{"id":176097,"date":"2025-06-09T06:19:10","date_gmt":"2025-06-09T06:19:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/176097\/"},"modified":"2025-06-09T06:19:10","modified_gmt":"2025-06-09T06:19:10","slug":"daniel-kehlmanns-lichtspiel-das-deutsche-buch-ueber-das-amerika-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/176097\/","title":{"rendered":"Daniel Kehlmanns \u201eLichtspiel\u201c: Das deutsche Buch, \u00fcber das Amerika spricht"},"content":{"rendered":"<p>So gro\u00df war lange kein deutschsprachiger Schriftsteller mehr in den USA: Daniel Kehlmanns Roman \u201eLichtspiel\u201c wird von amerikanischen Medien gefeiert. Auch, weil sich das Land in der Geschichte eines Opportunisten wiedererkennt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Daniel Kehlmanns j\u00fcngster Roman handelt von der Kollaboration: Der Antiheld von \u201eLichtspiel\u201c, der Regisseur Georg Wilhelm Pabst, scheitert in Amerika, kehrt nach Nazideutschland zur\u00fcck und schlie\u00dft aus Schw\u00e4che einen Pakt mit dem leibhaftigen Goebbels. <\/p>\n<p>Aber er ist nicht der Einzige, der seine Seele an die Nazis verkauft. Auf der einen Seite ist da Leni Riefenstahl, eine eiskalte Narzisse, die KZ-H\u00e4ftlinge als Statisten einsetzt. Auf der anderen Seite ist der englische Romancier P. G. Wodehouse (im Buch hei\u00dft er anders), der die Nazis nat\u00fcrlich verachtet und aus purer Ahnungslosigkeit trotzdem in die Verstrickung strauchelt. Irgendwo dazwischen ein gewisser Franz Wilzek, eine Figur, die Kehlmann erfunden hat: weder tapfer noch feige noch ein gro\u00dfes Licht. Beinahe ein Guter, aber leider eben nur beinahe. <\/p>\n<p>Die Nazis sind bei Kehlmann \u2013 mit Ausnahme des formidablen Monsters Riefenstahl \u2013 m\u00f6rderische Witzfiguren. Am Ende werden sie von einem Hausmeister personifiziert, halb Caliban, halb Qualtingers \u201eHerr Karl\u201c, der im Keller hockt und einen grotesk unverst\u00e4ndlichen Dialekt spricht. Wahrscheinlich muss man, wie Kehlmann, einen j\u00fcdischen Vater gehabt haben, der nur durch einen Zufall der Deportation in ein Todeslager entkam, um einen solchen Roman hinzukriegen.<\/p>\n<p>In Amerika angekommen<\/p>\n<p>Anders als sein Antiheld G. W. Pabst ist Daniel Kehlmann in Amerika angekommen. \u201eDie Vermessung der Welt\u201c, \u00fcberall ein Triumph, wurde nat\u00fcrlich auch ins Englische \u00fcbersetzt. Seither gilt er in Amerika als der wichtigste deutschsprachige Schriftsteller seit Grass und B\u00f6ll, als Stimme seiner Generation. Aber kein Buch hatte hier so viel Erfolg wie \u201eThe Director\u201c wie \u201eLichtspiel\u201c in der \u00dcbersetzung hei\u00dft: enthusiastische Rezensionen in der \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/04\/30\/books\/daniel-kehlmann-the-director.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.nytimes.com\/2025\/04\/30\/books\/daniel-kehlmann-the-director.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">New York Times<\/a>\u201c, im \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/books\/page-turner\/in-daniel-kehlmanns-latest-novel-everyones-a-collaborator\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.newyorker.com\/books\/page-turner\/in-daniel-kehlmanns-latest-novel-everyones-a-collaborator&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">New Yorker<\/a>\u201c, ein Portr\u00e4t des Autors im \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/archive\/2025\/06\/daniel-kehlmann-book-the-director-gw-pabst\/682585\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.theatlantic.com\/magazine\/archive\/2025\/06\/daniel-kehlmann-book-the-director-gw-pabst\/682585\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Atlantic<\/a>\u201c.<\/p>\n<p>Um auf den Grund f\u00fcr diese Begeisterung zu kommen, braucht man nicht viel analytisches Geschick. Seit November 2024 regiert in den USA ein Pr\u00e4sident, der aus seiner Verachtung f\u00fcr die liberale Demokratie und seiner Bewunderung f\u00fcr Diktatoren kein Geheimnis macht. Wir k\u00f6nnen live studieren, wie Teile der Gesellschaft vor Donald Trump in die Knie brechen: Politiker wie Marco Rubio und Lindsey Graham, die gestern Trump-Kritiker waren (Graham nannte Trump noch vor zehn Jahren einen \u201efremdenfeindlichen, rassistischen Fanatiker\u201c und verglich ihn mit den K\u00e4mpfern f\u00fcr den \u201eIslamischen Staat\u201c), hecheln mittlerweile von einer Ergebenheitsbekundung zur n\u00e4chsten. Es ist schwer, dieses Schauspiel mitanzusehen und nicht an all die Konservativen des 20. Jahrhunderts zu denken, die sich Rechtsradikalen angedient haben.