{"id":178107,"date":"2025-06-10T01:14:25","date_gmt":"2025-06-10T01:14:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/178107\/"},"modified":"2025-06-10T01:14:25","modified_gmt":"2025-06-10T01:14:25","slug":"reportage-von-der-buchmesse-2025-in-kiew","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/178107\/","title":{"rendered":"Reportage von der Buchmesse 2025 in Kiew"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Kiew, Fr\u00fchsommer 2025. Die Stadt wirkt allt\u00e4glich: Die Stra\u00dfencaf\u00e9s sind gut besucht, die Gesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet, Linienbusse und Autos fahren durch die Stra\u00dfen. Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich die Spuren des Krieges. Im Fr\u00fchjahr 2022 war eine Rakete direkt neben dem Hauptgeb\u00e4ude der Taras-Schewtschenko-Universit\u00e4t eingeschlagen. Die Sch\u00e4den wurden umgehend behoben, das Denkmal f\u00fcr den Namensgeber der Universit\u00e4t, den ukrainischen Nationaldichter, ist jetzt mit Brettern verschalt, um es bei erneuten Angriffen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Das \u00f6ffentliche Leben ist digitalisiert, in der U-Bahn zahlt man mit Kreditkarte, statt einen Jeton in den Schlitz am Drehkreuz zu werfen, im Restaurant bestellt und zahlt man per Handy. Nur die Blumenverk\u00e4uferin am Stra\u00dfenrand, die Pfingstrosen zu Str\u00e4u\u00dfen bindet, nimmt Bargeld. Zu verschiedenen Tageszeiten rollen Trauerz\u00fcge Richtung Wolodymyr-Kathedrale, an der Zahl der Limousinen liest man die Zahl der Gefallenen, die zur Aussegnung gefahren werden. Die Stadt zeigt sich leise, keine Musik in den Caf\u00e9s, die Restaurants schlie\u00dfen gegen zehn, die letzte U-Bahn f\u00e4hrt gegen halb elf.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Wie in den Jahren zuvor findet die Kiewer Buchmesse auf dem Ausstellungsgel\u00e4nde des Nationalen Kunst- und Museumszentrums Arsenal statt, der Klinkerbau verf\u00fcgt \u00fcber mehrere Ausstellungshallen und ein gro\u00dfes Freigel\u00e4nde. W\u00e4hrend in den anderen Monaten des Jahres Ausstellungen moderner Kunst zu sehen sind, verwandelt sich das Areal allj\u00e4hrlich Ende Mai in einen Ort f\u00fcr B\u00fccher, Lesungen und Gespr\u00e4che. In den vier im Karree angeordneten und miteinander verbundenen Hallen pr\u00e4sentieren sich in diesem Jahr vier Tage lang 111 Verlage, auf vier B\u00fchnen finden Lesungen und Diskussionen statt, in separaten R\u00e4umen Schreibwerkst\u00e4tten und Fortbildungen.<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"Sonntagszeitung\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/latest.jpg\"\/><\/p>\n<p>Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/meine-ausgaben\/fas\/\" class=\"Button\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">&#13;<br \/>\n          &#13;<br \/>\n         <\/a><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">In diesem Jahr steht die Buchmesse unter dem Motto \u201eEverything is translation\u201c \u2013 \u201eAlles ist \u00dcbersetzung\u201c. Den Schwerpunkt haben Marci Shore, Osteuropa-Historikerin von der University of Toronto, und Oksana Forostyna, Autorin und \u00dcbersetzerin, kuratiert. Aus der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Ukraine\" data-rtr-id=\"acb898af5ea66a22c43878bf8691be74ce4ecd86\" data-rtr-score=\"14.406052151518404\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/ukraine\" title=\"Ukraine\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ukraine<\/a> und aus dem Ausland sind Menschen, die schreiben, \u00fcbersetzen und forschen, gekommen, um \u00fcber Prozesse der kulturellen Transformation, die Dominanz des Englischen, solidarisches Schreiben und die Sprache in Zeiten des Krieges zu diskutierten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Aber es gibt auch ein Literaturprogramm, ein Kinder- und Jugendprogramm, ein Sonderprogramm f\u00fcr literarisches \u00dcbersetzen. Alles das haben Kulturmanagerinnen, Verlegerinnen und Journalistinnen auf die Beine gestellt, um unter den komplizierten Bedingungen des Krieges eine Plattform f\u00fcr Austausch und Kooperation zu schaffen. Fast alle wichtigen Autorinnen und Autoren der Gegenwart sind gekommen, um zu lesen, angefangen bei Juri Andruchowytsch \u00fcber Oksana Sabuschko bis zu Halyna Kruk und Sofia Andruchowytsch.