{"id":185005,"date":"2025-06-12T16:49:14","date_gmt":"2025-06-12T16:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/185005\/"},"modified":"2025-06-12T16:49:14","modified_gmt":"2025-06-12T16:49:14","slug":"humor-kann-eine-waffe-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/185005\/","title":{"rendered":"Humor kann eine Waffe sein"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBFke tspBFkf\">Wenn an diesem Freitag die Berlin Biennale er\u00f6ffnet, wird der chinesische K\u00fcnstler Han Bing auf dem Gehweg vor den Kunstwerken einen Kohlkopf Gassi f\u00fchren. Klingt absurd? Ist es auch, aber was ist verkehrter: ein Kohl an der Leine oder ein Staat, der seine B\u00fcrger ermordet? <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/abo.tagesspiegel.de\/tagesspiegel-app?icid=single-topic_13842613___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCJn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Tagesspiegel-App Aktuelle Nachrichten, Hintergr\u00fcnde und Analysen direkt auf Ihr Smartphone. Dazu die digitale Zeitung. Hier gratis herunterladen.  <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Das Ritual des Spaziergangs mit einem Gem\u00fcse hat Han Bing erstmals im Jahr 2000 auf dem Tiananmen-Platz in Peking initiiert, wo <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/das-tiananmen-massaker-vom-4-juni-1989-was-wurde-aus-chinas-demokratie-bewegung-11719835.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zehn Jahre zuvor friedliche Studentenproteste blutig niedergeschlagen wurde<\/a>n. Es ist ein Beispiel f\u00fcr Kunst, die angesichts staatlicher Gewalt und Willk\u00fcr entsteht. Darum geht es bei der diesj\u00e4hrigen Berlin Biennale, die Beispiele aus 40 L\u00e4ndern versammelt.<\/p>\n<p> Foxing bei der Berlin Biennale <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Die indische Kuratorin Zasha Colah, die in Mumbai sowohl in der freien Szene als auch in nationalen Museen gearbeitet hat, hat gemeinsam mit Assistenzkuratorin Valentina Viviani rund 60 K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler eingeladen. Zu erleben sind etwa eine Slapstick-Kom\u00f6die aus Myanmar, Poetry Slam aus Indien, eine Unterhosenpartei von Frauen und absurdes Theater aus Polen. Humor, der aufblitzt wie ein Funke, Pointen zum Weitererz\u00e4hlen. \u201edas fl\u00fcchtige weitergeben\u201c lautet das Motto, das Colah f\u00fcr die seit 1998 alle zwei Jahre stattfindende Berliner Gro\u00dfausstellung gew\u00e4hlt hat. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/13-berlin-biennale-fur-zeitgenossische-kunst-pressetermin.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13843930\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Kuratorin Zasha Colah hat sich auf Kunst aus S\u00fcdostasien und S\u00fcdasien spezialisiert. Von dort stammen auch viele Werke ihrer Biennale. <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 dpa\/Jens Kalaene <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Colah, die derzeit in Bozen den Kunstverein leitet und auch eine Weile zwischen Mumbai und Berlin pendelte, spricht von krassen Situationen, in denen Kunst die letzte M\u00f6glichkeit ist, wieder die Kontrolle zu erlangen. Wenn der K\u00f6rper schmerzt, das Denken aussetzt, es nichts mehr zu hoffen gibt, im Gef\u00e4ngnis, im Krieg kann ausgerechnet die Kunst, die im Westen oftmals als sch\u00f6ngeistig, weich und wirkungslos gilt, ein Ausweg sein. Colah bezeichnet die zugeh\u00f6rigen Strategien als \u201efoxing\u201c, tricksen, clever sein, wie ein Fuchs, im Angesicht legislativer Gewalt seine eigenen Gesetze definieren.