{"id":165970,"date":"2025-06-05T01:34:05","date_gmt":"2025-06-05T01:34:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/165970\/"},"modified":"2025-06-05T01:34:05","modified_gmt":"2025-06-05T01:34:05","slug":"foto-kotti-die-selbstbeschraenkung-bei-der-anzahl-der-fotos-scheint-den-reiz-auszumachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/165970\/","title":{"rendered":"Foto Kotti: Die Selbstbeschr\u00e4nkung bei der Anzahl der Fotos scheint den Reiz auszumachen"},"content":{"rendered":"<p>Der Erfolg eines kleinen Fachgesch\u00e4fts in Berlin zeigt, dass die analoge Fotografie nichts von ihrem Reiz verloren hat. Ihre Anh\u00e4nger widersetzen sich damit der digitalen Bilderflut \u2013 allein durch schiere Beharrlichkeit.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Berlin-Kreuzberg, ein ungem\u00fctlich k\u00fchler Tag im Mai. Vor der Hausnummer 134 in der Skalitzer Stra\u00dfe hastet ein Junkie vorbei, ruft nach \u201eSchore\u201c. Keine f\u00fcnf Meter daneben tr\u00e4gt die Kunststudentin Lisa eine Handvoll Filmrollen \u00fcber die Schwelle von \u201eFoto Kotti\u201c. Seit 1997 wird in dem Ladenlokal, das im Erdgeschoss eines monstr\u00f6sen Wohnblocks untergebracht ist, entwickelt, gescannt und vergr\u00f6\u00dfert, der Geruch von Chemikalien liegt in der Luft. Als Anlaufstelle f\u00fcr Freunde der analogen Fotografie widersetzt sich das Labor am Kottbusser Tor der digitalen Bilderschwemme \u2013 nicht lautstark oder aktivistisch, sondern durch schiere Beharrlichkeit.<\/p>\n<p>Auf dem Tresen t\u00fcrmen sich Filme mit Aufnahmen aus Mexiko, Japan und Frankreich. An Spitzentagen jagen die Inhaber Engo Erg\u00fcn, 44, und sein Bruder Levo, 51, an die 500 Filmrollen durch ihre Maschinen. Die Leidenschaft der beiden hat tiefe Wurzeln: Schon als Teenager in der T\u00fcrkei zerlegten sie Spiegelreflexkameras aus der Sowjetunion, t\u00fcftelten an improvisierten Entwicklungsdosen und richteten im Kinderzimmer provisorische Labore ein. Mit der Unterst\u00fctzung ihres Vaters er\u00f6ffneten sie sp\u00e4ter ein kleines Fotogesch\u00e4ft in Izmir, bevor sie Anfang der 90er nach Berlin \u00fcbersiedelten.<\/p>\n<p>Dass die beiden ihr Handwerk verstehen, hat sich unter Profis ebenso herumgesprochen wie unter ambitionierten Hobbyfotografen. Zur Kundschaft von Foto Kotti geh\u00f6ren Studenten der renommierten Ostkreuzschule f\u00fcr Fotografie und der Universit\u00e4t der K\u00fcnste, Modefotografen und Magazinredakteure, aber auch Amateure, die auf hochwertige Abz\u00fcge nicht verzichten wollen. Manche von ihnen fotografieren schon immer auf Film, andere haben vor Kurzem erst damit angefangen. \u201eFilm ist das Gegenteil von Perfektion\u201c, sagt Joseph Turian, ein 44-j\u00e4hriger Amerikaner, der seit acht Jahren nur wenige Gehminuten entfernt wohnt und Foto Kotti vor einiger Zeit entdeckt hat. <\/p>\n<p>\u201eWer analog arbeitet, muss sich dem Zufall \u00fcberlassen. Man kann nicht hundert Bilder schie\u00dfen und dann das Beste ausw\u00e4hlen. Man zielt, dr\u00fcckt ab und betet, dass man den richtigen Moment erwischt hat.\u201c Mit seiner Olympus Mju, einer kleinen und handlichen Kamera, die zwischen 1996 und 2007 gebaut wurde, dokumentiert Turian die n\u00e4chtlichen Rituale von Menschen aus seinem Freundeskreis. Seine Farbaufnahmen zeigen Gesichter im Partylicht, fl\u00fcchtige Momente der Verletzlichkeit zwischen Ekstase und Ersch\u00f6pfung. \u201eMeine Protagonisten sind es gewohnt, zu posieren\u201c, sagt er. \u201eIch warte auf den Moment zwischen ihren Posen, um sie in einem nat\u00fcrlichen Zustand einzufangen.