{"id":173944,"date":"2025-06-08T09:51:14","date_gmt":"2025-06-08T09:51:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/173944\/"},"modified":"2025-06-08T09:51:14","modified_gmt":"2025-06-08T09:51:14","slug":"ernaux-schreibt-buch-ueber-demenzkranke-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/173944\/","title":{"rendered":"Ernaux schreibt Buch \u00fcber demenzkranke Mutter"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Als sie die Mutter im Pflegeheim besucht, sitzen alle Bewohner im Gemeinschaftssaal vor dem Fernseher. Die Einzige, die den Kopf wendet, ist ihre Mutter. \u201eSie wartet die ganze Zeit auf mich\u201c, hei\u00dft das f\u00fcr <a data-li-document-ref=\"2198384\" href=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/themen\/annie-ernaux-unterstuetzt-boykott-aufruf-strike-germany-2198384\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Annie Ernaux<\/a>. Tonnenweise Schuldgef\u00fchle lasten auf ihr als Tochter. \u201eDoch wenn sie weiter bei mir gewohnt h\u00e4tte, w\u00e4re mein Leben vorbei gewesen. Sie oder ich.\u201c<\/p>\n<blockquote class=\"tw-m-0 tw-italic tw-flex tw-items-start before:tw-hidden\">\n<p class=\"tw-text-secondary tw-mb-0 tw-text-base sm:tw-text-base\">Ein Buch \u00fcber sie, grauenhafte Vorstellung. Literatur kann gar nichts.<\/p>\n<p>Annie Ernaux, Autorin<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Im Sommer 1983 erleidet die Mutter einen Schw\u00e4cheanfall. Ihr K\u00fchlschrank ist bis auf eine Packung W\u00fcrfelzucker leer. Jetzt erst wird klar, wie sehr die Alzheimer-Erkrankung fortgeschritten ist. Annie holt sie zu sich nach Cergy. Doch bald erkennt die Mutter ihre Tochter nicht mehr und muss ins Heim. In einem Brief, den sie nicht zu Ende bringt, schreibt sie: \u201eIch komme nicht aus der Dunkelheit raus\u201c. Es sind die letzten Worte, die sie zu Papier bringt. Sie liefern den Titel f\u00fcr das im Original 1997 und jetzt auf Deutsch erschienene Buch von Annie Ernaux \u00fcber ihre Mutter.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">\u201eEin Buch \u00fcber sie, grauenhafte Vorstellung. Literatur kann gar nichts\u201c, denkt Annie Ernaux, nachdem die Mutter verstorben ist und wei\u00df nicht, was mit ihr gerade geschieht. Sp\u00e4ter \u00fcberlegt sie es sich anders. \u201eDen Schmerz vielleicht durchs Erz\u00e4hlen, Beschreiben aufbrauchen, ihn ersch\u00f6pfen.\u201c Das ist es, was sie will. Schnell, impulsiv und ohne nachzudenken, fertigt sie dieses Tagebuch der Jahre 1983 bis 1986. \u00dcberall in der Welt hat sie nach der Liebe der Mutter gesucht. Jetzt dokumentiert sie schonungslos die Geschehnisse. \u201eWas ich hier schreibe, ist keine Literatur.\u201c<\/p>\n<p>Der so unnachahmliche Sound der Nobelpreistr\u00e4gerin<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Ist es nat\u00fcrlich doch. Weil trotz des assoziativen Tagebuch-Charakters \u2014 der das Buch von anderen autofiktionalen B\u00fcchern Ernaux\u2018 wie \u201eDie Frau\u201c (1988) unterscheidet, in dem sie auch \u00fcber ihre Mutter geschrieben hat \u2014 immer wieder der so unnachahmliche Sound der Literaturnobelpreistr\u00e4gerin durcht\u00f6nt. Sie beschreibt die sich wiederholenden Besuche und findet f\u00fcr die Fassungslosigkeit eine literarische Form. Die Mutter erz\u00e4hlt, sie werde im Heim zur Arbeit gezwungen, bekomme weder Lohn noch was zu trinken. Ihre verkoteten Schl\u00fcpfer versteckt sie unterm Kopfkissen, so wie sie fr\u00fcher ihre blutigen Slips bis zum Waschtag auf dem Dachboden unter Schmutzw\u00e4sche vergraben hat.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Wenn sie das Heim verlassen hat, schuldig und zugleich erleichtert, dreht Annie das Autoradio an, und h\u00f6rt: \u201eErst wenn jemand tot ist, k\u00f6nnen wir sicher sein, nicht mehr von diesem Menschen abh\u00e4ngig zu sein.\u201c Mit dem Buch hat die 1940 geborene Annie Ernaux der Mutter ein Denkmal gesetzt und sich zugleich abgenabelt. Es ist das eindrucksvolle Zeugnis einer nicht immer leichten Mutter-Tochter-Beziehung.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/3775a734-e4bc-4b17-a5ca-1db659c639e0.jpeg\" loading=\"lazy\" alt=\"Beeindruckende Erinnerung an die Mutter\"\/>TagebuchBeeindruckende Erinnerung an die Mutter<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Annie Ernaux: Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus. \u00dcbersetzt von Sonja Finck. Suhrkamp, 106 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-518-22564-6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als sie die Mutter im Pflegeheim besucht, sitzen alle Bewohner im Gemeinschaftssaal vor dem Fernseher. 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