{"id":186900,"date":"2025-06-13T10:28:10","date_gmt":"2025-06-13T10:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/186900\/"},"modified":"2025-06-13T10:28:10","modified_gmt":"2025-06-13T10:28:10","slug":"bela-rothenbuehler-polyphon-pervers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/186900\/","title":{"rendered":"B\u00e9la Rothenb\u00fchler \u2013 Polyphon Pervers"},"content":{"rendered":"<p>Eine Unitheatergruppe und ein Haufen Schweizer Hanfbauern werden von einer ehrgeizigen Theaterleiterin in eine nicht ganz legale Erfolgsgeschichte hineingezogen. Der Roman des Luzerner Autoren hat den Schweizer Literaturpreis gewonnen und wurde frisch ins Hochdeutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>\u201ePolyphon Pervers\u201c: das ist ein bisschen irrwitzig. Als Projekt, von dem erz\u00e4hlt wird, sowie als Buch, in dem erz\u00e4hlt wird. Ich habe das direkt gemerkt, in den ersten Zeilen:<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>Man k\u00f6nne easy sagen, das sei alles die Sabin gewesen. Wie die Sabin ja am Anfang noch der Kopf von Polyphon Pervers gewesen ist. Oder allgemein: Die Sabin ist genau son Mensch gewesen, von dem man gerne sagt, er w\u00e4r der Kopf von irgendwas. Oder das Hirn hinter was. Also wenn man Fan von so markigen Metaphern ist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Sound, sie merken es, bleibt im Ohr: Eine irre verschwafelte und halbgenaue Erz\u00e4hlerstimme, die nicht richtig festgelegt werden will, mit ihrer unendlichen indirekten Rede und ihrem leichten Dauerspott erinnert sie an das Maul in den Krimis von <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/wolf-haas-eigentum-100.html\" class=\"link link-inline inline-link\" title=\"Buchkritik - Wolf Haas \u2013 Eigentum\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wolf Haas<\/a> oder an einen bekifften <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/nicolas-mahler-thomas-bernhard-die-unkorrekte-biografie-102.html\" class=\"link link-inline inline-link\" title=\"Buchkritik - Nicolas Mahler \u2013 Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Thomas Bernhard<\/a>. <\/p>\n<p>Die Handlung: Ein Schelmen- und Hochstaplerroman, wie ich ihn lange nicht gelesen habe. Am Anfang stehen eine Unitheatergruppe in Luzern, ein Kiffer, ein etwas uninspirierter Regisseur und eine ehrgeizige Managerin:<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>Irgendwas m\u00fcsse man ja machen, hat die Sabin gesagt. Irgendwas m\u00fcsse man machen, sonst gehe man kaputt. Und wenn man schon was mache, dann k\u00f6nne mans auch gleich gut machen, oder, wenn m\u00f6glich sogar mega gut. Wenn man schon was mache, dann k\u00f6nne man auch gleich nach den Sternen greifen, hat Sabin gemeint.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/swr-kultur-lesenswert-magazin-am-1562025-lesenswert-magazin-2025-06-15-100.html\" title=\"lesenswert Magazin - Mit B\u00fcchern von Louise Kennedy, Barbara Kingsolver und Linn Ullmann\" class=\"teasertracking clickzone link\" role=\"presentation\" tabindex=\"-1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/1749713099974,2025-06-15-lemag-alle-cover-102~_v-16x9@2dXS_-b9bac15fe0af001f663131e7814653aed0ad7167.jpeg\"   class=\"\" data-copyright=\"Foto: Pressestelle, Kiepenheuer &amp; Witsch Verlag, Luchterhand Verlag, dtv, Steidl Verlag, Voland und Quist Verlag\" alt=\"lesenswert B\u00fccher vom 15.6.2025\" title=\"lesenswert B\u00fccher vom 15.6.2025 (Foto: Pressestelle, Kiepenheuer &amp; Witsch Verlag, Luchterhand Verlag, dtv, Steidl Verlag, Voland und Quist Verlag)\" width=\"320\" height=\"180\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/swr-kultur-lesenswert-magazin-am-1562025-lesenswert-magazin-2025-06-15-100.html\" title=\"lesenswert Magazin - Mit B\u00fcchern von Louise Kennedy, Barbara Kingsolver und Linn Ullmann\" class=\"teasertracking clickzone link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>Zwischen Matriarchat und Moderne &#8211; literarische Reisen und starke Frauengeschichten\n<\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p class=\"broadcastinfo\">\n<p>So.15.6.2025<br \/>\n17:04 Uhr<\/p>\n<p>lesenswert Magazin<\/p>\n<p>SWR Kultur<\/p>\n<p><strong>Kultur als Vorwand \u2013 und Gesch\u00e4ftsmodell<\/strong><\/p>\n<p>Und ab da mischt die Truppe die b\u00fcrgerliche Kulturszene der Schweiz auf. Polyphon Pervers. Verein f\u00fcr Unterhaltung \u2013 so nennen sie sich. Denn um Kultur geht es eigentlich gar nicht, Kunst und Kultur sind in diesem Buch l\u00e4ngst erledigte F\u00e4lle, werden von jedem beliebig verw\u00e4ssert, als g\u00e4be es nur noch Volkskultur, Trinkkultur und Fankultur.