{"id":184254,"date":"2025-06-12T09:55:10","date_gmt":"2025-06-12T09:55:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/184254\/"},"modified":"2025-06-12T09:55:10","modified_gmt":"2025-06-12T09:55:10","slug":"aufloesungsvertrag-fuer-volpi-jetzt-droht-die-wuppertalisierung-von-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/184254\/","title":{"rendered":"Aufl\u00f6sungsvertrag f\u00fcr Volpi: Jetzt droht die Wuppertalisierung von Hamburg"},"content":{"rendered":"<p>Ein Aufl\u00f6sungsvertrag mit sofortiger Freistellung als Ballettdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Vorangegangen waren ein offener Brief gegen Demis Volpi, Mobbing-Vorw\u00fcrfe, K\u00fcndigungen. Wie schrecklich das enden kann, wird an einer anderen legend\u00e4ren Tanzb\u00fchne sichtbar.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Von diesem Schlachtfeld geht keiner mit erhobenem Kopf: Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper und Ballettdirektor Demis Volpi, der Nachfolger von John Neumeier, einigen sich einvernehmlich auf einen Aufl\u00f6sungsvertrag zum Ende der Spielzeit mit sofortiger Freistellung. Das gab die Pressestelle des Hamburg Ballett bekannt. Und so bleiben hier, auf einem Terrain, wo f\u00fcr gew\u00f6hnlich Harmonie, Frieden und Sch\u00f6nheit herrschen sollten, nur kulturpolitisch rauchende Tr\u00fcmmer \u00fcbrig. Vom Platz gehen lediglich Verlierer.<\/p>\n<p>Denn die \u201eEinvernehmlichkeit\u201c, sie wird wohl nur nach au\u00dfen demonstriert. Eine sogenannte \u201eGef\u00e4hrdungsbeurteilung\u201c, anonym durchgef\u00fchrt als arbeitsrechtliche Ma\u00dfnahme von der Kulturbeh\u00f6rde unter den Hamburger T\u00e4nzern, die Mobbing-Vorw\u00fcrfe gegen Volpi erhoben hatten, war wohl zu dem Ergebnis gelangt, dass der angeschlagene Volpi nicht mehr zu halten sei. Das soll den T\u00e4nzern bereits vor der R\u00fcckkehr von einem Gastspiel mit Neumeiers \u201eTod in Venedig\u201c mitgeteilt wurden sein. So gibt es nur auch noch einen \u201eBallettdirektorentod in Hamburg\u201c. <\/p>\n<p>Der mit den gestanzt wirkenden Volpi-Worten endet: \u201eMeine Vision \u2013 sowohl in k\u00fcnstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf eine zeitgem\u00e4\u00dfe Struktur, die offene und verantwortungsvolle Zusammenarbeit innerhalb einer Ballettkompanie erm\u00f6glicht \u2013 lie\u00df sich trotz intensiver Bem\u00fchungen unter den aktuellen Rahmenbedingungen am Hamburg Ballett nicht weiter verwirklichen.\u201c<\/p>\n<p>Musste es so weit kommen? Durch eine Revolte oder eine Intrige gar? Man wei\u00df es nicht. Jedenfalls wird klar, die Strategie des Kultursenators und gerade wiedergew\u00e4hlten B\u00fchnenvereinspr\u00e4sidenten Carsten Brosda, mithilfe einer Findungskommission aus renommierten Ballettchefs wie auch dem ehemaligen Hamburger Ballettkaiser John Neumeier, einen neuen Choreografen hier aufsteigen zu lassen, sie ist krachend gescheitert.