{"id":172141,"date":"2025-06-07T16:49:11","date_gmt":"2025-06-07T16:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/172141\/"},"modified":"2025-06-07T16:49:11","modified_gmt":"2025-06-07T16:49:11","slug":"polen-im-ruhrgebiet-ein-roman-erzaehlt-vom-schmerzlichen-prozess-der-eindeutschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/172141\/","title":{"rendered":"Polen im Ruhrgebiet: Ein Roman erz\u00e4hlt vom schmerzlichen Prozess der Eindeutschung"},"content":{"rendered":"<p>Ihre Vorfahren kamen aus Polen ins Ruhrgebiet, um dort zu arbeiten. Doch das wurde in der Familie der Autorin Birgitta Schulte geheim gehalten. Man sch\u00e4mte sich f\u00fcr die \u00e4rmliche Herkunft. Jetzt hat sie die Geschichte in einem Roman verarbeitet.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es waren mehr als eine halbe Million Menschen, die in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg aus den preu\u00dfischen Ostgebieten in das Industrierevier an Rhein und Ruhr migrierten: Ruhrpolen \u2013 so nannte man sie sp\u00e4ter. Heute geh\u00f6rt diese Zuwanderungsgeschichte zur viel beschworenen Identit\u00e4t des Ruhrgebiets als Schmelztiegel der Kulturen. Dabei wird oft vergessen, wie schwer und schmerzlich dieser Integrationsprozess f\u00fcr viele war. Die Autorin Birgitta M. Schulte erz\u00e4hlt in ihrem soeben erschienenen Roman \u201eRuhrgem\u00fcse, polnisch\u201c davon. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Frau Schulte, der Anlass f\u00fcr Ihren Roman war die Entdeckung Ihrer polnischen Wurzeln, von denen Sie lange Zeit nichts wussten. Wie erfuhren Sie davon?<\/p>\n<p><b>Birgitta M. Schulte:<\/b> Vor einigen Jahren fiel mir bei einem Umzug ein Familienstammbuch in die H\u00e4nde. Und da sah ich, dass die Namen meiner Urgro\u00dfeltern polnisch waren. Als Heiratsort war Samplawa eingetragen, das war eine sehr arme Gegend, die im 19. Jahrhundert zu Westpreu\u00dfen geh\u00f6rte.\u00a0<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> In Ihrer Familie war nie dar\u00fcber gesprochen worden?\u00a0<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Nein. Mein Vater hat seine Herkunft verschwiegen. Auch meine Mutter sprach nicht gerne \u00fcber diese Seite der Familie. Ich habe mich dann auf die Suche gemacht, was es damit auf sich hat. Ich hatte schon lange das Gef\u00fchl einer inneren Zerrissenheit, es kam mir so vor, als w\u00fcrde ich immerzu zwischen den St\u00fchlen sitzen. Und als ich die polnischen Namen im Familienstammbuch sah, kam der Verdacht in mir auf, dass das m\u00f6glicherweise mit dieser Einwanderungsgeschichte zu tun hat. Durch die Recherche wurde mir klar, dass es aber vor allem mit dem Wechsel von einem sozialen Milieu in ein anderes zu tun hat, den mein Vater in seinem Leben vollzogen hat.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Konnten Sie denn Ihre Eltern zu dieser Entdeckung befragen?<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Mein Vater, geboren 1910, ist bereits 1979 gestorben. Und zu seinen Lebzeiten war das f\u00fcr mich noch kein Thema. Ich war als kleines Kind zwar \u00f6fter bei meinen Gro\u00dfeltern, die in den typischen gro\u00dfen unverputzten Mietsh\u00e4usern in Recklinghausen-S\u00fcd gewohnt haben. Aber da ahnte ich noch nichts von dieser Geschichte. Nachdem ich das Familienbuch gefunden hatte, versuchte ich mit meiner Mutter dar\u00fcber zu sprechen, die damals schon \u00fcber 90 war. Sie redete nicht gerne dar\u00fcber. Erst durch den Kontakt mit einer Gro\u00dfcousine erfuhr ich mehr. In ihrer Familie ging man offener damit um. Und sie kannte meinen Vater gut.