{"id":191824,"date":"2025-06-15T09:27:09","date_gmt":"2025-06-15T09:27:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/191824\/"},"modified":"2025-06-15T09:27:09","modified_gmt":"2025-06-15T09:27:09","slug":"dunkles-ddr-kapitel-in-dresden-gefangen-und-misshandelt-in-einer-tripperburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/191824\/","title":{"rendered":"Dunkles DDR-Kapitel in Dresden: Gefangen und misshandelt in einer Tripperburg"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nDie geb\u00fcrtige S\u00e4chsin sch\u00fcttelt mit dem Kopf und sagt: &#8222;Ich bin aus dem Kinderheim weggelaufen. Das war mein Vergehen. Ich wollte mich nicht anpassen. Und mich nicht in eine Schublade stecken lassen. Ich hatte keinen Bock auf Sozialismus und FDJ-Hemd. Ich habe mich dagegen gewehrt. Und die &#8218;Belohnung&#8216; war dann die Venerologische Abteilung.&#8220;\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Ich bin aus dem Kinderheim weggelaufen. Das war mein Vergehen. Ich wollte mich nicht anpassen.<\/p>\n<p>Jana Mendes-Bogas<br \/>\nwurde vom DDR-Regime in &#8222;Tripper-Burgen&#8220; misshandelt<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Gerede \u00fcber &#8222;asoziale Frauen&#8220;<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Ziel war klar: Die Patientinnen sollten zu sozialistischen Pers\u00f6nlichkeiten umerzogen werden. Christine W\u00f6ldike kennt das Krankenhaus Friedrichstadt seit 1972. Erst war sie dort Krankenschwester, dann \u00c4rztin. Sie habe die sogenannte Tripperburg im Dachgeschoss nie mit eigenen Augen gesehen. Dennoch wusste sie, was sich auf Station 9 abspielte. &#8222;Wer das nicht mitgekriegt hat, der muss blind gewesen sein. Alle redeten \u00fcber den Nutteschulze, der wieder neue Frauen eingesammelt hat. Also wir redeten schon dar\u00fcber, dass da asoziale Frauen waren und dass die weggeschlossen wurden. Waren eben Prostituierte oder Nutten.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nGenaueres habe damals niemand im Krankenhaus gewusst, meint W\u00f6ldicke. Nur, dass man die Patientinnen auf dem Gel\u00e4nde durchaus sehen konnte: &#8222;Sie haben als Reinigungsdienste gearbeitet, hier geschrubbt, dort geputzt.&#8220;\n<\/p>\n<p>Eltern chancenlos &#8211; Entscheidungen des Jugendamtes unumg\u00e4nglich<\/p>\n<p class=\"text\">\nSeit ihrer Pensionierung arbeitet Christine W\u00f6ldicke im Ethikkomitee des St\u00e4dtischen Klinikums mit. Dort hat sie sich mit dem Leitenden Psychologen des Klinikums, Mathias Mohr, mit der Geschichte der Tripperburg in Dresden auseinandergesetzt. Mohr berichtet, dass sich die Dresdner Station nicht von den anderen Venerolgischen Stationen in der DDR unterschieden habe.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nNur eine Besonderheit habe es gegeben. Die emp\u00f6re ihn noch heute: Zehn- bis zw\u00f6lfj\u00e4hrige M\u00e4dchen seien in Dresden weggesperrt worden &#8211; trotz Einspruch der Eltern. &#8222;Sie wurden einfach weggefangen auf dem Bahnhof, weil sie als leichtes M\u00e4del galten oder weil das Jugendamt mit dem Elternhaus unzufrieden war. Und sie wurden genauso zwangsbehandelt wie alle anderen. Drei bis sechs Wochen lang im Durchschnitt.&#8220;\n<\/p>\n<p>Dem\u00fctigungen, Folter und Zwangsbehandlungen<\/p>\n<p class=\"text\">\nJana Mendes-Bogas erinnert sich noch heute deutlich daran. Egal auf welcher geschlossenen Venerologischen Station sie war, \u00fcberall sei sie t\u00e4glich gegen ihren Willen gyn\u00e4kologisch untersucht und misshandelt worden. Sie sagt: &#8222;Ich wei\u00df gar nicht, was schlimmer war, die Untersuchung selbst oder die Situation. Jeden Tag standen da 22 Frauen hintereinander an der T\u00fcr. Und jedes Mal mussten wir hintereinander auf den Stuhl rauf. Hygiene oder gar Intimsph\u00e4re, das gab es alles nicht.