{"id":190216,"date":"2025-06-14T17:33:09","date_gmt":"2025-06-14T17:33:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/190216\/"},"modified":"2025-06-14T17:33:09","modified_gmt":"2025-06-14T17:33:09","slug":"buch-ueber-austeritaetspolitik-klassenkampf-von-oben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/190216\/","title":{"rendered":"Buch \u00fcber Austerit\u00e4tspolitik: Klassenkampf von oben"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Man musste schon zweimal hinh\u00f6ren, um es zu glauben: Gerade hatte der alte Bundestag eines der gr\u00f6\u00dften Investitionspakete der deutschen Geschichte beschlossen, da verk\u00fcndete Friedrich Merz: \u201eWir werden sparen m\u00fcssen.\u201c Wenig sp\u00e4ter schob Jens Spahn hinterher: \u201eDie fetten Jahre sind vorbei.\u201c Worauf beide Politiker die Bev\u00f6lkerung vorbereiten, ist die R\u00fcckkehr einer neuen \u00c4ra der Austerit\u00e4t. Egal, welche Krise das Land trifft, es scheint nur eine L\u00f6sung zu geben: sparen, sparen, sparen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Dabei zeigt die Geschichte, dass <a href=\"https:\/\/taz.de\/Faktencheck-zur-Schuldenbremse\/!6067508\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sparpolitik<\/a> nie den versprochenen Effekt hat. Gemeinhin lautet die Logik, man m\u00fcsse kurzfristig eine schmerzhafte Phase des \u00f6konomischen Abschwungs in Kauf nehmen, um anschlie\u00dfend die Fr\u00fcchte dieser Entbehrungen in Form von gr\u00f6\u00dferem Wachstum zu ernten. Allerdings existieren keine \u00fcberzeugenden Belege daf\u00fcr, dass diese Theorie stimmt. In \u201eDie Ordnung des Kapitals\u201c liefert die italienische \u00d6konomin Clara Mattei eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, wieso Po\u00adli\u00adti\u00adke\u00adr*in\u00adnen dennoch an dieser Methode festhalten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Bevor sie die Geschichte der Austerit\u00e4t beleuchtet, stellt sie zu Beginn ihres Buchs klar, dass sich diese Politik nicht allein auf Haushaltsk\u00fcrzungen beschr\u00e4nkt. Leitzinserh\u00f6hungen der Zentralbanken und der Abbau von Arbeitnehmerrechten, wie sie Deutschland mit der Agenda 2010 erlebt hat, geh\u00f6ren ebenfalls dazu. Genau wie Milliardeninvestitionen in das Milit\u00e4r, wenn diese als Rechtfertigung eines Abbaus des Sozialstaats dienen. \u201eAusterit\u00e4t bedeutet nicht weniger Staat, sondern Staat im Dienst des Kapitals\u201c, brachte sie k\u00fcrzlich in einem Interview auf den Punkt und verdeutlicht damit die Grundthese ihres Buchs: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Rueckkehr-strenger-Haushaltspolitik\/!6078336\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Austerit\u00e4tspolitik<\/a> darf nicht als Instrument zur Sanierung einer maroden Wirtschaft verstanden werden, sondern als politisches Mittel zum Schutz der kapitalistischen Ordnung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Gemeinhin assoziiert man die Urspr\u00fcnge der modernen Austerit\u00e4t mit der neoliberalen \u00c4ra der Reagan- und Thatcher-Jahre. Mattei geht zur\u00fcck bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Der Krieg war eine Z\u00e4sur, weil erstmals die vermeintliche Gewissheit besch\u00e4digt wurde, der Kapitalismus h\u00e4tte auf jede Situation die beste Antwort. Der Krieg bewies, dass Regierungen sehr wohl in der Lage waren, dem kapitalistischen Marktsystem eine Absage zu erteilen und mit aktiver Wirtschaftspolitik die Bed\u00fcrfnisse der Gesellschaft zu befriedigen.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Die Arbeitslosigkeit war perfekt, um Ar\u00adbei\u00adte\u00adr*in\u00adnen zu disziplinieren<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Am Beispiel von Gro\u00dfbritannien und Italien dokumentiert Mattei, wie Arbeiterbewegungen in diesem Bewusstsein zun\u00e4chst gro\u00dfe Erfolge im Kampf f\u00fcr eine neue politische Ordnung feierten, wie die erfolgreiche Besetzung von Fabriken in Norditalien illustriert. Es schien m\u00f6glich, dass das revolution\u00e4re Aufbegehren der Ar\u00adbei\u00adte\u00adr*in\u00adnen tats\u00e4chlich die Dominanz des Kapitals brechen konnte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">\u201eIn einer Zeit beispielloser demokratischer Umw\u00e4lzungen in ganz Europa [\u2026] mussten die Wirtschaftsexperten ihre m\u00e4chtigsten Waffen einsetzen, um die Welt so zu erhalten, wie sie ihrer Meinung nach sein sollte\u201c \u2013 sie erfanden die Austerit\u00e4tspolitik. Wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen wurden durchgesetzt, deren vorgebliches Ziel es war, den Haushalt zu sanieren und die Inflation zu bek\u00e4mpfen, die gleichzeitig aber einen enormen Anstieg der Arbeitslosigkeit nach sich zogen. \u00d6ffentlich wurden diese Auswirkungen zwar mit Bedauern begleitet, aber zum notwendigen \u00dcbel erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke von Clara Mat\u00adteis Analyse liegt in der Art, wie sie hinter diese Statements blickt. Indem sie umfassendes Archivmaterial aus den 1920ern auswertet (Zeitungen, private Korrespondenzen und wenig bekannte Fachaufs\u00e4tze), legt sie die wahren Motive der Verantwortlichen offen: Steigende Arbeitslosigkeit war nicht blo\u00df ein unerfreulicher Nebeneffekt, sondern die perfekte