{"id":181594,"date":"2025-06-11T09:43:09","date_gmt":"2025-06-11T09:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/181594\/"},"modified":"2025-06-11T09:43:09","modified_gmt":"2025-06-11T09:43:09","slug":"das-spiel-mit-dem-zufall-buchrezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/181594\/","title":{"rendered":"Das Spiel mit dem Zufall &#8211; Buchrezension"},"content":{"rendered":"<p>Warum spielt der Mensch mit dem Zufall, und zwar \u00fcber die Jahrhunderte und Kulturkreise hinweg? Wie geht staatliche Macht mit Gewinnspiel um und von welchen Parametern h\u00e4ngt dies ab? Und welche politisch-theoretischen Betrachtungen des gesellschaftlichen Lebens lassen sich eigentlich daraus ableiten?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigen sich Dr. Daniel Henzgen und Dominik Meier in ihrem Buch \u201eDer Mensch, das Spiel und der Zufall\u201c, welches die beiden Autoren am 19. Mai im Quadriga Caf\u00e9 im Berlin vor rund 40 G\u00e4sten aus Politik, Medien und Public Affairs vorstellten. Ausgehend von einer historisch-systematischen Herangehensweise liefern sie dabei eine anthropologische Analyse, vor allem aber eine philosophische Interpretation des Gewinnspiels als gesellschaftlichem Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Warum gerade dieses Buch \u2013 und warum jetzt? \u201eEigentlich war am Anfang gar kein Buch geplant\u201c, so Henzgen, der die gl\u00fccksspielpolitische Debatte in Deutschland seit mehr als zehn Jahren begleitet. \u201eW\u00e4hrend der erzwungenen Ruhe der Coronazeit hatten wir die M\u00f6glichkeit, einmal alles zu hinterfragen. Gemeinsam mit Dominik Meier formte sich dann die Idee, einmal konzentriert wissenschaftlich zu betrachten, was die Faszination des Gl\u00fccksspiels ausmacht und wie sich Gesellschaft und Staat dazu verhalten.\u201c<\/p>\n<p>Dabei m\u00f6chte der Autor das Buch ausdr\u00fccklich nicht als eine Kommentierung der Tagespolitik oder des Standes der Regulierung in Deutschland verstanden wissen: \u201eWir wollten bewusst Abstand von der aktuellen gl\u00fccksspielpolitischen Debatte in Deutschland, die von Vorurteilen, \u00c4ngsten und bisweilen Bigotterie gepr\u00e4gt ist\u201c, erkl\u00e4rt Henzgen. \u201eDurch unseren historischen Ansatz er\u00f6ffnen wir die M\u00f6glichkeit, aus der Vergangenheit zu lernen und neue Denkanst\u00f6\u00dfe zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Man hat also in gro\u00dfen Linien gedacht. Kernthese des Buches ist, dass das Spiel mit dem Zufall immer schon staatliche Macht- und Ordnungsstrukturen herausgefordert habe. Herrschaft versuche naturgem\u00e4\u00df, den Einfluss des Zufalls zu minimieren und staatliche Kontrolle zu maximieren. Die zuf\u00e4llige Auswahl von Gewinnern und Verlierern sei etwas, das sich staatlicher Kontrolle entziehe. Dazu k\u00e4men religi\u00f6se und leistungsethische Weltanschauungen, die sittliches Verhalten und Flei\u00df belohnt sehen wollten und die blinde Hand des Zufalls entsprechend kritisch s\u00e4hen.<\/p>\n<p>\u201eGewinnspiele und der Leitbegriff des Gl\u00fccks sind \u00fcber die Jahrhunderte hinweg immer unterschiedlich interpretiert worden: als Orakel und Einblick in den Willen der G\u00f6tter, als subversiver Gegenentwurf zu hierarchischen Gesellschaftsstrukturen oder als moralisch-p\u00e4dagogische Herausforderung\u201c, so Meier. In der Gegenwart habe allerdings eine Perspektive den Diskurs besonders gepr\u00e4gt, Henzgen und Meier nennen es die Pathologisierung der Spielfreude. \u201eDie Spa\u00df am Spiel und der Nervenkitzel des ungewissen Ausgangs ist v\u00f6llig aus dem Blick geraten. Stattdessen wird Spielfreude pauschal pathologisiert und dabei der Status des Spielens als soziale Auszeit abseits gesellschaftlicher Normen ausgeblendet.\u201c<\/p>\n<p>Dem stellen Henzgen und Meier gegen\u00fcber, dass genau im Aspekt des Zufalls die Faszination des Gewinnspiels liege: als anarchischem Element im sonst durchgeplanten und selbstoptimierten Alltagsleben. Soziale Hierarchien und unterschiedliche Begabungen w\u00fcrden durch das Zufallsprinzip ausgehebelt. \u201eGl\u00fccksspiel erm\u00f6glicht eine Auszeit von den Regeln, mit denen wie unsere Gesellschaft organisieren. Wir leben in einer sehr durchstrukturierten Welt, in der alles vorgegeben ist, es kaum Freiraum gibt f\u00fcr individuelle Entfaltung. Und das Gl\u00fccksspiel stellt eine Option dar, aus dieser Gleichf\u00f6rmigkeit auszubrechen\u201c, erkl\u00e4rt Henzgen die Faszination des Spiels.<\/p>\n<p>Letztlich gehe es bei der philosophischen Betrachtung des Spiels mit dem Zufall aber auch um die grunds\u00e4tzliche politische Frage, wie viel Freiheit, Autonomie und M\u00fcndigkeit dem Individuum zugestanden wird. Meier erkennt im staatlichen Umgang mit Gewinnspiel eine regressive Entwicklung individueller Freiheit: \u201eDer Liberalismus, in dem Gl\u00fcck durch die Verwirklichung individueller, h\u00f6chst subjektiver W\u00fcnsche besteht, weicht einem zunehmend paternalistischen Menschen- und Gesellschaftsbild.\u201c<\/p>\n<p>So ist das Buch \u201eDer Mensch, das Spiel und der Zufall\u201c neben historischer Analyse und philosophischer Betrachtung vor allem auch ein politisches Pl\u00e4doyer. \u201eJeder Mensch hat das Recht, seine Freizeit nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, ohne pathologisiert und paternalisiert zu werden\u201c, betont Henzgen. Die Frage nach der Freiheit des Spiels sei daher auch unmittelbar verkn\u00fcpft mit der Frage nach der individuellen Freiheit generell.<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch, das Spiel und der Zufall\u201c von Dr. Daniel Henzgen (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Kommunikation &amp; Compliance bei L\u00d6WEN ENTERTAINMENT) und Dominik Meier (Inhaber von Miller &amp; Meier Consulting) ist erschienen im Springer Wissenschaftsverlag. Hier geht es zur <a href=\"https:\/\/www.politik-kommunikation.de\/politikszene\/galerie\/buchvorstellung-der-mensch-das-spiel-und-der-zufall-im-quadriga-cafe\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bildergalerie<\/a> der Buchvorstellung am 19. Mai im Quadriga Caf\u00e9.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum spielt der Mensch mit dem Zufall, und zwar \u00fcber die Jahrhunderte und Kulturkreise hinweg? 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