<\/p>\n<blockquote class=\"quote-blockquote\">\n<p>Das sei mega vage, da k\u00f6nne man n\u00e4chtelang dr\u00fcber streiten, was das \u00fcberhaupt bedeute: Kunst. Und so W\u00f6rter, Wo die Philosoph:innen schon seit paar Tausend Jahren dr\u00fcber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt. <\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Vom Drogendealer zum Dramaturgen<\/strong><\/p>\n<p>Es nimmt Fahrt auf, als Sabin den Stammdealer der Truppe scheinbar als Dramaturg anstellt, damit der endlich legal in die Rentenversicherung einzahlen kann \u2013 sein Drogengeld wird \u00fcbers Theater gewaschen, wo eh keiner mitbekommt, wie viele Zuschauer kommen. <\/p>\n<p>Finden seine Kollegen auch super, also hat das Theater bald ziemlich viele Dramaturgen, die werden outgesourced und als Performancetruppe unter dem sprechenden Namen \u201eCash Washer\u201c durchs Land geschickt, wo sie dann bekifft vor Publikum Marvel Superhelden-Filme angucken. <\/p>\n<p>Wirklich, mehr passiert nicht, aber ein paar Zuschauer finden sie damit nat\u00fcrlich \u2013 das gilt dann als Kunstperformance und ist steuerrechtlich nicht nachzuvollziehen. Und als zweites \u00f6konomisches Standbein stellt man F\u00f6rderantr\u00e4ge. Kultursubventionen gibt es in der Schweiz wie in Deutschland nat\u00fcrlich f\u00fcr quasi jeden. <\/p>\n<p>Das ganze Buch dreht sich darum, wie man gut leben kann, indem man Kultur vort\u00e4uscht. Die Truppe kommt damit drei Jahre lang durch, wird sogar wohlhabend, bis die Coronakrise \u2026. So, reicht, mehr an Handlung verrate ich jetzt nicht, obwohl es sehr viel mehr zu verraten g\u00e4be, auch einen wirklich brillanten Showdown.<\/p>\n<p class=\"block-link block-link-linkbox\">\n<a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/zwischen-louis-vuitton-und-latte-macchiato-daily-soap-von-nora-osagiobare-sprengt-klischees-100.html\" title=\"Schnitzel, Chagall und Schweizer Schickeria - Zwischen Louis Vuitton und Latte Macchiato: \u201eDaily Soap\u201c sprengt Klischees\" class=\"link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\nZwischen Louis Vuitton und Latte Macchiato: \u201eDaily Soap\u201c sprengt Klischees<br \/>\n<\/a>\n<\/p>\n<p><strong>Von der Hochstapelei zur echten Kunst <\/strong><\/p>\n<p>Bela Rothenb\u00fchlers Roman \u201ePolyphon pervers\u201c hat \u00fcbrigens in seiner urspr\u00fcnglichen Schweizerdeutschen Fassung 2025 den Schweizer Literaturpreis gewonnen. K\u00f6nnte sein, dass der Roman so auch lustig ist, aber davon merkt in Deutschland halt keiner was. Deswegen hat es Uwe Dethier ins Hochdeutsche \u00fcbersetzt oder \u00fcbertragen. Die Mundart-Herkunft hat aber die Handlung gepr\u00e4gt \u2013 es ist ein Heimatroman geblieben, nur halt in einer ziemlich schr\u00e4gen Szene.\u00a0<\/p>\n<p>Statt Alm\u00f6dis beschreibt Rothenb\u00fchler bauernschlaue Hanfbauern. Ihm ist damit was gelungen. In der Mundartliteratur haben es fiktionale Stoffe nicht ganz leicht, denn der Markt ist klein, und gilt als ein bisschen konservativ. Wer da sowas\u00a0 Nischiges schreibt, hat keine Chance auf gro\u00dfe Auflagen. <\/p>\n<p class=\"block-link block-link-linkbox\">\n<a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/literatur\/badenwuerttemberg-verleiht-landespreis-fuer-dialekt-dialekt-anerkennen-foerdert-das-selbstbewusstsein-100.html\" title=\"Gespr\u00e4ch - Baden-W\u00fcrttemberg verleiht Landespreis f\u00fcr Dialekt \u2013 \u201eDialekt anerkennen f\u00f6rdert das Selbstbewusstsein&quot;\" class=\"link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\nBaden-W\u00fcrttemberg verleiht Landespreis f\u00fcr Dialekt \u2013 \u201eDialekt anerkennen f\u00f6rdert das Selbstbewusstsein&#8220;<br \/>\n<\/a>\n<\/p>\n<p>Manchmal aber gibt es da so einen Mut der Verzweiflung. Wenn\u2019s eh