{"id":162571,"date":"2025-06-03T18:45:17","date_gmt":"2025-06-03T18:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/162571\/"},"modified":"2025-06-03T18:45:17","modified_gmt":"2025-06-03T18:45:17","slug":"alex-schulman-vergiss-mich-buchkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/162571\/","title":{"rendered":"Alex Schulman: \u201eVergiss mich\u201c &#8211; Buchkritik"},"content":{"rendered":"<p>Dem Ich-Erz\u00e4hler der Erz\u00e4hlung \u201eVergiss mich\u201c des Schweden Alex Schulman ist kaum ein Weg so vertraut wie die staubige Kiesstra\u00dfe, die zum alten Wochenendhaus der Familie f\u00fchrt. Doch die Situation, in der Alex Schulman sich befindet, hat nicht den Hauch von Nostalgie. Gemeinsam mit seinem Bruder Calle ist er aufgebrochen, um zu verhindern, dass ihre Mutter sich zu Tode trinkt. <\/p>\n<p>Vor drei Tagen, so hat der dritte Bruder Niklas es berichtet, hat die Mutter sich nach einem Streit im Schlafzimmer eingeschlossen. Sie geht nicht ans Telefon, wie so oft, wenn sie ihre Kinder f\u00fcr etwas bestrafen will. Alex, der Ich-Erz\u00e4hler, sp\u00fcrt, dass diese Situation eine Art von Showdown ist:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eWir fahren den holprigen Weg zum Sommerhaus hinunter, und ich bin mir bewusst, dass dies das Finale ist. Es ist das Ende einer Reise, die vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren begonnen und sich durch meine Kindheit und Jugend und mein Erwachsenenleben fortgesetzt hat, durch all die Jahre, die vergangen sind, und durch alles, was passiert ist. Es ist wie einem Theaterst\u00fcck beizuwohnen, einer Trag\u00f6die, die letzte Szene, das Ende von allem.\u201c<\/p>\n<p>              Ein rein autobiografischer Text<\/p>\n<p>Alex Schulmans Buch tr\u00e4gt keine Gattungsbezeichnung. Es ist kein autofiktionaler, sondern ein rein autobiografischer Text. Die Mutter im Buch ist Lisette Schulman, Tochter des ber\u00fchmten Schriftstellers Sven Stolpe, von dem Schulman in seinem 2018 erschienenen Roman \u201eVerbrenn all meine Briefe\u201c erz\u00e4hlt hat. <\/p>\n<p>Der Gro\u00dfvater spielt auch in \u201eVergiss mich\u201c als Ausgangspunkt aller famili\u00e4ren Schieflagen eine Rolle. Doch im Zentrum von Schulmans Aneinanderreihung eindr\u00fccklich geschilderter und beklemmender Szenen steht die Mutter. <\/p>\n<p>\u201eVergiss mich\u201c ist als Dialog \u00fcber die Zeiten hinweg inszeniert: Einem Ereignis, einer Verhaltensweise der Mutter in der Gegenwart stellt Schulman stets eine Erinnerung an ein Erlebnis in seiner Kindheit und Jugend gegen\u00fcber. So werden Strukturen sichtbar und es entsteht ein Echoraum, der angef\u00fcllt ist mit Ignoranz und seelischer Grausamkeit.<\/p>\n<p>Die Mutter hat mit dem Trinken angefangen, als der Ich-Erz\u00e4hler Alex vier oder f\u00fcnf Jahre alt war. Schleichend ging das vor sich; die Zeichen einer zunehmenden Abh\u00e4ngigkeit deutet Alex erst Jahre oder gar Jahrzehnte sp\u00e4ter: Die Unberechenbarkeit der hoch intelligenten Lisette. Die Tage, die sie im abgedunkelten Schlafzimmer verbringt. Familienabendessen im Urlaub, in denen die Stimmung je nach Alkoholpegel von Fr\u00f6hlichkeit \u00fcber Apathie in Aggression umschl\u00e4gt. <\/p>\n<p>Vor allem aber die f\u00fcr die drei kleinen S\u00f6hne unerkl\u00e4rlichen Stimmungsschwankungen der Mutter; die K\u00e4lte, mit der sie den Kindern das Gef\u00fchl gab, nicht zu existieren:<\/p>\n<p>\u201eSie sieht mich an, mit diesem Blick, den ich so gut kenne. Dem Blick aus meiner Kindheit, meiner Jugend, meinen Erwachsenenjahren. Die ganze Zeit ist er da gewesen. Dieser Blick. Man sieht kein Wei\u00df in den Augen, er ist einfach nur dunkel und verschwommen, es ist, als trieben die Augen eines anderen in ihrem Gesicht. Es ist der Blick der Unerreichbaren.