{"id":174406,"date":"2025-06-08T14:05:19","date_gmt":"2025-06-08T14:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/174406\/"},"modified":"2025-06-08T14:05:19","modified_gmt":"2025-06-08T14:05:19","slug":"opern-kritik-haendel-festspiele-halle-agrippina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/174406\/","title":{"rendered":"Opern-Kritik: H\u00e4ndel-Festspiele Halle \u2013 Agrippina"},"content":{"rendered":"<p>Georg Friedrich H\u00e4ndels 1709 in Venedig uraufgef\u00fchrte Oper \u201eAgrippina\u201c geh\u00f6rt zu den unterhaltsameren seiner \u00fcber vierzig B\u00fchnenwerke. In diesem ersten gro\u00dfen Erfolg seiner Italienjahre wird von der Titelheldin \u2013 einer ber\u00fchmten Kaisergattin (und -mutter) \u2013 intrigiert und gelogen, dass sich die Balken biegen. R\u00f6mische C\u00e4saren und die Frauen hinter oder neben ihnen haben immer ein ziemliches Potenzial zu belehrender Unterhaltung. Neben Kaiser Claudio ist der hier noch im Wartestand mit den Hufen scharrende Sohn Agrippinas, Nero, so ein Beispiel. Oder auch die junge Poppea, die im Grunde eine Nachwuchs-Agrippina ist. Man k\u00f6nnte, wenn man wollte, eine ganze Spielzeit mit diversen Opern verschiedener Komponisten best\u00fccken, in denen diese Herrschaften auftreten. Und weil es allemal um eine pikante Melange aus Sex und Macht geht, funktioniert das auch heute noch \u2013 wie jetzt bei den <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/festivals\/haendel-festspiele-halle\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">H\u00e4ndel-Festspielen Halle<\/a> \u2013 als B\u00fchnen-Spiegel f\u00fcr die entsprechenden Protagonisten. Man muss dabei unwillk\u00fcrlich an die aktuellen Bewohner (und Besucher) des Wei\u00dfen Hauses denken, wenn sie sich auf der B\u00fchne gegenseitig die Taschen vollhauen. Was dort abgeht, ist Oper pur und kostet f\u00fcr Zuschauer nur die Fernsehgeb\u00fchren. (Schon klar, dass das nicht ganz stimmt und viel, viel teurer werden kann.)\u00a0<\/p>\n<p>\u00a9 Matthias Horn<\/p>\n<p>        <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1408\" height=\"886\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/halle-agrippina-1-c-matthias-horn-1408x886.jpg\" alt=\"Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle\" class=\"wp-image-707615\"  \/>Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle<\/p>\n<p>Bling-Bling-Geschmacklosigkeit<\/p>\n<p>Aber nicht dorthin hat der regief\u00fchrende Opernintendant in Halle, Walter Suttclife, den r\u00f6mischen Intrigenstadel <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/komponisten\/georg-friedrich-haendel\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">H\u00e4ndels<\/a> verfrachtet, sondern nach Las Vegas. Man k\u00f6nnte sagen, f\u00fcr den Versuch, das Ganze in eine (nicht mal gro\u00dfe) Show zu \u00fcbersetzen, hat er die r\u00f6mische Dekadenz in die W\u00fcste geschickt bzw. in die Bling-Bling-Geschmacklosigkeit eines k\u00fcnstlichen US-Spielerparadieses verfrachtet. Mit allen Kollateralsch\u00e4den f\u00fcr\u2019s St\u00fcck und seine innere Stringenz, die das halt so mit sich bringt.<\/p>\n<p>Das fiktive Spielkasino \u201eCaesar\u2019s Palace Entertainment\u201c auf der nach einem Wasserschaden wieder funktionierenden Drehb\u00fchne des <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/spielstaetten\/oper-halle\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Opernhauses<\/a> stammt zwar von Alexandar Deni\u0107, sieht aber nicht so aus. Der Serbe ist durch seine Arbeiten f\u00fcr seinen erkl\u00e4rten Lieblingsregisseur Frank Castorf sp\u00e4testens nach ihrem gemeinsamen Bayreuther Nibelungen-\u201eRing\u201c als Raumerfinder (wie sonst nur Anna Viebrock) stilbildend.