{"id":160954,"date":"2025-06-03T03:56:16","date_gmt":"2025-06-03T03:56:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/160954\/"},"modified":"2025-06-03T03:56:16","modified_gmt":"2025-06-03T03:56:16","slug":"heute-wird-vor-allem-ueber-geld-geredet-das-fuehrt-kuenstler-aufs-falsche-gleis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/160954\/","title":{"rendered":"\u201eHeute wird vor allem \u00fcber Geld geredet \u2013 das f\u00fchrt K\u00fcnstler aufs falsche Gleis\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Unternehmen Artnet pr\u00e4gte Hans Neuendorf eine Marke des digitalen Kunsthandels. Jetzt wurde die AG verkauft. Hier erz\u00e4hlt der Pionier von den Anf\u00e4ngen und was die \u00dcbernahme durch einen britischen Investor bedeutet.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Hans Neuendorf ist der Digitalpionier des Kunstmarkts. 1989, also noch vor dem Internet, gr\u00fcndete er mit Artnet die weltweit erste virtuelle Plattform f\u00fcr Kunst \u2013 eine Mischung aus Preisdatenbank, Galerienetzwerk und Online-Magazin. 1999 ging Artnet an die B\u00f6rse, 2012 wurde Neuendorfs Sohn Jacob Pabst CEO. Aber Anteilseigner sahen beide dann als l\u00e4hmende Faktoren bei der explosiven Digitalisierung des Kunstmarkts. Am Dienstag wurde Artnet f\u00fcr 64 Millionen Euro an den britischen Shareholder, Investor und Kunstsammler Andrew Wolff von Beowolff Capital verkauft.<\/p>\n<p>Mit dieser Privatisierung wird Artnet wieder handlungsf\u00e4hig \u2013 denn seit \u00fcber sechs Jahren blockierten sich die Familie Neuendorf und ein weiterer Aktion\u00e4r, der Kunsth\u00e4ndler R\u00fcdiger Weng, gegenseitig und damit die Firma selbst: Weng hielt 29,99 Prozent der Aktien und versuchte immer wieder, den Einfluss der Familie einzud\u00e4mmen (beide besa\u00dfen die Sperrminorit\u00e4t). Nun \u00fcbertrug er seine Anteile an den ehemaligen Banker von Goldman Sachs, der im Februar Anteile der Gr\u00fcnderfamilie gekauft hatte und jetzt 65 Prozent besitzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Anwalt Pascal Decker, Aufsichtsratsvorsitzender der Artnet AG, ist das ein Befreiungsschlag. \u201eDamit wird endlich der erforderliche Kapitalzufluss erm\u00f6glicht, um beim technischen Fortschritt mitzuhalten. Jenseits der B\u00f6rse spart Artnet zudem eine enorme Summe an Verwaltungskosten. So wird das Produktportfolio ausgebaut werden k\u00f6nnen.\u201c Dass Beowolff k\u00fcrzlich auch den Artnet-Konkurrenten Artsy \u00fcbernommen hat, verleiht der Firma eine m\u00e4chtige Position, was sich auch in Personalfragen spiegeln d\u00fcrfte. Dennoch: Hans Neuendorf freut sich auf den Neuanfang. Hier erz\u00e4hlt er, wie alles begann.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Haben Sie sich als Kind f\u00fcr Kunst interessiert?<\/p>\n<p><b>Hans Neuendorf: <\/b>Ja, das fing an, als ich in Hamburg zur Volksschule ging. An der Stra\u00dfenbahnhaltestelle gab es eine Buchhandlung, wo Kunstb\u00fccher auslagen. Darin waren streichholzschachtelgro\u00dfe Abbildungen zu sehen. Farbige Bilder! Das gab es nach dem Krieg nirgendwo. Sp\u00e4ter haben mir meine Eltern das Lexikon f\u00fcr moderne Kunst von Knaur geschenkt. Ich konnte es bald auswendig.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie sind Sie dann im <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/kunsthandel\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/kunsthandel\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kunstmarkt<\/a> gelandet?