\u201c<\/p>\n<p>Obwohl heute fast jeder Mensch eine leistungsf\u00e4hige Digitalkamera mit sich herumtr\u00e4gt, die in sein Smartphone integriert ist und mit der man in nahezu unbegrenzter Zahl hochaufl\u00f6sende Bilder machen kann, erlebt die analoge Fotografie derzeit eine erstaunliche Renaissance. Und das nicht nur in Berlin, sondern \u00fcberall auf der Welt. Der Filmhersteller Kodak verzeichnete 2024 ein Umsatzplus von 38 Prozent und investierte 25 Millionen Dollar in den Ausbau seiner Fabrik in Rochester im US-Bundesstaat New York. IIlford, ein bedeutender Produzent von Schwarz-Wei\u00df-Filmen und Fotopapier, steckte ebenfalls Millionen in neue Fertigungsanlagen. Auch das Gesch\u00e4ft mit analogen Fotoapparaten lohnt sich wieder: Die Firma Pentax k\u00fcndigte eine neue 35-mm-Spiegelreflex an, die Wiedereinf\u00fchrung der klassischen Leica M6 im Jahr 2022 erwies sich als Volltreffer.<\/p>\n<p>Authentische Technik<\/p>\n<p>Das Revival der analogen Fotografie wird ausgerechnet von der Generation Z getragen, die mit dem Smartphone und seinen technischen M\u00f6glichkeiten aufgewachsen ist. An der Ostkreuzschule f\u00fcr Fotografie hat die Zahl der Bewerber in den vergangen f\u00fcnf Jahren deutlich zugenommen, ebenso an der Neuen Schule f\u00fcr Fotografie in Berlin-Mitte. Die meisten Studenten, zwischen 18 und 25 Jahre alt, und haben wenig Interesse an digitaler Technik. Gerade die Selbstbeschr\u00e4nkung bei der Anzahl der Fotos scheint den Reiz der analogen Fotografien auszumachen \u2013 und die erforderliche Pr\u00e4zision, um im Fotolabor zu vorzeigbaren Ergebnissen zu kommen. \u201eUnsere Studierenden wollen am liebsten nur mit Film arbeiten\u201c, berichtet Dozent Klaus Weber. \u201eAnalog ist f\u00fcr sie authentischer.\u201c<\/p>\n<p>Am Tresen von Foto Kotti greift Engo Erg\u00fcn derweil nach den Filmen, die in sorgsam beschrifteten Papiert\u00fcten verwahrt sind. Er verschwindet damit um die Ecke, wo sich das eigentliche Labor verbirgt. Dort rattern die Apparate mit einem Ger\u00e4usch, als k\u00f6nnten sie jeden Moment den Geist aufgeben \u2013 dabei verrichten sie seit Jahrzehnten unerm\u00fcdlich ihren Dienst.<\/p>\n<p>Nur ein Ger\u00e4t macht gerade Schwierigkeiten. Herr K\u00fchn, ein r\u00fcstiger Ruhest\u00e4ndler und ehemaliger Fuji-Servicetechniker, ist extra aus S\u00fcddeutschland angereist, um sich dem Problem zu widmen und den wertvollen Apparat zu reanimieren. K\u00fchn geh\u00f6rt zu den wenigen, die noch frei stehende Entwicklungsautomaten von Typ E6 reparieren k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Erg\u00fcn fieberhaft seine Kisten nach einem Ersatzteil durchforstet, wartet der Spezialist geduldig. Als die gesuchte Komponente endlich auftaucht, beginnt eine vorsichtige Choreografie aus Erkl\u00e4rungen und behutsamen Handgriffen, die das mechanische Herz des Labors wieder zum Schlagen bringen soll.<\/p>\n<p>Kostspieliges Material<\/p>\n<p>Im Umfeld des Fachgesch\u00e4fts hat sich eine Subkultur herausgebildet, die dem Fotografieren auf Film huldigt: Das Neuk\u00f6llner Kollektiv Dunkel verwandelte eine leer stehende Kneipe f\u00fcr 15.000 Euro in einen Gemeinschaftsdarkroom. Sonntag ist Open-Tray-Day \u2013 f\u00fcr f\u00fcnf Euro kann jeder seine eigenen Filme entwickeln. In Prenzlauer Berg teilen sich acht Hobbyfotografen eine Dunkelkammer in einem Hinterhof. Studenten der UdK planen die Wiederer\u00f6ffnung des alten Fotolabors in der Kunsthochschule. <\/p>\n<p>Dass sich die Anh\u00e4nger