{"id":159026,"date":"2025-06-02T10:32:11","date_gmt":"2025-06-02T10:32:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/159026\/"},"modified":"2025-06-02T10:32:11","modified_gmt":"2025-06-02T10:32:11","slug":"neuer-film-von-wes-anderson-wie-ein-grosser-tim-und-struppi-comic-fuer-erwachsene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/159026\/","title":{"rendered":"Neuer Film von Wes Anderson: Wie ein gro\u00dfer Tim-und-Struppi-Comic f\u00fcr Erwachsene"},"content":{"rendered":"<p>Bei Festival in Cannes wurde \u201eDer ph\u00f6nizische Meisterstreich\u201c gefeiert. Das wird nichts daran \u00e4ndern, dass  Wes Anderson der umstrittenste Regisseur der Welt bleibt. Sein neuer Film spielt wieder in einem erfundenen Land.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es tut den Filmen von Wes Anderson immer gut, wenn sie eine Abenteuergeschichte erz\u00e4hlen. Die statischen Bildkompositionen des Regisseurs kontrastieren dann aufs Reizvollste mit einer bewegten Handlung. So war es bei \u201eThe Life Aquatic\u201c und \u201eGrand Budapest Hotel\u201c. Und so ist es jetzt auch bei \u201eDer ph\u00f6nizische Meisterstreich\u201c, einer Geschichte voller Attentate, m\u00f6rderischer Bruderk\u00e4mpfe und Schie\u00dfereien.<\/p>\n<p>Die minuti\u00f6s konstruierten Einstellungen Andersons mit ihren Farben wie auf alten Fotos offenbaren sich in diesem Film so deutlich wie nie zuvor als das, was sie eigentlich sind: lebende Comicbilder im Stil der Ligne claire, jener klassischen, in der Mitte des 20. Jahrhunderts im franko-belgischen Raum dominierenden Machart, deren prominenteste Werke die Tim-und-Struppi-Geschichten von Herg\u00e9 sind.<\/p>\n<p>Geradezu tim-und-struppiesk sind auch die erfundenen L\u00e4nder, in denen Anderson gern seine au\u00dferhalb der USA spielenden Filme ansiedelt: Die \u201eRepublik Zubrowka\u201c in \u201eGrand Budapest Hotel\u201c entsprach \u201eBordurien und Syldavien\u201c, die Herg\u00e9 f\u00fcr seinen Band \u201eK\u00f6nig Ottokars Zepter\u201c erfunden hatte \u2013 osteurop\u00e4ische L\u00e4nder der Zwischenkriegszeit, die allen Klischees \u00fcber die ehemals habsburgischen und zaristischen Teile Osteuropas mehr entsprechen als jeder real existierende Staat. Es war der alteurop\u00e4ische Traum eines fantasiebegabten Amerikaners, der \u2013 Anderson hat es damals bekannt \u2013 Stefan Zweigs \u201eDie Welt von gestern\u201c gelesen hatte. Ein Wilder Osten, wie er von einem jener hochbegabten Sonderlingskinder imaginiert wurde, die der Regisseur bevorzugt zu Helden seiner Filme macht.<\/p>\n<p>Aus einem ausgedachten S\u00fcdosteuropa voll komplexer, gewaltt\u00e4tiger Familienkonflikte, verschlagener Kriminalit\u00e4t und halbseidener Imperien, die mit griechischem Gesch\u00e4ftssinn erbaut wurden, stammt die Hauptfigur von Andersons neuem Film \u201eDer ph\u00f6nizische Meisterstreich\u201c: der Waffenh\u00e4ndler und globale Unternehmer Zsa Zsa Korda (Benicio del Toro). Jedes Mal, wenn er wieder ein Attentat nur knapp \u00fcberlebt hat und bereits an der Schwelle des Todes steht, hat er religi\u00f6se Visionen voller langb\u00e4rtiger M\u00e4nner und Frauen, die wie orthodoxe Nonnen aussehen. H\u00fcbscher Witz: Gott selbst wird darin ausgerechnet von Bill Murray gespielt \u2013 einem besonders verbiesterten Atheisten.