{"id":167857,"date":"2025-06-05T19:03:21","date_gmt":"2025-06-05T19:03:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/167857\/"},"modified":"2025-06-05T19:03:21","modified_gmt":"2025-06-05T19:03:21","slug":"feuilletonfrankfurt-de-blog-archive-kleine-buecher-bluetenlese-zum-150-geburtstag-von-thomas-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/167857\/","title":{"rendered":"feuilletonfrankfurt.de \u00bb Blog Archive \u00bb Kleine B\u00fccher-Bl\u00fctenlese zum 150. Geburtstag von Thomas Mann"},"content":{"rendered":"<p>\nVielf\u00e4ltige Ans\u00e4tze, vielf\u00e4ltige Zug\u00e4nge \u2013 und unz\u00e4hlige Fragen an ein unaussch\u00f6pfliches Werk\n<\/p>\n<p class=\"Text\">\u201eWas ist das. \u2013 Was ist das \u2026\u201c. Ein M\u00fcnchner Amateur-Lesekreis ist \u00fcberzeugt: Das sei der sch\u00f6nste Anfangssatz aller Thomas-Mann-Romane. Wobei der fragende Nachsatz ja noch den Teufel, den \u201eD\u00fcwel\u201c, heraufbeschw\u00f6rt. Damit ist bei der Geschichte der Buddenbrooks gleich ein feiner ironischer Akzent gesetzt. Kann es sein, dass das L\u00fcbecker Haus dieser namentlich ber\u00fchmtesten deutschen Gro\u00dfb\u00fcrgerfamlie jetzt, im \u00fcberall gefeierten 150. Geburtsjahr des besten deutschen Romanciers, nicht zu besichtigen ist?<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159473\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Mueller-Stahl-als-Thomas-Mann-Und-.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"402\"  \/><\/p>\n<p class=\"Text\">Iris Berben und Armin-M\u00fcller-Stahl in die \u201eBuddenbrooks\u201c, Szene aus der Verfilmung von Heinrich Breloer im Jahre 2008<\/p>\n<p class=\"Text\">Tats\u00e4chlich, es ist so. Seit f\u00fcnf Jahren ist dieses pr\u00e4chtige Haus, lange Zeit hochattraktive Pilgerst\u00e4tte aller Leser und Bewunderer, geschlossen. Und erst 2030, so die Nachricht aus der Patrizierstadt, soll es nach gr\u00fcndlicher Renovierung und einer Neukonzeption der Ausstellung als \u201eneues Buddenbrooks-Haus\u201c wiederer\u00f6ffnet werden. Zehn Jahre \u2026 da geht der Blick unweigerlich nach Paris, wo die riesige Kathedrale Notre Dame nach dem verheerenden Brand in nur f\u00fcnf Jahren pr\u00e4chtiger denn je wiedererstanden ist. (Die Thomas-Mann-Exilvilla bei Los Angelos soll nach den aktuellen Brandsch\u00e4den schon bald wieder zug\u00e4nglich sein.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159468\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Familie-Mann.jpeg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"450\"  \/><\/p>\n<p class=\"Text\">Pr\u00e4senz der Kaufmannsfamilie \u00a0Mann im L\u00fcbecker Behnehaus, Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Aber immerhin, in L\u00fcbeck will in der \u00dcbergangszeit das als Museum fungierende Stadtpalais Behnhaus ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Lebenswelt der Buddenbrooks und der L\u00fcbecker Kaufmannschaft vermitteln: einer ganz spezifischen Lebenswelt, der Thomas Mann und sein Autoren-Bruder Heinrich entstammen. Erz\u00e4hlt wird in der Ausstellung \u201eBuddenbrooks im Behnhaus\u201c von der Kindheit der beiden Senatorens\u00f6hne, auch von ihrer Rebellion gegen die als eng und muffigempfundene B\u00fcrgerwelt ihrer Herkunft. In den historischen Wohnr\u00e4umen des Behnhauses \u2013 mithin in der stilechten Atmosph\u00e4re des 19. Jahrhunderts \u2013 soll f\u00fcr die Besucher das famili\u00e4re Herkunftsmilieu lebendig werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWas ist das\u201c\u00a0\u2013 als Anfangs-Dreisatz gem\u00fcnzt auf den Kleinen Katechismus \u2013 l\u00e4sst sich in diesem Thomas-Mann-Jahr nat\u00fcrlich wandeln in den Satz:\u00a0Wer ist das?