{"id":188611,"date":"2025-06-14T02:35:24","date_gmt":"2025-06-14T02:35:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/188611\/"},"modified":"2025-06-14T02:35:24","modified_gmt":"2025-06-14T02:35:24","slug":"gefaengnistheater-aufbruch-in-der-jva-tegel-titus-andronicus-halb-mensch-halb-fleischsalat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/188611\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4ngnistheater AufBruch in der JVA Tegel: \u201eTitus Andronicus\u201c \u2013 Halb Mensch, halb Fleischsalat"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die schweren Jungs der JVA Tegel das h\u00e4rteste St\u00fcck von Shakespeare spielen, wissen sie selbst am besten, worum es geht. Aber auch Schiller h\u00e4tte sich auf dem Gef\u00e4ngnishof wohler gef\u00fchlt als im Staatstheater \u2013 er hatte da so eine Idee von der Freiheit.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Verstehen Sie Spa\u00df? Bei dieser Kom\u00f6die d\u00fcrfte jedoch selbst den abgebr\u00fchtesten und hartgesottensten Zuschauern das Lachen vergehen. Nur wann? Wenn die Gotenk\u00f6nigin, der gerade ihre eigenen Kinder als Fleischpastete vorgesetzt wurden, \u00fcber die unerwartete Wiederaufnahme ihrer Leibesfrucht sinniert? Oder wenn die Vergewaltiger, deren Opfer sich mit herausgerissener Zunge und abgehackten H\u00e4nden wimmernd vor ihnen im Staub windet, Witze \u00fcbers Zerhacken von K\u00f6rpern machen? Oder reicht schon der hungrige Bauer, der Gerechtigkeit verlangt und als Antwort den Galgen bekommt?<\/p>\n<p>\u201eGerechtigkeit? Gerechtigkeit?\u201c, schallt es zwischen den hohen Mauern mit vergitterten Fenstern und Stacheldraht hin und her. Nur wo ist sie, die Gerechtigkeit? Versteckt sie sich unter der Treppe des B\u00fchnenbilds? Fehlanzeige. Es gibt zwar einige St\u00fccke der modernen Theaterliteratur, in denen auch nicht zu knapp gemordet, verst\u00fcmmelt, gefoltert und vergewaltigt wird, aber kaum eines, in dem so radikal selbst noch das letzte F\u00fcnkchen instrumenteller Zweckrationalit\u00e4t abhandengekommen ist, wie \u201eTitus Andronicus\u201c von William Shakespeare. Ein St\u00fcck wie eine v\u00f6llig \u00fcberdrehte Mischung aus Tarantino und \u201eGame of Thrones\u201c, in dem der Mensch kaum mehr als eine Portion Fleischsalat auf dem kalten B\u00fcfett der allesverschlingenden Weltgeschichte ist. Da hilft nur noch das Lachen der Verzweiflung, das l\u00e4sst sich sonst wirklich kaum aushalten.<\/p>\n<p>Das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254843180\/AufBruch-Theater-Berlins-ungewoehnlichster-Buehne-droht-das-Aus.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254843180\/AufBruch-Theater-Berlins-ungewoehnlichster-Buehne-droht-das-Aus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gef\u00e4ngnistheater AufBruch<\/a>, seit \u00fcber 25 Jahren spezialisiert auf Kunst im Grenzbereich, hat sich mit dem Ensemble der JVA Tegel <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.gefaengnistheater.de\/aktuelles-details\/titus-andronicus.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.gefaengnistheater.de\/aktuelles-details\/titus-andronicus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">\u201eTitus Andronicus\u201c<\/a> von Shakespeare vorgenommen, angereichert mit den Bearbeitungen von Friedrich D\u00fcrrenmatt \u2013 von dem der Zusatz \u201eEine Kom\u00f6die\u201c kommt \u2013 und Heiner M\u00fcller. Gespielt wird im Innenhof des Gef\u00e4ngnisses, den das beim Einlass kontrollierte Publikum und die von Justizbeamten begleiteten Darsteller gem\u00e4\u00df der Natur der Spielst\u00e4tte aus unterschiedlichen Richtungen betreten und wieder verlassen. Auch das eine vom Theater erm\u00f6glichte Grenzbegegnung, die als Gegenmittel zur geistigen Zentralverriegelung der Echokammern und Bubbles von unsch\u00e4tzbarer Wichtigkeit ist.<\/p>\n<p>Zwei Stunden entf\u00fchrt einen das gro\u00dfartige Ensemble, das hier zuletzt Bertolts Brechts \u201eDer aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui\u201c und \u201eDie Dreigroschenoper\u201c aufgef\u00fchrt hat, in die Endzeit des R\u00f6mischen Reiches. Das Imperium ist auf dem H\u00f6hepunkt der Macht, der erfolgreiche Feldherr Titus hat gerade ein paar Gotenv\u00f6lker fachgerecht in ihre Einzelteile zerlegt. Und doch ist das Reich auf einem Selbstzerst\u00f6rungstrip, der mit den Barbaren im Osten reichlich wenig zu tun hat, umso mehr allerdings mit inneren Zersetzungserscheinungen. Das Gemeinwesen wird von einem Kampf der Cliquen und Banden zerrieben. Das Recht wird zur Farce, statt Gerechtigkeit gibt es nur noch Rache. Da kann man also lange suchen, selbst in den entferntesten Winkeln des Staates.