<\/p>\n<p>Eine herzliche Umarmung als wichtigstes Messeziel<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Aber es geht nicht nur um B\u00fccher allein. Die Ausstellung \u201eDas ukrainische Literaturplakat\u201c bildet einen visuellen Ruhepunkt inmitten der Fl\u00fcchtigkeit des ringsum Vorgetragenen, sie zeigt, gestaltet im Stil der Avantgarden der Zwanzigerjahre, Zitate aus Werken bekannter ukrainischer Autorinnen und Autoren. Und da sind auch die \u201eGedichte in der Metro\u201c, ein Projekt des Polnischen Instituts in der Ukraine, Werke europ\u00e4ischer Dichterinnen und Dichter, die in den kommenden Monaten in den U-Bahnen von Charkiw, <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Kiew\" data-rtr-id=\"8d0ba8042243887a83f9fc026b3ad80b017a0aad\" data-rtr-score=\"63.72947741173946\" data-rtr-etype=\"location\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/kiew\" title=\"Kiew\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kiew<\/a> und Dnipro pr\u00e4sentiert werden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">30.000 G\u00e4ste werden am Ende auf der Messe gewesen sein. Sie unterhalten sich angeregt, h\u00f6ren interessiert zu, schie\u00dfen Erinnerungsfotos. Es geht hier darum, Literatur zu genie\u00dfen \u2013 und sich dabei gegenseitig zu st\u00e4rken. Eine herzliche Umarmung und ein Selfie \u2013 das sind die wichtigsten Messeziele. Doch so unbek\u00fcmmert die Atmosph\u00e4re wirkt, der Krieg hat den Alltag der Menschen brutal ver\u00e4ndert und dominiert ihre Erfahrungen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Das zeigt sich zum Beispiel, wenn Artem Chapaye, Vira Kuryko und Maritschka Paplauskajte gemeinsam lesen. \u201eLost in translation: Briefe \u00fcber Liebe und Krieg\u201c hei\u00dft ihre Veranstaltung, es geht in den Texten um die Tage an der Front, Rettungsaktionen f\u00fcr Verwunderte, kleine Alltagsmomente, und die ungeheure Anspannung, mit der das Publikum den dreien folgt, und die Innigkeit, mit der sie jedem Lesenden applaudieren, zeigten, wie schmerzhaft und kr\u00e4ftezehrend der Kampf gegen die Gewalt und das Ringen um Normalit\u00e4t ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Wie kann der ukrainischen Literatur und Kultur im Ausland Geh\u00f6r verschafft werden? In den Panels zur \u00dcbersetzung und kulturellen Vermittlung zeigt sich, wie die unausgesetzten milit\u00e4rischen russischen Angriffe, die auch die Vernichtung ukrainischer Kulturg\u00fcter zum Ziel haben, zu einer starken Fokussierung auf die eigenen Perspektiven f\u00fchrt, was au\u00dferhalb der Ukraine geschieht, wird in der Allgegenwart des Krieges kaum wahrgenommen.<\/p>\n<p>Konzentration auf das Eigene<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Dass sich die Messe so auf das Eigene konzentriert, liegt aber auch daran, dass nur wenige ausl\u00e4ndische G\u00e4ste den Weg hierher gefunden haben, aus finanziellen und Sicherheitsgr\u00fcnden. Neben Marci Shore, die aus Kanada gekommen ist, sind das vor allem Rita Kindlerov\u00e1 aus Tschechien, Iryna Dmytryschyn aus Frankreich, Katarzyna Koty\u0144ska aus Polen und Mikael Nydahl aus Schweden, die ukrainische Literatur \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Die ersten beiden Messetage verlaufen ohne Unterbrechungen. Am Samstagabend jedoch \u2013 ich sitze gerade auf einem Panel zur \u00dcbersetzung von Kinderliteratur, meine Kolleginnen und ich sprechen \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr den einbrechenden Absatz und das komplizierte Interesse ausl\u00e4ndischer Verlage an B\u00fcchern, die Kindern den Krieg angemessen erkl\u00e4ren \u2013 ert\u00f6nt das gef\u00fcrchtete durchdringende Ger\u00e4usch: Luftalarm. Eine Durchsage fordert alle Messeg\u00e4ste auf, die Hallen zu verlassen und sich in den Schutzraum zu begeben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Auch der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenski besuchte die Buchmesse im Arsenal.