keiner mitbekommt, kann man seine Spottlust und Experimentierfreude auch ungebremst ausleben und der Welt einen Spiegel vorhalten. <\/p>\n<p>Die Botschaft des Buches ist so b\u00f6se, dass man sie schon wieder gut finden muss: Das, was wir unter Kultur verstehen, ist kaputt, ein System, ein Selbstbedienungsladen f\u00fcr die, die geschickt Antr\u00e4ge formulieren k\u00f6nnen. Steuerbetrug ist gang und g\u00e4be. <\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es eine Dialektik: Die ziemlich skrupellose Ausnutzung des Systems produziert nun aber in diesem Buch und vielleicht auch im echten Leben echtes Theater, es kommen auch immer mehr Leute, die sich f\u00fcr die frechen und unbek\u00fcmmerten Performances der Cash Washer interessieren. Es muss kein Geld verdient werden, sondern hier ist die Kunst endlich frei.<\/p>\n<p>Polyphon Pervers<br \/>\nAus dem Luzerndeutschen von Uwe Dethier<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/1749647975673,bela-rothenbuehler-polyphon-pervers-102~_v-icon_-7bcdf069542bbe2d1d9ef71cb5865f2137c69.jpeg\"  class=\"\" data-copyright=\"Foto: Pressestelle, Voland und Quist Verlag\" alt=\"B\u00e9la Rothenb\u00fchler \u2013 Polyphon Pervers\" title=\"B\u00e9la Rothenb\u00fchler \u2013 Polyphon Pervers (Foto: Pressestelle, Voland und Quist Verlag)\" width=\"320\" height=\"496\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\"\/><\/p>\n<p>B\u00e9la Rothenb\u00fchler \u2013 Polyphon Pervers<\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nPressestelle<br \/>\n<\/a><\/p>\n<p><a rel=\"external nofollow\" class=\"link\" tabindex=\"-1\" itemprop=\"url\"><br \/>\nVoland und Quist Verlag<br \/>\n<\/a><\/p>\n<dl class=\"review-metadaten\">\n<dt class=\"review-author\">Autor<\/dt>\n<dd class=\"review-author\">\nB\u00e9la Rothenb\u00fchler\n<\/dd>\n<dt class=\"review-genre\">Genre<\/dt>\n<dd class=\"review-genre\">Roman<\/dd>\n<dt class=\"review-publisher\">Verlag<\/dt>\n<dd class=\"review-publisher\">Voland &amp; Quist (212 Seiten, 22 Euro)<\/dd>\n<dt class=\"review-date-published\">Erscheinungsdatum<\/dt>\n<dd class=\"review-date-published\">19. Mai 2025<\/dd>\n<dt class=\"review-isbn\">ISBN<\/dt>\n<dd class=\"review-isbn\">9783863914462<\/dd>\n<\/dl>\n<p>Irgendwann gibt es im Buch eine Performance, die hei\u00dft \u201eRaubkunst\u201c, und die Cashwasher klauen ein Kunstwerk aus einem Museum und schicken es vor laufenden Kameras in den Benin. \u201eDer Kunstraub ist gro\u00dfartig geworden\u201c hei\u00dft es banal. <\/p>\n<p>Sp\u00e4testens da ist die Kultursimulation als Simulation gescheitert und zur richtigen Kunst geworden. Was soll ein Theaterst\u00fcck anderes sein als die Simulation von Welt, als eine Scheinwelt, in der man herumspielen kann? Beim Dadaisten Walter Serner in seinem grandiosen Handbrevier f\u00fcr Hochstapler, der sogenannten \u201eLetzten Lockerung\u201c, hei\u00dft es: Die Welt will betrogen sein, gewi\u00df. Sie wird sogar ernstlich b\u00f6se, wenn du es nicht tust.&#8216;<\/p>\n<p>Kunst ist Hochstapelei. Und umgekehrt. Genau das erz\u00e4hlt Bela Rothenb\u00fchler traumhaft sicher. Und jetzt mal abgesehen davon: Das Buch ist so sch\u00f6n in Gr\u00fcn, Pink und wei\u00df gestaltet, dass ich zum ersten Mal im Leben im Umschlag nachgeschaut habe, wer ihn gestaltet hat \u2013 und da steht \u201eGuerillagrafik\u201c. Das passt zum Inhalt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Unitheatergruppe und ein Haufen Schweizer Hanfbauern werden von einer ehrgeizigen Theaterleiterin in eine nicht ganz legale Erfolgsgeschichte&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":186901,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-186900","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114675587936335654","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/186900","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=186900"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/186900\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/186901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=186900"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=186900"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=186900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}