<\/p>\n<p class=\"tspUez\">Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/p>\n<p> An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgew\u00e4hlten, externen Inhalt, der den Artikel f\u00fcr Sie mit zus\u00e4tzlichen Informationen anreichert. Sie k\u00f6nnen sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. <\/p>\n<p> Externen Inhalt anzeigen <\/p>\n<p class=\"tspUe5\"> Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit k\u00f6nnen personenbezogene Daten an Drittplattformen \u00fcbermittelt werden.  Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Berliner Geschichte in den Sophiens\u00e4len <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Neben den Kunstwerken als Gr\u00fcndungsort und Heimstatt der Biennale, bespielt die 13. Ausgabe drei weitere Orte und einige Schwesterorganisationen aus der freien Szene. Einer der Hauptorte sind die Sophiens\u00e4le, dort hielt die Kuratorin ihre Auftaktpressekonferenz ab. Die Sophiens\u00e4le erz\u00e4hlen mit jeder Pore der jahrzehntelang unrenovierten W\u00e4nde Berliner Revolutions-, Diktatur- und Freiheitsgeschichte. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/1749746952_643_13-berlin-biennale-fur-zeitgenossische-kunst-pressetermin.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13843840\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Zur Pressekonferenz in den Sophiens\u00e4len sind auch  K\u00fcnstler gekommen, darunter als Hexen verkleidete Frauen aus einem B\u00fcndnis, das gegen die Milit\u00e4rdiktatur Myanmars k\u00e4mpft. <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 dpa\/Jens Kalaene <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Als Vereinshaus des Berliner Handwerkervereins erbaut, hielten hier w\u00e4hrend der Weimarer Zeit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ihre Reden. Unter den Nazis mussten Zwangsarbeiter aus Russland und der Ukraine im gro\u00dfen Saal NS-Propagandamaterial drucken. Ab 1950 zogen die Werkst\u00e4tten des Maxim Gorki-Theaters ein, nach der Wende die freie Tanz- und Theaterszene. Der ideale Ort, um Berlin mit der internationalen K\u00fcnstlerschaft zu verbinden, die zur Pressekonferenz teils anwesend ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/kuratorin-zasha-colah-die-berlin-biennale-wird-grotesk-mittelalterlich-und-burlesk-13766596.html?icid=single-topic_13842613___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCJn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kuratorin Zasha Colah \u201eDie Berlin Biennale wird grotesk, mittelalterlich und burlesk\u201c <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Einer der nicht kommen konnte, weil man ihn nicht ausreisen lie\u00df, ist der burmesischen Maler, Aktivist und Performancek\u00fcnstler Htein Lin. Bei der Pressekonferenz erl\u00e4utert Zasha Colah anhand einer Erz\u00e4hlung Htein Lins um welche Art von Humor es beim \u201efoxing\u201c geht. In dem Moment als Lin in Myanmar vor Gericht den Schergen der Milit\u00e4rjunta gegen\u00fcbersitzt und ihm und weiteren unschuldig Verhafteten absurd lange Haftstrafen verlesen werden, brechen die Verurteilten in Lachen aus. \u201e10 Jahre, 15 Jahre, herzlichen Gl\u00fcckwunsch\u201c, rufen sie sich zu, gratulieren sich gegenseitig. Die W\u00e4rter sind foxed. Die Ordnung ist aus den Angeln gehoben.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Im Gegensatz zu vorhergehenden Berlin Biennalen geht es den Kuratorinnen nicht per se um aktivistische Kunst. Niemand soll sich auf die ein oder andere Seite schlagen m\u00fcssen. Wie es denn w\u00e4re mit der Zensur in Deutschland, mit den K\u00fcnstlern <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/strike-germany-ruft-zum-boykott-im-kulturbetrieb-auf-uberzogen-grotesk-alarmierend-11042083.