\u00a0Richtiger: Er muss in die gro\u00dfe Frage nach der Person dieses in jeder Hinsicht au\u00dferordentlichen Schriftstellers \u2013 besser: Gro\u00dfschriftstellers \u2013 \u00fcbersetzt werden. Ja, wer ist das eigentlich, dieser Thomas Mann? Und: Wer war er, was zeichnete ihn aus, was trieb ihn an, was verbarg er, was blieb sein innerstes Geheimnis, wie viele Sichtweisen gibt es? Entsprechend \u00fcberreich ist die Zahl der aktuell erschienenen B\u00fccher, die immer wieder neue Aspekte zu Leben und Werk aufgreifen oder\u00a0aufscheinen lassen; und die versuchen, Deutungen und Erkl\u00e4rungen zu finden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159477\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Woelbern-Guggolz.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"399\"  \/><\/p>\n<p>Moderator Sebastian Guggolz (re) moderierte in Manns \u201eHausverlag\u201c \u00a0S. Fischer Verlag nach der Lesung von Werner W\u00f6lbern eine \u00a0Diskussion \u00fcber die Radioansprachen , Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Der launige Moderator des morgendlichen HR-Radiomagazins, <b>Martin-Maria Schwarz<\/b>, hat sich gerade dar\u00fcber lustig gemacht. Man solle vielleicht lieber wieder Texte von Thomas Mann lesen, um dann zu sagen: Die vielen B\u00fccher \u00fcber ihn, die br\u00e4uchte man gar nicht. Nun gut \u2026 Aber einer, der das f\u00fcr die jetzige, medial schier \u00fcberbordende Geburtstagsfeier beherzigt hat, ist <b>Ulrich Tukur<\/b> \u2013 Musiker, Schriftsteller und am bekanntesten nat\u00fcrlich als Schauspieler. Er hat einen vergleichsweise schmalen Band herausgegeben, der Originaltexte unter einem Gesichtspunkt versammelt: die Liebe Manns zum Meer (\u201eMit Thomas Mann am Meer\u201c).<\/p>\n<p class=\"Text\">Erstaunlich, wie viele Bez\u00fcge es gibt, quer durch die Lebensgeschichte, von Kindheit und Jugend an. Und es ist eine vergn\u00fcgliche, viel Einsicht spendende (Wieder?-)Entdeckung, die ausf\u00fchrlichen Tagebuch-Aufzeichnungen \u201eMitfahrt mit\u00a0 \u201aDon Quijote\u2018\u201c zu lesen: einen besseren Spiegel \u00fcber \u00e4u\u00dfere Lebensumst\u00e4nde (vom Essen bis zur Kleidung und Alltagsvergn\u00fcgungen) wird man kaum finden. Und dazu noch eine perfekte Selbst-Darstellung in der Beschreibung aller literarischen Techniken und einer Kunst und Kultur umschreibenden und bewertenden \u00e4sthetischen Theorie.<\/p>\n<p class=\"Text\">Aber ganz unabh\u00e4ngig davon: Es ist von h\u00f6chstem Reiz, in den ausgew\u00e4hlten Texten \u2013 gegliedert in Bereiche wie Blicke aufs Meer, Urlaub am Meer, Seefahrtseindr\u00fccke, Tagebuch-Eintragungen zu Aufenthaltsorten \u2013 einen Grundbezug des Schriftstellers zu finden. Der zum Ende seines Lebens das pazifikgepr\u00e4gte Kalifornien, einst Exilland, eher als Heimat empfand als die Hansestadt L\u00fcbeck, die 20 Kilometer von der Ostsee trennen.<\/p>\n<p class=\"Text\">Einen sehr pers\u00f6nlichen Zugang er\u00f6ffnet <b>Oliver Fischer <\/b>mit seiner Beschreibung einer passionierten Beziehung Manns zu <b>Paul Ehrenberg<\/b>. Der Buchtitel ist ein Zitat: \u201eMan kann Liebe nicht st\u00e4rker erleben\u201c \u2013 ein Zitat, das im vollen Kontrast steht zu einer neuen Biographie von Tilmann Lahme, deren (nahezu enthusiastische) Rezension die FAZ etwas rei\u00dferisch \u00fcberschrieb: \u201eDer Mann, der nicht lieben durfte\u201c. Dieses Verdikt bezieht sich auf die Homosexualit\u00e4t des Autors, deren dr\u00e4ngende (f\u00fcr Mann: belastende) Seite an vielen anhand vieler und eindeutiger Tagebucheintr\u00e4gen eindeutig herausgearbeitet wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159475\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Heinrich-Breloer.24jpeg.