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie wenigsten Frauen \u2013 so erz\u00e4hlt sie weiter &#8211; hatten tats\u00e4chlich eine Geschlechtskrankheit. Die meisten seien gesund gewesen, so, wie sie selbst.\n<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"text\">Jedes Mal mussten wir hintereinander auf den Stuhl rauf. Hygiene oder gar Intimsph\u00e4re, das gab es alles nicht.<\/p>\n<p>Jana Mendes-Bogas<br \/>\nwurde als 15-J\u00e4hrige in der DDR eingesperrt und misshandelt<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"text\">\nDie Frauen sollten laut Hausordnung der Kliniken isoliert und zu &#8222;sozialistischen Pers\u00f6nlichkeiten&#8220; erzogen werden. Aus <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/deutschlandarchiv\/303823\/zwangseingewiesene-maedchen-und-frauen-in-venerologischen-einrichtungen\/\" title=\"Tripperburgen: Aktuelle Forschung\" data-ctrl-link=\"{&#039;id&#039;: &#039;39fc931a-cc36-4893-ba92-b2223e3b338b&#039;,&#039;type&#039;:&#039;external&#039;,&#039;window&#039;:{&#039;type&#039;:&#039;empty&#039;,&#039;config&#039;:{&#039;title&#039;:&#039;Tripperburgen: Aktuelle Forschung&#039;,&#039;top&#039;:&#039;0&#039;,&#039;left&#039;:&#039;0&#039;,&#039;width&#039;:&#039;0&#039;,&#039;height&#039;:&#039;0&#039;,&#039;status&#039;:&#039;0&#039;,&#039;menubar&#039;:&#039;0&#039;,&#039;location&#039;:&#039;0&#039;,&#039;scroll&#039;:&#039;0&#039;,&#039;toolbar&#039;:&#039;0&#039;,&#039;resizable&#039;:&#039;0&#039;}}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Forschung wei\u00df man seit zehn Jahren<\/a>, wie gewaltsam das gemacht wurde: mit brutalen gyn\u00e4kologischen Untersuchungen, fragw\u00fcrdigen Medikamenten, Schlafentzug und anderen Arten physischer und psychischer Folter.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nJahrzehntelang wurde auch in Friedrichstadt \u00fcber dieses d\u00fcstere Kapitel der <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/ddr\/politik-gesellschaft\/gesundheit\/tripperburg-rehabilitation-aufarbeitung-unrecht-entschaedigung-100.html\" title=\"Rehabilitation f\u00fcr Tripperburg: Kaum Erfolg ohne Akten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DDR-Geschichte geschwiegen<\/a>. Fragt man den Psychologen, was ihm Schicksale wie das von Jana Mendes-Bogas\u00a0erz\u00e4hlen, antwortet er: &#8222;Mir erz\u00e4hlt das etwas \u00fcber Diktatur, das hei\u00dft, wenn Leute eigenm\u00e4chtig handeln k\u00f6nnen, wenn keine Kontrollgremien da sind, wenn Gesetze und Menschlichkeit au\u00dfer Kraft gesetzt werden, dann ist sowas m\u00f6glich.&#8220;\n<\/p>\n<p>Aufarbeitung: Betroffene Frauen gesucht<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas St\u00e4dtische Klinikum Dresden will sich dieser Geschichte stellen und sucht betroffene Frauen, mutige Menschen, so wie Jana Mendes-Bogas. Sie war gl\u00fccklich, als sie Jahrzehnte sp\u00e4ter ihre Rehabilitierung in der Hand hielt. &#8222;Ich finde es gut, dass sich die Dresdner um diese, ihre Geschichte k\u00fcmmern wollen. Das ist sehr wichtig f\u00fcr uns Frauen. Denn egal, in welcher der vielen Geschlossenen wir waren, wir haben uns \u00fcber Jahre gesch\u00e4mt. Wir waren voller Angst.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nEines sagt die heute 56 Jahre alte S\u00e4chsin aber auch: &#8222;Der Drops ist gelutscht. Ich habe es erlebt. Ich kann es nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Doch ich werde den Kopf nie in den Sand stecken. Dann h\u00e4tten die ja gewonnen. Niemals.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die geb\u00fcrtige S\u00e4chsin sch\u00fcttelt mit dem Kopf und sagt: &#8222;Ich bin aus dem Kinderheim weggelaufen. 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