{"id":178136,"date":"2025-06-10T01:29:42","date_gmt":"2025-06-10T01:29:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/178136\/"},"modified":"2025-06-10T01:29:42","modified_gmt":"2025-06-10T01:29:42","slug":"jungle-world-die-ueberlebenden-mahnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/178136\/","title":{"rendered":"jungle.world &#8211; Die \u00dcberlebenden mahnen"},"content":{"rendered":"<p>Volle Einsicht in die Akten, eine umfassende Schulung der Beh\u00f6rden und <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/44\/laengst-nicht-vorbei\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00bbkeinen Schlussstrich\u00ab unter die Aufarbeitung der rechtsterroristischen Anschl\u00e4ge und Morde<\/a>: Mit diesen Forderungen der Angeh\u00f6rigen und Betroffenen des Terrors des \u00bbNationalsozialistischen Untergrunds\u00ab (NSU) wurde in Chemnitz am 25.\u2009Mai, einem Sonntag, das erste Dokumentationszentrum zur rechtsextremen Terrorzelle er\u00f6ffnet; es hei\u00dft \u00bbOffener Prozess\u00ab. In einem ehemaligen Einrichtungsgesch\u00e4ft soll nun ein Begegnungs-, Erinnerungs- und Lernort entstehen.<\/p>\n<p>Enver \u015eim\u015fek, Abdurrahim \u00d6z\u00fcdo\u011fru, S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc, Habil K\u0131l\u0131\u00e7, Mehmet Turgut, \u0130smail Ya\u015far, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kuba\u015f\u0131k, Halit Yozgat, Mich\u00e8le Kiesewetter: Zwischen 2000 und 2007 hatte der NSU Dutzende Menschen verletzt und zehn ermordet. Neun der Ermordeten haben einen Migrationshintergrund, Kiesewetter war Polizistin. Ein elftes Opfer, Atilla \u00d6zer, starb 2017 an den Sp\u00e4tfolgen des Anschlags auf ihn. An diese Gr\u00e4ueltaten soll die Ausstellung des neuen Dokumentationszen\u00adtrums erinnern, aber ebenso an das Versagen der Polizei und der Justiz und auch daran, dass die \u00fcberlebenden Opfer und ihre Angeh\u00f6rigen rassistisch behandelt, nicht ernst genommen und in manchen F\u00e4llen gar selbst der Verbrechen bezichtigt wurden.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Aussagekr\u00e4ftig war, dass Sachsens Ministerpr\u00e4sident Michael Kretschmer (CDU) der Er\u00f6ffnung des NSU-Dokumentationszentrums fernblieb. Die Einweihung einer Bundesstra\u00dfe am Tag hatte Priorit\u00e4t.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend der zweist\u00fcndigen Presseveranstaltung am Vormittag hielt Abdulla \u00d6zkan, \u00dcberlebender des Nagelbombenanschlags in K\u00f6ln von 2004, eine bewegende Rede. \u00bbDiese Tat hat nicht nur mein Leben, sondern das vieler Menschen in unserer Gemeinschaft f\u00fcr immer ver\u00e4ndert\u00ab, sagte er vor den Anwesenden. Mit dem Dokumentationszentrum werde ein wichtiges Kapitel der Erinnerung ge\u00f6ffnet. \u00bbEs ist ein Ort, der uns Geh\u00f6r verschafft\u00ab, so der \u00dcberlebende. Er sei dankbar, dass er und andere Angeh\u00f6rige und Betroffene die M\u00f6glichkeit hatten, dieses Projekt mitzugestalten.<\/p>\n<p>\u00bbUnsere Stimmen werden geh\u00f6rt\u00a0\u2013 zumindest hier\u00ab, so \u00d6zkan. Man d\u00fcrfe nicht die politischen Ursachen daf\u00fcr vergessen, dass es zu solchen Taten komme und deren Aufkl\u00e4rung verschleppt werde. Es reiche nicht aus, nur zu dokumentieren. Es brauche vielmehr entschlossenes Handeln und Konsequenzen. Solche Taten d\u00fcrften sich nie wieder wiederholen. \u00d6zkan erinnert auch an die unbequemen Fragen: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2018\/29\/handarbeit-statt-schlussstrich\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00bbWarum hat man die T\u00e4ter des NSU nicht fr\u00fcher ermittelt? Warum hat man jahrelang weggesehen, vertuscht und versagt?\u00ab<\/a> Warum, fragte er schlie\u00dflich, mussten Betroffene wie er sich rechtfertigen und wurden verd\u00e4chtigt und kriminalisiert? Und: \u00bbWo sind die Verantwortlichen?\u00ab Die Funktion des Dokumentationszentrums m\u00fcsse, so sein Vorschlag, nicht nur in der Mahnung, sondern als Auftrag f\u00fcr die Zukunft gesehen werden.<\/p>\n<p>Aussagekr\u00e4ftig war, dass Sachsens Ministerpr\u00e4sident Michael Kretschmer (CDU) der Er\u00f6ffnung fernblieb. Die Einweihung einer Bundesstra\u00dfe an diesem Tag hatte Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00bbGeschreddert\u00ab, \u00bbunter Verschluss\u00ab, \u00bbGeschw\u00e4rzt\u00ab<\/p>\n<p>In den metallenen Aktenregalen im Ausstellungsraum sind Ordner aufgestellt: Die Buchstaben auf deren R\u00fccken bilden die Worte \u00bbGeschreddert\u00ab, \u00bbunter Verschluss\u00ab, \u00bbGeschw\u00e4rzt\u00ab, auf einigen Regalabschnitten lagern geschredderte Dokumente in durchsichtigen K\u00e4sten. Dieser Teil der Ausstellung spielt darauf an, dass das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz im November 2011, kurz nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie, gezielt Akten zu V-Leuten vernichtete. Die offizielle Begr\u00fcndung: Datenschutz. Der verantwortliche Beamte mit dem Tarnnamen \u00bbLothar Lingen\u00ab r\u00e4umte ein, bewusst verhindert zu haben, dass die hohe Zahl von Quellen in Th\u00fcringen bekannt werden kann\u00a0\u2013 aus Angst vor kritischen Nachfragen zur Rolle des Bundesverfassungsschutzes.