{"id":170627,"date":"2025-06-06T20:36:14","date_gmt":"2025-06-06T20:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/170627\/"},"modified":"2025-06-06T20:36:14","modified_gmt":"2025-06-06T20:36:14","slug":"drei-buecher-kehren-zurueck-nach-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/170627\/","title":{"rendered":"Drei B\u00fccher kehren zur\u00fcck nach Frankreich"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Es gibt B\u00fccher, die eine Geschichte erz\u00e4hlen, und es gibt B\u00fccher, die werden selbst zur Geschichte. Einb\u00e4nde aus braunem Leder, darauf goldene Schn\u00f6rke zur Zierde, drei alte B\u00fccher liegen in einem alten Holzschrank. Kay Reinhardt, ein K\u00fcnstler aus Rott am Lech, hat die B\u00e4nde entdeckt \u2013 als er 2024 das alte, verwunschene H\u00e4uschen kaufte, in dem der Holzschrank im Wohnzimmer steht. Als er das erste Buch aufschlug, fand er Hinweise: Ein Familienwappen mit L\u00f6wen, B\u00e4ren und Krone auf Seite eins, dazu die Zahl 1707 als Jahr des Drucks. Das Buch ist auf Franz\u00f6sisch verfasst und tr\u00e4gt den Titel: \u201eL\u2018ane d\u2018or\u201c. Es ist das r\u00f6mische M\u00e4rchen vom \u201eGoldenen Esel\u201c, eine Parodie auf Homers Odyssee. Reinhardt spukten die B\u00fccher ab dieser Sekunde durch den Kopf, woher kommen sie? Seine Recherche h\u00e4tte zur jahrelangen Odyssee werden k\u00f6nnen, w\u00e4re da nicht ein Notizzettel im Buch gesteckt: \u201eAndenken an Frankreich\u201c, steht da in deutscher Schreibschrift. \u201eOrganisiert im Schloss Boran sur Oise im September 42.\u201c\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    \u201eOrganisiert\u201c? Frankreich, 1942. Damals hielt die deutsche Wehrmacht das Land in ihrer Gewalt. Reinhardt erinnert sich, was er da sofort dachte: \u201eWer so ein Buch hat, der gibt es doch wieder zur\u00fcck.\u201c Damit begann seine Forschung nach der Geschichte der B\u00fccher. Die Spur f\u00fchrt ihn in die Zeit des Nationalsozialismus, zum Leben zweier franz\u00f6sischer K\u00e4mpfer im Widerstand, bis in das Schloss Boran sur Oise \u2013 und wieder zur\u00fcck. Die drei B\u00fccher sind jetzt nach Frankreich zur\u00fcckgekehrt, zur Familie, der sie geh\u00f6rten. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.\n  <\/p>\n<p>            Warum nahm der Soldat die B\u00fccher mit?<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Kay Reinhardt nimmt Platz am Fenster seiner Dachgeschosswohnung: \u201eIch hatte selbst zwei Gro\u00dfv\u00e4ter, die in den Krieg mussten.\u201c Einer der beiden habe sogar noch die Schlacht von Verdun in Frankreich \u00fcberlebt, im Ersten Weltkrieg. \u201eNach der Kriegszeit war er innerlich ein Wrack.\u201c Wenn Reinhardt davon erz\u00e4hlt, springt schnell ein Gef\u00fchl \u00fcber, was er aus diesen Geschichten gelernt hat.  Reinhardt wuchs in Leipzig auf, hat in der DDR Geschichte studiert, sp\u00e4ter zog er nach S\u00fcddeutschland und fand seine Lebensaufgabe als Zeichner, als Musiker, aber auch Museumsleiter. Reinhardt, die Geschichte, die B\u00fccher und der Frieden, alles findet zusammen im Juni 2024. Damals kauft er sich ein Reihenh\u00e4uschen, ganz dicht am historischen Kloster Wessobrunn. \u201eMit komplettem Inventar.