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"452\"  \/><\/p>\n<p>Filmemacher, Mann-Kenner und Autor Heinrich Breloer 2024, Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Und dies immer vor dem Alltagshintergrund der Ehe mit <b>Katja Mann<\/b>, aus der immerhin sechs Kinder hervorgegangen sind (das Literaturhaus M\u00fcnchen widmet ihnen gerade eine bis zum n\u00e4chsten Februar dauernde Ausstellung unter dem Titel \u201eAnsichten einer Familie\u201c).\u00a0 Hier nun ist ein ganz au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch zu erw\u00e4hnen, das <b>Heinrich Breloer<\/b> geschrieben hat, mit einem sehr doppeldeutigen Titel: \u201eEin tadelloses Gl\u00fcck\u201c. Der Untertitel verr\u00e4t schon das Untergr\u00fcndige: \u201eDer junge Thomas Mann und der Preis des Erfolgs\u201c.<\/p>\n<p class=\"Text\"><b>Breloer<\/b> hatte zur Jahrhundertwende ein hochgelobtes, vielfach ausgezeichnetes, als Mehrteiler angelegte Fernsehwerk vorgelegt: \u201eDie Manns\u201c.Darin wird, auf der Grundlage einer jahrelang intensiv betriebenen, akribisch angelegten Recherche die komplexe Familien- und Lebensgeschichte rekonstruiert, in der von Breloer meisterhaft beherrschten Verbindung von Dokumentarmaterial und Spielszenen. In seinem jetzigen Buch nun vollzieht er eine f\u00fcr Breloer-Kenner \u00fcberraschende Wende: indem er sich auf die reine Fiktion kapriziert, in deren Zentrum das Werben des jungen L\u00fcbecker Autors um die Gunst von <b>Katia Pringsheim<\/b> steht, einer Tochter aus bestem und reichem M\u00fcnchner Hause.<\/p>\n<p class=\"Text\">Er habe sich, so Breloer, die \u201eFreiheit des romanesken Erz\u00e4hlens\u201c genommen, die sich allerdings auf Recherchen, Dokumente und Gespr\u00e4che st\u00fctze. Der Grund: \u201eZwischen der naturalistischen Genauigkeit und dem verdichteten Erz\u00e4hlen gibt es Gewinne, auf die ich nicht verzichten wollte.\u201c Worum es ihm auch gegangen sei: die in der Filmbiografie nicht vorkommende \u201eEnth\u00fcllung\u201c von Thomas Manns erotischen \u201eFantasien ins Homoerotische und die gleichzeitige Verh\u00fcllung im Text\u201c \u2013 eine \u201edramatische Geschichte\u201c, die sich in einem Wort zusammenfasse lasse: \u201eBecoming Thomas Mann\u201c.<\/p>\n<p class=\"Text\">Ob sich dieses Motto nicht nur auf den Gro\u00dfschriftsteller selbst, sondern indirekt auch auf den jetzigen Nacherz\u00e4hler (der als Fernsehmacher zu den ganz Gro\u00dfen geh\u00f6rt) beziehen l\u00e4sst? Zumindest legt das die Lekt\u00fcre des Romans nahe, nicht zuletzt wegen der Vielzahl feingedrechselter Dialoge (ein aufmerksames M\u00e4uschen ist nichts dagegen) und der inneren Entwicklungslinien. Becoming Thomas Mann \u2013 sprich: Thomas Mann zu werden \u2013, das ist schlie\u00dflich eine reizvolle Versuchung und Vorstellung in jeglicher Richtung. Wobei Breloer auch mit seiner Buddenbrooks-Verfilmung aus dem Jahr 2008 \u2013 der vierten Kino-Darstellung des Familiendramas \u2013 bewiesen hat, wie sehr ihn das Mannsche Werk fasziniert, fesselt und ihm wahrhaft am Herzen liegt, ganz unabh\u00e4ngig von der \u2013 parallel \u2013 tiefen intellektuellen Durchdringung des Werks.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159480\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Buecher.