{"id":160725,"date":"2025-06-03T01:51:32","date_gmt":"2025-06-03T01:51:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/160725\/"},"modified":"2025-06-03T01:51:32","modified_gmt":"2025-06-03T01:51:32","slug":"unruhen-in-grossbritannien-soziale-medien-als-hetzmittel-interviews","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/160725\/","title":{"rendered":"Unruhen in Gro\u00dfbritannien: Soziale Medien als Hetzmittel \u2013 Interviews"},"content":{"rendered":"<p class=\"normal-start\">Die Fragen stellten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/ipg\/autorinnen-und-autoren\/autor\/alexander-isele\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alexander Isele<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/ipg\/autorinnen-und-autoren\/autor\/konstantin-hadzi-vukovic\/\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noopener\">Konstantin Had\u017ei-Vukovi\u0107<\/a>.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\"><strong>Gro\u00dfbritannien wird von einer Welle der Gewalt ersch\u00fcttert, Bilder von rechten Mobs, die Moscheen und Migranten angreifen und Jagd auf alles \u201eUnbritische\u201c machen, gehen um die Welt. Wie ist die Situation im Land? <\/strong><\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die Zivilgesellschaft und die Politik sind geschockt. Gro\u00dfbritannien hat anstrengende Monate hinter sich mit <a href=\"https:\/\/www.ipg-journal.de\/regionen\/europa\/artikel\/experiment-gescheitert-7629\/\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noopener\">vorgezogenen Neuwahlen, einer Wahlkampagne und einem Regierungswechsel<\/a>. Eigentlich brauchten alle eine Pause. Mitten in das ersehnte Sommerloch platzten nun diese Nachrichten. Das Thema Migration war von vielen Menschen lange nur noch an dritter Stelle der wichtigsten Themen genannt worden. Die Wirtschaft und der Nationale Gesundheitsdienst schienen wichtiger. Obwohl es berechtigte Fragen zum Thema Einwanderung gibt, ist sich die breite \u00d6ffentlichkeit einig, dass es nun auf eine perfide Art und Weise missbraucht wurde. Wie es weitergeht, ist schwer vorherzusagen. Die BBC hat mindestens 30 weitere Demonstrationen identifiziert, die von rechtsextremen Aktivisten in ganz Gro\u00dfbritannien geplant sind, aber es ist unklar, wie viel Unterst\u00fctzung diese haben werden.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\"><strong>Im Internet finden sich auf den \u00fcblichen Plattformen zahlreiche Ger\u00fcchte und Desinformationen. Es gibt Hinweise, dass diese teilweise aus dem Ausland gestreut werden. Was ist da dran? <\/strong><\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Britische Terrorexperten sind sich einig: Die Analyse der Sozialen Medien zeigt ein klares Muster von Einflussnahme, die die Menschen dazu bringen soll, nicht nur zu protestieren und sich zu versammeln, sondern auch mit Gewalt, Brandstiftung und Meuchelmord vorzugehen. Es hat in den letzten Monaten immer wieder Messerattacken auf britischen Stra\u00dfen gegeben. Erst im April war dabei ein 14-j\u00e4hriger schwarzer Junge ums Leben gekommen. Niemals hatte der berechtigte Protest dagegen jedoch dieses Ausma\u00df erreicht. In diesem Fall hat ein obskures, mit Russland verbundenes Fake-News-Outlet den T\u00e4ter von Southport als 17-j\u00e4hrigen angeblich muslimischen Asylbewerber bezeichnet, der vor einem Jahr in einem der Boote \u00fcber den \u00c4rmelkanal angekommen sei. Channel3 Now ist eine Website, die sich zwar als seri\u00f6ser amerikanischer Nachrichtendienst ausgibt, aber Behauptungen aufgrund von Spekulationen verbreitete.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"interview_antwort\">Britische Terrorexperten sind sich einig: Die Analyse der Sozialen Medien zeigt ein klares Muster von Einflussnahme.