{"id":163040,"date":"2025-06-03T22:57:17","date_gmt":"2025-06-03T22:57:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/163040\/"},"modified":"2025-06-03T22:57:17","modified_gmt":"2025-06-03T22:57:17","slug":"florian-amort-ueber-die-haendelfestspiele-halle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/163040\/","title":{"rendered":"Florian Amort \u00fcber die H\u00e4ndelfestspiele Halle"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem 1. April ist Florian Amort neuer Intendant der H\u00e4ndelfestspiele Halle und Direktor des dortigen H\u00e4ndelhauses. Zur Er\u00f6ffnung der Festspiele 2025 am 6. Juni zeigt die Oper Halle Georg Friedrich H\u00e4ndels \u201eAgrippina\u201c, Reinhard Keisers \u201eOctavia\u201c feiert am darauffolgenden Tag im historischen Goethe-Theater Bad Lauchst\u00e4dt Premiere. Zu dieser Konstellation unterhielten wir uns vorab.<\/p>\n<p><strong>Was hat Reinhard Keisers \u201eOctavia\u201c bei den H\u00e4ndelfestspielen zu suchen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Keisers \u201eDie r\u00f6mische Unruhe, oder: Die edelm\u00fctige Octavia\u201c ist nicht nur eine luxuri\u00f6s besetzte Oper mit elf Solisten und f\u00fcnf Fagotten. Sie steht auch f\u00fcr ein St\u00fcck gemeinsamer Geschichte der beiden Sachsen. Sie begegneten sich 1703 in Hamburg. Der gerade einmal achtzehnj\u00e4hrige H\u00e4ndel sammelte als Geiger und Cembalist erste B\u00fchnenerfahrungen an der Oper am G\u00e4nsemarkt, die der deutlich \u00e4ltere Keiser leitete. Als Reaktion auf H\u00e4ndels zweite, heute verschollene Oper \u201eDie durch Blut und Mord erlangte Liebe, oder: Nero\u201c 1705 sah sich Keiser von seinem Proteg\u00e9 offenbar herausgefordert \u2013 und komponierte als Antwort seine \u201eOctavia\u201c. Als H\u00e4ndel kurz darauf nach Italien reiste, hatte er laut einer Anekdote eine Abschrift der \u201eOctavia\u201c im Gep\u00e4ck. In seiner 1709 in Venedig uraufgef\u00fchrten \u201eAgrippina\u201c tauchen tats\u00e4chlich auff\u00e4llig viele musikalische Anleihen aus genau diesem Werk auf \u2013 insgesamt sechs Arien, teils nahezu w\u00f6rtlich \u00fcbernommen. Der Musikhistoriker Friedrich Chrysander, Herausgeber der ersten H\u00e4ndel-Gesamtausgabe, nahm \u201eOctavia\u201c deshalb als Supplementband auf. Was heute juristische Konsequenzen nach sich ziehen k\u00f6nnte, war damals g\u00e4ngige Praxis \u2013 zugleich ein faszinierendes Beispiel barocker Kompositionskultur.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"DSGVO Platzhalter\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/gdpr-layer.webp.webp\" loading=\"lazy\" class=\"absolute w-full\"\/> Externe Inhalte aktivieren <\/p>\n<p><strong>H\u00e4ndel hat sich also bedient \u2013 war er musikalisch ein Kleptomane?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Das klingt sehr scharf. Heute sprechen wir schnell von Plagiat \u2013 ein Urteil im Kontext des modernen Urheberrechts. Die damalige Kompositionspraxis war eine andere, man k\u00f6nnte stattdessen wertungsfrei von Intertextualit\u00e4t sprechen: H\u00e4ndel hat bei seinem Mentor und Konkurrenten Keiser nicht einfach abgeschrieben, sondern Passagen \u00fcbernommen, bearbeitet und neu kontextualisiert. Es ging nicht immer nur um Originalit\u00e4t im heutigen Sinn, sondern um Wirkung, Auff\u00fchrungspraxis und Kunstfertigkeit. H\u00e4ndel hat sich die Musik angeeignet \u2013 als kreative Strategie, aber auch als Zeichen von Selbstbehauptung, das Vorbild zu \u00fcbertreffen. Und er war nicht der Einzige: Mozart f\u00fchrte in Wien unter seinem eigenen Namen die Sinfonie G-Dur KV 444 auf \u2013 eigentlich ein Werk von Michael Haydn, nur erg\u00e4nzt durch eine langsame Einleitung. Rossini lie\u00df zu Lebzeiten keine Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen, aus Angst, man w\u00fcrde sehen, wie oft er sich selbst wiederverwertet hatte. In diesem Licht ist H\u00e4ndels Umgang mit Keisers Musik fast ein Kompliment. Und wer wei\u00df \u2013 vielleicht stammen manche Ideen sogar urspr\u00fcnglich von H\u00e4ndel selbst, aus der verschollenen \u201eNero\u201c-Partitur.