<\/p>\n<p>51 Jahren Alleinherrschaft John Neumeiers<\/p>\n<p>Wie soll es jetzt weitergehen? Eine der renommiertesten Ballettkompanien der Welt ist von einem Tag auf den anderen kopflos geworden. Der Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper hat zwar beschlossen, eine gemeinschaftliche Interimsleitung des Hamburg Ballett bis zum Ende der Spielzeit 2025\/2026 anzustreben. \u201eDazu finden aktuell Gespr\u00e4che mit dem stellvertretenden Ballettintendanten Lloyd Riggins, dem Ballettbetriebsdirektor Nicolas Hartmann und der stellvertretenden Direktorin der Ballettschule Gigi Hyatt statt. Zudem laufen mit dem Ballettbetriebsdirektor Nicolas Hartmann Verhandlungen \u00fcber die interimistische \u00dcbernahme der Position des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers.\u201c Aber das kann diese Katastrophe nicht mindern.<\/p>\n<p>Es war aber auch zu naiv, was hier einem Nachfolger zugemutet worden war: Nach 51 Jahren Alleinherrschaft John Neumeiers sollte dessen Erbe quasi komplett erhalten werden, inklusive der \u00dcbernahme alle seiner Protagonisten. Gleichzeitig sollte auf Augenh\u00f6he Neues geschaffen werden, vom choreografierenden Ballettdirektor selbst wie auch von den ber\u00fchmtesten Zeitgenossen, die hier gleichwohl 51 Jahre vor der T\u00fcr gehalten worden waren. Daf\u00fcr sollte der Neue herumreisen, Beziehungen kn\u00fcpfen, aber auch t\u00e4glich im Ballettsaal stehen, wie der heute 86- Jahre alte Altdirektor. Mit der Truppe von Tobias Kratzer als neuem Opernintendanten und Omer Meir Wellber als neuem Generalmusikdirektor ab n\u00e4chster Spielzeit sollte der neue Tanzchef aufs Engste kooperieren, au\u00dferdem eine Tanzbiennale f\u00fcr Hamburg planen.<\/p>\n<p>Aber niemand, auch Demis Volpi nicht, hat sich offenbar klargemacht, wie das zu schaffen sein soll. Zumal es schon \u00c4rger gab, als der nach wie vor \u00fcberpr\u00e4sente, sich st\u00e4ndig bei Wiederaufnahmen wie Gastspielen mitverbeugende John Neumeier glaubte, als Weiterhin-Chef des Bundesjungendballetts im Ballettzentrum ein B\u00fcro haben zu m\u00fcssen. Wie h\u00e4tte so, die langj\u00e4hrigen, unbedingten Neumeier-Fans jammern um jedes St\u00fcck, das aus dem Repertoire verschwinden, ein Neuanfang geschafft werden k\u00f6nnen? Aber das Hamburg Ballett darf eben kein Neumeier-Katafalk werden, es muss sich endlich auch einer Zukunft des Tanzes zuwenden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr h\u00e4tte man \u2013 mit der Choreografen-L\u00f6sung \u2013 entweder einen harten Schnitt mit vielen Entlassungen (so wie es auch Neumeier selbst bei seinem Antritt 1973 praktiziert hat) machen und das Repertoire radikal neu einpflegen m\u00fcssen; was nicht ohne \u00c4rger abgegangen w\u00e4re. Oder man h\u00e4tte zun\u00e4chst einen Nicht-Choreografen holen sollen, der stur auf Erweiterung setzt und nach einer gewissen Interimszeit Platz f\u00fcr einen Kreativen gemacht h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Jetzt wurde hier ein namhafter, aber eben nicht auf Neumeier-Augenh\u00f6he agierender Choreograf verbrannt; was sicher auch nicht billig werden wird. Denn Demis Volpi muss jetzt erst einmal komplett einpacken, ihm wurde jegliche Form von Arbeitselan, Menschenf\u00fchrung, Tanzk\u00f6nnen, Kompanieleitung abgesprochen. Der Mann ist zerst\u00f6rt und hat fertig. Seine abendf\u00fcllende Urauff\u00fchrung, \u201eDemian\u201c nach Hermann Hesse, sowie schon verschoben auf Dezember, wird es jetzt ebenso wenig geben wie Kreationen in der n\u00e4chsten Spielzeit oder die vorgezogene \u00dcbernahme von Volpis \u201eSurrogates Cities\u201c auf dem \u201eDemian\u201c-Premierentermin zur Er\u00f6ffnung der Ballettwoche am 6. Juli. \u00dcberall g\u00e4hnen nun Leerstellen in der Disposition.