{"id":18309,"date":"2025-04-09T13:10:11","date_gmt":"2025-04-09T13:10:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/18309\/"},"modified":"2025-04-09T13:10:11","modified_gmt":"2025-04-09T13:10:11","slug":"lueckenhafte-statistik-wenn-muettersterben-unsichtbar-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/18309\/","title":{"rendered":"L\u00fcckenhafte Statistik &#8211; Wenn M\u00fcttersterben unsichtbar bleibt"},"content":{"rendered":"<p>                    <strong>exklusiv<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 09.04.2025 06:05 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Deutschlands Geburtsmedizin schneidet im internationalen Vergleich offiziell gut ab &#8211; doch viele m\u00fctterliche Todesf\u00e4lle tauchen laut BR und Spiegel gar nicht in der Statistik auf. Das hat Folgen f\u00fcr Pr\u00e4vention und Versorgung von Frauen. <\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Wir wollten das nicht wahrhaben&#8220;, erinnert Firat Dursun aus L\u00fcdenscheid. &#8222;Sie lag einfach so da, als w\u00fcrde sie schlafen.&#8220; Zwei Wochen vorher war Firat Dursuns Schwester Zehra B. mit Wehen in die Klinik gefahren. Ihre Tochter kam gesund zur Welt, doch sie hatte nach der Geburt viel Blut verloren, musste notoperiert werden.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nLaut Krankenunterlagen besteht der Verdacht, dass sich die Plazenta nicht vollst\u00e4ndig abgel\u00f6st hat. Nach der OP f\u00e4llt die junge Frau ins Koma. Am 27. Dezember 2024 stirbt Zehra B. auf der Intensivstation.<\/p>\n<p>    WHO definiert M\u00fcttersterblichkeit<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDass Frauen wie Zehra B. im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt versterben, ist in Deutschland ein seltenes Ereignis. Etwa 25 &#8211; 30 F\u00e4lle von M\u00fcttersterblichkeit werden laut Bundesamt f\u00fcr Statistik pro Jahr erfasst.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert M\u00fcttersterblichkeit als den Tod einer Frau im Zusammenhang mit der Schwangerschaft oder der Geburt bis zu 42 Tage nach der Entbindung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Gyn\u00e4kologie und Geburtshilfe sieht die niedrige M\u00fcttersterblichkeitsrate in Deutschland als Ausdruck einer guten Versorgung. Doch ob die Zahlen die Realit\u00e4t wiedergeben, ist fraglich.<\/p>\n<p>    In Berlin mehr Todesf\u00e4lle als angenommen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nAllein in Berlin sind im Untersuchungszeitraum mehr als doppelt so viele M\u00fctter im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt verstorben, wie im bisher bekannten bundesweiten Durchschnitt. Das zeigt eine Studie, an der die Ober\u00e4rztin Josefine K\u00f6nigbauer von der Geburtsklinik der Berliner Charit\u00e9 mitgewirkt hat. &#8222;Viele F\u00e4lle tauchen nicht in der Statistik auf&#8220;, sagt K\u00f6nigbauer.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nGemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat K\u00f6nigbauer die Zahlen f\u00fcr Berlin \u00fcberpr\u00fcft und herausgefunden, dass allein in der Hauptstadt im Untersuchungszeitraum mehr als doppelt so viele M\u00fctter im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt verstorben sind, wie im bisher bekannten bundesweiten Durchschnitt.\u00a0So kamen die Wissenschaftler auf 9,1 verstorbene Frauen pro 100.000 Geburten statt der offiziell erfassten 3,4 verstorbenen Frauen pro 100.000 Geburten.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVon 2019 bis 2022 haben die Forschenden 2.316 Totenscheine von Frauen im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter ausgewertet, die in Berlin verstorben sind. In intensiven Gespr\u00e4chen mit denjenigen, die die Totenscheine ausgef\u00fcllt hatten, kamen F\u00e4lle von M\u00fcttersterblichkeit ans Licht, die bislang nicht als solche identifiziert worden waren, sagt K\u00f6nigbauer.<\/p>\n<p>    Einige M\u00fcttersterbef\u00e4lle k\u00f6nnten verhindert werden<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie l\u00fcckenhafte Dokumentation ist mehr als ein statistisches Problem. &#8222;Wir sollten diesen F\u00e4llen bundesweit mehr Aufmerksamkeit schenken&#8220;, sagt die Geburtsmedizinerin. &#8222;Jeder Einzelfall ist ein schweres Schicksal, das wir dokumentieren m\u00fcssen, um daraus zu lernen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nTats\u00e4chlich zeigen Studien, dass Frauen auch in hochentwickelten L\u00e4ndern wie in Deutschland besser medizinisch versorgt werden k\u00f6nnten und einige m\u00fctterliche Sterbef\u00e4lle potenziell verhindert werden k\u00f6nnen. So war es auch bei 19 M\u00fcttersterbef\u00e4llen, die das Team rund um K\u00f6nigbauer n\u00e4her analysiert hat. &#8222;Etwa 40 Prozent der untersuchten F\u00e4lle w\u00e4ren vermutlich vermeidbar gewesen&#8220;, sagt K\u00f6nigbauer.