{"id":179357,"date":"2025-06-10T12:55:10","date_gmt":"2025-06-10T12:55:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/179357\/"},"modified":"2025-06-10T12:55:10","modified_gmt":"2025-06-10T12:55:10","slug":"nuernberg-gisela-elsners-antifaschistische-satire-heilig-blut-eine-kritik-bayern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/179357\/","title":{"rendered":"N\u00fcrnberg: Gisela Elsners antifaschistische Satire \u201eHeilig Blut\u201c- eine Kritik &#8211; Bayern"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">So viel Gisela Elsner gab es schon lange nicht mehr in <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/N%C3%BCrnberg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">N\u00fcrnberg<\/a>, der Geburtsstadt der kompromisslosen Schriftstellerin. In der vergangenen Woche erhielt zuerst Ulrike Draesner vom Literaturhaus N\u00fcrnberg den seit 2021 alle zwei Jahre verliehenen und mit 1000 Euro dotierten Gisela-Elsner-Literaturpreis f\u00fcr ihr vielf\u00e4ltiges Werk. Einen Tag sp\u00e4ter widmete man dann der Autorin, die sich 1992 im Alter von 55 Jahren in M\u00fcnchen das Leben nahm, einen ganzen Lese- und Gespr\u00e4chsabend. Am Freitag schlie\u00dflich hatte die Adaption ihres Romans \u201eHeilig Blut\u201c im Schauspielhaus Premiere, die letzte unter Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger, der sich im Sommer nach sieben erfolgreichen Jahren in Richtung Wien verabschiedet.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Die B\u00fchnenfassung der ungarischen Regisseurin Ildik\u00f3 Gaspar l\u00e4sst schon deshalb aufhorchen, weil die b\u00f6se Satire \u201eHeilig Blut\u201c, die Elsner als dezidiert \u201eantifaschistisch\u201c verstanden wissen wollte, nahezu unbekannt ist. Sie hatte sie in den 1980er-Jahren geschrieben. Die Geschichte handelt von drei alten M\u00e4nnern \u2013 H\u00e4chler, Glaubrecht und L\u00fcssl \u2013 die im Bayerischen Wald mit dem 40-j\u00e4hrigen G\u00f6sch, Sohn eines kranken Freundes, Winter- und Jagdurlaub machen, bis W\u00f6lfe aus einem Freigehege entlaufen, ein Knopffabrikant verschwindet und der d\u00fcnne Firnis der Zivilisation abbr\u00f6ckelt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Deutsche Verlage lehnten die Ver\u00f6ffentlichung ab, und so erschien der Roman 1987 auf Russisch. Eine deutsche Ausgabe gab es erst zwanzig Jahre sp\u00e4ter, der Berliner Verbrecher Verlag hatte sich des Werks angenommen. Mittlerweile ist auch diese Ausgabe l\u00e4ngst vergriffen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Ildik\u00f3 Gaspar hat \u201eHeilig Blut\u201c aus seinem Dornr\u00f6schenschlaf geweckt und in eine Nummernrevue aus 20 Szenen verwandelt. Was insofern passt, als Elsner munter Bibelanleihen neben Krimielemente und M\u00e4rchenmotive gesetzt hat. Die Regisseurin greift all dies auf, dreht den Genre-Mix aber noch weiter. Es erklingen Glockenspiel, Gong und Vibraphon, das Ensemble singt Passagen aus Bachs Matth\u00e4uspassion und forsch das Lied \u201eMut\u201c aus Schuberts Winterreise: \u201eLustig in die Welt hinein, gegen Wind und Wetter! Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber G\u00f6tter!\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">\u00dcberdies stecken die vielen Nebenfiguren \u2013 Wirte, Polizisten, Touristen \u2013 in bizarren Fantasietrachten, Chargen im wahrsten Sinne. Matthias Luckey, Adeline Schebesch und Thorsten Danner spielen in ihren mehreren Rollen sch\u00f6n b\u00f6se oder sch\u00f6n bl\u00f6d Schmierenkom\u00f6dienstadl.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"In mehreren Rollen unterwegs: Thorsten Danner, Elina Schkolnik und Adeline Schebesch (vorne von links) in \u201eHeilig Blut\u201c.\" data-manual=\"overline, headerImageCaption, headerImageSrc, headerImageSrcSet\" data-testid=\"responsive-image\" loading=\"lazy\"  src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/17208733-a5bc-49f5-aa0f-23971c9668db.jpeg\"  role=\"button\" tabindex=\"0\" class=\"css-y4bre2\"\/>In mehreren Rollen unterwegs: Thorsten Danner, Elina Schkolnik und Adeline Schebesch (vorne von links) in \u201eHeilig Blut\u201c. (Foto: Konrad Fersterer)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Wirklich komisch ist hier gar nichts, daf\u00fcr alles heiter brutal. Gisela Elsner f\u00fchrt in den drei alten M\u00e4nnern die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft vor. In ihnen lebt die faschistische Ideologie ungebrochen fort. Sie sind emotional vereist, hart gegen sich selbst, vor allem aber hart gegen andere. Der ihnen anvertraute G\u00f6sch ist f\u00fcr sie als Wehrdienstverweigerer, Weichei und Vegetarier ein gefundenes Fressen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Das eigentliche Problem sind also nicht die entflohenen W\u00f6lfe, sondern die Menschen, die ihren Mitmenschen ein Wolf sind. Ildik\u00f3 Gaspar verst\u00e4rkt diese Sichtweise, indem sie die Inszenierung in einer \u00fcberzeitlichen Winterlandschaft spielen l\u00e4sst. Die B\u00fchne ist schr\u00e4g gestellt, dazu rieselt leise der Schnee.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Hier stapfen die vier tollen Hauptdarsteller umher. Vorneweg die Alten in Soldatengrau und J\u00e4gergr\u00fcn. Julia Bartolome als H\u00e4chler: die Haare streng gescheitelt, der Blick schneidig. Amadeus K\u00f6hli als Glaubrecht: schon ein bisschen kr\u00e4nklich, was ihn aber nur noch b\u00f6ser sein l\u00e4sst. Stephan Sch\u00e4fer als L\u00fcssl: die Lache dreckig, das Gewehr stets im Anschlag. In ihrem Schlepptau Sascha Tuxhorn als G\u00f6sch. Mit Jutebeutel alles andere als schneidig, daf\u00fcr voller Scham. Seinem Diktafon vertraut er den zentralen Satz an: \u201eDer Kontrolle der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft entzogen, zeigen sie einen Hang zur Unmenschlichkeit, der sie gemeingef\u00e4hrlich macht.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1ylqqlw\">Gemeinsam schie\u00dft man auf Hasen, Fasane und W\u00f6lfe, und wenn man dabei einen Menschen trifft, na und, dann verscharrt man ihn halt, was soll das <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Theater\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Theater<\/a>? Ein alaskakalter Abend, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Obwohl ohne eine einzige Anspielung auf unsere Gegenwart muss man genau daran unabl\u00e4ssig denken!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So viel Gisela Elsner gab es schon lange nicht mehr in N\u00fcrnberg, der Geburtsstadt der kompromisslosen Schriftstellerin. 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