&#8220;<\/p>\n<p>              Vater und S\u00f6hne werden zu Ko-Abh\u00e4ngigen<\/p>\n<p>Der wesentlich \u00e4ltere Vater und die drei Kinder werden zu Komplizen. Zu Mitabh\u00e4ngigen, die alles tun, um nach au\u00dfen hin ein heiles Bild der Familie zu vermitteln: am Telefon l\u00fcgen, Flaschen verschwinden lassen, Normalit\u00e4t simulieren. Verhaltensweisen, die sich bis ins Erwachsenenalter hinein fortsetzen.<\/p>\n<p>Als Alex Schulman eine eigene Familie hat, lassen er und seine Frau eines Abends die Mutter ihr kleines Kind h\u00fcten. Ein Vertrauensbeweis wider besseres Wissen, der in Chaos und Streit endet. Doch die Vertuschungsmechanismen, die Alex sich antrainiert hat, funktionieren selbst noch in dieser Situation.<\/p>\n<p>Die Sommerhaus-Szene, die das Buch er\u00f6ffnet, bedeutet tats\u00e4chlich eine Kehrtwende. Sp\u00e4t, sehr sp\u00e4t erst, nach Gespr\u00e4chstherapien und einer Familienaufstellung, rekonstruiert Alex jene Zeit des Davor; die wenigen Jahre, in der seine Kindheit nicht von der Sucht \u00fcberschattet war:<\/p>\n<p>\u201eAuf einem der Fotos tr\u00e4gt Mama ein Kopftuch und dr\u00fcckt ihre Nase an meinen Hinterkopf. Ich schaue nach drau\u00dfen, mein Blick ist vertr\u00e4umt. Ich sehe einen kleinen Jungen, der geborgen ist und keine Angst hat. Er wei\u00df nichts von Trauer oder Angst. Denn noch hat es nicht begonnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVergiss mich\u201c ist kein sonderlich geschickt oder gar elegant konstruiertes Buch. W\u00e4re es ein Roman, m\u00fcsste man Schulman gerade im Schlussteil einen Hang zur Sentimentalit\u00e4t bescheinigen. <\/p>\n<p>Doch darum geht es hier nicht. Die Sprache, in der Schulman aus Einzelszenen das bedr\u00fcckende Bild von emotionalen und k\u00f6rperlichen Abh\u00e4ngigkeiten zusammensetzt und von einer unerf\u00fcllten Sehnsucht nach N\u00e4he erz\u00e4hlt, ist gradlinig und unverstellt. Man will sich dagegen wehren \u2013 und ist doch am Ende nicht nur mitgenommen, sondern auch anger\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dem Ich-Erz\u00e4hler der Erz\u00e4hlung \u201eVergiss mich\u201c des Schweden Alex Schulman ist kaum ein Weg so vertraut wie die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":162572,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[33353,56661,1784,1785,56662,29,214,553,30,1319,437,56663,215],"class_list":{"0":"post-162571","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-alkoholismus","9":"tag-alkoholkrank","10":"tag-books","11":"tag-buecher","12":"tag-co-abhaengigkeit","13":"tag-deutschland","14":"tag-entertainment","15":"tag-familie","16":"tag-germany","17":"tag-schweden","18":"tag-sucht","19":"tag-sven-stolpe","20":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114620919032137920","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/162571","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=162571"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/162571\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/162572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=162571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=162571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=162571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}