{"id":159861,"date":"2025-06-02T18:04:14","date_gmt":"2025-06-02T18:04:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/159861\/"},"modified":"2025-06-02T18:04:14","modified_gmt":"2025-06-02T18:04:14","slug":"jungle-world-bomber-harris-ist-angeschlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/159861\/","title":{"rendered":"jungle.world &#8211; Bomber Harris ist angeschlagen"},"content":{"rendered":"<p>Autorit\u00e4re linke Gruppen waren in Dresden, wie in vielen St\u00e4dten der ehemaligen DDR, lange eine Ausnahmeerscheinung. Die Erfahrungen, die man mit dem Regime gemacht hatte, wirkten als Negativbeispiel fort. Linke Gruppen in Dresden verstehen sich daher bis heute eher als anarchistisch oder antiautorit\u00e4r.<\/p>\n<p>Dass in Dresden eine breite antifaschistische Organisierung entstand, hatte auch damit zu tun, dass dort j\u00e4hrlich rund um den 13.\u2009Februar \u00fcber Jahre hinweg Neonazi-Aufm\u00e4rsche in Gedenken an die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten stattfinden, zu denen zu Hochzeiten Rechtsextreme aus ganz Europa anreisten. Die Neonazis verbreiten den allgemein in Dresden kultivierten Mythos der Stadt als unschuldiger Kulturmetropole, die 1945 Opfer des \u00bbangloamerikanischen Bombenterrors\u00ab geworden sei. Bei den Gegendemonstrationen in den nuller Jahren wurden daher regelm\u00e4\u00dfig die Fahnen Israels, der USA und der Royal Air Force geschwenkt; gerne huldigte man ihrem Oberbefehlshaber Arthur Harris.<\/p>\n<p>In Reaktion auf den Revisionismus der Neonazis und seiner halbherzigen offiziellen Verurteilung bildete sich in der linken Szene Dresdens eine antideutsche Grundhaltung heraus. Inzwischen ist allerdings auch hier eine \u00e4hnliche Entwicklung wie in anderen deutschen St\u00e4dten zu beobachten: Dogmatische \u00bbrote\u00ab Gruppen mit martialischer Selbstdarstellung, manich\u00e4ischem Weltbild und antisemitischer Ideologie erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Seit dem 7.\u2009Oktober 2023 ist das besonders sichtbar geworden.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Auch die vermeintlich Anti-autorit\u00e4ren fallen dem autorit\u00e4ren Sog anheim, indem sie der Vergesellschaftung die eigene Gemeinschaftsbildung entgegensetzen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Z\u00fcgig nach dem Massaker der Hamas, am 27.\u2009Oktober, wurde auf Instagram der Account \u00bbFree Palestine Dresden\u00ab angelegt. Die ihn betreibende Gruppe trat dann als Organisatorin von Kundgebungen und Demonstrationen in Dresden in Erscheinung, zum Beispiel unter dem Motto \u00bbStopp den Bombenterror gegen Gaza\u00ab. \u00dcberschneidungen gibt es mit den marxistisch-leninistischen Gruppen Kommunistische Organisation und Roter Aufbruch, mit denen man gemeinsam auf Demonstrationen l\u00e4uft. Zuletzt organisierte man einen \u00bbinternationalistischen\u00ab Block auf der 1.-Mai-Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbunds.<\/p>\n<p>Die postautonome Gruppe Rotes Dresden und die DGB-Jugend k\u00fcndigten zwar einen \u00bbantiautorit\u00e4ren Block\u00ab an, auf der Demonstration war er aber kaum als solcher zu erkennen. Obwohl die mit Free Palestine Dresden kooperierenden Gruppen bereits einige Tage zuvor f\u00fcr die Teilnahme an der Veranstaltung geworben hatten, wirkten die Ausrichter von der Gewerkschaft und Gruppen, die sich in der Regel in Dresden gegen Antisemitismus einsetzen, \u00fcberfordert, sobald die ersten pal\u00e4stinensischen Fahnen geschwenkt wurden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich dr\u00e4ngte man den \u00bbinternationalistischen\u00ab Block aus der Demonstration mit der formalen Begr\u00fcndung, dem allgemeinen Verbot von Nationalfahnen nachzukommen. Die Antizionist:innen reagierten mit w\u00fctenden Parolen wie \u00bbAntideutsche sind keine Linken\u00ab. Es blieb bei der Abwehr des unerw\u00fcnschten Besuchs, dessen antisemitischer Charakter wurde an diesem Tag aber nicht thematisiert.