\u201c\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Hinter der T\u00fcr des wei\u00dfen Hauses schmale Flure, steile Treppen, ein Geruch von Jahrhunderten und \u2013 Feuchtigkeit. Das Haus will Reinhardt renovieren. Am Ende des Flurs liegt das Wohnzimmer, das Reinhardt schon eingerichtet hat: Ein runder Tisch, ein Sofa, ein Kachelofen im Winkel und Bilder an der Wand. Es sind Aquarelle von K\u00fcnstlern aus der Familie, der das Haus einmal geh\u00f6rte. Es ist die Familie eines Soldaten, der im September 1942 zur Kompanie geh\u00f6rte, die das Schloss Boran sur Oise in Frankreich besetzte. Er nahm die B\u00fccher. Wieso? Um sie sp\u00e4ter zu verkaufen? Um sie zu retten? Die Frage besch\u00e4ftigt Reinhardt, auch wenn er sie nicht mehr sicher kl\u00e4ren kann. Nicht im Gespr\u00e4ch mit den Nachfahren des Soldaten, die bei der Recherche helfen, aber sich zur\u00fcckhalten. Eine Familie von Malern, von Menschen mit Herz f\u00fcr Kultur \u2013 \u201eund vielleicht hat das die B\u00fccher gerettet\u201c, sagt Reinhardt. Woher kam sein unbedingter Wunsch, die Besitzer zu finden? \u201eEs ging mir darum, ein paar Gramm Last abzulegen.\u201c\n  <\/p>\n<p>            Ein seltener Fall beim Thema Restitution<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Reinhardt recherchierte, auch ohne Franz\u00f6sischkenntnisse, \u00fcbersetzte Text mit der Hilfe von KI, suchte den Kontakt zum B\u00fcrgermeister von Boran sur Oise. \u201eEs hat sich ewig hingezogen.\u201c Hilfe fand er schlie\u00dflich in seiner Heimatstadt Leipzig, bei der Deutschen Nationalbibliothek, kurz DNB.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Steht der Begriff \u201eRestitution\u201c in den Schlagzeilen, dann meistens, weil es politisch brisant wird. Aber dieser Fall aus Wessobrunn?  \u201eSolche F\u00e4lle der Privatrestitution kommen wirklich nicht h\u00e4ufig vor\u201c, sagt Emily L\u00f6ffler von der DNB. Sie leitet in der Nationalbibliothek die Abteilung Provenienzforschung. Nach der Herkunft von B\u00fcchern zu forschen, das ist ihr Beruf.  \u201eF\u00fcr \u00f6ffentliche Einrichtungen gelten als Ma\u00dfstab f\u00fcr den NS-Kontext die Washingtoner Prinzipien von 1998\u201c, erkl\u00e4rt L\u00f6ffler. Damit verpflichten sich staatliche Institutionen, Provenienzforschung zu betreiben und f\u00fcr NS-Raubgut faire, gerechte L\u00f6sungen zu finden. Wobei diese Erkl\u00e4rung nicht f\u00fcr den Fund auf dem Dachboden im Eigenheim gilt. F\u00fcr solche F\u00e4lle gibt es nichts, das die R\u00fcckgabe regelt.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    In L\u00f6fflers Postfach landete eines Tages die Anfrage von Kay Reinhardt. Sie half in diesem Fall vor allem als Vermittlerin: Auf der anderen, der franz\u00f6sischen Seite informierte sie die Organisation CIVS, \u201eKommission f\u00fcr die Entsch\u00e4digung der Opfer von Enteignungen\u201c. So stellten sie den Kontakt her &#8211; und Kay Reinhardt traf bei einem Videogespr\u00e4ch dann bald zum ersten Mal die Familie de Moustier. Die Nachfahren aus dem franz\u00f6sischen Schloss.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Der Wert der B\u00fccher? Kay Reinhardt hat sich schlau gemacht, im Zentralen Verzeichnis Archivalischer B\u00fccher recherchiert &#8211; 1500 Euro in Summe. Aber darin liegt nicht der wahre Wert. Emily L\u00f6ffler sagt: \u201eIn vielen F\u00e4llen geht es gar nicht unbedingt nur um die Objekte selbst, sondern um das Zusammenf\u00fchren von Geschichte.\u201c Und alle Enden der Geschichte finden zusammen am 7. Mai 2025.