{"id":168436,"date":"2025-06-06T00:28:15","date_gmt":"2025-06-06T00:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/168436\/"},"modified":"2025-06-06T00:28:15","modified_gmt":"2025-06-06T00:28:15","slug":"zu-seinem-150-geburtstag-ist-thomas-manns-werk-aktueller-denn-je","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/168436\/","title":{"rendered":"Zu seinem 150. Geburtstag ist Thomas Manns Werk aktueller denn je"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Thomas Manns Wahrnehmung im Nachkriegs-Deutschland ist eng verbunden mit dieser Zeitung. Im Guten wie im Schlechten. Noch zu Manns Lebzeiten, aus Anlass seines f\u00fcnfundsiebzigsten Geburtstags, widmete die F.A.Z. dem Literaturnobelpreistr\u00e4ger am 6. Juni 1950 eine von einem Schriftstellerkollegen verfasste vergiftete Gratulation: Mann sei \u201eExponent einer bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland\u201c. Gut, wer wei\u00df schon, wer \u00adGer\u00adhard Nebel war? Aber auch der F.A.Z.-Herausgeber Joachim Fest erkl\u00e4rte Thomas Mann zusammen mit seinem Bruder Heinrich zu \u201eunwissenden Magiern\u201c \u2013 das war noch 1985.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Dabei schien der hundertste Geburtstag doch alles ge\u00e4ndert zu haben. <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Marcel Reich-Ranicki\" data-rtr-id=\"86a23f5b1c8840820e0f2974e20f3ccddf5d8e23\" data-rtr-score=\"77.926224995412\" data-rtr-etype=\"person\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/marcel-reich-ranicki\" title=\"Marcel Reich-Ranicki\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marcel Reich-Ranicki<\/a>, der Literaturchef dieser Zeitung, hatte 1975 Schriftsteller um Auskunft dazu gebeten, was ihnen Thomas Mann bedeute und was sie ihm verdankten. Daraus entstand eine ganze Beilage \u2013 Wiedergutmachung der 25 Jahre zuvor im selben Blatt ausgesprochenen Herabw\u00fcrdigung. Mit diesem Artikelkonvolut fand das Werk hierzulande neue Beachtung, die seither nicht mehr abgerissen ist. Thomas Mann gilt heute neben Kafka als der wichtigste deutschsprachige Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Auch in Amerika wurde ihm ein Bleiben unm\u00f6glich<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Als zum Jahresbeginn 2025 sein ehemaliges, mittlerweile zum Residenzhaus umgebautes Wohngeb\u00e4ude im kalifornischen Pacific Palisades, \u201edas Wei\u00dfe Haus des Exils\u201c, wie Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier es bei der \u00dcbernahme durch die Bundesrepublik genannt hat, von den verheerenden Feuern rund um Los Angeles bedroht und sein Schicksal tagelang unklar war, weil niemand mehr ins Gefahren\u00adgebiet vorgelassen wurde, sp\u00fcrte man die \u00adIntensit\u00e4t der Identifikation in Deutschland mit dem Erbe <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Thomas Mann\" data-rtr-id=\"f26392f882dd616e16304bbc0c212b32836b6912\" data-rtr-score=\"9341.270169244157\" data-rtr-etype=\"person\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/thomas-mann\" title=\"Thomas Mann\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Thomas Manns<\/a>. Das Haus blieb verschont, und just heute, nicht zuf\u00e4llig am 150. Geburtstag seines ersten Bewohners, wird es wieder ge\u00f6ffnet. Das ist das sch\u00f6nste Geburtstagsgeschenk.