M\u00f6glichkeit, Ar\u00adbei\u00adte\u00adr*in\u00adnen zu disziplinieren und ihre Position zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Deswegen steht in \u201eDie Ordnung des Kapitals\u201c eine Berufsgruppe im Vordergrund, die ansonsten keinen prominenten Platz in der Geschichte der Zwischenkriegsjahre einnimmt \u2013 \u00d6konomen. F\u00fcr Gro\u00dfbritannien war es Ralph Hawtrey, Haus\u00f6konom des britischen Finanzministeriums, der die wirtschaftswissenschaftlichen Argumente lieferte, um den Einfluss von Ar\u00adbei\u00adte\u00adr*in\u00adnen zu beschneiden. Besonders interessant ist aber die Geschichte Italiens. Mattei zeigt detailliert, welche Verantwortung \u00d6konomen bei der Machtsicherung des faschistischen Regimes von Benito Mussolini trugen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Symptomatisch ist dabei die Rolle von vermeintlich liberalen \u00d6konomen wie Luigi Einaudi, der 1948 zum italienischen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde. Mattei dokumentiert, wie solche Technokraten im Namen der Austerit\u00e4t Ma\u00dfnahmen unterst\u00fctzten, die den Faschisten nutzten. Dies wirft ein Licht auf einen bisher kaum beachteten Aspekt von Mussolinis Aufstieg, der auf bedr\u00fcckende Art auch unsere Gegenwart spiegelt.<\/p>\n<p>      Im Kern undemokratisch<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Die prominente Rolle, die \u00d6ko\u00adno\u00adm*in\u00adnen beim Schutz der kapitalistischen Ordnung spielen, ist kein Zufall. Ihre Theorien verleihen dem Sozialabbau, wie ihn auch die Bundesregierung vorantreibt, eine vermeintlich unpolitische, wissenschaftliche Aura. Dadurch k\u00f6nnen Po\u00adli\u00adti\u00adke\u00adr*in\u00adnen sowohl in liberalen Demokratien als auch in autorit\u00e4ren Staaten ihre Handlungen als zwar \u201eschmerzhaft\u201c, aber alternativlos und rational rechtfertigen. So wird <a href=\"https:\/\/taz.de\/US-Demokraten-Dieses-umstrittene-Buch-sucht-nach-Hoffnung\/!6092087\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Austerit\u00e4t zum Common Sense<\/a> geadelt. Mattei legt dar, dass diese Form der \u00f6ffentlichen Kommunikation notwendig ist, weil der Kern der Austerit\u00e4tspolitik zutiefst undemokratisch ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Woran ihr innovativer Ansatz in Teilen krankt, l\u00e4sst sich bei vielen politischen Sachb\u00fcchern beobachten. Haben die Au\u00adto\u00adr*in\u00adnen erst mal eine These entdeckt, mit der sie die Welt erkl\u00e4ren, wird diese auf so viele Bereiche wie m\u00f6glich angewendet: Mit einem Hammer in der Hand wird alles zum Nagel. Bei Mattei zeigt sich das in ihrer Diskussion um die Funktion von Zentralbanken. In \u201eDie Ordnung des Kapitals\u201c entsteht der Eindruck, diese Institutionen seien nur geschaffen worden, um Arbeiterbewegungen zu unterdr\u00fccken. Selbstverst\u00e4ndlich sind Zentralbanken in der Regel Einrichtungen, die sich einem direkten politischen Einfluss entziehen.<\/p>\n<p>Die Ordnung des Kapitals<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Clara Mattei:<\/strong> \u201eDie Ordnung des Kapitals. Wie \u00d6konomen die Austerit\u00e4t erfanden und dem Faschismus den Weg bereiteten.\u201c Aus dem Englischen von Thomas Zimmermann. Brumaire Verlag, Berlin 2025, 596 Seiten, 22 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"13\">Daf\u00fcr gibt es gute Gr\u00fcnde, wie wir gerade in den USA erleben. W\u00e4re der US-amerikanischen Gesellschaft wirklich geholfen, h\u00e4tte Donald Trump direkte Kontrolle \u00fcber die Federal Reserve und den Leitzins? Die Frage, welche Rolle Zentralbanken in einer Demokratie spielen sollten und wie man mit ihrem de facto undemokratischen und technokratischen Charakter umgeht, ist hochkomplex. Sie l\u00e4sst sich nicht so einfach in Matteis Austerit\u00e4ts-Framework pressen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass \u201eDie Ordnung des Kapitals\u201c f\u00fcr progressive Kr\u00e4fte ein Geschenk ist. Clara Mattei belegt eindr\u00fccklich, was neoliberale und konservative Po\u00adli\u00adti\u00adke\u00adr*in\u00adnen wirklich meinen, wenn sie von notwendigen Sparma\u00dfnahmen sprechen. Sie entlarvt, dass nicht das langfristige Wohl der Allgemeinheit im Vordergrund steht, sondern die Sicherung der Vormachtstellung des Kapitals.Der Austerit\u00e4tspolitik l\u00e4sst sich daher nicht mit \u00f6konomischen Argumenten begegnen, sondern sie muss als das bezeichnet werden, was sie ist: Klassenkampf von oben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Man musste schon zweimal hinh\u00f6ren, um es zu glauben: Gerade hatte der alte Bundestag eines der gr\u00f6\u00dften Investitionspakete&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":190217,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-190216","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114682921227621462","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/190216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=190216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/190216\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/190217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=190216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=190216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=190216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}