<\/p>\n<p><strong>Wird das Publikum in Halle diese Bez\u00fcge zwischen \u201eOctavia\u201c und \u201eAgrippina\u201c von allein bemerken, oder w\u00e4re das ein sinnvoller Fall f\u00fcr \u201ebetreutes H\u00f6ren\u201c?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Vermutlich Letzteres. Die beiden Werke sind umfangreich, die musikalischen Zitate oft kunstvoll eingewoben. Wer \u201eAgrippina\u201c wirklich gut kennt, wird in \u201eOctavia\u201c manches wiedererkennen \u2013 aber ohne Vorkenntnisse bleibt das verborgen. Es gibt nicht einmal eine Einspielung der \u201eOctavia\u201c. Umso dankbarer bin ich, dass der MDR und der Deutschlandfunk unsere Produktion mitschneiden \u2013 so k\u00f6nnen wir die Parallelen im Nachgang f\u00fcr ein breiteres Publikum h\u00f6rbar machen.<\/p>\n<p><strong>Das Festspielmotto 2025 lautet \u201eFrischer Wind: Der junge H\u00e4ndel in Italien\u201c. War H\u00e4ndel der frische Wind f\u00fcr Italien \u2013 oder war Italien der frische Wind f\u00fcr H\u00e4ndel?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Beides. H\u00e4ndel kam als junger Mann nach Italien, aber keineswegs als unbeschriebenes Blatt. Was aus Rom \u00fcberliefert ist, zeigt einen hochbegabten, selbstbewussten Komponisten, der mit seinem Orgelspiel, seinem Auftreten und seinen Werken in h\u00f6chsten gesellschaftlichen Kreisen f\u00fcr Aufsehen sorgte. Er war kein Sch\u00fcler mehr, sondern ein professioneller Musiker mit klarem k\u00fcnstlerischen Profil. Gleichzeitig war Rom eine musikalische Schatzkammer. H\u00e4ndel begegnete dort den Komponisten Arcangelo Corelli, Alessandro Scarlatti und Antonio Caldara, lernte von der katholischen Kirchenmusik, vom r\u00f6mischen Oratorium als Ersatz f\u00fcr die dort durch p\u00e4pstliches Dekret verbotene Oper und kam in Kontakt mit den gro\u00dfen F\u00f6rderern seiner Zeit: Kardin\u00e4le, F\u00fcrsten, M\u00e4zene. Rom hat H\u00e4ndel gepr\u00e4gt \u2013 k\u00fcnstlerisch, strategisch, stilistisch. Der frische Wind wehte in beide Richtungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit dem 1. April ist Florian Amort neuer Intendant der H\u00e4ndelfestspiele Halle und Direktor des dortigen H\u00e4ndelhauses. Zur&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":163041,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1860],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,4062,17332,13,14,15,17331,860,12],"class_list":{"0":"post-163040","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-halle-saale","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-halle","15":"tag-halle-saale","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-saale","20":"tag-sachsen-anhalt","21":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114621909841736978","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/163040","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=163040"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/163040\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/163041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=163040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=163040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=163040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}