{"id":163764,"date":"2025-06-04T05:38:10","date_gmt":"2025-06-04T05:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/163764\/"},"modified":"2025-06-04T05:38:10","modified_gmt":"2025-06-04T05:38:10","slug":"altkanzlerin-in-prag-als-es-um-netanjahu-geht-wird-merkel-ploetzlich-deutlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/163764\/","title":{"rendered":"Altkanzlerin in Prag: Als es um Netanjahu geht, wird Merkel pl\u00f6tzlich deutlich"},"content":{"rendered":"<p>Angela Merkel gibt in Prag ein Interview vor Publikum. Der Auftritt beginnt als eine Art Heimspiel, doch im Laufe des Abends muss sie Entscheidungen ihrer Russlandpolitik und in der Migrationskrise verteidigen. Aufhorchen lassen ihre Worte zur israelischen Regierung.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ob sie jetzt mehr reisen k\u00f6nne, will der Moderator eingangs von Angela Merkel wissen\u00a0\u2013 notfalls inkognito? \u201eInkognito ist nicht so einfach. Eine Sonnenbrille alleine hilft nicht\u201c, antwortet Merkel und erntet wohlwollendes Gel\u00e4chter im Saal.<\/p>\n<p>Die Altkanzlerin gibt ein Live-Interview in Prag \u2013 einer Stadt, zu der sie engere Beziehungen hat, als vielen bekannt ist. In den 1980er-Jahren absolvierte sie hier drei mehrmonatige Forschungsaufenthalte.<\/p>\n<p>Die Idee, ein Interview vor Publikum stattfinden zu lassen, sei von Merkels Team ausgegangen, h\u00f6rt man von ihrem Buchverlag. Etwas ironisch wirkt es, dass die Auswahl auf das tschechische Magazin \u201eRespekt\u201c gefallen ist, dessen Schriftzug nun das B\u00fchnenbild der Lucerna-Halle rahmt \u2013 das war schlie\u00dflich auch der Wahlkampf-Slogan ihres Nachfolgers Olaf Scholz.<\/p>\n<p>Nun hat man vieles von dem, was Merkel an diesem Abend erz\u00e4hlt, bereits von ihr geh\u00f6rt. Ihre Memoiren, \u201eFreiheit\u201c, erschienen bereits im vergangenen Herbst. Nach dem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/plus239231957\/Angela-Merkel-Eine-tapfere-Kanzlerin-muss-mit-so-einem-Hund-klarkommen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/plus239231957\/Angela-Merkel-Eine-tapfere-Kanzlerin-muss-mit-so-einem-Hund-klarkommen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">medienwirksamen Interviewdeb\u00fct als Kanzlerin a.D. <\/a>im Berliner Ensemble wurde die Aufmerksamkeit geringer, zuletzt trat sie in \u00fcberschaubarem Rahmen wie dem \u201eS\u00fcdwest Presseforum Spezial\u201c auf. Oft sind es Wohlf\u00fchltermine. Nur ab und zu macht Merkel noch mit einem Zitat von der Seitenlinie von sich reden. <\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist heute so ein Abend, doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>H\u00f6rt man sich bei den Besuchern um, erf\u00e4hrt man, dass Merkel wegen ihrer Herkunft in Tschechien sehr beliebt war \u2013 zumindest bis zur <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256153326\/horst-seehofer-fatale-fehlentscheidung-frueherer-innenminister-gibt-merkel-schuld-am-afd-erfolg.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256153326\/horst-seehofer-fatale-fehlentscheidung-frueherer-innenminister-gibt-merkel-schuld-am-afd-erfolg.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fl\u00fcchtlingskrise<\/a>. Diese habe die konservative tschechische Gesellschaft in zwei H\u00e4lften gespalten. Vor allem abseits der Metropolen habe man f\u00fcr ihre Politik der offenen Grenzen kein Verst\u00e4ndnis gehabt.<\/p>\n<p>Das Befremden gab es auch umgekehrt. \u201eIch habe auch kein Verst\u00e4ndnis, dass einige L\u00e4nder gesagt haben, wir beteiligen uns nicht auch nur ein bisschen an einer Quote\u201c, erinnert sich Merkel an die Zeit um 2015 \u2013 unter besagten L\u00e4ndern befand sich auch Tschechien, Merkel spricht jedoch gezielt Ungarn an.<\/p>\n<p>Dass man \u201esyrische Fl\u00fcchtlinge hin- und herjagt, ihnen Fahrkarten gibt, ihnen keine Fahrkarten gibt, sie in Unsicherheit wiegt, daf\u00fcr hatte ich nullkommanull Verst\u00e4ndnis\u201c, bekr\u00e4ftigt sie. Sie sei der Meinung, es mache sich niemand unter Einsatz seines Lebens auf den Weg \u00fcber das Mittelmeer, wenn es nicht eine \u201egro\u00dfe Perspektivlosigkeit\u201c gebe.<\/p>\n<p>Auf die Bemerkung, in Deutschland f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlingspolitik Gegenwind bekommen zu haben, erwidert sie, gro\u00dfe Unterst\u00fctzung erfahren zu haben. Bei den Bundestagswahlen zwei Jahre sp\u00e4ter sei sie zwar \u201emit keinem tollen Ergebnis\u201c gew\u00e4hlt worden, aber konnte mit ihrer Partei wieder den Bundeskanzler stellen. Indes habe es dann auch wieder Kritik gegeben, als sie mit dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan ein Abkommen aushandelte. <\/p>\n<p>\u201eDa waren viele mittel- und osteurop\u00e4ische L\u00e4nder recht passiv\u201c, sagt Merkel. \u201eDie haben gesagt, lass die Merkel mal machen\u201c. Heute sei sie sehr froh, dass ein neues Asylsystem in der Europ\u00e4ischen Union verabschiedet wurde und hoffentlich bald in Kraft trete.