<\/p>\n<p><b>Neuendorf:<\/b> Der Vater eines Schulkameraden hatte eine Sammlung von Expressionisten. Ich fragte ihn, wie er diese teuren Bilder bezahlen konnte. Er sagte: Du musst es kaufen, wenn\u2019s noch keiner will. Das wurde sp\u00e4ter mein Leitspruch. Dann wollte es das Schicksal, dass ich bei uns im Keller diesen gro\u00dfen Koffer \u00f6ffnete, der schon lange dort stand. Darin fand ich ein kleines Aquarell von Lyonel Feininger. \u00dcber den hatte ich gerade in Knaurs Lexikon gelesen! Der Vater meines Freundes vermittelte mich an einen Kunsth\u00e4ndler, der mir 3000 DM bot \u2013 damals eine astronomische Summe. Das Geld habe ich meinem Vater gegeben, denn der Koffer stammte von einem russischen Cellisten, dem er Geld geliehen hatte. Er gab mir zehn Prozent, das war mein Startkapital. Von da an trampte ich regelm\u00e4\u00dfig nach Paris. Ich kaufte Lithografien, sozusagen zur \u00dcbung, und verkaufte sie an meinen Zahnarzt. So habe ich als Student mit dem Handel angefangen. Das war gar nicht schwer \u2013 in Deutschland gab es einen Riesenhunger nach Bildern, weil alles verboten gewesen war. Also schmiss ich das Studium und mietete eine Wohnung in unserem Haus. Sie wurde meine erste Galerie, in der ich erst Hamburger K\u00fcnstlerfreunde und sp\u00e4ter Chagall zeigte. <\/p>\n<p><b>WAMS: <\/b>Ihr Aufstieg kam aber durch Pop Art, die in Deutschland noch niemand kannte.<\/p>\n<p><b>Neuendorf:<\/b> Ja, ich lernte die New Yorker Galeristin Ileana Sonnabend kennen, die einen Vertrieb in Europa aufbauen wollte. So ein junger, hungriger Typ wie ich kam ihr da gerade recht. Ich zeigte also Werke von Claes Oldenburg und Andy Warhol, die mit 40.000 DM versichert waren \u2013 das konnte damals in Deutschland keiner zahlen. Also flog ich mit Sonnabend nach New York und besuchte mit ihr die Ateliers von Lichtenstein, Oldenburg und Christo. Ich nahm das im Kopf mit zur\u00fcck und konnte es in Deutschland vermitteln. Das fand ich wunderbar. Heute bin ich froh, dass ich das nicht mehr machen muss. <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie sind Sie auf die Idee mit Artnet gekommen?<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Als ich Ende der 1970er-Jahre mit an der Pariser Kunstmesse Fiac teilnahm, fiel mir ein Mann auf, der ein Tischchen mit einem Computer aufgestellt hatte. Darauf waren Farbbilder von Kunstwerken zu sehen. Eine Traube von Leuten stand um ihn herum \u2013 Computer waren ja damals noch un\u00fcblich. Der Mann erz\u00e4hlte mir, dass seine Firma Centrox in New York diese Technik entwickelt hatte: ein digitaler Preisdatenspeicher mit Farbabbildungen. Ich fuhr hin und beteiligte mich daran \u2013 so lange, bis ich alle Aktien hatte. Denn mir war klar: Farbbilder schnell und kostenfrei von einem Punkt zum anderen zu schicken verbessert die Kommunikation f\u00fcr Galeristen enorm. Ich f\u00fcgte das Galerienetzwerk hinzu und taufte die Firma um in Artnet. 1995 kam dann das digitale Kunstmagazin: purer Luxus, aber es war das erste weltweit.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Der Vorl\u00e4ufer von Artnet News, das seit 2014 besteht. Wie erkl\u00e4ren Sie dessen Erfolg?<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Wir k\u00f6nnen hochwertigen, unabh\u00e4ngigen, investigativen und extrem schnellen Journalismus verbreiten. Das ist teuer, aber wir haben weltweit die meisten Leser und verkaufen sehr viele Anzeigen. Heute, wo man uns f\u00fcr Vernetzung nicht mehr zwingend braucht, sind sie eine wesentliche Einnahmequelle.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Was bedeutet f\u00fcr das Unternehmen nun die \u00dcbernahme?