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"482\"  \/><\/p>\n<p class=\"Text\">Nur ein paar anregende Neuerscheinungen anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags von Thomas Mann, Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Das immer wieder aufgegriffene und vielf\u00e4ltig untersuchte Spannungsfeld, welches die Beziehung zwischen den Br\u00fcdern Thomas und Heinrich bestimmt hat, wird \u00fcberzeugend nachgezeichnet von <b>Hans Wisskirchen<\/b> in dem umfangreichen Band \u201eZeit der Magier\u201c (S.Fischer). Wisskirchen, Honorarprofessor f\u00fcr Neuere Deutsche Literaturgeschichte in L\u00fcbeck, ist profunder Kenner der Werke der beiden Autoren, versiert darin, auch \u00fcber zahlreiche einschl\u00e4gige Funktionen: als Kulturpolitiker ebenso wie als Gr\u00fcndungsdirektor des Buddenbrookhauses, als Pr\u00e4sident der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft und Vizepr\u00e4sident der Heinrich-Mann-Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"Text\">Sein Buch ist begrifflich so ausdifferenziert wie genau, mit detailliert herausgearbeiteten Bez\u00fcgen und Textverweisen, die aufschlussreich nachzeichnen und verstehen lassen, wie sich die Antagonismen der beiden Br\u00fcder erkl\u00e4ren lassen, was die politischen Grund\u00fcberzeugungen gerade in den Anfangsphasen bestimmt hat \u2013 republikanisch-radikal bei Heinrich, konservativ-national bei Thomas \u2013, wie hart auch die inneren und \u00e4u\u00dferen Auseinandersetzungen waren, wie gegens\u00e4tzlich die amour\u00f6sen Vorlieben und Passionen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-159482\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Mann.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"397\"  \/><\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigung mit den Manns in L\u00fcbeck, Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Das liest sich auch immer wieder verbl\u00fcffend (und mit viel Gewinn) vor dem Hintergrund der famili\u00e4ren Ausgangssituation, die schlie\u00dflich f\u00fcr beide Br\u00fcder gleich war. Offensichtlich feit auch eine solche in Traditionen verankerte Herkunft keineswegs gegen innere Anfeindungen, Eifersucht, gesellschaftliche Gegenl\u00e4ufigkeiten, harte politische Bandagen und Neid \u2013 geradezu exemplarisch l\u00e4sst sich dies bei Wisskirchen nachverfolgen.<\/p>\n<p class=\"Text\">Ein ganz anderes Kapitel schl\u00e4gt die Publizistin <b>Barbara Hoffmeister<\/b> auf, der schon \u2013 mit begleitenden Zeichnungen von Robert Gernhardt \u2013 ein mehr als k\u00f6stliches Buch zu verdanken ist: \u201eDas Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann\u201c (2005). Jetzt beschreibt sie die Beziehung Manns zum Fischer-Verlag, unter der Titel-Verwendung eines Zitats: \u201e\u2026 ich will Euch niemals verlassen\u201c. Hat in der bundesrepublikanischen Literaturgeschichte <b>Siegfried Unseld<\/b> die herausragende Rolle gespielt, so war das zur damaligen Zeit <b>Samuel Fischer<\/b>.<\/p>\n<p class=\"Text\">Es ist h\u00f6chst aufschlussreich, bei Hoffmeister \u2013 die auch eine gro\u00dfe Biografie des Verlegers vorgelegt hat \u2013 nachzulesen, wie sehr die intensiven wechselseitigen Beziehungen zwischen <b>Thomas Mann<\/b> und <b>Samuel Fischer <\/b>das schriftstellerische Werk beeinflusst haben. Geradezu am\u00fcsant ist nat\u00fcrlich zu lesen, dass <b>Thomas Mann<\/b> zutiefst skeptisch bis pessimistisch war, als es um die Aufnahme des Buddenbrook-Manuskripts ging \u2013 ein \u201egr\u00f6\u00dferes Prosawerk\u201c, zu dem Fischer den noch blutjungen Autor ausdr\u00fccklich ermutigt hatte, nachdem im Verlag 1898 die Novelle \u201eDer kleine Herr Friedemann\u201c erschienen war. Nach einem \u201eSouper\u201c mit Fischers zog Thomas Mann am folgenden Tag \u2013 es war im Jahr 1901 \u2013 ein aus seiner Sicht mehr als n\u00fcchternes Fazit: \u201eWas aus meinem Roman werden wird, das ist ein finsteres Kapitel\u201c. Nun, tats\u00e4chlich wurde daraus ein strahlender Erfolg, mit der Kr\u00f6nung durch den Nobelpreis f\u00fcr Literatur, der ihm knapp drei Jahrzehnte sp\u00e4ter,1929, zuerkannt wurde.