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">von \u201eStrike-Germany\u201c<\/a>, die wegen der Israelpolitik deutsche Institutionen boykottieren, wird Zasha Colah gefragt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/berlin-biennale-3-jane-jin-kaisen-halmang-2023-videostill-jane-jin-kaisen.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13844698\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Der Riesen-BH ist ein Remake der argentinischen K\u00fcnstlerin Kik\u00ed Roca von 1995, mit dem sie sich \u00fcber den damaligen Provinzgouverneur lustig machte. <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 Jane Jin Kaisen; VG Bild Kunst 2025 <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Nur eine Person habe wegen \u201eStrike Germany\u201c abgesagt, sie akzeptiere diese Form der Meinungs\u00e4u\u00dferung, habe f\u00fcr sich aber beschlossen andere Mittel zu w\u00e4hlen. Perfekte Demokratien kenne sie nicht. Ihr Biennalekonzept beziehe sich nicht nur auf die Situation in Deutschland, sondern auch auf <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/internationales\/mensch-mythos-macht-der-undurchsichtige-indische-premier-narendra-modi-9193593.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den R\u00fcckschritt zur Diktatur in ihrem Heimatland Indien<\/a>, den Milit\u00e4rputsch in Myanmar 2021, die Situation im Sudan. <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Der Ausstellungsteil in den Sophiens\u00e4len ist klein, aber gelungen. Die ehemalige Kantine im Erdgeschoss ist in einen sehr dunklen und einen sehr hellen Raum unterteilt und mit Kunstwerken best\u00fcckt, die erahnen lassen, dass \u00fcber die verschiedenen Orte hinweg feine Spuren ausgelegt sind, Zahlencodes, Charaktere wie der indische Politiker und Reformer B. R. Ambedkar, der gegen das Kastensystem k\u00e4mpfte, und die an verschiedenen Stellen wieder auftauchen. <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Nicht immer f\u00e4llt der Groschen sofort, die feinen kleinen Einsprengsel, die der indische K\u00fcnstler Amol K Patil zeigt, geben durchaus R\u00e4tsel auf. Sch\u00f6n ist die Klanginstallation von Luzie Meyer, die aktuelle Kulturdebatten in Stepptanz-Rhythmen \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p class=\"tspUez\">Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/p>\n<p> An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgew\u00e4hlten, externen Inhalt, der den Artikel f\u00fcr Sie mit zus\u00e4tzlichen Informationen anreichert. Sie k\u00f6nnen sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. <\/p>\n<p> Externen Inhalt anzeigen <\/p>\n<p class=\"tspUe5\"> Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit k\u00f6nnen personenbezogene Daten an Drittplattformen \u00fcbermittelt werden.  Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Spielarten des absurden Theaters in den Kunst Werken <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Wer die Kunst Werke betritt, passiert zwei Videos von K\u00fcnstlern aus Myanmar, die es in sich haben \u2013 links von Htein Lin, rechts von seiner fr\u00fcheren Performancepartnerin Chaw Ei Thein. 2008 pr\u00e4sentierte Htein Lin in Paris erneut seine erstmals im Gef\u00e4ngnis aufgef\u00fchrte Performance \u201eThe Fly\u201c. \u00dcber Jahre wurde der Aktivist immer wieder inhaftiert, gefoltert und entzog sich den Schergen der Milit\u00e4rdiktatur zumindest innerlich durch die Kunst. So wie die vermeintliche Fliege, die er in seiner Performance verschluckt und sich dadurch befreit: eine ersch\u00fctternde Darstellung, eine makabere Metapher.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Als Referenz an dieses legend\u00e4re Werk <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/begnadigungen-geplant-militarjunta-in-myanmar-will-tausende-haftlinge-freilassen--darunter-prominente-gefangene-8887141.