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit ist in Deutschland mit der AfD eine rechte Partei durch die Fl\u00fcchtlingskrise aufgestiegen. Ob sie nicht etwas dagegen h\u00e4tte tun k\u00f6nnen \u2013 notfalls durch Entscheidungen gegen ihre Prinzipien?<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00e4tte es mir im R\u00fcckblick nie vorstellen k\u00f6nnen, dass ich zustimme, dass man bis hin zu Wasserwerfern gegen Fl\u00fcchtlinge an der deutsch-\u00f6sterreichischen Grenze versucht, diese Fl\u00fcchtlinge wieder zur\u00fcck nach \u00d6sterreich oder Ungarn zu schicken\u201c, antwortet Merkel entschieden.<\/p>\n<p>Man kann davon ausgehen, dass an diesem Abend eher Fans als Kritiker im ausverkauften Saal sind. Trotzdem bleibt es bis auf das leise Schnattern in den Kopfh\u00f6rern der G\u00e4ste \u2013 das Gespr\u00e4ch wird simultan aus dem Deutschen \u00fcbersetzt \u2013 im Publikum still. Zu viel Gravitas liegt auf den Themen, die auch heute die Weltlage bestimmen.<\/p>\n<p>Auch beim Ukraine-Krieg wird Merkel mit ihren fr\u00fcheren Entscheidungen konfrontiert. Was mache sie so sicher, dass es damals richtig war, anders zu handeln als die Polen und die Balten, die vor allem auf die Minimierung von Gaslieferungen und Abschreckung setzten?<\/p>\n<p>Dass Deutschland seine milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten schneller h\u00e4tte erh\u00f6hen m\u00fcssen, gibt Merkel zu. \u201eNur Abschreckung ohne diplomatische Kontakte habe ich nicht f\u00fcr richtig gehalten\u201c, sagt sie. Es zeige sich auch jetzt, dass Russland den Krieg aufgrund der milit\u00e4rischen St\u00e4rke der Ukraine nicht gewinnen k\u00f6nne, aber es gleichzeitig auch diplomatische Bem\u00fchungen geben m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Es sei \u201eauch manchmal eine Arbeitsteilung gewesen. Deutschland hat dann schon die diplomatischen Kontakte gemacht und die anderen haben sich auch ein bisschen darauf verlassen, dass schon jemand noch mit Putin spricht\u201c. Der Ukraine die Vorstufe zur NATO-Mitgliedschaft zu geben, habe sie f\u00fcr \u201esehr gef\u00e4hrlich\u201c gehalten \u2013 in den drei bis f\u00fcnf Jahren, in denen die Ukraine noch nicht den Schutz von Artikel 5 gehabt h\u00e4tte, h\u00e4tte Putin nicht tatenlos zugesehen. \u201eDa komme ich leider zu dem gleichen Ergebnis, dass ich es wieder so machen w\u00fcrde\u201c.<\/p>\n<p>Gegen Ende dreht sich das Gespr\u00e4ch um den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus256188442\/gaza-das-problem-mit-der-verhaeltnismaessigkeit.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus256188442\/gaza-das-problem-mit-der-verhaeltnismaessigkeit.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Krieg in Gaza<\/a>. Europ\u00e4ern werde bei ihrer Reaktion auf die Art der israelischen Kriegsf\u00fchrung oft Doppelmoral vorgeworfen, erinnert der Moderator. Merkel kontert: Die Hamas habe am 7. Oktober Israel angegriffen und vertrete die Auffassung, der Staat Israel m\u00fcsse vernichtet werden. Sie benutze erkennbar die Zivilbev\u00f6lkerung als Schild gegen die Angriffe, um selbst als Struktur zu \u00fcberleben. <\/p>\n<p>Und dann wird Merkel pl\u00f6tzlich ungew\u00f6hnlich deutlich \u2013 wesentlich deutlicher als Bundeskanzler Friedrich Merz und Au\u00dfenminister Wadephul, die k\u00fcrzlich Kritik gegen\u00fcber der Netanjahu-Regierung formulierten.<\/p>\n<p>\u201eIsrael besteht nicht nur aus Ministerpr\u00e4sident Netanjahu. Dessen Position, wie er diesen Krieg f\u00fchrt \u2013 auch mit welcher Erbarmungslosigkeit gegen die Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen \u2013 teile ich nicht\u201c, sagt Merkel. \u201eIch bin da auch auf der Seite gerade all derer, die gegen Netanjahu auch in Israel, bis hin zu hohen Milit\u00e4rs, protestieren\u201c. <\/p>\n<p>\u201eDas kann mich aber nicht dazu bringen, dass ich sage, nun werde ich aber Israel in seinem Kampf um seine Existenz nicht mehr unterst\u00fctzen\u201c, so Merkel. \u201eDie Antwort kann nicht sein, weil ich mit der Politik von Netanjahu nicht einverstanden bin, stelle ich meine Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Staat Israel und damit auch f\u00fcr die vielen, die selbst kritisch zu Netanjahu sind, infrage.&#8220; F\u00fcr diese Aussage erh\u00e4lt sie Applaus im Saal \u2013 zum ersten Mal seit Beginn des Interviews.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erinnert Merkel selbst an eine Doppelmoral in der Debatte. Durch den Krieg im Jemen hungerten gerade wahrscheinlich 15 Millionen Menschen, darunter viele Kinder, sagt Merkel. Die h\u00e4tten so gut wie gar keine Lobby. Aber: \u201eWenn es dann um Israel geht, dann wird Israel sehr an den Pranger gestellt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Angela Merkel gibt in Prag ein Interview vor Publikum. 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