{"id":186484,"date":"2025-06-13T06:29:10","date_gmt":"2025-06-13T06:29:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/186484\/"},"modified":"2025-06-13T06:29:10","modified_gmt":"2025-06-13T06:29:10","slug":"infantiler-protest-statt-radikale-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/186484\/","title":{"rendered":"Infantiler Protest statt radikale Wirkung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Sie brachten beim jeweils anderen das Schlimmste hervor. John Lennon trieb alles ins Extreme, Yoko Ono ging immer vom Extremen aus.<\/p>\n<p>  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"In Luxushotels hielten Lennon und Ono Friedensaktionen ab, bei denen sie etwa aus dem Bett heraus Fragen beantworteten.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"4016\" height=\"3008\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/2e566298-ee8d-4943-8407-ce9ab6a7d5c7.jpeg\" loading=\"eager\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    In Luxushotels hielten Lennon und Ono Friedensaktionen ab, bei denen sie etwa aus dem Bett heraus Fragen beantworteten. <\/p>\n<p>Bettmann \/ Getty<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5n0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Auf dem Weg zur B\u00fchne sieht man ihn, sein Gesicht ist weiss vor Anspannung. Es ist der 30.\u00a0August 1972 im New Yorker Madison Square Garden, und John Lennon wird seine ersten beiden Konzerte geben, seitdem die Beatles sechs Jahre zuvor ihr letztes gaben. Und was niemand im Saal und auf der B\u00fchne weiss: Es werden auch seine einzigen Konzerte als Solist bleiben. Nur einmal noch wird er f\u00fcr ein paar St\u00fccke vor einem Publikum spielen, als Gast von Elton John.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5o0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Aber John Lennon hat an diesem Augusttag keinen Grund, nerv\u00f6s zu sein. Die Menge feiert ihn nach jedem Song mit Ovationen. Und wie die neu gemasterte Videoaufnahme des Konzertes belegt, die der Dokumentarfilm \u00abOne to One \u2013 John &amp; Yoko\u00bb zeigt, hat sie allen Grund dazu. Denn der ehemalige Beatle mit der hellen, unverkennbaren Stimme, die er selber nicht ausstehen konnte, singt die Songs seiner ersten beiden Soloalben mit schneidendem Furor. Er wirkt wach und voller Energie, zugleich humorvoll entspannt. Ausserdem klingen Lieder seiner Solistenkarriere wie \u00abInstant Karma\u00bb, \u00abMother\u00bb oder \u00abCold Turkey\u00bb genauso gut wie die Live-Version von \u00abCome Together\u00bb, dem einzigen Beatles-St\u00fcck des Konzerts.<\/p>\n<p>Anmassend und narzisstisch<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5q0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Ausschnitte aus diesen beiden Auftritten machen den neuen Dokumentarfilm von Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards sehenswert. Sie erkl\u00e4ren auch, warum \u00abOne to One\u00bb bei seiner Premiere am Filmfestival von Venedig mit Begeisterung aufgenommen wurde. Aber der Rest des Filmes, und das sind immerhin zwei Drittel davon, best\u00e4tigt auf best\u00fcrzende Weise, was viele schon damals realisierten: Der politische Aktionismus des Paares muss im besten Fall als naiv und im schlimmsten Fall als anmassend und narzisstisch gewertet werden.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5r0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Denn John und Yoko, wie sie in der \u00d6ffentlichkeit auftraten, brachten beim jeweils anderen das Schlimmste hervor. Der Musiker trieb alles ins Extreme, die Aktionsk\u00fcnstlerin ging immer vom Extremen aus. Zusammen verloren sie jedes Mass und jede Selbstkritik. So hielten die beiden in Luxushotels Friedensaktionen ab, bei denen sie sich in einen Sack h\u00fcllten oder aus einem Doppelbett heraus Fragen der zunehmend fassungslosen Journalisten beantworteten. Sie publizierten Inserate mit der Nachricht \u00abWar Is Over If You Want It \u2013 John and Yoko\u00bb und zogen sich mit solchen Inszenierungen den Zorn von Leuten zu, die den Krieg erlebt hatten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5s0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Dazu geh\u00f6rte die Kriegsreporterin Gloria Emerson, die f\u00fcr die \u00abNew York Times\u00bb aus Vietnam berichtet hatte. 1969 interviewte sie Lennon und Ono in New York und warf ihnen vor, mit ihren Aktionen nur sich selber zu inszenieren. Was sie als Friedensbotschaft verst\u00fcnden, sei blosse Werbung f\u00fcr sein neues Album. \u00abIhr habt euch l\u00e4cherlich gemacht\u00bb, sagt sie Lennon ins Gesicht, \u00abund glaubt ja nicht, ihr h\u00e4ttet ein einziges Leben gerettet.\u00bb Aber John und Yoko waren gegen Kritik immun.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Yoko Ono unterst\u00fctzte John Lennon bei seinem Soloauftritt 1972 im Madison Square Garden in New York.