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Denkend, rauchend: Thomas Mann in sp\u00e4ten Jahren\" height=\"2360\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/denkend-rauchend-thomas-mann.jpg\" width=\"2985\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Denkend, rauchend: Thomas Mann in sp\u00e4ten JahrenETH-Bibliothek Z\u00fcrich, Thomas-Mann-Archiv<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Andere resultieren aus der Flut an neuen Publikationen \u00fcber Leben und Werk, bei denen immer st\u00e4rker das politische Engagement von Thomas Mann im Fokus steht. In Zeiten eines h\u00f6chst angespannten Verh\u00e4ltnisses zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten bietet die Erinnerung an einen Exponenten deutscher Kultur, der in den USA Zuflucht und eine neue Heimat fand, sowohl eine Leitschnur bez\u00fcglich des heute notwendigen Verhaltens angesichts von staatlicher Willk\u00fcr als auch eine Mahnung zur Zur\u00fcckhaltung bei allzu rascher Gleichsetzung eines totalit\u00e4ren Systems mit einer zwar taumelnden, aber noch existierenden Demokratie. Wobei auch daran er\u00adinnert werden muss, dass Thomas Mann zweimal ins Exil ging: noch einmal n\u00e4mlich 1952, als er, der seit 1944 amerikanischer Staatsb\u00fcrger war, der neuen Heimat wieder den R\u00fccken kehrte, weil ihm die Verd\u00e4chtigungs-Perfidie des McCarthyismus ein Bleiben unm\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Ein Kompass f\u00fcr die n\u00e4chsten 150 Jahre<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Werke wie die \u201eJoseph\u201c-Tetralogie, \u201eMario und der Zauberer\u201c, \u201eDer Zauberberg\u201c und allen voran \u201eDoktor Faustus\u201c bieten literarischen Anschauungsunterricht zu den Gefahren individueller politischer Verf\u00fchrbarkeit, vor allem aber kollektiver. Den Irrationalismus identifizierte Thomas Mann als Ausl\u00f6ser der deutschen Verbrechen, und das verziehen ihm viele hierzulande nicht. In seinen genuin politischen (und deshalb gegen besseres Wissen optimistischer gehaltenen) Stellungnahmen war er nach 1918 zum wortm\u00e4chtigen Verteidiger der Republik geworden, aber seine Romane erz\u00e4hlten weiter Verfallsgeschichten. Ihre gefeierte Ironie und Eleganz machen die Lekt\u00fcre des Pessimismus von Thomas Mann f\u00fcr ein breites Publikum erst m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Manche nachgeborenen Autoren sahen ihn zu tief im neunzehnten Jahrhundert verwurzelt, als dass sie ihn noch h\u00e4tten akzeptieren wollen. Reich-Ranicki schrieb einem prominenten Beitr\u00e4ger zu seiner Jubi\u00adl\u00e4umsbeilage von 1975, der mit Thomas Mann nach wie vor nichts anzufangen wusste: \u201eIch finde jeden Satz, ja jedes Wort in Ihrem Manuskript ganz und gar falsch. Aber ich habe Ihre \u00c4u\u00dferungen mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen gelesen, und wir werden sie gern und mit Vergn\u00fcgen publizieren.\u201c Solche Art von souver\u00e4nem Umgang miteinander trotz abweichender Meinungen w\u00fcnscht man sich heute mehr denn je.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Auch dazu lese man Thomas Mann. Nicht, weil er \u00fcberm\u00e4\u00dfig tolerant gewesen w\u00e4re \u2013 das war Reich-Ranicki auch nicht \u2013, sondern weil er Freude am intellektuellen Austausch hatte und diese mit seinem Schreiben vermittelt. Und mit seinem Handeln, das nicht zuletzt auch eines im Zeichen von Ex\u00adtremen war, zwischen denen Mann jeweils Balance zu wahren suchte, wie er in seiner Lebens\u00adbilanz \u201eMeine Zeit\u201c 1950 festhielt. Deshalb haben wir in ihm einen, auf den wir zwar ideologisch nicht bauen k\u00f6nnen, aber dessen politische Hell-, Ein- und R\u00fccksicht zum Kompass f\u00fcr die n\u00e4chsten 150 Jahre taugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Thomas Manns Wahrnehmung im Nachkriegs-Deutschland ist eng verbunden mit dieser Zeitung. Im Guten wie im Schlechten. 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