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">und Hommage an Htein Lin, der ab 2022 erneut einsa\u00df<\/a>, inszenierte seine Partnerin Chaw Ei Thein eine Version der Performance unter dem Titel \u201eVersengte Fliege\u201c. Schwarz gekleidet, das Gesicht schwarz verschmiert sowie an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt, versucht die K\u00fcnstlerin zu entkommen und gibt am Boden strampelnd doch nur hilflose Summ-Ger\u00e4usch von sich. Die Verzweiflung ist kaum zu ertragen.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Umgeben ist Chaw Ei Theins Performance von Blumenbildern, die nicht gegens\u00e4tzlicher sein k\u00f6nnten. Doch auch mit ihnen verbindet sich eine Tragik. Die auf Seide getuschten Kirschbl\u00fcten auf goldenen St\u00e4ngeln von Erika Kobayashi sollen an Japans Expansionsgel\u00fcste in den 1930ern erinnern, ebenso an die Resilienz der Bl\u00fcte angesichts nuklearer Gefahr.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/berlin-biennale-4-exterra-xx-kunstlerinnengruppe-erfurt-selection-of-performance-objects-ca-1988-199.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13844611\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Anarchistischer Humor: Kost\u00fcme der Erfurter K\u00fcnstlerinnengruppe Exterra XX in den Kunst Werken. <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 K\u00fcnstlerinnengruppe Er furt, image: Marvin Systermans; VG Bild Kunst <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Steve McQueens in Grenada fotografierte Agave schl\u00e4gt den Bogen zur Kolonialgeschichte des Inselstaats. Hannah H\u00f6chs kleine Blumenkunde \u2013 auf Pergament gezeichnetes Fingerkraut, Bartnelken und Steinr\u00f6slein \u2013 \u00f6ffnet die Pforte zu ihrem Garten in Heiligensee am Rande der Stadt, dem Ort ihres inneren Exils w\u00e4hrend der NS-Zeit. <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Damit ist der Ton f\u00fcr die weitere Ausstellung in den vier Etagen der ehemaligen Margarinefabrik gesetzt, dem Ausgangspunkt der Berlin Biennale seit 1998. Kunst l\u00e4sst \u00fcberleben, ist Flaschenpost, Schutzraum und politisches Instrument. Kuratorin Zasha Colah hat versprochen, dass es auf ihrer Biennale humorvoll und burlesk zugehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Doch die Schwere der Themen l\u00e4dt kaum zum Lachen ein. Daf\u00fcr wird eine Strategie sichtbar: Die Interpretation der Wirklichkeit, egal wie verschl\u00fcsselt, liegt in den H\u00e4nden der K\u00fcnstler, darin bleiben sie souver\u00e4n, ja werden sie zu K\u00f6nigen der Stra\u00dfe. Wie Htein Lin in Myanmar bediente sich auch das polnische Kollektiv Akademia Ruchu (Bewegungsakademie) in den 1970ern und 1980ern des absurden Theaters, um gegen den Staat zu protestieren. So gerieten Mitglieder immer wieder ausgerechnet vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei ins Stolpern. Der knapp dreimin\u00fctige Film von 1977 steht in bester Slapstick-Tradition. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/berlin-biennale-akademia-ruchu-potkniecie-the-stumble-1977-video-still-akademia-ruchu.jpeg\" alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13844620\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Hoppla: Das Stolpern der Mitglieder der polnischen Kollektivs Akademia Ruchu 1977 vor der Zentrale der kommunistischen Partei passierte keineswegs zuf\u00e4llig.  <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 Akademia Ruchu <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Das Mittel der \u00dcbertreibung und Komik setzte auch die Argentinierin Kiki Roca mit ihrem Riesen-BH ein, an dem das Zitat des damaligen Provinzgouverneurs baumelt, welcher erkl\u00e4rterma\u00dfen der Krise \u201edie Brust bieten\u201c wollte. Auf den Stra\u00dfen C\u00f3rdobas Mitte der 1990er war der Bezug zu den protestierenden M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fctter von Verschleppten der Diktatur noch evident. Auf der Berlin Biennale wirkt \u201eEl Corpino\u201c wie der ferne Gru\u00df aus einer heldenhaften Zeit. Aus diesem Dilemma kommen auch die anderen Arbeiten der Biennale nicht heraus. Sie sind Dokument und k\u00f6nnen nur noch Ermutigung f\u00fcr eine n\u00e4chste Generation sein. <\/p>\n<p> M\u00e4rsche und Massen im Hamburger Bahnhof <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Der Hamburger Bahnhof, eine weitere Station in Zasha Colahs Fuchskreis, hat die Ausstellungshalle im Ostfl\u00fcgel f\u00fcr die Berlin Biennale zur Verf\u00fcgung gestellt. Am auff\u00e4lligsten sind vier gro\u00dfformatige Videoinstallationen von Jane Jin Kaisen. Die 1980 geborene d\u00e4nisch-koreanischen K\u00fcnstlerin stammt von der s\u00fcdkoreanischen Insel Jeju, dort hat sie auch ihre Filme gedreht. Sie beobachtete Tiefseetaucherinnen, die Haenyeo, die einer langen Tradition folgend ohne Sauerstoffger\u00e4t nach Algen und Seeigeln tauchen. <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Auf einem Felsen, von dem die \u00e4lteren Frauen normalerweise lostauchen, falten und knoten sie wei\u00dfe Stoffbahnen, die f\u00fcr schamanische Praktiken ebenso verwendet werden wie im Haushalt. Sie bewegen sich beim gemeinsamen Tun so langsam, wie die Unterwasserfauna, die Jane Kin Kaisen auf einem zweiten Screen zeigt. Auf dem dritten und vierten sind Nahaufnahmen der ber\u00fchmten Jeju-H\u00f6hlen und Bilder eines Propagandafilms zu sehen, den die US-amerikanische Armee 1945 auf Jeju produzierte. Die Insel, UNESCO-Welterbe, steht f\u00fcr die Demokratiebewegung in Korea, f\u00fcr matriarchale Strukturen \u2013 dem Gegenentwurf zur autorit\u00e4ren, m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Politik, die derzeit allerorten zu Militarisierung und Gewalt f\u00fchrt. <\/p>\n<p>60<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler nehmen an der 13. Berlin Biennale teil<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Diese Videoarbeit von 2023, geh\u00f6rt nicht zu den vielen Neuproduktionen, die diese Berlin Biennale zeigt. Sie geh\u00f6rt aber zur Kategorie jener Arbeiten, die f\u00fcr indigene, weiblich gepr\u00e4gte, schamanistische Gesellschaftsformen sensibilisieren. Ebenso tun das die \u201eRetablos\u201c und \u201eApachetas\u201c des K\u00fcnstlers Gabriel Alarc\u00f3n, Alt\u00e4re und Steinformationen, die bei spirituellen Prozessionen in den Anden eingesetzt werden und die der K\u00fcnstler mit Berliner Material lokal angepasst hat. <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Die Pr\u00e4sentation sieht hier etwas zu sehr nach typischer Biennale-Kunst aus. Die geografischen Kontexte dominieren, von den k\u00fcnstlerischen Strategien kriegt man wenig mit. Der Fuchs mit der spitzen Schnauze trollt sich. Das tut er \u00fcbrigens wirklich \u2013 in den sch\u00f6nen Wandzeichnungen von Larissa Araz, die \u00fcber den taxonomisch umbenannten \u201ekurdischen Rotfuchs\u201c auf Nationalismus in der T\u00fcrkei hinweist.<\/p>\n<p> Auf der Suche nach Gerechtigkeit im Gerichtsgeb\u00e4ude Moabit <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Zur Tradition der Berlin Biennale hat immer das Aufsp\u00fcren verborgener Orte in der Stadt geh\u00f6rt. Mal war es ein verrammeltes Kaufhaus in Kreuzberg, mal ein verborgener Friedhof in Mitte oder ein letztes St\u00fcck Mauerstreifen. Mit dem \u201eGerichtsgeb\u00e4ude der ehemaligen N\u00f6rdlichen Milit\u00e4r-Arrestanstalt\u201c, wie es auf den Zettelchen der Restauratoren hei\u00dft, die da und dort kleben, setzt sich die Reihe der Entdeckungen fort, von denen man schon f\u00fcrchtete, es g\u00e4be keine mehr. Welch ein Gl\u00fcck, dass der Moabiter Backsteinbau von 1902 anschlie\u00dfend nicht in schicke Lofts oder B\u00fcros umgewandelt, sondern als <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/bezirke\/neuer-kulturstandort-in-berlin-gefangnis-moabit-wird-atelierhaus-10712137.