<\/p>\n<p class=\"Text\">Weil <b>Barbara Hoffmeister<\/b> schon aus ihrer Verlagsgeschichte den Hintergrund der verlegerischen Zielvorstellungen (mit dem Grundprinzip, immer der Zeit voraus sein zu wollen, nie einem Trend hinterherzulaufen) und der internen Praktiken so gut kennt, kann sie auch das besonders intensive Verh\u00e4ltnis des (Star-) Verlegers zum (Star-)Autor in vielen Schattierungen darstellen und die Konturen dieser Beziehung in exakten Linien nachzeichnen.<\/p>\n<p class=\"Text\">Das Treuebekenntnis, das im Titel aufscheint, hat tats\u00e4chlich eine schier unglaubliche Konstanz zur Folge. Denn tats\u00e4chlich sind bei Fischer zwischen 1896 und 1955 acht Romane (darunter die Tetralogie \u201eJoseph und seine Br\u00fcder\u201c) und mehr als drei\u00dfig Erz\u00e4hlungen erschienen. Ein schon vom Umfang her unfassbar gro\u00dfes Werk, bei dem die Autorin <b>Irene D\u00e4nzer-Vanotti <\/b>f\u00fcr ein Radiofeature des Bayrischen Rundfunks zuletzt auch die religi\u00f6sen Motive und Bez\u00fcge untersucht hat. Unter dem Titel \u201eWeise Ironie und heiliger Ernst\u201c f\u00f6rdert sie Interessantes \u00fcber den Ungl\u00e4ubigen zu Tage \u2013 nicht zuletzt, dass in der Zentralfigur des Joseph-Romans wesentliche Z\u00fcge des Autors selbst zu erkennen seien.<\/p>\n<p class=\"Text\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-159474 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/87131_0-1.jpg\" alt=\"\" width=\"459\" height=\"616\"  \/><\/p>\n<p>Kurz nach Kriegsende \u2013 Thomas Manns R\u00fcckkehr nach Deutschland, Cover der Graphic Novel (Knesebeck Verlag)<\/p>\n<p class=\"Text\">Weise Ironie? Das auf jeden Fall. \u201eDie Buddenbrooks\u201c, so hie\u00df es hier gleich anfangs, beginnen mit sp\u00f6ttischer Distanz zum im Katechismus verdichteten Protestantismus. Der 1943 abgeschlossene Joseph-Roman hingegen baut die biblische Geschichte um und aus zu einem Menschheitsbild, beginnend mit einer unvordenklichen Zeit, gedeutet und beschrieben als unergr\u00fcndlicher Brunnen des Ur, einer Linie von Vergangenheiten. Ein (Menschheits-)Brunnen, aus dem aber eines sich sch\u00f6pfen l\u00e4sst: ein ewiger Faden des Erz\u00e4hle, ein heiteres Fest der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p class=\"Text\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-159471\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Grafik_ThomasMannNL.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\"  \/><\/p>\n<p>2025: Lesung der BBC-Ansprachen Thomas Manns im Frankfurter Verlagshaus S. Fischer , Foto: Petra Kammann<\/p>\n<p class=\"Text\">Unersch\u00f6pflich: Das ist das Werk Thomas Manns auf jeden Fall. Und das gilt auch f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit diesem Werk. Hier konnte es nur eine winzige Bl\u00fctenlese geben aus dem gegenw\u00e4rtig geradezu \u00fcberbordenden B\u00fccher- und Medienfest zum gro\u00dfen, zum 150. Geburtstag. Vor kurzem wurde ja auch in <strong>FeuilletonFrankfurt<\/strong> eine au\u00dfergew\u00f6hnliche, mehr als bemerkenswerte <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/2025\/03\/11\/thomas-mann-zwischen-ruinen-und-erinnerungen-eine-ungewoehnliche-graphic-novel-und-manns-rundfunkansprachen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Graphic Novel<\/a> zu Thomas Mann vorgestellt, ebenso die aufr\u00fcttelnden <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/2025\/03\/11\/thomas-mann-zwischen-ruinen-und-erinnerungen-eine-ungewoehnliche-graphic-novel-und-manns-rundfunkansprachen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Radioansprachen<\/a> des Exilautors an das deutsche Volk w\u00e4hrend der Kriegszeit. Deshalb gilt unbedingt und bis zum Ende aller literarischen Tage die Doppelfrage: Was ist das \u2026\u2013 wer ist das \u2026? Weitere Antworten werden nicht auf sich warten lassen \u2013 auch ganz ohne Kerzenglanz auf dem Kuchen aus L\u00fcbecker Marzipan.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-159487 alignleft\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/image-29.jpeg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"194\"\/><strong>Und\u2026Thomas Mann f\u00fcr kluge K\u00f6pfe!<\/strong><\/p>\n<p>Wer sein Wissen \u00fcber den Gro\u00dfschriftsteller<br \/>nochmal spielerisch mit anderen \u00fcberpr\u00fcfen will,<br \/>dem sei das Thomas Mann Quiz \u00a0mit 100<br \/>verschiedenen Fragen von <strong>Carsten Tergast<\/strong><br \/>aus dem Grupello\/Droste Verlag empfohlen<\/p>\n<p class=\"postmetadata alt\">\n<p>\t\t\t\t\t\tDieser Eintrag wurde verfasst<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tam  5. Juni 2025 um 18:37\t\t\t\t\t\tund befindet sich in der Kategorie <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/category\/buch-und-literatur\/autoren\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Autoren<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/category\/buch-und-literatur\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Buch und Literatur<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/category\/darstellende-kuenste\/film\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Film<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/category\/kultur-frankfurt\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur Frankfurt<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/category\/kultur-und-gesellschaft\/\" rel=\"category tag nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur und Gesellschaft<\/a>.<br \/>\n\t\t\t\t\t\tAntworten kannst Du auch mittels eines <a href=\"https:\/\/www.feuilletonfrankfurt.de\/2025\/06\/05\/kleine-buecher-bluetenlese-zum-150-geburtstag-von-thomas-mann\/feed\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">RSS 2.0<\/a> Feeds mitverfolgen. <\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\tBoth comments and pings are currently closed.\t\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vielf\u00e4ltige Ans\u00e4tze, vielf\u00e4ltige Zug\u00e4nge \u2013 und unz\u00e4hlige Fragen an ein unaussch\u00f6pfliches Werk \u201eWas ist das. \u2013 Was ist&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":167858,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-167857","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114632314430799593","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=167857"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167857\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/167858"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=167857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=167857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=167857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}