{"id":166641,"date":"2025-06-05T07:53:09","date_gmt":"2025-06-05T07:53:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/166641\/"},"modified":"2025-06-05T07:53:09","modified_gmt":"2025-06-05T07:53:09","slug":"fragen-an-hoerkultur-und-musikkonsum-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/166641\/","title":{"rendered":"Fragen an H\u00f6rkultur und Musikkonsum \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u200bDas Leipziger Schostakowitsch-Festival aus Anlass des 50. Todestags des Komponisten umfasste als enzyklop\u00e4dische Werkschau alle 15 Sinfonien, Kammermusik, Film- und Unterhaltungsmusik, das Vokalwerk, zwei Opern, begleitend ein Symposium und Einf\u00fchrungsvortr\u00e4ge. Es spielten das Gewandhausorchester, das Boston Symphony Orchestra und ein Projektorchester aus jungen Musikerinnen und Musikern sowie namhafte Solisten und das Quartour Danel. Anja Kleinmichel besuchte f\u00fcr den Kreuzer\u00a0mehrere Konzerte des Festivals.\u200b<\/p>\n<p>\u00bbZu DDR-Zeiten haben wir Schostakowitsch privat nicht geh\u00f6rt und m\u00f6glichst nicht gespielt, denn er galt in unseren Kreisen aufgrund der staatlichen Propaganda als sozialismuskonform\u00ab, sagt ein Leipziger Musiker und Festivalbesucher w\u00e4hrend der Konzertpause. Diese Perspektive hat sich ver\u00e4ndert. Im Westen wandelte sich mit Erscheinen der von Solomon Volkow herausgegebenen posthumen Schostakowitsch-Memoiren bereits ab 1979 die Wahrnehmung und Bewertung des Komponisten. Die Authentizit\u00e4t dieser Memoiren ist zwar umstritten, bietet aber ein Bild von den Hintergr\u00fcnden, der k\u00fcnstlerischen Zwangslage w\u00e4hrend der Stalin-\u00c4ra, von Arrangements, Zugest\u00e4ndnissen und Kompromissen, die der Komponist zu Lebzeiten einzugehen gezwungen war. Nun schien es m\u00f6glich, die Musik von ihrem ideologischen \u00dcberbau befreit zu betrachten und die affirmativen Programme hinter den Sinfonien nicht mehr zwingend w\u00f6rtlich zu nehmen.<\/p>\n<p>Heutzutage ist es daher m\u00f6glich, eine enzyklop\u00e4dische Schostakowitsch-Werkschau mit historisch neutralem Ansatz zu veranstalten, ohne sich damit ideologisch zu positionieren. Es zeigt sich aber, dass solch ein Festival Fragen an H\u00f6rkultur und Musikkonsum stellt, denn wie man es auch dreht, Schostakowitschs Sinfonien als absolute Musik zu h\u00f6ren, ist schwierig. Es bleibt Musik, die gleichzeitig die hoffnungsvollsten und dunkelsten Kapitel des letzten europ\u00e4ischen Jahrhunderts vergegenw\u00e4rtigt, deren Energie man sich kaum entziehen kann, weil sie alle Register musikalisch emotionalen Zugriffs zieht. <\/p>\n<p>Parallel zur Auff\u00fchrung des gesamten sinfonischen Werks fanden beim Festival Recitals mit Kammermusik statt, die eine andere Seite des Komponisten zeigten. Ein besonderer Akzent war hier Musik des jungen Schostakowitsch, ganz im Sinne des wilden, ungez\u00e4hmten Geistes der gesellschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Aufbruchsstimmung der 20er Jahre. Es ist die Zeit von Eisensteins \u00bbPanzerkreuzer Potemkin\u00ab, der Begeisterung f\u00fcr revolution\u00e4re Ideen und Neuerungen auch in der Kunst. Gerade das Fr\u00fchwerk verlangt mit der ersten Klaviersonate op. 12 (1926) und dem ersten Klavierkonzert mit Trompete op. 35 (1933) vor allen Dingen Spannkraft f\u00fcr rasant wechselnde krasse Gegens\u00e4tze und virtuosen Extremismus. Man gewann daf\u00fcr mit Daniil Trifonov DEN idealen Interpreten und Ausnahmek\u00fcnstler am Klavier, der mit mehreren Kammermusikrecitals, zwei Solosonaten und Klavierkonzerten eine starke Linie durch das ganze