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">k\u00fcnstlerische Produktionsst\u00e4tte<\/a> f\u00fcr die freie Szene entwickelt werden soll.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Mit Geschichte beladen, bietet sich das respekteinfl\u00f6\u00dfende Geb\u00e4ude mit den beiden S\u00e4ulen vor dem Portal f\u00fcr eine Schwerpunktsetzung an. Karl Liebknecht wurde hier der Prozess gemacht, Einschussl\u00f6cher zeugen von letzten Kriegstagen, zuletzt unterhielt das Amtsgericht Tiergarten darin eine Dependance. Seit 2012 stand es leer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/court-venue.jpeg\"   alt=\"\" aria-labelledby=\"caption-13768339\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspBDkc\"\/> Das ehemalige Gerichtsgeb\u00e4ude in der Lehrter Stra\u00dfe. <\/p>\n<p class=\"tspAVir\"> \u00a9 Raisa Galofre <\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Der Muff der Amtszimmer, die Bitternis der Vergangenheit steckt noch immer in W\u00e4nden und Linoleumboden. Vielleicht hat die italienische K\u00fcnstlerin Anna Scalfi Eghenter deshalb vier Windmaschinen in die Pf\u00f6rtnerloge getragen, um ihn herauszublasen. Gleichzeitig verwirbeln sie auf rotes Seidenpapier reproduzierte Flugbl\u00e4tter von <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/vom-edenhotel-bis-zum-kz-zum-todestag-karl-liebknechts-und-rosa-luxemburgs-12847553.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karl Liebknech<\/a>t, der die Genossinnen und Genossen 1916 zur Demonstration auf dem Potsdamer Platz aufrief: \u201eZum zweiten Mal steigt der Tag des 1. Mai \u00fcber dem Blutmeer der Massenmetzelei auf.\u201c Prompt wurde er wegen Hochverrat angeklagt. Die Prozessakten sollen sich noch immer im Keller des Geb\u00e4udes befinden, wie eine in den Boden gebohrte Kamera demonstriert.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">\u201eKom\u00f6die\u201c nennt die K\u00fcnstlerin ihre Installation mit Requisiten Liebknechts, zu der Brille, Feder, rote Fahne geh\u00f6ren. Als Kom\u00f6die bezeichnete auch er selbst das Verfahren gegen ihn. Hinter den weiteren T\u00fcren des Gerichts werden fragw\u00fcrdige Urteile auf der ganzen Welt thematisiert.<\/p>\n<p> Die 13. Berlin Biennale <\/p>\n<p class=\"tspBFke\"><strong>Er\u00f6ffnung<\/strong>, Fr 13.6., 19 \u2013 22 Uhr an den <strong>vier Ausstellungsorten<\/strong> der Biennale: KW Institute for Contemporary Art (Auguststr. 69), Sophiens\u00e6le (Sophienstr. 18), Hamburger Bahnhof \u2013 Nationalgalerie der Gegenwart (Invalidenstr. 50) und im ehemaligen Gerichtsgeb\u00e4ude Lehrter Stra\u00dfe (Lehrter Str. 60). Der Eintritt ist frei.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Die Biennale l\u00e4uft <strong>bis 14. Septembe<\/strong>r. Eintritt zu allen Ausstellungsorten: 16 \/ 8 \u20ac. Tickets, Termine und weitere Informationen:\u00a0berlinbiennale.de<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Salik Ansari baut \u201eAlt\u00e4re der Abwesenheit\u201c mit seinen Gem\u00e4lden auf Holz, denen das entscheidende Element ausges\u00e4gt ist. Seine Bilder sind Anklagen gegen die in Indien geltende \u201eBulldozer-Justiz\u201c, durch die Geb\u00e4ude kurzerhand als illegal erkl\u00e4rt und abgerissen werden k\u00f6nnen. Auf Ansari klaffen \u00fcberall dort L\u00fccken, wo die Bauten zuvor standen. \u00a0<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Simon Wachsmuth kommt wiederum auf den Prozess gegen John Heartfield und Rudolf Schlichter von 1920 wegen Beleidigung der Reichswehr zur\u00fcck. Die beiden hatten in ihrer Dada-Ausstellung einer Puppe in Offiziersuniform eine Schweinemaske aufgesetzt. In Wachsmuths Film exerzieren Wiederg\u00e4nger dieser Figur auf dem Tempelhofer Feld von heute.