der analogen Fotografie organisieren, hat auch \u00f6konomische Gr\u00fcnde: Der Preise f\u00fcr die Chemikalien, die man zum Entwickeln und Fixieren des analogen Filmmaterials braucht, sind stark angezogen und haben sich Erg\u00fcn zufolge in der vergangenen f\u00fcnf Jahren verdreifacht. Auch das Filmmaterial selbst ist teuer geworden: Eine Rolle Kodak Portra 400 kostet mittlerweile 15 bis 20 Euro, Spezialsorten wie Cinestill schlagen mit mehr als 25 Euro zu Buche. Die jungen Menschen, die mit einer Pentax K1000 oder einer Canon AE-1 durch die Stra\u00dfen von Berlin ziehen, \u00fcberlegen sich deshalb bei jedem Motiv genau, ob sie auf den Ausl\u00f6ser dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Foto Kotti ist auch deshalb so beliebt bei seiner Klientel, weil die Preise etwas g\u00fcnstiger sind als bei der Konkurrenz. \u201eNoch wichtiger finde ich aber, dass die zwischenmenschliche Ebene stimmt\u201c, sagt Mirjam Siefert, eine weitere Stammkundin, die seit Jahren ihre Filme zum Entwickeln herbringt. Als Weltenbummlerin jagt sie dem Licht hinterher, immer auf der Suche nach dem magischen Moment, der sich oft nur f\u00fcr Sekundenbruchteile offenbart. Auftr\u00e4ge des Magazins \u201eMare\u201c f\u00fchren sie regelm\u00e4\u00dfig in die Ferne, wo sie mit viel Geduld an Langzeitprojekten arbeitet \u2013 Geschichten, die Zeit brauchen, um sich zu entfalten. Ihre Negative ruhen in einer eigenen Mappe im hinteren Teil des Labors \u2013 Sinnbild einer Arbeitsbeziehung, die auf Vertrauen basiert. Gelegentlich l\u00e4sst sie Fotob\u00fccher da. Erg\u00fcn hat vor, eine kleine Bibliothek aufzubauen.<\/p>\n<p>Hinten im Labor ist es Herrn K\u00fchn inzwischen gelungen, den defekten Entwicklungsautomaten wieder in Gang zu setzen. Erg\u00fcn kommt zur\u00fcck an den Tresen und erz\u00e4hlt von seinen Pl\u00e4nen: \u201eWir bauen unsere Dunkelkammer um, damit wir bald wieder hochwertige Baryt-Abz\u00fcge herstellen k\u00f6nnen.\u201c Nach Abschluss der Arbeiten soll in einem separaten Raum eine kleine Galerie entstehen, in der sowohl Newcomer als auch etablierte Fotografen der analogen Szene ihre Bilder ausstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist Abend geworden am Kottbusser Tor, auf dem Gleisen gegen\u00fcber ruckelt die Hochbahn vorbei, Lichtstrahlen sprenkeln durch die Schaufensterscheiben. Eine t\u00fcrkische Mutter l\u00e4sst noch schnell Passfotos von ihrer Tochter machen, drei Filmrollen landen im Einwurf. Der Tag endet, ein letzter Film wandert in den Automaten, die Chemikalien verrichten ihre Arbeit. Es entwickelt sich was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Erfolg eines kleinen Fachgesch\u00e4fts in Berlin zeigt, dass die analoge Fotografie nichts von ihrem Reiz verloren hat.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":165971,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,92,1885,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-165970","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-film","12":"tag-fotografie","13":"tag-germany","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114628189632383184","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=165970"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165970\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/165971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=165970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=165970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=165970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}