{"id":162980,"date":"2025-06-03T22:26:10","date_gmt":"2025-06-03T22:26:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/162980\/"},"modified":"2025-06-03T22:26:10","modified_gmt":"2025-06-03T22:26:10","slug":"maria-lazars-der-blinde-passagier-in-duesseldorf-was-haben-sie-verbrochen-ich-bin-jude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/162980\/","title":{"rendered":"Maria Lazars \u201eDer blinde Passagier\u201c in D\u00fcsseldorf: \u201eWas haben Sie verbrochen?\u201c\u2013 \u201eIch bin Jude\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit Bert Brecht und Helene Weigel floh sie nach D\u00e4nemark, danach wurde Maria Lazar vergessen. Ihr Theaterst\u00fcck \u201eDer blinde Passagier\u201c fand man Jahrzehnte sp\u00e4ter in einer Kiste. Jetzt wird es endlich aufgef\u00fchrt \u2013 und entpuppt sich als kleines Meisterwerk.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Dass ein Theaterst\u00fcck erst \u00fcber 80 Jahre nach seiner Entstehung uraufgef\u00fchrt wird, ist ungew\u00f6hnlich. Nicht weniger ungew\u00f6hnlich ist die Geschichte dazu: Erst vor wenigen Jahren wurden im Nachlass der Schriftstellerin Maria Lazar nicht nur Kurzprosa, Essays und ein bis dahin v\u00f6llig unbekannter Roman (\u201eEs kam ganz von selbst\u201c) gefunden, sondern auch einige Theaterst\u00fccke, darunter das kleine Meisterwerk \u201eDer blinde Passagier\u201c.<\/p>\n<p>Lazar, die in der Zwischenkriegszeit als vielversprechende Autorin der Wiener Moderne galt, floh 1933 mit Bertolt Brecht und Helene Weigel nach D\u00e4nemark. Ihre j\u00e4h unterbrochene Karriere kam nie wieder in Fahrt, 1948 setzte die schwer Erkrankte ihrem Leben ein Ende. W\u00e4hrend Lazar als Schriftstellerin dem Vergessen anheimfiel, lagerte ihr literarisches Verm\u00e4chtnis unbesehen in schweren Metallkisten.<\/p>\n<p>Der Verlag DVB (f\u00fcr: Das vergessene Buch) hat das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/dvb-verlag.at\/product-author\/maria-lazar\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/dvb-verlag.at\/product-author\/maria-lazar\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Werk von Lazar<\/a> in den vergangenen Jahren zum Gl\u00fcck wieder zug\u00e4nglich gemacht, unter anderem mit dem Band \u201eDie vergessenen Theaterst\u00fccke\u201c. Und tats\u00e4chlich hat Lazar ihren Weg auf die B\u00fchne gefunden: So wurden \u201eDer Henker\u201c und \u201eDie Eingeborenen von Maria Blut\u201c am Wiener Burgtheater aufgef\u00fchrt, vor wenigen Wochen erst kam die groteske Weltuntergangskom\u00f6die \u201eDie H\u00f6lle auf Erden\u201c in Graz auf die B\u00fchne, wo auch schon \u201eDer Nebel von Dybern\u201c gegeben wurde. Und nun wurde endlich am <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.dhaus.de\/programm\/a-z\/der-blinde-passagier\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.dhaus.de\/programm\/a-z\/der-blinde-passagier\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus<\/a> \u201eDer blinde Passagier\u201c erstmals aufgef\u00fchrt, bereits in wenigen Tagen folgt das Staatstheater Mainz mit einer weiteren Inszenierung. Was Lazar in ihren letzten Lebensjahren verwehrt blieb, bekommt sie heute mit Versp\u00e4tung: die v\u00f6llig verdiente literarische Anerkennung.<\/p>\n<p>Durch eine kleine Luke unter Deck<\/p>\n<p>Regisseurin Laura Linnenbaum bringt \u201eDer blinde Passagier\u201c als klares und intensives Kammerspiel auf die B\u00fchne, auf die Daniel Roskamp ein zum Saal hin aufgeschnittenes kleines Schiff gestellt hat. Das von Philipp Baesner in robuste, graue Gew\u00e4nder gekleidete Ensemble spielt in der beklemmenden Enge dieser gebauten Vorgabe: Durch eine kleine Luke f\u00fchrt eine Leiter unter Deck, wo die Schauspieler den Kopf einziehen m\u00fcssen, um ihn sich nicht zu sto\u00dfen. Die geb\u00fcckte Haltung passt zu der Welt der Handlung: Ein von den Deutschen verfolgter Jude fl\u00fcchtet sich auf das Schiff, das Kurs auf einen d\u00e4nischen Hafen \u2013 den rettenden? \u2013 nimmt. Das ganze St\u00fcck dreht sich darum, unter beengten Verh\u00e4ltnissen den moralisch aufrechten Gang nicht aufzugeben, auch wenn es einem