{"id":157082,"date":"2025-06-01T16:13:09","date_gmt":"2025-06-01T16:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/157082\/"},"modified":"2025-06-01T16:13:09","modified_gmt":"2025-06-01T16:13:09","slug":"raubkunst-spiel-in-nuernberg-wenn-kolonialisierte-die-rollen-tauschen-und-franken-zur-beute-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/157082\/","title":{"rendered":"Raubkunst-Spiel in N\u00fcrnberg: Wenn Kolonialisierte die Rollen tauschen \u2013 und Franken zur Beute werden"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Warum drehen wir nicht einfach den Spie\u00df um?&#8220;, fragte der belgo-brasilianische Franke Jean-Fran\u00e7ois Drozak. Die Idee seines spielerischen Experiments: F\u00fcr sein &#8222;Raubkunst-Spiel&#8220; schl\u00fcpfte er mit zwei weiteren People of Color aus N\u00fcrnberg in die Rolle von Kolonialherren.<\/p>\n<p>Sie raubten &#8211; mit Ank\u00fcndigung und Erlaubnis &#8211; Objekte aus Museen, kirchlichen und st\u00e4dtischen Institutionen. Das Raubgut war in den R\u00e4umen seines N\u00fcrnberger Kulturf\u00f6rdervereins Nordkurve zu sehen. Schwarze Kolonialisten pr\u00e4sentierten &#8222;fr\u00e4nkische Ureinwohner&#8220; und deren Lebenswelt.<\/p>\n<p>Pseudowissenschaftlicher Ton eines Kolonialherrschers<\/p>\n<p>Die Ausstellungstexte setzen die Idee fort. Da ist in Anlehnung an die &#8222;Unterdr\u00fcckung und Entmenschlichung in der Kolonialzeit&#8220;, wie Drozak erkl\u00e4rt, ein Einf\u00fchrungstext zum Charakter der Franken zu lesen. Sie seien als einst protestantische Hochburg calvinistisch, sauber und alles sei perfekt geputzt. Im pseudowissenschaftlichen Ton eines Kolonialherrschers werden sie weiter beschrieben. Charakteristisch sei ein oft leerer Gesichtsausdruck. Und im Sch\u00e4del des Franken seien Willens- und Begehrensimpulse m\u00e4chtiger als alle Hemmungen.<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben uns \u00fcber die Franken gestellt&#8220;, sagt Drozak. Der Tenor der spielerischen Aktion sollte sein: &#8222;Ich kann mit dir machen, was ich will.&#8220; Und deswegen sehen die N\u00fcrnberger Bratw\u00fcrste, eingelegt in einem Reagenzglas in Formaldehyd, nicht zuf\u00e4llig wie abgeschnittene Finger aus. Die N\u00e4he zu Exponaten in Naturkunde- oder V\u00f6lkermuseen, in denen Skelette afrikanischer Menschen standen, ist ebenfalls un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerische Intervention als Dialogprozess<\/p>\n<p>Das K\u00fcnstlertrio besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit der europ\u00e4ischen Kolonialisierung. Dabei geht es auch um die schleppende R\u00fcckgabe von Raubkunst in deutschen oder belgischen Museen. &#8222;Unsere k\u00fcnstlerische Intervention ist als Dialogprozess angelegt&#8220;, betont Drozak bei der Buchpr\u00e4sentation im N\u00fcrnberger Spielzeugmuseum. Er m\u00f6chte mit einem spielerischen Perspektivwechsel den unreflektierten Blick auf Afrika ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&#8222;Das Spiel ist perfekt geeignet f\u00fcr ein k\u00fcnstlerisches Experiment&#8220;, erg\u00e4nzt Karin Falkenberg, Chefin des &#8222;beraubten&#8220; N\u00fcrnberger Spielzeugmuseums. Selbst Spielzeug sei nie unschuldig, sondern politisch. Es transportiere immer gesellschaftliche Werte und Anschauungen. Ein Tiefpunkt vermeintlicher Aufkl\u00e4rungsarbeit seien die &#8222;menschenverachtenden V\u00f6lkerschauen&#8220;.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurden Menschen in anderen Kontinenten geraubt und etwa im Zirkus Hagenbeck wie Tiere ausgestellt. Falkenberg besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit Rassismus im Spielzeug. Und sie sieht eine durchgehende Linie von den mittelalterlichen Kunst- und Wunderkammern der F\u00fcrsten und Kirchen bis zu manchem ethnologischen Museum in der Gegenwart.<\/p>\n<p>Das Raubkunst-Spiel als umgedrehte Kolonialgeschichte hat noch ein weiteres Kapitel. So wie sich Kolonialisten mit falschen Versprechungen in Afrika oder Amerika Vorteile verschafften, machte es auch das K\u00fcnstlertrio der Nordkurve. Sie gaben die Objekte, etwa die Richard-Wagner-B\u00fcste vom Opernhausplatz, den Thron des N\u00fcrnberger Christkinds, eine Statue vom N\u00fcrnberger Menschenrechtsb\u00fcro sowie ein Spielzeugauto, nicht wie vereinbart zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Stattdessen mussten Museum, Staatstheater und \u00c4mter mit einem \u00fcberzeugenden Schreiben den R\u00fcckgabewunsch begr\u00fcnden. F\u00fcr die beraubten Institutionen h\u00f6rte da oft der spielerische Charakter auf &#8211; man pochte nach gut deutscher Manier auf die Eigentumsrechte.<\/p>\n<p>Facetten in Buch dokumentiert<\/p>\n<p>Diese Facetten haben Drozak und Falkenberg gemeinsam im Buch dokumentiert. Allerdings wurde zuvor unter den drei Aktivisten der Nordkurve diskutiert, ob Falkenberg &#8222;als Wei\u00dfe&#8220; \u00fcberhaupt am Buch \u00fcber Frankens kurzzeitige Kolonialisierung mitarbeiten durfte. Das B\u00fcchlein ist mit aktualisierten Texten und Erfahrungsberichten angereichert.<\/p>\n<p>So berichtet ein Aktivist in Safarikleidung und Tropenhelm, wie ein Passant einschreiten will, als er mit seinem Fu\u00df auf der Richard-Wagner-B\u00fcste in Gro\u00dfwildj\u00e4ger-Manier f\u00fcr ein Foto posiert.<\/p>\n<p>An eine Fortsetzung des spielerischen Experiments denkt Drozak nicht. &#8222;Das Spiel ist nicht wiederholbar und es lebt vom \u00dcberraschungseffekt.&#8220; Aber er sei gerade mit der Bayerischen Landeszentrale f\u00fcr politische Bildungsarbeit im Gespr\u00e4ch, ob sich der spielerische Wechsel der Sichtweisen nicht f\u00fcr Schulen aufbereiten l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Warum drehen wir nicht einfach den Spie\u00df um?&#8220;, fragte der belgo-brasilianische Franke Jean-Fran\u00e7ois Drozak. 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