<\/p>\n<p>Glauben (und das damit unausl\u00f6schlich verbundene Problem der Moral) sowie Familie sind die eigentlichen Hauptthemen von \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dMp1kyASiZQ\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dMp1kyASiZQ&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Der ph\u00f6nizische Meisterstreich<\/a>\u201c. Vordergr\u00fcndig geht es um \u00d6konomie: Korda plant ein gigantisches Entwicklungsprojekt im Nahen Osten, gegen das der Bau des Suezkanals wie die Anlage eines Gartenteichs wirkt. Es soll ihm und seinen Investoren f\u00fcr die n\u00e4chsten 150 Jahre unfassbar viel Geld bringen. Nach einer gro\u00dfen Gegenverschw\u00f6rung globaler B\u00fcrokraten muss Korda seine Partner \u00fcberzeugen, sich nicht aus dem Gesch\u00e4ft zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p>Seine Helferin dabei ist \u2013 zun\u00e4chst ziemlich widerwillig, dann immer effizienter \u2013 seine einzige Tochter Liesl, eine Nonne, die er als Alleinerbin seines Verm\u00f6gens auserkoren hat. Die Britin Mia Threapleton spielt sie mit einer atemberaubenden, fromm gez\u00fcgelten Erotik. Weitere Familienmitglieder im Konfliktgeflecht des Films  sind Zsa Zsas Cousine Hilda (Scarlett Johansson), die er irgendwann heiratet, und sein Bruder Nubar (Benedict Cumberbatch), der Liebhaber und M\u00f6rder von Zsa Zsas Frau \u2013 und nun sein gef\u00e4hrlichster Gegenspieler.<\/p>\n<p class=\"c-inline-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<ul class=\"c-inline-teaser-list__content\">\n<li class=\"c-inline-teaser-list__element\">\n<p>Weltplus ArtikelMeisterregisseur in Gefahr<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie \u201eGrand Budapest Hotel\u201c ist auch \u201eDer ph\u00f6nizische Meisterstreich\u201c ein gro\u00dfer \u201eTim-und-Struppi\u201c-Comic f\u00fcr Erwachsene. Der Titel bezieht sich auf Ph\u00f6nizien, wieder einmal ein erfundenes Land. Diese Region existierte nur in der Antike \u2013 von dort \u00fcbernahmen die Griechen das Alphabet und schauten sich etwas vom legend\u00e4ren Handelsgeist der Ph\u00f6nizier ab.<\/p>\n<p>Die Abenteuer vor orientalischen W\u00fcstenhintergr\u00fcnden im neuen Anderson-Film erinnern stellenweise frappierend an Herg\u00e9s Geschichte \u201eDie Zigarren des Pharao\u201c aus dem Jahr 1934. In ihrem Stil ertr\u00e4umen sich Anderson, sein Drehbuchautor Roman Coppola und sein neuer Kameramann Bruno Delbonnel eine levantinisch-arabische Fantasiegegend.  Es gibt ein Feuergefecht mit berittenen Beduinenkriegern, die hinter einer Sandd\u00fcne auftauchen. Die Kopfbedeckung Fez, die man nur noch aus alten Filmen, Comics und l\u00e4ngst als unkorrekt geltenden Zigarettenreklamen kennt, ist allgegenw\u00e4rtig. Es ist reinster Orientalismus. Edward Said w\u00fcrde sich im Grab umdrehen \u2013 was allein schon f\u00fcr den Film spricht.<\/p>\n<p>Blei- und handgranatenhaltig<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird das nichts daran \u00e4ndern, dass Wes Anderson der wohl umstrittenste Regisseur der Welt bleibt \u2013 verachtet von denen, die seine \u00c4sthetik f\u00fcr intellektuell-langweiligen Edelkitsch halten, geliebt von einer Anh\u00e4ngerschaft, die offenbar auch in Cannes stark vertreten war, wo man \u201eThe Phoenician Scheme\u201c (so der Originaltitel) gerade gefeiert hat. An dieser Frontstellung wird der Film voraussichtlich nichts \u00e4ndern, aber f\u00fcr jene dissidenten Aficionados, denen Andersons letzte Filme \u201eThe French Dispatch\u201c und \u201eAsteroid City\u201c vielleicht ein wenig zu \u00fcbertrieben andersonesk erschienen, ist dieser messer-, blei- und handgranatenhaltige Film ein \u00fcberzeugendes Angebot, der Gemeinde weiterhin treu zu bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei Festival in Cannes wurde \u201eDer ph\u00f6nizische Meisterstreich\u201c gefeiert. 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