{"id":171901,"date":"2025-06-07T14:38:18","date_gmt":"2025-06-07T14:38:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/171901\/"},"modified":"2025-06-07T14:38:18","modified_gmt":"2025-06-07T14:38:18","slug":"sexarbeit-trifft-kirche-in-leipzig-gespraech-mit-der-wissenschaftlerin-teil-3-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/171901\/","title":{"rendered":"Sexarbeit trifft Kirche in Leipzig \u2013 Gespr\u00e4ch mit der Wissenschaftlerin (Teil 3) \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages des \u201eHurenaufstands\u201c in Lyon veranstalteten das B\u00fcndnis Hurenaufstand 1975, bestehend aus Sexarbeitenden, Vertreter\/-innen der Peterskirche Leipzig sowie der Gesellschaft f\u00fcr Sexarbeits- und Prostitutionsforschung, einen offenen Dialograum in der Peterskirche Leipzig. Wir berichteten in Teil 1 und 2 \u00fcber die Hintergr\u00fcnde und interviewten Pfarrerin Christiane Dohrn und zwei Sexarbeiterinnen.<\/p>\n<p>Sexarbeit wird auch wissenschaftlich erforscht. Wir trafen Sozial- und Geschlechterwissenschaftlerin Giovanna Gilges (B.A. Kulturp\u00e4dagogik, M.A. Gender Studies), die zum Thema \u201eSchwanger-sein in der Sexarbeit\u201c an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum promoviert zum Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/af02dd4952c8459999065ff16147d6ec.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/06\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/06\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p><b>Hallo Frau Gilges, sch\u00f6n, dass es geklappt hat. Sagen Sie uns doch zuerst etwas \u00fcber Ihre Person und Ihr Forschungsgebiet.<\/b><\/p>\n<p>Ich bin Giovanna Gilges, Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung und darin mit den Schwerpunkten Elternschaft und Schwangerschaft im Kontext der Sexarbeit. Also ich setze mich mit der Schwangerenversorgung auseinander, mit sexuellen Rechten und reproduktiven Rechten, im Allgemeinen im Kontext von Sexarbeit.<\/p>\n<p><b>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass eine Sexarbeiterin in der Schwangerschaftsberatung einerseits die Frage gestellt bekommt: Wissen Sie \u00fcberhaupt, von wem das Kind ist? Andererseits ist es wahrscheinlich problematisch, sich in Kindergarten und Schule zu diesem Beruf zu bekennen. Kann man das so sagen?<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Gilges.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-626273 size-medium\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Gilges-250x375.jpg\" alt=\"Giovanna Gilges\" width=\"250\" height=\"375\"  \/><\/a>Giovanna Gilges. Bildrechte: Schattauer Verlag<\/p>\n<p>Genau, das sind zwei Aspekte, die zu beachten sind und mit denen sich sowohl Sexarbeitende als auch Fachberatungsstellen auseinandersetzen und die ich im Kontext meiner Forschung erhebe, sammele und verarbeite. Diese beiden Sachen, also Elternschaft und Sexarbeit, haben wir in einem Vortrag mit Ella, mit Delia von der Fachberatungsstelle und mir, am Mittwoch behandelt.<\/p>\n<p>Es ist durchaus so, dass, wie Sie eben sagten, Sexarbeitende an sich schon sehr starken Stigmata und Diskriminierungen ausgesetzt sind, mit denen sie dann in irgendeiner Weise umgehen m\u00fcssen. Zumeist m\u00fcssen sie darauf achten, wem erz\u00e4hlen sie von ihrer Arbeit und wem nicht, also in Folge ein Doppelleben f\u00fchren. Stigmaerfahrung und Diskriminierung erh\u00f6hen sich dann nochmal auf einer weiteren Ebene, wenn es um Eltern geht, weil dann ein Bild der Mutter oder eines Elternteils in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nicht zusammenpasst, mit dem Hure sein.\u00a0<\/p>\n<p>Da muss man dann in seiner Selbstidentifizierung als Sexarbeitende, als Mutter gucken, wo man steht. Erz\u00e4hle ich es meinem Kind, erz\u00e4hle ich es meinem Kind nicht, wann erz\u00e4hle ich es dem Kind und wie gehe ich mit einem so starken Geheimnis meinem eigenen Kind gegen\u00fcber um? Das sind alles Aspekte, die es schwierig machen, aufgrund des Stigmas, welches wir als Gesellschaft auf sie \u00fcbertragen.\u00a0<\/p>\n<p>Das zieht sich dann auch in der medizinischen Versorgung fort, wenn eine Person schwanger ist und dann entweder zur Gyn\u00e4kologin oder zur Hebamme geht. Da muss man sich \u00fcberlegen, ob man sich outet als sexarbeitende Person.\u00a0<\/p>\n<p>Auch in der Medizin oder im Gesundheitswesen herrschen noch viele Vorurteile und Unwissenheit.\u00a0Man muss sich dann \u00fcberlegen: Setze ich mich dem aus als sexarbeitende Person? Ja, auch als sehr vulnerable Person. Wenn ich zu einer \u00c4rztin, zu einem Arzt gehe, bin ich immer vulnerabel und verletzlich und muss ich dann auch noch diese m\u00f6glichen Diskriminierungen ertragen oder verschweige ich es einfach und sag was anderes, was ich beruflich mache.