<\/p>\n<p>Mit Semesterbeginn im April fanden die Kritischen Einf\u00fchrungstage (KRETA) an der TU Dresden statt, bei denen traditionell linke Gruppen aus Dresden Veranstaltungen anbieten und sich vorstellen. Da die DKP-Jugendorganisation SDAJ bereits bei den Einf\u00fchrungstagen zu Semesterbeginn im Oktober 2024 mit einer eigenen Veranstaltung teilgenommen hatte, h\u00e4tte die Ank\u00fcndigung von Gruppen wie Kommunistische Organisation und Roter Aufbruch von Anfang M\u00e4rz, sich an den KRETA zu beteiligen, nicht \u00fcberraschen d\u00fcrfen. Dennoch zeigten sich die anderen linken Gruppen \u00fcberrumpelt, sagten ihre Veranstaltungen im Rahmen der KRETA ab und suchten sich, wie beispielsweise die feministische Gruppe Evibes, alternative R\u00e4ume. Statt in die Auseinandersetzung zu gehen, weicht man also eher aus.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis, dass sich in Dresden ein Problem entwickelt hat, das sich auch an bisher von Antiautorit\u00e4ren frequentierten Orten zeigt und sich nicht von selbst erledigen wird, kommt etwas zu sp\u00e4t. So d\u00fcrfen im \u00bbInternationalistischen Zentrum\u00ab in Dresden seit neustem Flyer ausliegen, in denen vom Genozid in Gaza geschrieben wird. In der anarchistischen Bibliothek Malobeo wurde der Film \u00bbForced to Flee South Lebanon\u00ab gezeigt, der die Hizbollah legitimiert.<\/p>\n<p>In Dresden kann also exemplarisch beobachtet werden, was f\u00fcr weite Teile der aktivistischen Linken Deutschlands gilt. Die zunehmende Feindseligkeit gegen kritische Theorie und der Unwille zur Reflexion des eigenen Handelns und Denkens \u00fcberf\u00fchren die tats\u00e4chliche Ohnmacht in hemmungslosen Tatendrang. Theoretische Arbeit gilt vielen als unn\u00f6tiger Ballast, welcher nur den politischen Aktivismus blockiert.<\/p>\n<p>In der Konfrontation der etablierten linken Szene Dresdens mit den eher neuen ML-artigen Gruppen offenbart sich die Bewusstlosigkeit eines zum Dogma versteinerten Anspruchs an sich und das eigene Tun. Die Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ist das Gegenteil eines kritischen Bezugs auf die gesellschaftlichen Konstitutionsmomente der eigenen Position. Die Selbstreflekxion allerdings w\u00fcrde eine Kritik der autorit\u00e4ren Bewegung erst erm\u00f6glichen, da sie ebendieser Gesellschaft und ihrer permanenten Krise entspringt. So aber zeigt man sich ratlos ob des Zulaufs, den die \u00bbroten Gruppen\u00ab verzeichnen, obwohl es doch wesentlich besser w\u00e4re, wenn die jungen Menschen an den eigenen, wahrhaft antifaschistischen, Aktivit\u00e4ten partizipierten. Das Neue ist, dass offen autorit\u00e4r auftretenden Organisationen versuchen, Strukturen wie die KRETA und politische Themen wie die Verteidigung von CSDs gegen Neonazis zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>An diesem Punkt sollte die Reflexion einsetzen: Warum werden diese Gruppen immer beliebter? Ist daf\u00fcr einzig deren geschickte \u00d6ffentlichkeitsarbeit verantwortlich?