<\/p>\n<p> Mehr zur Berlin Biennale und Kultur bei Tagesspiegel Plus: <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/kuratorin-zasha-colah-die-berlin-biennale-wird-grotesk-mittelalterlich-und-burlesk-13766596.html?icid=topic-list_13842613___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCJn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kuratorin Zasha Colah \u201eDie Berlin Biennale wird grotesk, mittelalterlich und burlesk\u201c <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/die-gartenkunstler-vom-atelier-le-balto-propheten-des-wachstums-13738135.html?icid=topic-list_13842613___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCJn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Gartenk\u00fcnstler vom atelier le balto Propheten des Wachstums <\/a><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/mit-zotteln-und-beton-klara-hosnedlova-gestaltet-den-hamburger-bahnhof-um-13622566.html?icid=topic-list_13842613___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCJn1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mit Zotteln und Beton Kl\u00e1ra Hosnedlov\u00e1 gestaltet den Hamburger Bahnhof um <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Gerechtigkeit ruft es den Besuchern schmerzlich aus jedem Zimmer zu, besonders eindr\u00fccklich bei Milica Tomic, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/es-war-ein-hausgemachter-genozid-3738814.html?icid=in-text-link_13842613\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die an das Massaker von Srebenica erinnert<\/a>. Von Verdr\u00e4ngung, Tod, ethnischer S\u00e4uberung handelt auch Helena Uambembes vermeintliches Kochstudio, in dem sie Schlammkuchen liebevoll zubereitet und mit Blumen schm\u00fcckt. Als Kind vertriebener Angolaner ist f\u00fcr sie der Boden von Blut durchtr\u00e4nkt. Die heitere Szene spielt das Trauma herunter und wirkt dadurch umso bedr\u00e4ngender.<\/p>\n<p class=\"tspBFke\">Die 13. Berlin Biennale will f\u00fcr Recht einstehen. Das steckt als Idee auch hinter den beiden Volkstribunalen, die im imposanten Treppenhaus des Gerichtsgeb\u00e4udes zum Sudan und den Philippinen abgehalten werden sollen. Am Ende werden sie Symbolcharakter haben. Eine bittere Erkenntnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn an diesem Freitag die Berlin Biennale er\u00f6ffnet, wird der chinesische K\u00fcnstler Han Bing auf dem Gehweg vor&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":185006,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[2076,296,61893,28031,29,30,699,525],"class_list":{"0":"post-185005","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-ausstellung","9":"tag-berlin","10":"tag-berlin-biennale","11":"tag-biennale","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-indien","15":"tag-mitte"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114671423696337056","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/185005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=185005"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/185005\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/185006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=185005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=185005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=185005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}