{"id":172669,"date":"2025-06-07T21:42:11","date_gmt":"2025-06-07T21:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/172669\/"},"modified":"2025-06-07T21:42:11","modified_gmt":"2025-06-07T21:42:11","slug":"ira-peters-buch-deutsch-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/172669\/","title":{"rendered":"Ira Peters Buch \u201eDeutsch genug?\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Sie gelten als gut integriert, flei\u00dfig, familienorientiert \u2013 aber sie sollen auch gerne Wodka trinken, Putin lieben und die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"AfD\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\" data-rtr-score=\"14.647857445905814\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/afd\" title=\"AfD\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">AfD<\/a> w\u00e4hlen. Und dann w\u00e4re da noch ihre mysteri\u00f6se russische Seele. Mit etwa 2,5 Millionen Menschen geh\u00f6ren die Russlanddeutschen zu den gr\u00f6\u00dften Einwanderergruppen hierzulande. Die meisten von ihnen sind bereits in den Neunzigerjahren aus verschiedenen postsowjetischen L\u00e4ndern gekommen, doch ist in der Mehrheitsgesellschaft \u2013 abseits von Klischees \u2013 wenig \u00fcber sie und ihre bewegte Geschichte bekannt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Das m\u00f6chte die russlanddeutsche Journalistin Ira Peter \u00e4ndern. In ihrem Buch r\u00e4umt Peter in sechzehn thematisch gegliederten, fundiert recherchierten Kapiteln mit Vorurteilen auf. Es gelingt ihr, ihre pers\u00f6nliche Familienerz\u00e4hlung und die kollektive russlanddeutsche Geschichte, aber auch Gegenwart auf mitrei\u00dfende Weise miteinander zu verkn\u00fcpfen \u2013 mal hochemotional, mal ironisch, aber dabei stets mit der n\u00f6tigen Distanz und vor allem sachkundig. Bereits vor zwei Jahrzehnten begann Peter sich mit der russlanddeutschen Thematik auseinanderzusetzen, die inzwischen der Schwerpunkt ihrer journalistischen Arbeit ist. Bekanntheit erlangte sie nicht zuletzt durch ihren Podcast \u201eSteppenkinder\u201c, den sie gemeinsam mit Edwin Warkentin von 2020 bis 2024 moderierte.<\/p>\n<p>Versprechen von Religions- und Steuerfreiheit<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Ira Peter, Jahrgang 1983, verbrachte ihre Kindheit in einem Dorf in der N\u00e4he der heutigen kasachischen Hauptstadt Astana. Zusammen mit ihren beiden Geschwistern und ihren Eltern wanderte sie 1992 als Sp\u00e4taussiedlerin nach Deutschland aus. Peters Gro\u00dfeltern waren Wolhyniendeutsche, deren Vorfahren um 1861 herum aus Ostpreu\u00dfen und dem Habsburger Reich in das in der heutigen Westukraine gelegene Gebiet gezogen waren. In jenem Jahr hatte der Zar die Leibeigenschaft abgeschafft, und es mangelte an Arbeitskr\u00e4ften.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Andere Deutsche hatte es schon fr\u00fcher aus Armut oder aufgrund religi\u00f6ser Verfolgung an verschiedene Orte des Russischen Reichs verschlagen \u2013 ans Schwarze Meer etwa, in den Kaukasus oder an die Ufer der Wolga. Bereits 1763 hatte sich die deutschst\u00e4mmige Kaiserin Katharina die Gro\u00dfe in ihrem Kolonistenbrief an ihre Landsleute gewandt und sie eingeladen, die wenig erschlossenen Gebiete ihres Imperiums zu besiedeln. Die Herrscherin lockte sie mit Versprechen von Religions- und Steuerfreiheit, Selbstverwaltung sowie einer Befreiung vom Milit\u00e4rdienst. Ihr Enkel, Alexander I., setzte diese Politik Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fort. So konnten die deutschen Siedler ihre Dialekte und ihre Br\u00e4uche \u00fcber lange Zeit bewahren.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie legte den Russlanddeutschen viele Steine in den Weg<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Mit dem Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 begann ein dunkles Kapitel f\u00fcr die Russlanddeutschen: Rund 1,2 Millionen Personen wurden damals laut Angaben des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Viehwaggons gepfercht und aus ihren Siedlungsgebieten nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Die sowjetische F\u00fchrung nahm sie f\u00fcr den \u00dcberfall des Dritten Reichs auf die UdSSR in Sippenhaft, sie mussten fortan Sklavenarbeit verrichten. Viele starben bereits auf dem Weg oder sp\u00e4ter an K\u00e4lte, Hunger oder Krankheiten. Bis ins Jahr 1955, als man sie teilweise rehabilitierte, durften die Russlanddeutschen sich nicht frei bewegen. Doch auch danach mussten sie als vermeintliche \u201eFaschisten\u201c Diskriminierung \u00fcber sich ergehen lassen, kamen schwer an Wohnungen oder Studienpl\u00e4tze. Die endg\u00fcltige Rehabilitierung erfolgte erst 1992 durch Jelzin.