Festival zog. Mit geb\u00fcndelter Energie, grenzenloser Virtuosit\u00e4t und ergreifender Sensibilit\u00e4t entwickelte Trifonov eine Palette an Klangfarben, die bis zum \u00c4u\u00dfersten differenziert jeder musikalischen Situation ihre besondere Pr\u00e4gung gab. Wenn es die Feinsinnigkeit seiner Mitspieler erlaubte, transformierten sich die Partituren Schostakowitschs in sehr pers\u00f6nlich erfahrbare Botschaften. So in der Auff\u00fchrung der Sonate f\u00fcr Viola und Klavier op. 147, die der Komponist, gezeichnet von Krankheit, w\u00e4hrend seiner letzten Lebensmonate schrieb. Der franz\u00f6sische Bratscher Antoine Tamestit mit seiner Expertise f\u00fcr Neue Musik brachte in dieses musikalische R\u00e9sum\u00e9 viel Raunen, Andeutung, vor allen Dingen aber Zur\u00fcckhaltung und Durchl\u00e4ssigkeit ein. Die Auff\u00fchrung dieses Werks mit seinem Abschiedsgestus und gebrochenen Ankl\u00e4ngen an Beethovens Mondscheinsonate geriet damit zu einem absolut au\u00dfergew\u00f6hnlichen Musikereignis. <\/p>\n<p>Pianistin Yulianna Avdeeva beeindruckte mit einem Marathon-Recital. Sie interpretierte die 24 Pr\u00e4ludien und Fugen op. 87 am vergangenen Freitagabend. Die 48 Charakterst\u00fccke entstanden nach Schostakowitschs Aufenthalt 1950 beim Leipziger Bachfest und sind eine Reminiszenz an den Thomaskantor. Der gefeierte Cellostar Gautier Capu\u00e7on hingegen lieferte die bekannte Sonate f\u00fcr Violoncello op. 40 ganz im romantischen Duktus mit dickem Ton ab. Er verk\u00f6rperte einen Interpretentypus, der mit der F\u00e4higkeit der Klangerzeugung auf seinem wertvollen Instrument schon die halbe Miete gezahlt zu haben glaubt und sich \u00fcber Weiteres nicht den Kopf zerbrechen muss. Es scheint aber im Gegenteil, dass Schostakowitschs Musik eine interpretatorische Dringlichkeit, eine Notwendigkeit erfordert, f\u00fcr die sich die Musiker stark engagieren m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Es mag sein, dass das Genre der Kammermusik einen direkteren Zugang zu Schostakowitsch erm\u00f6glicht als die aufgeladene und auf Massenwirksamkeit angelegte Sinfonik. Das erforderliche Ma\u00df der erw\u00e4hnten interpretatorischen Dringlichkeit l\u00e4sst sich mit der inneren Distanz zur Programmatik einiger Sinfonien, die eine heutige westliche Perspektive mit sich bringt, kaum erreichen. Die Idee des Sozialismus war schon gescheitert, als Schostakowitsch dessen Sieg mit seiner XII. Sinfonie (1961), einer Huldigung an Lenin, ein Denkmal setzte. Wie ernst der Komponist das Motto des letzten Satzes, \u00fcberschrieben mit \u00bbMorgenr\u00f6te der Menschheit\u00ab zum damaligen Zeitpunkt, acht Jahre nach Stalins Tod, \u00fcberhaupt gemeint haben kann, ist nicht sicher. \u00bbIch hatte mir eine bestimmte sch\u00f6pferische Aufgabe gestellt \u00ad\u2013 ein Portrait Lenins \u2013 und endete mit einem v\u00f6llig anderen Ergebnis. Das Material widersetzte sich\u00ab, ist in Volkows Memoiren zu lesen. \u00bbIch erlebe die Musik extrem stark und baue gleichzeitig ein energetisches Schild um mich\u00ab, beschreibt eine Musikerin ihr Empfinden im Zwiespalt zwischen Musik und inhaltlichem Kontext nach der Auff\u00fchrung der XII. Sinfonie mit dem jungen Projektorchester. Noch dazu m\u00fcssen sowohl Orchestermitglieder als auch Publikum mit dem starken \u00e4sthetischen Anachronismus klarkommen. 