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Solisten des Hamburg Balletts hatten gek\u00fcndigt, die H\u00e4lfte der Truppe einen offenen Brief gegen Volpi unterschrieben. Weitere 17 D\u00fcsseldorfer T\u00e4nzer (von denen freilich keiner namentlich genannt ist) haben einen weiteren Brief gegen ihren ehemaligen, angeblich mobbenden Chef angezettelt. Eine jugendliche Neumeier-Favoritin, die Volpi nicht in die Kompanie \u00fcbernehmen wollte, sei Panikattacken-traumatisiert zusammengebrochen, wurde kolportiert. Und die Hamburger Medien, selbst der \u201eSpiegel\u201c, der niemals \u00fcber das k\u00fcnstlerische Wirken des Hamburg Ballett schreibt, sie weideten sich ohne allzu viel Nachfragen an der vorverurteilenden Demontierung des Ballettdirektors. Nachdem sie vorher alle brav dem Brosda-Narrativ gefolgt waren und Volpi in den Himmel geschrieben hatten.<\/p>\n<p>Und nicht nur das. Die ersten beiden Premieren, ein Vierteiler mit \u00e4lteren St\u00fccken von Pina Bausch, Demis Volpi, Hans van Manen und Justin Peck sowie ein Zweiteiler mit einer Forsythe-Erstauff\u00fchrung und einer Aszure-Barton-Urauff\u00fchrung z\u00fcndeten durchaus. Und dann schlug das Pendel pl\u00f6tzlich mit \u201eDer muss weg\u201c-geifernden Solisten ins Gegenteil um.<\/p>\n<p>Soll jetzt das Neumeier-Regententum mit seinen Satrapen und Speichelleckern, bei denen der  Altmeister von hinten an den Strippen zieht, auf ewig verl\u00e4ngert werden? Das kann es nun wirklich nicht sein. Das Ballett ist kein Erbhof. Und sein Werk, an dem John Neumeier, aber auch die Hansestadt via eine Stiftung die Rechte halten, wurde \u00fcber Jahrzehnte in seiner Einzigartigkeit mit deutschen Steuergeldern finanziert. Es soll nat\u00fcrlich kein Hamburg Ballett ohne Neumeier-Werke geben, aber es muss ohne den Menschen Neumeier gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen und trotzdem lebensf\u00e4hig sein.<\/p>\n<p>Ob es dazu kommen wird? Im Augenblick stehen die Zeichen schlecht. Der abrupte Volpi-Abgang, man kann auch von Rausschmiss reden, wird vor seinen Vertrauten nicht Halt machen. Halbfertige Ausstattungen m\u00fcssen verschrottet werden. Tobias Kratzer, der mit Volpi sehr gut konnte, wird sich auf die Zunge bei\u00dfen. <\/p>\n<p>Das Fu\u00dfvolk hat in Hamburg als starkes Kollektiv gewonnen. Vorerst. Aber ob es siegen wird? Eher nicht. Man schaue nur mal, wie kaputt das schon wieder f\u00fchrungslose Wuppertaler Tanztheater Jahrzehnte nach<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/pina-bausch\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/pina-bausch\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> Pina Bausch<\/a>s Tod noch ist. Will man solches jetzt auch f\u00fcr Hamburg mit einer praktisch unregierbaren Ballettkompanie, die sich jetzt erst recht in untr\u00f6stlicher Neumeier-Nostalgie einigeln wird? Nach diesem Tag ist man auf dem besten Weg dazu.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Aufl\u00f6sungsvertrag mit sofortiger Freistellung als Ballettdirektor der Hamburgischen Staatsoper. 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