<\/p>\n<p>Die neoliberale Vergesellschaftung vollzieht sich als \u00bbDesintegration durch Integration\u00ab (Gerhard Stapelfeldt) und ist von Konkurrenzverh\u00e4ltnissen, Vereinzelung und Einsamkeit gepr\u00e4gt. Gesellschaft erscheint als be\u00e4ngstigend und fremd. Sie erzeugt best\u00e4ndiges Leiden. Dass der kollektive Zwang als eigene Vorliebe, individuelles Bed\u00fcrfnis und Selbstwirksamkeit erfahren wird, also die Subjektivit\u00e4t entscheidend pr\u00e4gt, ist Bedingung gesellschaftlicher Integration. Gleichwohl k\u00f6nnen die allt\u00e4glich erfahrenen Zumutungen bereits w\u00e4hrend der Adoleszenz zu \u00c4ngsten, diffuser Unzufriedenheit und konformistischer Rebellion f\u00fchren. Und keineswegs ist die dazu passende Politik ausschlie\u00dflich f\u00fcr Jugendliche ansprechend. Auch junge und \u00e4ltere Erwachsene sind empf\u00e4nglich f\u00fcr die autorit\u00e4re Formierung.<\/p>\n<p>Denn sie verspricht, Gemeinschaft zu stiften\u00a0\u2013 ein Versprechen, was antiautorit\u00e4re und autorit\u00e4re Linke (und mit ihnen allen anderen politischen Str\u00f6mungen) teilen. In der Gemeinschaft soll das Eigene zur\u00fcckgestellt werden. Allerdings handelt es sich um eine beziehungslose Form des Zusammenschlusses, denn eine Gemeinschaft konstituiert solches Ansinnen nur insofern, als dass ein h\u00f6heres Prinzip \u00fcber den individuellen Anspr\u00fcchen steht. Die Einzelnen sind daf\u00fcr gleichg\u00fcltig. Die Hingabe an die Sache z\u00e4hlt. Das suggeriert unmittelbare Kollektivit\u00e4t mit allen, die sich derselben Sache hingeben.<\/p>\n<p>Die Gemeinschaftsbildung ist nicht ohne eine homogenisierende Ideologie vorstellbar. Eine solche kann besonders leicht anhand konkreter gemeinsamer Feindbilder formuliert werden, wie Zionist:innen, denen eine ungeheure Macht zugeschrieben wird. Aber auch Bankiers, Reiche und Politiker:innen erf\u00fcllen den Zweck. Irgendwer soll eben m\u00f6glichst konkret f\u00fcr das gesamte Leid in dieser Gesellschaft verantwortlich sein. Die Personifizierung abstrakter gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse ist die Ersatzbefriedigung f\u00fcr den verdr\u00e4ngten Wunsch, dass das Leid beendet werden soll. Das findet seinen Ausdruck in einem manich\u00e4ischen Weltbild, autorit\u00e4rer Aggression und Unterw\u00fcrfigkeit.<\/p>\n<p>Auch die vermeintlich Antiautorit\u00e4ren fallen dem autorit\u00e4ren Sog anheim, indem sie dieser Vergesellschaftung die eigene Gemeinschaftsbildung entgegensetzen und versuchen, junge Menschen von den eigenen, also selbstverst\u00e4ndlich den \u00bbrichtigen\u00ab Ansichten zu \u00fcberzeugen. Entsprechend z\u00e4hlt einzig, dass man das richtige Ticket zieht. So werden die antideutschen und antiautorit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndlichkeiten zum Problem. Sie verhindern die Kritik an der neu aufgelegten autorit\u00e4ren Bewegung ebenso wie die daf\u00fcr n\u00f6tige Selbstreflexion. Was selbstverst\u00e4ndlich ist, stellt das Denken still. Sich einen Begriff der negativen Totalit\u00e4t, der Gesellschaft als zwanghaftem Systemzusammenhang, zu bilden, hie\u00dfe zu erkennen, dass Kritik kein Mittel ist, um zu den \u00bbrichtigen\u00ab Lehrs\u00e4tzen zu gelangen und andere von diesen zu \u00fcberzeugen, sondern ein Modus des Denkens, der beibehalten werden muss, um nicht selbst dem autorit\u00e4ren Dogmatismus zu verfallen. Stattdessen ersetzt Propaganda Reflexion.<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen verweist noch dazu auf eine kalkulierende Beziehung zu den Menschen, die man so anspricht. Dass auch dies ein autorit\u00e4res Verh\u00e4ltnis ist, wird geflissentlich unter den Tisch gekehrt. Einzig Lenins Frage \u00bbWas tun?\u00ab gilt als bedeutsam. So bleibt darauf zu insistieren, dass die Kritik gegenw\u00e4rtiger autorit\u00e4rer Bewegungen eine Gesellschaftskritik voraussetzt, welche nicht ohne Selbstreflexion auskommt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Autorit\u00e4re linke Gruppen waren in Dresden, wie in vielen St\u00e4dten der ehemaligen DDR, lange eine Ausnahmeerscheinung. 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