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"2439\" height=\"3252\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Yoko Ono unterst\u00fctzte John Lennon bei seinem Soloauftritt 1972 im Madison Square Garden in New York. <\/p>\n<p>Bettmann \/ Getty<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5t0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Film spielt in den achtzehn Monaten, nachdem das Paar Lennons Tudor-Villa im Westen von London aufgegeben hatte und im August 1971 eine Attikawohnung im West Village bezogen hatte. Lennon fl\u00fcchtete in die USA, weil ihn das Ende traumatisiert hatte, Ono litt an den rassistischen und misogynen Ausf\u00e4llen der britischen Presse gegen sie.<\/p>\n<p>Vom Geheimdienst abgeh\u00f6rt<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5u0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In New York beteiligten die beiden sich an politischen Aktionen, Demonstrationen, Benefizveranstaltungen und mischten sich in die amerikanische Politik ein. Richard Nixon, dem die ersten Enth\u00fcllungen zu Watergate nichts anzuhaben schienen, kandidierte damals f\u00fcr seine Wiederwahl, die er mit einem Kantersieg f\u00fcr sich entscheiden sollte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5u1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der neue Film verwendet noch nie geh\u00f6rte Telefongespr\u00e4che von Lennon mit politischen Aktivisten und Musikern und best\u00e4tigt damit dessen Unerschrockenheit. Denn schon damals war offensichtlich, dass der amerikanische Geheimdienst mith\u00f6rte und Nixon Lennon und Ono so schnell wie m\u00f6glich ausgeschafft haben wollte. Und doch l\u00f6st der Film wachsendes Unbehagen aus. Weil er n\u00e4mlich drastisch belegt, was fr\u00fchere Dokumentationen angedeutet haben: dass John Lennon und Yoko Ono sich in einen infantilen Protest steigerten, der zwar viel zu reden gab, aber letztlich kaum etwas bewirkte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp5v0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Das hatte schon damit zu tun, dass sie sich mit falschen Leuten umgaben. John war fasziniert vom Strassenmusiker David Peel, dessen schrille Lieder in keinem Verh\u00e4ltnis zu dem standen, was Lennon als Beatle und auf seinen ersten beiden Soloalben f\u00fcr Songs geschrieben hatte. Er liess sich auf den Fanatiker Alan Weberman ein, der sogar Bob Dylans M\u00fcll durchsuchte, um ihn als Verr\u00e4ter an der guten Sache zu \u00fcberf\u00fchren. Und er trat mit dem politischen Aktivisten Jerry Rubin \u00f6ffentlich auf, der den Kapitalismus abschaffen wollte und bei seinen Auftritten vor allem eins offenbarte: eine ebenso infantile wie aggressive Selbstbezogenheit.<\/p>\n<p>Ein trunkener R\u00fcpel<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp600\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die politische Naivit\u00e4t von John Lennon und Yoko Ono und der Narzissmus der sie umgebenden Aktivisten werden von diesem wohlmeinenden Film gleichsam aus Versehen inszeniert. Ungewollt macht er auch die Wirkungslosigkeit dieser sich radikal gebenden Aktionen sichtbar. Das Amerika jener Zeit war von der Arroganz seiner Politik und der Brutalit\u00e4t seiner Polizei bedroht. Dass Richard Nixon alles zu tun bereit war, um an der Macht zu bleiben, sollten die Enth\u00fcllungen von Watergate beweisen, und sie sollten ihn zum R\u00fccktritt zwingen. Als im von Gewalt, Dreck und \u00dcberf\u00fcllung bedrohten Attica-Gef\u00e4ngnis von New York eine Meuterei ausbrach, schlug die Polizei den Aufstand mit Waffengewalt nieder, 43 Menschen starben. John Lennon schrieb den Protestsong \u00abAttica State\u00bb, der wie andere jener Zeit, \u00abGive Ireland Back to the Irish\u00bb oder \u00abJohn Sinclair\u00bb, nicht \u00fcber seine eigenen Slogans hinausdachte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1itcblp610\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Was der Film verschweigt, wissen wir alle: wie deprimierend es mit John und Yoko weiterging und zu Ende kam. Entgegen ihren demonstrativen Auftritten als Liebespaar erkalteten die Gef\u00fchle der beiden dermassen, dass John Lennon auszog, nach Los Angeles flog und meistens als trunkener R\u00fcpel auffiel. Sp\u00e4ter kehrte er zu seiner Frau zur\u00fcck, zeugte mit ihr einen Sohn, dem zuliebe er seine Karriere aufgab, w\u00e4hrend Ono sein Verm\u00f6gen verwaltete und der Kontrast zu den fr\u00fcheren Idealen des Friedens und der Bescheidenheit immer gr\u00f6sser wurde. Marc Chapman, ein besonders erz\u00fcrnter Fan, las einen Bericht in \u00abEsquire\u00bb, kaufte sich einen Revolver, lauerte Lennon am 8.\u00a0Dezember 1980 zu Hause auf und streckte ihn mit f\u00fcnf Sch\u00fcssen nieder.<\/p>\n<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1ithohr420\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">Im Kino.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie brachten beim jeweils anderen das Schlimmste hervor. 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