{"id":174554,"date":"2025-06-08T15:27:12","date_gmt":"2025-06-08T15:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/174554\/"},"modified":"2025-06-08T15:27:12","modified_gmt":"2025-06-08T15:27:12","slug":"im-westen-nicht-neues-haendels-agrippina-bei-den-haendelfestspielen-in-halle-nmz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/174554\/","title":{"rendered":"Im Westen nicht Neues? H\u00e4ndels \u201eAgrippina\u201c bei den H\u00e4ndelfestspielen in Halle | nmz"},"content":{"rendered":"<p>Die 1709 in Venedig uraufgef\u00fchrte \u201eAgrippina\u201c ist nicht H\u00e4ndels erste Oper, aber sein erster gefeierter Erfolg in Italien. Von da an ging\u2019s bergauf. Musikalische Virtuosit\u00e4t mit den zeittypischen Arien-Schmankerln umranken eine Intrigenstory vom Feinsten. Heute k\u00f6nnte man aus der Vorlage mindestens eine kleine Netflix-Serie machen. Und die w\u00fcrde wirken wie aus den Hinterzimmern der Macht. Oder neuerdings wie aus dem Oval Office im Wei\u00dfen Haus, wo die herrschenden Narzissten sich ja beim Dealen und Intrigieren live zuschauen lassen.<\/p>\n<p>Hausherr Walter Sutcliffe hat die Geschichte um die ehrgeizige Agrippina, die unbedingt ihren Sohnemann Nero auf den C\u00e4sarenthron hieven will, und dabei alle Register zieht, den R\u00f6mern entrissen und nach Las Vegas verlegt. Da wird das alte Rom zum Spielkasino \u201eCaesar Palace Entertainmant\u201c und der Kampf um den Caesarenthron heruntergedimmt auf einen Kampf ums Unternehmen. Aber ein totgeglaubter Kaiser (wie Claudius), der pl\u00f6tzlich wieder auftaucht und alle schon in Sack und T\u00fcten manipulierten Nachfolgeregelungen zunichte macht, ist nicht ohne Verlust auf einen Firmenboss reduzierbar. Zumindest, nicht ohne dass nicht nur dem Kaiser bildlich gesprochen ein Zacken aus der Krone bricht. Auch wenn als (neuerdings gerne an den Zeitgeist gemachte Referenz) aus dem Agrippina-Helfer Narciso eine Narcisa wird, dauernd gekokst und gegrapscht und von Nerone auch mal gem\u00e4nnerstrippt wird, wirklich durchg\u00e4ngig gelungen als Las-Vegas-Story ist das nicht.<\/p>\n<p>Dabei hatte sich der Intendant des Hauses (der sich die Chance des eigenen Regie-Zugriffs bei den Festspielen nicht aus der Hand nehmen l\u00e4sst) f\u00fcr die B\u00fchne diesmal einen Star der Branche nach Halle geholt. Alexandar Deni\u0107 hat mit seinen Raumerfindungen einen stilbildenden Anteil an den Geniestreichen, mit denen sich Frank Castorf auch als Opernregisseur etabliert hat. In dieser Kombination ist Deni\u0107 ein Genie seines Fachs. Punkt.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u201eAgrippina\u201c hat er ein (aus seinem Rahmen fallendes) eher artifizielles Objekt auf die Drehb\u00fchne gestellt. Mit dem Leuchtschriftzug Flamingo, einem Riesensofa, und einer Architektur, die an diverse Schalenbetonexperimente erinnert. Begrenzt durch Silberglamour im Hintergrund. Das dreht und blinkt so vor sich hin und wird vom Chor (Einstudierung: Bartholomew Berzonsky) bev\u00f6lkert, der mit seiner Secondhand-Las-Vegas-Mode, die vor allem lasziv sein soll, irgendwie klar kommen muss (Kost\u00fcme: Frank Sch\u00f6nwald). Ein Clou bleibt die grandiosen Revuetreppe, die vor allem dann ihr Wirkungspotenzial entfaltet, wenn Romelia Lichtenstein von hier aus ihre Bosheiten vom Stapel l\u00e4sst oder sich ausf\u00fchrliche Arien-Sorgen macht, ob ihre Rechnungen aufgehen.<\/p>\n<p>Da die ganze Oper nach ihr benannt ist, geht es v\u00f6llig in Ordnung, dass sich die Interpretin der Titelrolle als charismatische Zentrum behauptet. Man mag sich die Zeit nicht vorstellen, in der eine Lichtenstein in Halle nicht mehr den Ma\u00dfstab f\u00fcr packende H\u00e4ndelvirtuosit\u00e4t vorgibt. Diese S\u00e4ngerin hat sich nie auf H\u00e4ndel reduzieren lassen, aber immer die Flexibilit\u00e4t bewahrt, vorzuf\u00fchren, wie man H\u00e4ndel als vokalen Genuss mit Tiefgang unters Publikum bringt. Au\u00dferdem ist sie eine perfekte Kom\u00f6diantin \u2013 im St\u00fcck die Kanaille, aber eine, mit der man trotzdem sympathisiert, weil man sich \u00fcber ihr Spiel auch tats\u00e4chlich am\u00fcsieren kann. Abgesehen vom kernig klaren Counter Leandro Marziotte als Nerone und Vanessa Waldharts souver\u00e4ner, allseits begehrter Poppea bleibt das vokale Festspielniveau mehr anvisiertes Ziel als Ist-Zustand. Counter Christopher Ainslie ist ein geschmeidiger, aber verhaltener Ottone, Ki-Hyun Park setzt als Claudio vor allem auf Lautst\u00e4rke. Der wohltimbrierte Lars Conard als Pallante, Annika Westlund als zum Showgirl mutierte Narcisa und der mit seiner Maske gestrafte Michael Zehe als Lesbo komplettieren das vom Publikum heftig bejubelte Ensemble. Am Pult des am Vortag mit dem H\u00e4ndelpreis ausgezeichneten Festspielorchesters stand mit Laurence Cummings, dem ehemaligen langj\u00e4hrigen Chef der H\u00e4ndelfestspiele in G\u00f6ttingen, einer der versierten Barock-Spezialisten, dem die Hallenser Musiker willig folgten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die 1709 in Venedig uraufgef\u00fchrte \u201eAgrippina\u201c ist nicht H\u00e4ndels erste Oper, aber sein erster gefeierter Erfolg in Italien.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":174555,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1860],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,4062,17332,13,14,15,17331,860,12],"class_list":{"0":"post-174554","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-halle-saale","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-halle","15":"tag-halle-saale","16":"tag-headlines","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-saale","20":"tag-sachsen-anhalt","21":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114648452220368355","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=174554"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174554\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/174555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=174554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=174554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=174554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}