<\/p>\n<p>Was aber in der Folge bedeuten kann, dass, wenn ich nicht transparent genug mit meinen Lebensumst\u00e4nden bin, vielleicht eine Diagnostik oder eine Versorgung aus medizinischer Seite nicht so erfolgen kann, wie sie vielleicht sein sollte. Da kommen unglaublich viele Facetten nochmal extra dazu.<\/p>\n<p><b>Sie forschen ja wahrscheinlich nicht als Selbstzweck, es wird ein Ergebnis geben. Was ist Ihre Zielstellung?<\/b><\/p>\n<p>In meiner Promotionsforschung schaue ich mir das Schwanger-sein in der Sexarbeit an. Das hei\u00dft, ich habe mit Sexarbeitenden Interviews gemacht und mit denen gesprochen, die w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft einen Zeitraum \u00fcber weiter in der Sexarbeit gearbeitet haben. Die Zeitr\u00e4ume lagen zwischen drei Monaten bis kurz vor der Geburt. Ich bin mit denen dann ins Gespr\u00e4ch gegangen dar\u00fcber, einerseits wie die Schwangerschaft und die k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen oder Schwangerschaftsbelastungen ihre Arbeit beeinflusst haben.<\/p>\n<p>Also, welche Wirkungen hatte das Schwanger-sein auf die Arbeit? Aber auch andersrum, welche Auswirkungen hat die Arbeit auf die Schwangerschaft? Das unter der Pr\u00e4misse, dass ich hier mit selbstst\u00e4ndig t\u00e4tigen, arbeitenden Schwangeren zu tun habe wie beispielsweise freiberuflich t\u00e4tige Journalist\/-innen oder Handwerksmeister\/-innen.<\/p>\n<p>Welche Auswirkungen haben Schwangerschaft und die Sexarbeit wechselseitig? Sowohl auf k\u00f6rperlicher Ebene, auf struktureller Ebene als auch auf emotionaler Ebene. Wie ist der Umgang? Ver\u00e4ndert sich der Umgang zu den Kolleg\/-innen? Ver\u00e4ndert sich der Umgang zu den Kund\/-innen? Muss ich meine Arbeit in irgendeiner Weise, beispielsweise mein Dienstleistungsrepertoire, ver\u00e4ndern? Aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden vielleicht?<\/p>\n<p>Das arbeite ich alles raus und gehe sicherlich auch dann darauf ein, welche Belastungsfaktoren es gibt. Warum ich das mache, fragen Sie. Welches Ziel, welchen Selbstzweck hat das? Wir haben kaum Kenntnisse in dieser Sache, zu der Situation, schwanger in der Sexarbeit zu arbeiten. Da gibt es keine strukturiert aufgearbeiteten Kenntnisse, die wir in die Sexarbeit oder ins Gesundheitswesen tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir behelfen uns beispielsweise in der Hebammenwissenschaft oder in den gyn\u00e4kologischen Arbeitsbereichen, mit Grundwissen und das bezieht sich meist auf sexuell \u00fcbertragbare Krankheiten. Denn: Was ist Prostitution? Prostitution wird zumeist verstanden als vaginaler penetrativer Geschlechtsverkehr und dann kommen wir schon schnell ins Thema sexuell \u00fcbertragbare Krankheiten und bleiben sehr darauf beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Dass Sexarbeit aber mehr sein kann oder mehr ist und, dass wir da eben auch wirklich individuell auch gucken m\u00fcssen, wie sich Schwanger-sein und Sexarbeiten verh\u00e4lt, ist wichtig, um der schwangeren Person gerecht zu werden. <\/p>\n<p><b>Sie sprachen von der Promotion. Wann soll die fertig sein und was machen Sie aktuell?<\/b><\/p>\n<p>Ja, die soll fertig sein. Ich gehe davon aus, dass ich das Wissen, das ich generiere, 2027 zur\u00fcckspielen kann in die Wissenschaftsbereiche und in die Sexarbeit. Das dauert noch eine Weile, bis ich verteidigt habe, bis ich publiziert habe, bis ich den Titel tragen darf.<\/p>\n<p>Ich mache jetzt schon Lehre in den Hebammenwissenschaften zum Beispiel, Fortbildungen und Seminare f\u00fcr Medizinstudierende und gehe genau auf diese Aspekte ein: Was ist Elternschaft, was ist Diskriminierung in der Medizin gegen\u00fcber Sexarbeitenden? Dadurch kann bereits Sensibilisierungsarbeit und Aufkl\u00e4rungsarbeit geleistet werden. Das passiert jetzt schon parallel, das Wissen wird schon eingebracht, aber so wie ich es haben will, kommt das dann 2027.<\/p>\n<p><b>Frau Gilges, ich bedanke mich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und w\u00fcnsche Ihnen viel Erfolg.<\/b><\/p>\n<p>Anmerkung des Autors: Seit 50 Jahren gibt es den internationalen Hurentag, die Veranstaltung in der Peterskirche machte darauf aufmerksam, dass sexarbeitende Menschen immer noch stigmatisiert und diskriminiert werden. Vielleicht hat der oder die eine einige Gedankenanst\u00f6\u00dfe zu diesem Thema mitgenommen.<\/p>\n<p>Wir bedanken uns bei unseren Gespr\u00e4chspartnerinnen und Gespr\u00e4chspartnern, die hier nicht alle zu Wort kommen konnten.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Anl\u00e4sslich des 50. 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