\n  <\/p>\n<p>             \u201eEinzigartige Freundschaftsgeste\u201c: K\u00fcnstler gibt geraubte B\u00fccher zur\u00fcck<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Franz\u00f6sisches Generalkonsulat in M\u00fcnchen. Im sch\u00f6nsten Raum haben sie heute drei Fahnen aufgereiht, die bayerische, die deutsche, die franz\u00f6sische, und von einem Foto an der Wand l\u00e4chelt Emmanuel Macron. Der Generalkonsul freut sich \u00fcber die R\u00fcckkehr der B\u00fccher, er spricht von einer \u201eeinzigartigen Freundschaftsgeste\u201c. Kay Reinhardt Stimme zittert ein kleines bisschen vor R\u00fchrung, als er zu der kleinen, versammelten Runde spricht: \u201eAlles, was zur\u00fcckgegeben wird, erleichtert uns.\u201c Er sagt: \u201eFrieden kommt von hier\u201c und klopft sich zweimal auf die linke Brust. In den Sitzreihen h\u00f6ren ihm zwei Menschen aufmerksam zu: Philibert de Moustier und seine Schwester Sonja de Panafieu. Ihrer Familie, ihrem Vater und Gro\u00dfvater haben die Nazis damals das Schloss geraubt \u2013 und noch mehr. Philibert erkl\u00e4rt, dass seine Schwester die Historikerin der Familie ist. Und die Schwester ist vorbereitet, ihre Rede h\u00e4lt sie in deutscher Sprache: \u201eDer fragile Friede, der heute in der EU herrscht, besteht aus engagierten Menschen wir Ihnen\u201c, sagt sie und blickt zu Kay Reinhardt.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sonja Panafieu erkl\u00e4rt: \u201eMein ganzes Leben habe ich versucht, die Mechanismen der Barbarei, die die Menschen anrichten, zu verstehen.\u201c Einen Ordner mit Schwarz-Wei\u00df-Fotos hat sie mit nach M\u00fcnchen gebracht, Bildfunde aus Archiven, die sie erst vor kurzem entdeckt hat. Ein Dutzend Soldaten l\u00e4chelt in die Kamera. Sie posieren in Wehrmachtuniform vor dem Schloss, vor den Stufen, wie die rechtm\u00e4\u00dfigen Hausherren. \u201eBei dem Anblick blieb mein Herz stehen\u201c, erinnert sich Panafieu. Ihr Gro\u00dfvater und auch ihr Vater hatten versucht, sich zu wehren. Sie wahren Teil der R\u00e9sistance. Sie blieben im Widerstand, bis die Nazis ihren Besitz nahmen und sie ins Konzentrationslager nach Deutschland verschleppten. Der Sohn \u00fcberlebte knapp im Lager in Neuengamme bei Hamburg, der Vater starb.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sie haben die B\u00fccher wiedergewonnen und vielleicht einen neuen Freund. Philibert de Moutier l\u00e4dt Kay Reinhardt ganz offiziell ein, nach Boran sur Oise, dort will der Schlossbesitzer ein Fest f\u00fcr ihn veranstalten. Die de Moutiers haben sich von Kay Reinhardt sogar gew\u00fcnscht, dass er in den B\u00fcchern unterschreibt mit seinem Namen. Er tat etwas anderes: Ein Blatt liegt jetzt im Buch, mit einer Zeichnung von Reinhardt. Ein Esel k\u00fcsst eine Frau, eine Szene aus dem M\u00e4rchen. Inschrift: \u201eDer Goldene Esel kehrt heim nach Boran sur Oise\u201c.\n  <\/p>\n<ul data-module-id=\"DragDropModule\" class=\"flex flex-wrap justify-start group-[.no-bookmarks]:hidden\">\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Veronika Lintner<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Frankreich<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Wessobrunn<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt B\u00fccher, die eine Geschichte erz\u00e4hlen, und es gibt B\u00fccher, die werden selbst zur Geschichte. 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