1961, das Jahr der Urauff\u00fchrung der XII. Sinfonie ist das Jahr, in dem beispielsweise Gy\u00f6rgy Ligeti \u00bbAtmosph\u00e8res\u00ab schrieb, eine Zeit, zu der die westliche Avantgarde sich mit der Idee der seriellen Musik in ihrem Schaffen von manipulativ missbrauchbarer Musik l\u00e4ngst deutlich distanziert hatte. <\/p>\n<p>Als H\u00f6hepunkt des Festivals werden von Seiten des Gewandhauses die drei Auff\u00fchrungen von Schostakowitschs VII., der \u00bbLeningrader Sinfonie\u00ab benannt, die von Musikern des Gewandhausorchesters gemeinsam mit Musikern des Boston Symphony Orchestra gestaltet wurde. Festivalintendant Tobias Niederschlag betonte im Gespr\u00e4ch, man d\u00fcrfe die Deutungshoheit \u00fcber Schostakowitschs Musik nicht der gegenw\u00e4rtigen russischen Propaganda \u00fcberlassen. Zum Hintergrund: Am 9. August 2022, ein knappes halbes Jahr nach dem \u00dcberfall auf die Ukraine, reinszenierte Putin den 80. Jahrestag der Auff\u00fchrung von Schostakowitschs Sinfonie im belagerten Leningrad 1942 und erkl\u00e4rte die Sinfonie faktisch zu einer Hymne des Krieges gegen die Ukraine. <\/p>\n<p>Die Leningrader Sinfonie, aber auch die XI. (Das Jahr 1905) und in ihrer Fortsetzung die XII. (Das Jahr 1917), haben unbestritten das Potential, Massen zu emotionalisieren. Musik voller energetischer Elemente, die deutlich milit\u00e4risch konnotiert sind. Musik, die in gro\u00dfen Teilen auf rhythmischen Patterns mit omnipr\u00e4sentem Schlagzeug basiert, Motiven, die repetitiv und eing\u00e4ngig sind, voller Unisonopassagen, durchsetzt von Fanfarenmotiven, Marschmotivik und Chor\u00e4len. <\/p>\n<p>In den Schostakowitsch-Memoiren hei\u00dft es: \u00bbIch empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Gehei\u00df Ermordeten. Ich trauere um alle Gequ\u00e4lten, Gepeinigten, Erschossenen, Verhungerten. Es gab sie in unserem Lande schon zu Millionen, ehe der Krieg gegen Hitler begonnen hatte. (&#8230;) Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass man die Siebte die \u203aLeningrader\u2039 Sinfonie nennt. Aber in ihr geht es nicht um die Blockade. Es geht um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat. Hitler setzte nur den Schlusspunkt.\u00ab W\u00fcrde man sich vor Konzertbeginn diese Entstehungsgeschichte vergegenw\u00e4rtigen, w\u00fcrde das folgende Konzertereignis wohl zumindest Sprachlosigkeit provozieren. Die Realit\u00e4t ist eine andere. In der Sitzreihe hinter mir tuschelt es unmittelbar vor Beginn der VII., der Leningrader Sinfonie, es w\u00fcnschen zwei Damen einander \u00bbviel Spa\u00df\u00ab beim Zuh\u00f6ren. In der Pause schnurpst man dann Werbeartikel in Form von Gummib\u00e4rchen aus T\u00fctchen mit Schostakowitschs Konterfei.<\/p>\n<p>Die zwei Wochen boten ein Festival, das auch wenig bekanntes Repertoire sichtbar machte. Ein Festival, das Fragen zum Konzertbetrieb aufwarf, denn Musik zum Wohlf\u00fchlen und Jubilieren ist die Sinfonik von Schostakowitsch nicht. Dieser Fall ist f\u00fcr Musikkonsum in gro\u00dfen Konzerts\u00e4len jedoch nicht vorgesehen. Es gab nach jedem Konzert Standing Ovations und durchaus positive Stimmung. Ohne Zweifel haben die drei Klangk\u00f6rper, die f\u00fcr dieses Festival angetreten sind, Gro\u00dfes geleistet, ebenso w\u00fcrdigen muss man die unersch\u00f6pfliche Energie des Dirigenten Andris Nelsons, der in diesen Tagen 13 verschiedene Sinfonien dirigiert hat. <\/p>\n<p>W\u00e4re aber eine gemeinschaftliche Rezeptionsform von Musik vorstellbar, die Gedanken und Wissen um die Akkumulation von Geschichte einschlie\u00dft? Es ist das Wesen und auch unser Wunsch an Musik, dass sie emotionalisiert, aber m\u00f6chten wir das um jeden Preis?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u200bDas Leipziger Schostakowitsch-Festival aus Anlass des 50. 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