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Was hat sie Ihnen erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Zum Beispiel, dass die Urgro\u00dfeltern Polnisch untereinander als eine Art Geheimsprache nutzten, mit den Kindern sprachen sie Deutsch. Oder dass mein Gro\u00dfonkel, der als Kind ein Spielkamerad meines Vaters war, oft gesagt hat: \u201eIch bin kein Pole, ich bin kein Russe, ich bin Deutscher.\u201c\u00a0<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Sie verwenden diesen Ausruf auch in Ihrem Roman. K\u00f6nnen Sie erkl\u00e4ren, was es damit auf sich hat?<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Als im Zuge des Ruhraufstands des Jahres 1920 die Arbeiterschaft einen Monat das Ruhrgebiet in ihrer Hand hatte, wurde das Ger\u00fccht gestreut, dass man es mit \u201epolnisch-russischen Massen\u201c zu tun habe, gegen die man mit aller Gewalt angehen m\u00fcsse. Vermutlich bezieht sich die Aussage meines Gro\u00dfonkels darauf, er verwahrte sich wohl gegen diese Polen-Diskriminierung.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Die Polen kamen seit Anfang des 19. Jahrhunderts ins deutschsprachige Gebiet. Ihre Urgro\u00dfeltern wohl um das Jahr 1890.\u00a0<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>In den sp\u00e4ten 1880er- und 1890er-Jahren erlebten die Firmen im Ruhrgebiet einen ungeheuren Wachstumsschub. Die Polen wurden gerufen, um die schlimmsten Arbeiten unter Tage zu verrichten. Und gleichzeitig wertete man sie als dreckig, liederlich und faul ab. Das waren ja uralte Vorurteile, die schon Friedrich II. ges\u00e4t hat, als er viele \u00f6stliche Gebiete seinem Preu\u00dfen einverleibte. Er sprach von verwilderten Menschen. 1772 erlie\u00df er die Kabinettsordre, \u201ediesen sklavischen Leuten bessere Begriffe und Sitten beizubringen, und solche mit der Zeit mit Teutsche zu meliren\u201c. Sie sollten also eingedeutscht werden. Diesem Germanisierungsdruck, von dem die Historiker sprechen, waren sp\u00e4ter die Ruhrpolen stark ausgesetzt.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Als Ihre Urgro\u00dfeltern nach Dortmund kamen, \u00e4nderten sie ihren Namen. In Ihrem Roman beschreiben Sie, wie aus Koszy\u0144ski der Name Kosshofer wird.<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Die Sache mit den Namen war f\u00fcr mich der Anfang der Recherche. Im Stammbuch wird bei meinem Urgro\u00dfvater ein \u201eGenannt\u201c-Name aufgef\u00fchrt. Ich wusste zun\u00e4chst nicht, was das bedeuten soll. In Westfalen gab es h\u00e4ufig solche Genannt-Namen, wenn ein Hof ohne m\u00e4nnlichen Erben blieb. Der Mann, den die \u00e4lteste Tochter heiratete, bekam dann den Namen des Hofs, das war dann dieser Genannt-Name. Aber das war bei meinen Urgro\u00dfeltern nicht der Fall. Vielmehr geh\u00f6rte es im Ruhrgebiet zur preu\u00dfischen Politik, vor allem nach der Reichsgr\u00fcndung 1870, die Polen einzudeutschen. Manche verweigerten sich dem. Doch die meisten machten das mit, um wirtschaftliche und soziale Nachteile zu verhindern, vor allem f\u00fcr ihre Kinder. Die Standesbeamten schlugen dann Namen vor, die Endungen -hofer oder -hof waren besonders h\u00e4ufig.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Sie schreiben, dass diese Namen bewusst so gew\u00e4hlt wurden, damit man die polnische Herkunft weiterhin erkennen konnte.<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Die Menschen sind damit gewisserma\u00dfen in eine doppelte Falle gelaufen. Die preu\u00dfische Verwaltung erkannte an diesen Namen: Das sind die Polen, die wir umbenannt haben. So wurde die ethnische Abgrenzung in eine soziale Abwertung umgewandelt. Aber auch die Community derer, die sich weiterhin zu ihren Namen bekannten und einen polnischen Nationalstolz entwickelten, wusste das. So wurden die Polen mit den deutschen Namen von zwei Seiten ausgegrenzt.