<\/p>\n<p>\u00a9 Matthias Horn<\/p>\n<p>        <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1408\" height=\"938\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/halle-agrippina-3-c-matthias-horn-1408x938.jpg\" alt=\"Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle\" class=\"wp-image-707621\"  \/>Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle<\/p>\n<p>Eine Agrippina mit Melania-Trump-Effekt<\/p>\n<p>In Halle will er offenbar zeigen, dass er auch behaupteten Oberfl\u00e4chenschick beherrscht. Dabei ist allerdings ein eigenst\u00e4ndiges Kunstobjekt ist rausgekommen. Eine Art Kasino-Ambiente, mit Glamour und pinkem Riesensofa auf einem gelben Podest. Immerhin passen dazu die Erinnerungen an die Modescheu\u00dflichkeiten vom Ende des vorigen Jahrhunderts, mit denen Frank Sch\u00f6nwald vor allem den wacker mitspielende, von Bartholomew Berzonsky einstudierten Chor ausstaffiert hat. Sutcliffe verziert seine Inszenierung oft mit Versatzst\u00fccken, die irgendwie lasziv wirken sollen. Zum Gl\u00fcck wird Romelia Lichtenstein als Titelheldin mit einem halben Dutzend standesgem\u00e4\u00dfer opulenter Sondermodelle privilegiert. So kommt der charismatischen B\u00fchnenpr\u00e4senz dieser K\u00fcnstlerin mit vielen H\u00e4ndel-Meriten nichts in die Quere. Wenn man es auf die USA bezieht, sozusagen ein Melania-Trump-Effekt. F\u00fcr sie ist im Grunde auch das Beste an der Kasino-Raumskulptur mit der behaupteten futuristischen Eleganz, n\u00e4mlich die gro\u00dfe Revuetreppe, der angemessene Rahmen. Wenn sie sich dort oben ausf\u00fchrliche Sorgen macht, ob ihre R\u00e4nkespiele wohl aufgehen, erreicht die sonst mehr eindimensional auf den schnellen Oberfl\u00e4cheneffekt zielende Inszenierung tats\u00e4chlich mal Tiefe.<\/p>\n<p>Wobei es schon auch eine kom\u00f6diantische Show ist, wie sie in ihrer kaiserlichen XL-Handtasche nach einer Waffe oder einem D\u00f6schen mit Pillen sucht, die sie als Mordwerkzeuge an ihre Handlanger verteilen will, und dabei wie nebenbei auch auf eine separate Hand, von wem auch immer, st\u00f6\u00dft, die sie in einer transparenten T\u00fcte dabei hat, als w\u00e4re sie von der Spurensicherung. Wobei der eine Helfershelfer mit Namen Narciso hier bei Annika Westlund zu einem Showgirl namens Narcisa wird. So nach dem Motto \u201eEin bisschen Bi schadet nie\u201c nutzt die notorische Strippenzieherin das nat\u00fcrlich aus. Ihren windigen Sohnemann Nerone hat sie im Griff.<\/p>\n<p><br style=\"clear: both; display: block; float: none;\"\/><\/p>\n<p>\u00a9 Matthias Horn<\/p>\n<p>        <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1408\" height=\"1688\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/halle-agrippina-2-c-matthias-horn-1408x1688.jpg\" alt=\"Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle\" class=\"wp-image-707618\" style=\"width:350px\"  \/>Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle<\/p>\n<p>Ein nicht ganz festspielw\u00fcrdiges Ensemble<\/p>\n<p>Freilich k\u00f6nnen weder der sicher kraftvolle Counter Leandro Marziotte als Nerone, noch die mittlerweile h\u00e4ndelerfahrene Vanessa Waldhart als zwischen den potenziellen Liebhabern wechselnde Poppea letztlich dazu f\u00fchren, dass diese \u201eAgrippina\u201c mit dem Pr\u00e4dikat festspielw\u00fcrdig durchs Ziel geht. Ki-Hyun Park bleibt als Claudio diesmal geradezu rabiat. Counter Christopher Ainslie hat zwar eine wohltimbrierte Stimme, bleibt aber eher blass. Und auch Lars Conard als (zweiter Komplize bei Agrippinas Anschlagspl\u00e4nen Pallante) und Michael Zehe als Lesbo bleiben solide.