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview_antwort\">Der angebliche T\u00e4tername wurde von Tausenden mit Russland verbundenen Konten aufgegriffen und dann von russischen Staatsmedien wiederholt. Ein mit der Hooligan-Organisation English Defence League verbundener Influencer rief daraufhin zu landesweiten Protesten auf. Sein Video wurde \u00fcber eine Million Mal angesehen. Der Inhalt ist eindeutig volksverhetzend. Die Analyse auch kleinerer \u00f6ffentlicher Telegram-Gruppen ergab, dass die Falschmeldung ein gro\u00dfes Publikum erreichte, darunter auch ganz normale Menschen ohne jegliche Verbindung zu rechtsextremen Gruppen. Da viele der rechtsextremen Aktivisten bis vor kurzem auf der Plattform X gesperrt waren, riefen Nutzer \u00fcber lokale Telegram- und Facebook-Seiten spontan zu Protesten vor \u00f6rtlichen Moscheen auf. Grafiken und Memes wanderten von dort zu TikTok, X und Facebook und wurden weit verbreitet. Besonders verbreitet sind auch Live-Videos. Darin wird eine \u201epolizeiliche Unterdr\u00fcckung friedlicher Demonstranten, die \u00fcber die Ermordung wei\u00dfer Kinder besorgt sind\u201c, beschrieben, was f\u00fcr einen Solidarisierungseffekt sorgen sollte. Diese Live-Berichterstatter standen alle in direkter Verbindung zur English Defence League. Auf X wurde f\u00fcr Stimmung gesorgt, aber die Strippenzieher sa\u00dfen ganz woanders, zum Beispiel im Urlaub auf Zypern.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Nigel Farage, dessen Partei Reform UK nun mit f\u00fcnf Sitzen im Unterhaus vertreten ist, goss ebenfalls \u00d6l ins Feuer. Er griff Premierminister Keir Starmer an und behauptete f\u00e4lschlicherweise, Starmer habe alle friedlich protestierenden B\u00fcrger als rechtsradikal bezeichnet. Das f\u00fchrte dazu, dass der Hashtag \u201eStarmer\u201c \u00fcberall auf den Plattformen dominierte und es gar nicht mehr um die Gewalt ging. Es schien fast so, als w\u00fcrde man versuchen, den Begriff \u201erechtsextrem\u201c zu normalisieren und ihn zum Synonym f\u00fcr den durchschnittlichen Reform-W\u00e4hler zu machen. Die meisten Posts kamen von Pro-Reform-Konten, bei zwei Dritteln von ihnen waren die Inhalte kopiert, eingef\u00fcgt und sehr oft geteilt worden, obwohl diese Konten nicht viele Follower haben. Datenanalysten fanden auch sehr viele KI-Konten, die die Desinformationskampagne gepusht haben. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Muttergesellschaft von Cambridge Analytica, der Organisation, die f\u00fcr die Brexit-Kampagne genutzt wurde, schien ebenfalls involviert zu sein.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\"><strong>Woher kommt die Gewaltbereitschaft in Teilen der britischen Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Es ist deutlich geworden, dass die Akteure, die hinter der English Defence League stehen, bewusst provozieren und Gewalt ausl\u00f6sen wollten. John Denham, Innenminister unter Blair, verglich deren Taktik mit dem Agieren der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/British_Union_of_Fascists\" title=\"British Union of Fascists\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">British Union of Fascists<\/a> in den 1930er Jahren. Die heutige Struktur der Hooligan-Szene ist ein idealer N\u00e4hrboden f\u00fcr diese Form von Mobilisierung. Man ben\u00f6tigt keine formalisierte Mitgliederstruktur mehr, sondern steuert die Sozialen Medien \u00fcber eine Handvoll Influencer.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Das Gef\u00e4hrliche an dieser Entwicklung ist, dass es sich mittlerweile um paramilit\u00e4rische Einheiten handelt, die strategisch vorgehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview_antwort\">Es gibt zahlreiche Untersuchungen \u00fcber den sozialen Hintergrund der vornehmlich wei\u00dfen jungen M\u00e4nner, ihr niedriges Bildungsniveau, die Funktion von Gewalt zur St\u00e4rkung des Selbstwertgef\u00fchls oder die Rolle von Alkohol. W\u00e4hrend es fr\u00fcher jedoch nur Schl\u00e4gertruppen waren, planen sie heute ihre Aktionen und sind sowohl finanziell als auch international vernetzt. Das Gef\u00e4hrliche an dieser Entwicklung ist, dass es sich mittlerweile um paramilit\u00e4rische Einheiten handelt, die strategisch vorgehen. Der Staat kann nur mit pr\u00e4ventiver Polizeiarbeit, mit sozialen Programmen zur Deradikalisierung und mit einer konsequenten Strafverfolgung dagegen vorgehen. Stattdessen hat das jahrelange Sparprogramm der letzten Regierung die Sozial- und Polizeiarbeit behindert. Entscheidungstr\u00e4ger bei der Polizei sprechen davon, dass ihnen 3,2 Milliarden Pfund fehlten, um effektive Verbrechensbek\u00e4mpfung leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Die soziale Lage im Land hat sich seit 2010 radikal verschlechtert. Mehr als einer von f\u00fcnf Menschen im Vereinigten K\u00f6nigreich, 14,4 Millionen Menschen, ist von Armut betroffen. Fast drei von zehn Kindern leben in Armut. Insbesondere alleinerziehende M\u00fctter sowie Schwarze, Asiaten und andere ethnische Minderheiten sind stark von Armut betroffen. Bei den Ausschreitungen sah man jedoch keine alleinerziehenden M\u00fctter oder arme Schwarze, sondern sehr viele junge wei\u00dfe M\u00e4nner.