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Diese Gewalterfahrung befeuerte die Sehnsucht der Russlanddeutschen nach der alten Heimat, die in ihrer Imagination inzwischen paradiesische Anmutung angenommen hatte. Sie waren nicht nur Opfer des Stalinismus, sondern auch des Nationalsozialismus und hatten als solche in der BRD ein Anrecht auf einen deutschen Pass und Reparationszahlungen \u2013 als Wiedergutmachung.<\/p>\n<p>Aufruf f\u00fcr mehr Verst\u00e4ndigung<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Doch im Land ihrer Vorfahren angekommen, wurden die Russlanddeutschen oft nicht als Deutsche, sondern als \u201eRussen\u201c gesehen, denn \u00fcber die Neuank\u00f6mmlinge aus dem Osten wussten die \u201eBinnendeutschen\u201c herzlich wenig. So bezeichnet Peter die Deutschen aus Deutschland im Gegensatz zu den Aussiedlern, die nicht nur aus der ehemaligen Sowjetunion, sondern zuvor auch schon aus Polen und Rum\u00e4nien eingewandert waren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Die B\u00fcrokratie legte den Russlanddeutschen viele Steine in den Weg. Ihre Bildungsabschl\u00fcsse wurden nicht oder nur nach jahrelangen K\u00e4mpfen anerkannt, wodurch sie beruflich abstiegen. Peters Mutter etwa ging putzen, trotz kaufm\u00e4nnischer Ausbildung, Berufserfahrung und gro\u00dfer Leistungsbereitschaft. Integration habe in Deutschland allein als Bringschuld gegolten, wei\u00df Peter aus eigener Erfahrung. Man riet den Russlanddeutschen, Russisch klingende Namen einzudeutschen. So wurde aus Wladimir Waldemar, aus Jelena Helene. Lehrer legten es Eltern nahe, mit ihren Kindern ausschlie\u00dflich Deutsch zu sprechen, selbst wenn sie es nur gebrochen beherrschten. Kurzum, man unterstellte ihnen, nicht \u201edeutsch genug\u201c zu sein. Auf die erste Euphorie \u00fcber die R\u00fcckkehr in die alte Heimat folgte so die Ern\u00fcchterung, und bei einigen als Antwort auf die gesellschaftliche \u00c4chtung sp\u00e4ter eine \u00dcberidentifikation als \u201eRussen\u201c, als die sie gesehen wurden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Die studierte Psychologin Peter diagnostiziert ihre russlanddeutschen Mitb\u00fcrger liebevoll mit einer \u201epostsowjetische Belastungsst\u00f6rung\u201c, die daf\u00fcr verantwortlich sei, dass sie sich gerne in der Opferrolle sehen. Das sei angesichts der in der Sowjetunion erlebten Repressionen und der Startschwierigkeiten hierzulande verst\u00e4ndlich, doch d\u00fcrfe man deshalb diejenigen Aspekte der Geschichte, die nicht in dieses Bild passen, nicht aussparen. So hatten manche Russlanddeutsche tats\u00e4chlich mit den Nationalsozialisten kooperiert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Das Buch bricht mit der typischen Opfererz\u00e4hlung, indem es die Resilienz der russlanddeutschen Gemeinschaft betont und nach vorne blickt. Au\u00dfer wichtige Aufkl\u00e4rungsarbeit \u00fcber die Russlanddeutschen zu leisten, die anders, als eine tendenzi\u00f6se SWR-Dokumentation aus dem Jahr 2022 suggeriert, mehr als \u201efremde Nachbarn\u201c sind, ist es auch ein Aufruf f\u00fcr mehr Verst\u00e4ndigung, f\u00fcr mehr Miteinander in Zeiten von Ausgrenzungen. Peter schreibt, sie verstehe sich weder als Besucherin in Deutschland noch als Opfer, sondern als Mitgestalterin der Gesellschaft. \u201eNur will ich nicht mehr gefragt werden, woher ich eigentlich komme.\u201c Schlie\u00dflich sei die Frage, wohin sie gehen wolle, die interessantere.<\/p>\n<p><strong>Ira Peter: \u201eDeutsch genug?\u201c. Warum wir endlich \u00fcber Russlanddeutsche sprechen m\u00fcssen. <\/strong>Goldmann Verlag, M\u00fcnchen 2025. 256 S., geb., 22,\u2013 \u20ac. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie gelten als gut integriert, flei\u00dfig, familienorientiert \u2013 aber sie sollen auch gerne Wodka trinken, Putin lieben und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":172670,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-172669","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114644264157697637","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=172669"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/172669\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/172670"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=172669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=172669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=172669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}