<\/p>\n<p>Das H\u00e4ndelfestspielorchester lie\u00df sich von <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/kuenstler\/laurence-cummings\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Laurence Cummings<\/a>, dem langj\u00e4hrigen Chef der Schwesterfestspiele in G\u00f6ttingen, zu einschmeichelndem, ariensensiblen Sound mit einigen Bl\u00e4serlichtblicken inspirieren und kommt sicher in den Reprisen auch noch zu dem ihm m\u00f6glichen mitrei\u00dfenden Esprit.<\/p>\n<p>Die Inszenierung freilich umweht eher ein Hauch von Retro als wirklichem Ehrgeiz. Dass hier dauernd gekokst und geraucht wird, ist zwar heutzutage ein Sticheln gegen den \u00fcberkorrekten Zeitgeist, tr\u00e4gt aber hier nicht zur beabsichtigten Rauschwirkung bei. Alles in Allem w\u00e4re nicht nur Oberfl\u00e4chenglanz, sondern die \u00e4sthetische Stringenz einer \u00dcberschreibung im B\u00fcndnis mit der Musik die wirkungsvollere Droge.<\/p>\n<p>\u00a9 Matthias Horn<\/p>\n<p>        <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1408\" height=\"939\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/halle-agrippina-4-c-matthias-horn-1408x939.jpg\" alt=\"Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle\" class=\"wp-image-707624\"  \/>Szenenbild aus \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndel-Festspielen Halle<\/p>\n<p>Festspiele treffen Spielplanalltag<\/p>\n<p>Bei Festspielen, die G\u00e4ste von ausw\u00e4rts anlocken sollen und ganz bewusst im Wettbewerb mit <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/festivals\/internationale-haendel-festspiele-goettingen\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">G\u00f6ttingen<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/festivals\/internationale-haendel-festspiele-karlsruhe\/\" data-wpel-link=\"internal\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Karlsruhe<\/a>, aber auch anderen international wahrgenommenen Hochburgen der H\u00e4ndelpflege stehen, sollte man ruhig die Stars der Szene einladen. \u00dcbrigens auch \u2013 wie in der Vergangenheit \u00fcblich \u2013 bei den Regiehandschriften. Es ist ein Standortvorteil von Halle, dass hier immer zwei H\u00e4ndelopern im Programm sind. Aber alle aus einer Hand? Festspiele sind Festspiele und kein Spielplanalltag.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/haendelhaus.de\/hfs\/agrippina\" data-wpel-link=\"external\" target=\"_self\" rel=\"nofollow external noopener noreferrer\" class=\"wpel-icon-right\">H\u00e4ndel-Festspiele Halle<\/a><br \/>H\u00e4ndel: Agrippina<\/p>\n<p>Laurence Cummings\u00a0(Leitung), Walter Sutcliffe (Regie), Alexandar Denic (B\u00fchne), Frank Sch\u00f6nwald (Kost\u00fcme), Beartholomew Berzonsky (Chor), Ki-Hyun Park (Claudio), Romelia Lichtenstein (Agrippina), Leandro Marziotte (Nerone), Vanessa Waldhart (Poppea), Christopher Ainslie (Ottone), Lars Konrad (Pallante), Annika Westlund (Narciso) Michael Zehe (Lesbo), H\u00e4ndelfestspielorchester Halle, Chor der Oper Halle<\/p>\n<p class=\"m0\">So., <strong>08. Juni<\/strong> 2025 15:00 Uhr<\/p>\n<p><\/p>\n<p class=\"m0\">Fr., <strong>13. Juni<\/strong> 2025 19:00 Uhr<\/p>\n<p><\/p>\n<p class=\"m0\">So., <strong>15. Juni<\/strong> 2025 15:00 Uhr<\/p>\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Georg Friedrich H\u00e4ndels 1709 in Venedig uraufgef\u00fchrte Oper \u201eAgrippina\u201c geh\u00f6rt zu den unterhaltsameren seiner \u00fcber vierzig B\u00fchnenwerke. 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