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\"><strong>Die Zahl der \u00fcber den \u00c4rmelkanal kommenden Fl\u00fcchtlinge ist trotz strikter Asylpolitik der Tories in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Das Land wird immer wieder von ethnisch motivierten Auseinandersetzungen und Ausschreitungen von Migranten heimgesucht. Gibt es abseits der rechtsextremen Gewalt nicht auch eine legitime Unzufriedenheit in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung mit der Migrationspolitik?<\/strong><\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Unter den Tories war es nicht m\u00f6glich, die Frage von Einwanderung als Sachthema zu diskutieren. Das Thema wurde unter anderem in der Brexit-Kampagne instrumentalisiert und als <a href=\"https:\/\/yougov.co.uk\/topics\/society\/trackers\/the-most-important-issues-facing-the-country\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer noopener\">Wahlkampfthema missbraucht<\/a>. Wohl kaum ein anderes Thema l\u00e4sst sich so sehr nutzen, um von Problemen abzulenken, etwa dem R\u00fcckgang staatlicher Finanzierung f\u00fcr den Bau von Sozialwohnungen oder von fehlenden Jobs aufgrund einer ausbleibenden Industriestrategie. Fakt ist, dass die Einwanderzahlen aus Europa zur\u00fcckgegangen sind und dass die aus dem Commonwealth zugenommen haben. Ursache hierf\u00fcr ist der Brexit. Die Ausschreitungen richteten sich jedoch nicht gegen wei\u00dfe Schweden oder Franzosen, sondern sind eindeutig rassistisch motiviert.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"interview_antwort\">Fakt ist, dass die Einwanderzahlen aus Europa zur\u00fcckgegangen sind und dass die aus dem Commonwealth zugenommen haben. Ursache hierf\u00fcr ist der Brexit.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"interview_antwort\">Wie im Lehrbuch haben die Tories und mit ihr die britische Demokratie seit 2010 eine stetige Entwicklung hin zum Populismus durchlaufen und die Frage von Identit\u00e4t zu einem Schl\u00fcsselthema gemacht. Wir haben viele Jahre gesehen, in denen der Kulturkampf gepflegt wurde. Ehemalige Berater von Boris Johnson werfen den Tories vor, mit ihrer Sprache Hass gesch\u00fcrt zu haben. Die Hassrede habe sich dabei nicht nur gegen Migranten gerichtet, sondern auch gegen andere Minderheiten. Insofern w\u00e4chst die Angst auf allen Seiten.<\/p>\n<p class=\"interview_frage\"><strong>Die Ausschreitungen sind der erste gro\u00dfe Test f\u00fcr den neuen Premierminister Keir Starmer. Wie will er die Lage beruhigen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"interview_antwort\">Starmer ist ehemaliger Generalstaatsanwalt und hat Erfahrungen mit den Unruhen von 2011. Rechte Fernsehsender wie GB News bem\u00fchten sich, ihm Aussagen zu Gefl\u00fcchteten oder zur \u201epolitical correctness\u201c abzuringen, doch er \u00e4u\u00dferte sich wenig zu den kultur- und identit\u00e4tspolitischen K\u00e4mpfen. Genau das scheint auch jetzt seine Strategie zu sein. Anstatt auf die vorgeschobenen Argumente der Gewaltt\u00e4ter einzugehen, stellt er ihre Herkunft aus der Hooligan-Szene in den Vordergrund und benennt die Strippenzieher. Er griff unter anderem auch Elon Musk an. Starmer hat eine Art Taskforce ins Leben gerufen, Urlaubssperren f\u00fcr Polizisten verh\u00e4ngt und 130 zus\u00e4tzliche Einheiten mit \u00fcber 2 000 Polizisten aufgestellt. \u201eTake back our Streets\u201c war Schwerpunkt von Labour im Wahlprogramm. Der wahre Gegner scheint aber in den Sozialen Medien zu sitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Fragen stellten\u00a0Alexander Isele und Konstantin Had\u017ei-Vukovi\u0107. 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