahn leerten bei Umz\u00fcgen ihre Regale und brachten die B\u00fccher, f\u00fcr die sie keinen Platz mehr hatten. Die Baltruschats trugen in diese B\u00fccher keine Preise ein, sondern sagten ihren Kunden, diese sollten geben, was ihnen das jeweilige Exemplar wert sei und was sie zahlen k\u00f6nnen. Wer kein Geld hatte, durfte sich auch mal ein Buch umsonst einstecken. Andere gaben freiwillig 20 Mark f\u00fcr Nikolai Ostrowskis Roman \u00bbWie der Stahl geh\u00e4rtet wurde\u00ab.<\/p>\n<p>Reich konnten die Baltruschats damit nicht werden. Einmal hatten sie im Jahr 1998 dennoch eine Million Mark auf dem Konto. Das kam so: Sie hatten die Einnahmen einer Woche bei der Bank eingezahlt. Doch eine Bankangestellte irrte sich und verbuchte statt 5000 Mark 500\u2009000 Mark. Auf den Fehler aufmerksam gemacht, zog sie nicht 500\u2009000 ab, sondern buchte weitere 500\u2009000 Mark dazu. \u00bbWir hatten von Freitag bis Montag tats\u00e4chlich eine Million auf dem Konto\u00ab, erz\u00e4hlt Klaus Baltruschat. \u00bbAber wir sind ja ehrliche Leute.\u00ab<\/p>\n<p>Baltruschat berichtet auch, welche Folgen der Angriff des Neonazis Kay Diesner im Februar 1997 hatte. Eine Folge ist nicht zu \u00fcbersehen. Diesner hatte auf Klaus Baltruschat geschossen, dem der linke Unterarm amputiert werden musste. Auf der Flucht hatte Diesner dann in Schleswig-Holstein einen Polizisten erschossen und deshalb wurde dem T\u00e4ter in L\u00fcbeck der Prozess gemacht. Um bei den Gerichtsterminen dabei zu sein, fehlten die Baltruschats an insgesamt 54 Tagen in ihrem Buchladen. Es h\u00e4tte den wirtschaftlichen Ruin bedeuten k\u00f6nnen. Doch ein Pfarrer schickte seinen erwachsenen Sohn zur Aushilfe, und auch andere halfen ohne Lohn, den Laden in der genannten Zeit offen zu halten.<\/p>\n<p>Baltruschat ist am Freitagabend schon gegangen, als auf dem Hof Liedtexte ausgeteilt werden, um gemeinsam zu singen. Zuerst wird die \u00bbInternationale\u00ab angestimmt. \u00bbWacht auf, Verdammte dieser Erde\u00ab, schallt es die Fassade der Bundeszentrale der Linken hinauf. Und: \u00bbEs rettet uns kein h\u00f6hres Wesen.\u00ab<\/p>\n<p>Wanja Nitzsche und Kim Just arbeiten jetzt schon in anderen Buchl\u00e4den. Ein Potenzial sieht Nitzsche aber nach wie vor auch im Karl-Liebknecht-Haus. Mit der Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner sei er dar\u00fcber im Gespr\u00e4ch, verr\u00e4t er. Vielleicht findet sich noch eine neue L\u00f6sung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein letztes Mal Andrang im Kleinen Buchladen im Karl-Liebknecht-Haus bei der Abschiedsfeier am Freitagabend. 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