<\/p>\n<p>Entwestlichung des Westens<\/p>\n<p>Und so grausam es ist, der rasanten Aufl\u00f6sung aller sozialen Bande im r\u00f6mischen Staat zuzuschauen, so lehrreich ist es auch, da sich ein Vergleich mit der heute vor aller Augen vollziehenden Entwestlichung des Westens aufdr\u00e4ngt. Und vor allem: So unterhaltsam ist es auch, wie das Ensemble \u2013 angeleitet von Regisseur Peter Atanassow \u2013 diesen Exzess von Untergang und Dekadenz spielt. Darunter viele bekannte Gesichter aus den vergangenen Jahren \u2013 wie H. Peter Maier C.d.F. als gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Kaiser Saturnin, Atak als soldatischer Titus oder Norman als finstere Gotenk\u00f6nigin Tamora \u2013 und ausgesprochen starke Neuzug\u00e4nge wie Andr\u00e9 S. als schwarzer Au\u00dfenseiter Aaron.<\/p>\n<p>Es ist eine irre Freude, die harten Jungs aus dem Knast in den pr\u00e4chtigen Kost\u00fcmen der langj\u00e4hrigen Kost\u00fcmbildnerin Haemin Jung zu sehen, wie sie die schlichte Verbildlichung r\u00f6mischer Macht \u2013 oben der goldene Thron, unten der Folterkeller \u2013 von B\u00fchnenbildner Holger Syrbe hoch- und runterstolzieren, sich auf vorgestellte Pferde schwingen oder den G\u00f6tterhimmel mit Pfeil und Bogen zu leeren versuchen. Eine ernste Kehrseite gibt es auch, denn ein paar der Darsteller d\u00fcrften mit den Gewaltverbrechen, die hier straflos gezeigt werden, ihre eigenen strafbaren Erfahrungen gemacht haben. So schl\u00fcpfen sie in einer Szene aus ihren Rollen und befragen diese \u2013 stellvertretend f\u00fcr sich selbst? \u2013 nach ihrem Beitrag zu dem Spektakel der Grausamkeit. Ein Moment der Distanz, in dem sich die Hoffnung einnisten kann, dass es doch einen Ausweg gibt?<\/p>\n<p>Klar, im Theater ist alles Spiel, was in Wirklichkeit brutaler Ernst ist. Und doch gibt es wohl kaum ein Theater, in dem gerade die alte klassische Idee der \u00e4sthetischen Freiheit heute noch so erfahren werden kann wie beim Gef\u00e4ngnistheater. Wenn Friedrich Schiller \u00fcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschengeschlechts schreibt, dass \u201eim fr\u00f6hlichen Reiche des Spiels und des Scheins\u201c dem Menschen die Fesseln aller Verh\u00e4ltnisse und allem, was Zwang hei\u00dft, abgenommen werden, so bedeutet das im Stadt- und Staatstheater gro\u00dfst\u00e4dtischer Selbstverwirklicher so gut wie nichts, unter Gefangenen \u2013 denen man nicht gro\u00df erkl\u00e4ren muss, was Fesseln oder Zwang hei\u00dft \u2013 jedoch sehr viel. Und mit dieser kleinen Erfahrung von Freiheit in der Unfreiheit f\u00e4ngt f\u00fcr Schiller alles an.<\/p>\n<p>Wer eine Ahnung bekommen will, wo heute die klassische Bildungsidee der Aufkl\u00e4rung noch von Bedeutung ist und nicht wie schon im alten Rom von den oberen Schichten l\u00e4ngst wie ein aus der Mode gekommenes Kleidungsst\u00fcck abgelegt wurde, muss eine Auff\u00fchrung des Gef\u00e4ngnistheaters sehen. Und sollte auch im Anschluss die M\u00f6glichkeit nutzen, mit den Spielern zu sprechen, die davon erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, wie das Theater in ihrem Leben etwas ver\u00e4ndert hat. Unter den Kunstbeamten des heutigen Kulturbetriebs d\u00fcrfte man solche glaubhaften Bekenntnisse kaum finden.<\/p>\n<p>Umso dramatischer, dass das Gef\u00e4ngnistheater AufBruch nach den drastischen K\u00fcrzungen des Berliner Senats nicht wei\u00df, ob und wie man das Projekt weiterf\u00fchren kann. F\u00fcr dieses Jahr konnten noch zus\u00e4tzliche Mittel beschafft werden, doch f\u00fcr 2026 herrscht gro\u00dfe Unsicherheit. Dabei geht es um wenig Geld, das eine gro\u00dfe Idee im Geiste Schillers am Leben halten k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn die schweren Jungs der JVA Tegel das h\u00e4rteste St\u00fcck von Shakespeare spielen, wissen sie selbst am besten,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":188612,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,62745,27577,18698,30,62742,62743,94,62744],"class_list":{"0":"post-188611","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-duerrenmatt","11":"tag-friedrich","12":"tag-gefaengnisse","13":"tag-germany","14":"tag-jva-tegel","15":"tag-shakespeare","16":"tag-theater","17":"tag-william"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114679390471682506","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/188611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=188611"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/188611\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/188612"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=188611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=188611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=188611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}