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Heute verweist man im Ruhrgebiet stolz auf die polnischen Anteile. Der \u201eTatort\u201c-Kommissar Schimanski geh\u00f6rt genauso zur Ruhrpott-Folklore wie die Tatsache, dass das polnische Wort Mottek f\u00fcr Hammer verwendet wird.<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b> Mag sein. Aber Diskriminierung und Abwertung der Polen liegen nicht so besonders lange zur\u00fcck. Ich selbst habe noch als Sechsj\u00e4hrige auf dem Schulhof in Bochum gerufen: \u201eGr\u00fcn und blau, Polakenfrau\u201c \u2013 ohne zu wissen, was das bedeutet. Wir haben es denjenigen hinterhergerufen, die wir nicht mochten. Abwertende Begriffe, die aus dieser Zeit stammen, finden Sie heute noch immer. <\/p>\n<p>Er hasste den Kohl-Geruch der Armut<\/p>\n<p><b>Welt: <\/b>Im autobiografischen Nachwort zu Ihrem Roman beschreiben Sie einzelne Szenen Ihrer Kindheit.\u00a0<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b> Wir haben als Kinder oft geh\u00f6rt, wie unser Vater zu unserer Mutter sagte: Lass den Kohl nicht so lang auf dem Herd stehen! Blo\u00df keinen Gestank nach Kappes! In meiner Interpretation ein polnischer Geruch \u2013 und auch ein Armutsgeruch. So einem Milieu entronnen zu sein, erzeugt oftmals Scham, Spannungen, die Wut erzeugen. Damit verbinde ich die Beobachtung von Widerspenstigkeit und Dissidenz. Er hat zu mir als junger Studentin gesagt: \u201aKeine Herren \u00fcber dir! Bleib selbstst\u00e4ndig!\u2018 Solche Mahnungen habe ich damals nicht verstanden. Der Mann, der als Erster seiner Familie studiert hatte, der eine reiche Frau aus einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie geheiratet hatte und sich als Mitglied der h\u00f6heren Klasse hervortat, verweigerte sich zugleich deren Dresscode. Er trug keine Krawatte und Knickerbocker statt Anzug.<\/p>\n<p><b>Welt:<\/b> Sie beschreiben in Ihrem Roman zwar die Geschichte Ihrer Familie, verwenden aber andere Namen. Ihre Urgro\u00dfeltern hie\u00dfen in Wahrheit nicht Koszy\u0144ski und Kosshofer, den richtigen Namen geben Sie nicht preis. Warum diese Distanzierung?<\/p>\n<p><b>Schulte: <\/b>Ich m\u00f6chte Mitglieder meiner Familie sch\u00fctzen. Und ich finde, dass die Geschichte der Polen im Ruhrgebiet auch losgel\u00f6st von meiner pers\u00f6nlichen Geschichte erz\u00e4hlenswert ist \u2013 zumal in einem Land, das sich so schwer damit tut, sich dazu zu bekennen, dass es ein Einwanderungsland ist. Vermutlich gibt es in vielen anderen Familien des Ruhrgebiets \u00e4hnlich schmerzliche Erfahrungen \u2013 und das pr\u00e4gt eine Gesellschaft vielleicht st\u00e4rker, als uns gemeinhin bewusst ist.\u00a0<\/p>\n<p><b>Birgitta M. Schulte wurde 1951 in Bochum geboren. Sie studierte Germanistik und Politische Wissenschaft in Braunschweig und Bremen. Danach arbeitete sie als Journalistin \u2013 zun\u00e4chst bei p\u00e4dagogischen Zeitschriften, seit 1984 f\u00fcr den H\u00f6rfunk. Ihre Schwerpunkte waren Bildung, Frauen und Kultur. 2002 bis 2006 war sie stellvertretende Vorsitzende des Journalistinnenbundes. Sie hat mehrere Sachb\u00fccher und einen Band mit Erz\u00e4hlungen ver\u00f6ffentlicht. Ihr erster Roman \u201eRuhrgem\u00fcse, polnisch\u201c ist erschienen der Edition Stroux (188 Seiten, 25 Euro). <\/b><\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ihre Vorfahren kamen aus Polen ins Ruhrgebiet, um dort zu arbeiten. 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