<\/p>\n<p>Mehrere Leinw\u00e4nde mit Informationen gliedern die Ausstellung thematisch: \u00bbTatort\u00ab, \u00bbAufarbeitung?\u00ab, \u00bbKontinuit\u00e4t von rechtem Terror\u00ab. Auf der mit \u00bbOffener Prozess\u00ab betitelten Wand hei\u00dft es: \u00bbEine Hauptt\u00e4terin erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Vier Mitangeklagte wurden nur zu Strafen zwischen 2,5 und zehn Jahren verurteilt. Bei der Urteilsverk\u00fcndung klatschten die anwesenden Nazis. Die Erwartungen an den Prozess wurden nicht erf\u00fcllt. Die Aufarbeitung bleibt ein offener Prozess: juristisch, parlamentarisch und gesellschaftlich.\u00ab<\/p>\n<p>Die Ausstellung zeigt au\u00dferdem eine wachsende Sammlung pers\u00f6nlicher Gegenst\u00e4nde, die Angeh\u00f6rige der Opfer dem Dokumentationszentrum anvertraut haben. Darunter ist etwa die Armbanduhr Mehmet Kuba\u015f\u0131ks, des achten Todesopfers des NSU. Als er am 4.\u2009April 2006 in seinem Dortmunder Kiosk erschossen wurde, blieb sie stehen. Die Ermittlungsbeh\u00f6rden verd\u00e4chtigten f\u00e4lschlicherweise zun\u00e4chst den Ermordeten und seine Familie, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein. Ein <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/49\/der-gestank-bleibt\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">rechtsextremer Tathintergrund wurde hingegen nicht in Betracht gezogen<\/a>.<\/p>\n<p>Noch immer ist Chemnitz Hochburg des Rechtsextremismus<\/p>\n<p>Erst als 2011 die NSU-Kernmitglieder Uwe Mundlos und Uwe B\u00f6hnhardt Suizid begingen, Beate Zsch\u00e4pe die Zwickauer Wohnung der Terrorzelle abbrannte und Bekennervideos versandte, wurde in diese Richtung ermittelt. Bis zu ihrer Selbstenttarnung 2011 hatten die drei unbemerkt in Chemnitz und Zwickau gelebt, von wo aus sie ihre Mordserie sowie zahlreiche Raub\u00fcberf\u00e4lle und Bombenanschl\u00e4ge planten und ausf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Noch immer ist <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/05\/freie-sachsen-kulturhauptstadt-chemnitz-deutsche-kulturkritiker\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Chemnitz eine Hochburg des Rechtsextremismus<\/a>. Bei der vergangenen Bundestagswahl erhielt die AfD hier rund ein Drittel der Stimmen. 36 von 107 Personen, die im Verdacht stehen, dem NSU geholfen zu haben, stammen aus Chemnitz, dem benachbarten Zwickau und dem nahegelegenen Erzgebirge. Chemnitz tr\u00e4gt in diesem Jahr aber auch den Titel \u00bbKulturhauptstadt Europas\u00ab und zieht unter dem Motto \u00bbC the Unseen\u00ab mit einem umfangreichen Kulturprogramm Besuch\u00ader:innen aus dem In- und Ausland an, von denen sich viele wohl das erste Mal nach Chemnitz begeben. Die Er\u00f6ffnung des Dokumentationszentrums geh\u00f6rt zu diesen <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/05\/kulturhauptstadt-chemnitz-schlaegt-den-raab\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bem\u00fchungen, von denen sich die Stadt ein besseres Image erhofft<\/a>.<\/p>\n<p>Entstanden ist das Dokumentationszentrum \u00bbOffener Prozess\u00ab, dessen Finanzierung bisher nur f\u00fcr das Kulturhauptstadt-Jahr gesichert ist, aus der Kooperation der Initiative Offene Gesellschaft, des Chemnitzer Bildungsvereins ASA-FF e.\u2009V. und des RAA Sachsen, eines Vereins, der Opfer rechtsextremistisch motivierter Gewalt unterst\u00fctzt. Das Land Sachsen und der Bund teilen sich die Kosten von rund vier Millionen Euro, der Eintritt f\u00fcr Besucher:innen ist kostenlos. \u00bbOffener Prozess\u00ab soll als Vorbild f\u00fcr ein dauerhaftes Dokumentationszentrum dienen, das dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung zufolge in N\u00fcrnberg statt, wie von vielen Angeh\u00f6rigen bevorzugt, in Berlin er\u00f6ffnen soll.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Volle Einsicht in die Akten, eine umfassende Schulung der Beh\u00f6rden und \u00bbkeinen Schlussstrich\u00ab unter die Aufarbeitung der rechtsterroristischen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":178137,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1851],"tags":[2770,3364,29,548,663,3934,30,13,14,15,417,770,31321,859,12],"class_list":{"0":"post-178136","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-chemnitz","8":"tag-chemnitz","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-eu","12":"tag-europa","13":"tag-europe","14":"tag-germany","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-nsu","19":"tag-rechtsextremismus","20":"tag-rechtsterrorismus","21":"tag-sachsen","22":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114656481381903413","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=178136"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178136\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/178137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=178136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=178136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=178136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}