\" height=\"2020\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/auch-der-ukrainische.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Auch der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenski besuchte die Buchmesse im Arsenal.EPA<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Also steigen auch wir hinunter in die Katakomben \u2013 ger\u00e4umige, \u00fcberw\u00f6lbte, fensterlose S\u00e4le, die eher an einen hippen Nachtklub als eine Zufluchtsst\u00e4tte vor Bomben und Raketen erinnern. Geordnet und ohne Panik geht dieser Ortswechsel vonstatten, man sp\u00fcrt, dass es die Menschen gew\u00f6hnt sind, aus dem gerissen zu werden, was sie gerade tun, um sich vor Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die existenzielle Bedrohung, die unvermittelt in den Alltag einbricht, und die Gelassenheit, mit der die Menschen nach drei Jahren Krieg darauf reagieren, sind ersch\u00fctternd.<\/p>\n<p>Unter der gemeinsamen Bedrohung wird es schnell pers\u00f6nlich<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Im Luftschutzkeller angekommen, wird nahtlos weiter \u00fcber Literatur gesprochen, mit einer erh\u00f6hten Intensit\u00e4t und Offenheit. Unter der gemeinsamen Bedrohung wird es schnell pers\u00f6nlich. Ich komme mit der s\u00fcdukrainischen Autorin Oksana Stomina ins Gespr\u00e4ch. Ihr Mann ist im Fr\u00fchjahr 2022 an der Verteidigung von Mariupol beteiligt gewesen und wurde im Stahlwerk Asowstahl gefangen genommen. Seit mehr als drei Jahren hofft Oksana, dass er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikommt. Sie hat keinen Kontakt zu ihrem Mann, die russischen Besatzer lassen keinen Briefverkehr der Kriegsgefangenen zu, obwohl sie nach dem humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrecht darauf Anspruch h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Wir sprechen \u00fcber das \u00dcbersetzen, Oksana m\u00f6chte wissen, wie ich Slangvokabular des Krieges \u00fcbersetze: dvochsoti \u2013 die Zweihunderter, die Gefallenen, die man im administrativen Jargon mit dieser Nummer bezeichnet. Oder zakobsonyty \u2013 einen russischen Soldaten ins Jenseits schicken, wo er sich die Musik des Schlagerstars Josif Kobson anh\u00f6ren kann, der als Putin-Anh\u00e4nger die Aggression gegen die Ukraine seit 2014 \u00f6ffentlichkeitswirksam unterst\u00fctzt hatte, bevor er 2018 starb.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Oksana und ich stellen fest, dass diese Wahrnehmungen und Gef\u00fchle, die Verzweiflung, der Schmerz \u00fcber die Verluste und auch der schwarze Humor, der sich in diesen markanten W\u00f6rtern kondensiert, un\u00fcbersetzbar sind. Unfassbar und un\u00fcbersetzbar bleibt nicht nur das Geschehen an sich \u2013 die Angriffe, die Grausamkeit, das Sterben \u2013 , sondern auch die Formen, die die Menschen in der Ukraine finden, um das Geschehene zu verarbeiten und Wege zum Weiterleben zu finden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Als der letzte Abend gekommen ist, frage ich Yulia Kozlovets, die Direktorin der Buchmesse, ob sie mit dem Verlauf und den Ergebnissen zufrieden sei. \u201eJa\u201c, sagt sie, \u201ewir haben unglaubliche Anstrengungen unternommen, um die Messe m\u00f6glich zu machen. Ein solches Gro\u00dfereignis braucht ein gutes Jahr Vorlauf. Und dann wei\u00df man nie, ob es am Ende wirklich stattfinden kann. Wir hatten dreimal Luftalarm, und Mitwirkende, deren Veranstaltungen deswegen abgebrochen werden mussten, waren nat\u00fcrlich entt\u00e4uscht. Aber wir hatten intensive Tage mit viel Energie. Dar\u00fcber bin ich froh.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kiew, Fr\u00fchsommer 2025. 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