<\/p>\n<p>    Uneinheitliche Datenerfassung<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWirksame Pr\u00e4vention setze aber saubere Dokumentation voraus, so die Geburtsmedizinerin. Und die scheint aus mehreren Gr\u00fcnden in Deutschland nicht gegeben, wie eine Abfrage von BR und Spiegel unter den Statistischen Landes\u00e4mtern zeigt. Demnach variiert die Erfassung m\u00fctterlicher Todesf\u00e4lle von Bundesland zu Bundesland. In Bayern l\u00e4sst sich auf dem Totenschein erkennen, ob ein Todesfall mit einer Schwangerschaft in Verbindung steht. In Sachsen-Anhalt hingegen werden diese Informationen gar nicht abgefragt. Von dort hei\u00dft es, dass &#8222;ggf. nicht alle M\u00fcttersterbef\u00e4lle vollst\u00e4ndig erfasst w\u00fcrden&#8220;. Das Saarland schreibt, es sei &#8222;nicht bekannt&#8220;, ob die M\u00fcttersterblichkeit dort vollst\u00e4ndig erfasst sei.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nF\u00e4lle von M\u00fcttersterblichkeit in Kliniken werden in Deutschland zus\u00e4tzlich vom Institut f\u00fcr Qualit\u00e4tssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen erfasst. Die Daten sollen unter anderem helfen, Abl\u00e4ufe in den Kliniken zu verbessern. Auch hier ist zentral, dass die F\u00e4lle \u00fcberhaupt gemeldet werden.<\/p>\n<p>    Schlechte Qualit\u00e4t der Dokumentation<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nBei den Mitarbeitenden fehle oft ein Bewusstsein daf\u00fcr, wie wichtig es sei, so K\u00f6nigbauer, die M\u00fcttersterblichkeit sauber zu dokumentieren. Allein in Berlin waren laut Josefine K\u00f6nigbauers Untersuchung fast zwei Drittel der Totenscheine unvollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt, so fehlte beispielsweise der Hinweis auf eine vorhandene Schwangerschaft.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nSo scheint es auch bei Firat Dursuns Schwester in L\u00fcdenscheid gewesen zu sein: Laut Unterlagen, die BR und Spiegel vorliegen, wurde auf dem Totenschein vom Personal nicht im daf\u00fcr vorgesehenen Feld angekreuzt, dass Zehra B. k\u00fcrzlich schwanger war. Das Klinikum \u00e4u\u00dfert sich auf Nachfrage des Spiegel und BR nicht zu den Gr\u00fcnden und beruft sich auf die \u00e4rztliche Schweigepflicht.<\/p>\n<p>    Zentrales Register zu M\u00fcttersterblichkeit gefordert<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Diese Katastrophen sind gl\u00fccklicherweise sehr selten, deswegen m\u00fcssen wir retrospektiv aus den wenigen Ereignissen Erkenntnisse ziehen&#8220;, sagt Wolfgang Henrich, Leiter der Geburtsklinik der Berliner Charit\u00e9. So k\u00f6nne man k\u00fcnftig die Anzahl dramatischer Verl\u00e4ufe verringern. Man m\u00fcsse aber auch akzeptieren, dass manche Schicksale nicht vermeidbar seien.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie Qualit\u00e4t der geburtshilflichen Versorgung sei insgesamt sehr hoch &#8211; aber: &#8222;Es d\u00fcrfte eine unvollst\u00e4ndige Dokumentation und nicht erfasste Todesf\u00e4lle im Rahmen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in Deutschland geben&#8220;, vermutet Henrich. Er fordert ein zentrales Register f\u00fcr M\u00fcttersterblichkeit in Deutschland. Auch die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Gyn\u00e4kologie und Geburtshilfe schreibt auf Anfrage, das Thema werde in Deutschland &#8222;stiefm\u00fctterlich&#8220; behandelt. Man sehe dringlichen politischen Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>    Im Fall Zehra B. ermittelt die Staatsanwaltschaft<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\n&#8222;Was uns widerfahren ist, w\u00fcnsche ich niemandem&#8220;, sagt Firat Dursun. Bis heute hat seine Familie viele offene Fragen: Was ist genau passiert und warum musste Zehra sterben? F\u00fcr Aufkl\u00e4rung wolle er bis zuletzt k\u00e4mpfen, sagt Dursun. Ein medizinisches Gutachten ist derzeit in Arbeit und soll das kl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nDie L\u00fcdenscheider Klinik beantwortet auf Anfrage von BR und Spiegel nicht alle Fragen zu den Vorg\u00e4ngen. Die \u00e4rztliche Schweigepflicht gehe \u00fcber den Tod hinaus. Und es laufe ein Ermittlungsverfahren, dessen Ausgang abgewartet werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nLaut der zust\u00e4ndigen Staatsanwaltschaft wird gegen Mitarbeitende des Klinikums wegen des Verdachtes der fahrl\u00e4ssigen T\u00f6tung ermittelt. Ob Zehras Tod h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen am Ende Gutachter und Gerichte kl\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"exklusiv Stand: 09.04.2025 06:05 Uhr Deutschlands Geburtsmedizin schneidet im internationalen Vergleich offiziell gut ab &#8211; doch viele m\u00fctterliche&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":18310,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[11749,29,8500,30,13,9373,14,15,12,834,11748,10,8,9,11],"class_list":{"0":"post-18309","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-berliner-charite","9":"tag-deutschland","10":"tag-geburt","11":"tag-germany","12":"tag-headlines","13":"tag-muettersterblichkeit","14":"tag-nachrichten","15":"tag-news","16":"tag-schlagzeilen","17":"tag-schwangerschaft","18":"tag-studie","19":"tag-top-news","20":"tag-top-meldungen","21":"tag-topmeldungen","22":"tag-topnews"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114308174614960621","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18309"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18309\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18310"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}