<\/p>\n<p>Nun sind das Politiker, wie aber sieht es bei Kunstschaffenden und Medien aus? Im M\u00e4rz 2025 wurden die Oscars verliehen. Normalerweise ist das zumindest auch eine politische Veranstaltung; in der ersten Amtszeit von Donald Trump gab es viele \u00f6ffentliche Witze auf seine Kosten. In diesem Fr\u00fchling war das anders: ein paar lahme Bemerkungen \u00fcber Russland und die Ukraine, ein allgemeiner Aufruf zu mehr Menschlichkeit von Adrien Brody, das war\u2019s im Grunde schon.<\/p>\n<p>Im April strahlte der Fernsehsender PBS in der Serie \u201eAmerican Masters\u201c eine Folge \u00fcber den Comic-K\u00fcnstler Art Spiegelman (\u201eMaus\u201c) aus: Dabei wurden 90 Sekunden herausgeschnitten, in denen eine von Spiegelmans Anti-Trump-Karikaturen gezeigt wurde. Nur nicht das empfindsame Monster im Wei\u00dfen Haus reizen! Indessen droht amerikanischen Schriftstellern, Regisseuren und Schauspielern gar nicht das KZ. Es droht ihnen die K\u00fcrzung staatlicher Mittel (der \u00f6ffentliche Fernsehsender PBS, der von Trump als \u201elinks\u201c beschimpft wird, soll seine Unterst\u00fctzung durch den Kongress verlieren); im schlimmsten Fall droht ihnen, dass ein MAGA-Mob ihnen im Internet nachstellt. Es handelt sich also um vorauseilenden Gehorsam. (Zum Gl\u00fcck gibt es immer mehr Gegenwehr.)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich freut sich Kehlmann dar\u00fcber, dass sein Roman in den Vereinigten Staaten Erfolg hat. Aber er h\u00e4tte sich, wie er in einem Interview mit \u201eDeutschlandfunk Kultur\u201c sagt, doch sehr gew\u00fcnscht, dass dieser Erfolg nicht auf den Fl\u00fcgeln einer entsetzlichen Aktualit\u00e4t daherkommt \u2013 in Amerika herrsche \u201eeine Atmosph\u00e4re der allgemeinen Anpassung an die Diktatur\u201c.<\/p>\n<p>Mit dem Feingef\u00fchl des Romanciers hat Kehlmann in einem seiner j\u00fcngsten Essays auf einen erstaunlichen Sachverhalt hingewiesen: Je genauer man Trump studiert, desto weniger menschlich erscheint er. Normalerweise entdeckt man bei Unholden, wenn man sich ihnen mit der psychologischen Lupe n\u00e4hert, doch den einen oder anderen sympathischen Zug. Bei Trump, so Kehlmann, sei es genau umgekehrt: Je mehr man von ihm wisse, desto mehr Z\u00fcge der Grausamkeit und des Narzissmus nehme man an ihm wahr. Wer vor einem solchen Mann kapituliert, muss seelisch Schaden nehmen.<\/p>\n<p>Nachgeborene Deutsche reagieren auf die Nazizeit h\u00e4ufig mit dem Satz: \u201eIch wei\u00df ja nicht, wie ich mich damals benommen h\u00e4tte.\u201c F\u00fcr Kehlmann ist das, wie er einem amerikanischen Journalisten verriet, eine in das Gewand der Bescheidenheit gekleidete moralische Bankrotterkl\u00e4rung. Viel lieber w\u00fcrde er von Nachgeborenen h\u00f6ren: \u201eIch w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte mich damals okay verhalten.\u201c Keine Botschaft k\u00f6nnte im heutigen Amerika dringlicher sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So gro\u00df war lange kein deutschsprachiger Schriftsteller mehr in den USA: Daniel Kehlmanns Roman \u201eLichtspiel\u201c wird von amerikanischen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":176098,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,18019,29,214,59670,30,59666,59668,59669,34898,59667,1800,215,64],"class_list":{"0":"post-176097","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-daniel","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-georg-wilhelm","14":"tag-germany","15":"tag-kehlmann","16":"tag-leni","17":"tag-pabst","18":"tag-parkraum-inbox","19":"tag-riefenstahl","20":"tag-romane","21":"tag-unterhaltung","22":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114651959454963267","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176097","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=176097"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176097\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/176098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=176097"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=176097"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=176097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}