<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Sie beseitigt den jahrelangen Mangel an Kapital und erm\u00f6glicht endlich die Weiterentwicklung und das Wachstum der Firma. Artnet wird so weitergef\u00fchrt wie bisher in Abstimmung mit den ehemaligen Konkurrenten. Das entspricht meiner urspr\u00fcnglichen Vorstellung von einem digitalen Kunstmarkt.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie sehen Sie seit Ihren Anf\u00e4ngen die Entwicklung des digitalen Kunstmarkts?<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Ich war zwar Pionier, aber total naiv. Wohin das Ganze f\u00fchrt, wusste ich nicht \u2013 es war wie beim Zauberlehrling. Der Erfolg lie\u00df zehn Jahre auf sich warten, als digitale Kommunikation aufkam und der Kunstmarkt globaler wurde. Viele Leute kaufen Kunst aus Repr\u00e4sentationsgr\u00fcnden, um zu zeigen, wie kultiviert sie sind. Andere denken rein spekulativ. Und alles geht furchtbar schnell. F\u00fcr die Kunst ist das nicht f\u00f6rderlich. Artnet ist Teil davon, wenn wir von Rekordpreisen berichten. Aber mit Kunst hat das nichts zu tun. Auf der Art Basel Miami Beach wurde mal eine betuchte Familie gefragt, was sie bei dem Riesenangebot kaufen w\u00fcrde. Die Antwort lautete: Wir kaufen nur ein Bild, und zwar das teuerste. Frei nach dem Motto: Der Preis bestimmt die Qualit\u00e4t, nicht umgekehrt. <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Verdirbt das die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article253888384\/Kunstmarkt-Malerei-Malerei-Malerei-Dann-kommt-lange-nichts.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article253888384\/Kunstmarkt-Malerei-Malerei-Malerei-Dann-kommt-lange-nichts.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Motivation junger K\u00fcnstler<\/a>, weil sie den Markt von Beginn an mitdenken?<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Absolut. Fr\u00fcher war ich oft in der New Yorker Bar Max\u2019s Kansas City, dort sa\u00dfen die K\u00fcnstler zusammen mit den Galeristen. Wor\u00fcber sprach man? \u00dcber die Entwicklung der Kunst. Alle waren interessiert, es wurde schwer gek\u00e4mpft. Heute wird vor allem \u00fcber Geld geredet. Das f\u00fchrt die K\u00fcnstler aufs falsche Gleis. Wenn es bei der Karriere vor allem um Geld und Ber\u00fchmtheit geht, dann ist das ein Fehleinsatz von Ressourcen. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie haben doch mit Artnet dazu beigetragen.<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Wir konnten nicht vermeiden, Teil dieses Systems zu werden. Dass man bei uns Preise vergleichen konnte, trug stark dazu bei, dass die K\u00e4ufer mutiger wurden. Und die Galerien waren froh, dass sie sich bei uns vernetzen konnten. Unser Vorteil war, dass ein Sammler, der sich f\u00fcr einen K\u00fcnstler interessierte, auch auf K\u00fcnstler anderer Galerien stie\u00df. Wenn Sie bei uns den Namen eines K\u00fcnstlers eingeben, erhalten Sie Angebote von allen Galerien, die ihn vertreten.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Heute \u00fcbernimmt das KI.<\/p>\n<p><b>Neuendorf: <\/b>Wir arbeiten auch an einer k\u00fcnstlichen Intelligenz, die die Wertentwicklung von Kunst vorhersagt. Aber muss man wirklich in die Kristallkugel schauen? Mir gef\u00e4llt das alles \u00fcberhaupt nicht. Es dient den Spekulanten, so wie ich als Kunsth\u00e4ndler fr\u00fcher selbst einer war. Aber es gibt gewisse Entwicklungen, denen man nicht entkommen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit seinem Unternehmen Artnet pr\u00e4gte Hans Neuendorf eine Marke des digitalen Kunsthandels. Jetzt wurde die AG verkauft. 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