niemand lohnt und man vermutlich sogar irgendwo anst\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Das Geschwisterpaar Carl und Nina, gespielt von Michael F\u00fcnfschilling und Fnot Taddese, fischt in einer kalten Nebelnacht einen Fl\u00fcchtigen aus dem eisigen Hafenwasser. Dass sie damit gegen das herrschende Recht versto\u00dfen, das ihnen als Unrecht der Herrschaft erscheint, ist ihnen klar, weswegen der Fremde versteckt wird. Bald aber wissen Ninas Verlobter J\u00f6rgen (Florian Lange) und auch der Kapit\u00e4n und Vater der beiden (Rainer Philippi) Bescheid. Doch was f\u00fcr die Geschwister in einer Mischung aus Herzensinstinkt und Seefahrerehre selbstverst\u00e4ndlich ist, m\u00fcssen sie gegen das Unverst\u00e4ndnis der beiden M\u00e4nner verteidigen. W\u00e4hrend dem Kapit\u00e4n die Gesetzestreue mehr gilt als der gelebte Humanismus, finden sich auf dem Grund des eifers\u00fcchtigen Herzens von J\u00f6rgen vergiftete Ressentiments \u00fcber den \u201eJudenbengel\u201c.<\/p>\n<p>Mit der K\u00e4lte eines Macbeth<\/p>\n<p>W\u00e4hrend drau\u00dfen ein Meer aus Gewalt und Verfolgung tobt, muss die kleine Gemeinschaft in der Kaj\u00fcte \u00fcber die Ma\u00dfst\u00e4be ihres Handelns befinden \u2013 und zwar im Angesicht dessen, dass dem von Mila Moinzadeh gespielten Hartmann der Tod droht. \u201eWas haben Sie verbrochen?\u201c, fragt der Kapit\u00e4n. \u201eIch bin Jude\u201c, bekommt er zur Antwort.<\/p>\n<p>Wenn Recht und Gesetz aus den Angeln gehoben werden, welche Moral gilt dann noch? Ist die Moral notwendig aufs Private beschr\u00e4nkt oder muss sie sich, wie die Aufkl\u00e4rung forderte, in der \u00d6ffentlichkeit bew\u00e4hren und allen Gewalten trotzen? Gibt es eine Verantwortung gegen\u00fcber der gro\u00dfen Familie der Menschen oder sorgt man immer nur f\u00fcr die eigene? Kann es eine \u00fcber den kleinen Kreis der Allern\u00e4chsten hinausreichende N\u00e4chstenliebe geben? Bei Lazar werden die Widerspr\u00fcche zugespitzt: In einer b\u00f6sen Welt werden Feigheit und Unentschiedenheit zu Komplizen des B\u00f6sen.<\/p>\n<p>\u201eWas geht er uns an?\u201c, fragt J\u00f6rgen, dem man leibhaftig dabei zuschauen kann, wie er sich erst als notorisch moralisch unzust\u00e4ndig deklariert, bevor er zum Vorurteil greift, weil er den Fremden als St\u00f6renfried seiner kleinen Besitzwelt wahrnimmt. \u201eEs geht uns etwas an\u201c, ruft hingegen Carl aus, der einen praktischen Universalismus vertritt, den Linnenbaum ins Libidin\u00f6se verl\u00e4ngert, wie es auch bei Nina bereits im Text steht. Helfen werden weder der eine noch die andere dem Verfolgten, ihre Mittel sind zu beschr\u00e4nkt. In der unheimlichen Schlussszene taucht noch ihre Mutter (Minna W\u00fcndrich) auf, die das wohl erschreckendste Beispiel der zutiefst falschen Idee einer friedlichen Koexistenz mit der Gewalt bietet. \u201eEinen anderen Platz h\u00e4tte er sich schon aussuchen k\u00f6nnen\u201c, sagt sie mit der K\u00e4lte eines Macbeth, als sich Hartmann am Ende aus Hoffnungslosigkeit erschie\u00dft.<\/p>\n<p>An einer Stelle in \u201eDer blinde Passagier\u201c hei\u00dft es, dass kein Mensch, sondern ein Schicksal auf das Schiff gekommen sei. Es ist kein Fluch der G\u00f6tter, sondern einer der Gesellschaft, der auf dem verfolgten Juden lastet. Doch wo das Schicksal des Menschen der Mensch ist, kann es da nicht auch von Menschen durchbrochen werden?<\/p>\n<p>Lazars St\u00fcck hat das Zeug, ein moderner Klassiker zu werden. \u201eDer blinde Passagier\u201c ist dramatisch so geschickt gebaut, gedanklich so reich und ethisch so aufr\u00fcttelnd, dass man es tats\u00e4chlich tragisch nennen muss, dass dieser Text seit 1938 noch nie auf einer Theaterb\u00fchne gespielt wurde. Die gro\u00dfartige Inszenierung von Linnenbaum, in der am Ende das Schiff im Nebel der bis heute existierenden moralischen Unentschiedenheit untergeht, d\u00fcrfte das literarische Comeback von Maria Lazar weiter befeuern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit Bert Brecht und Helene Weigel floh sie nach D\u00e4nemark, danach wurde Maria Lazar vergessen. 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