{"id":191864,"date":"2025-06-15T09:50:10","date_gmt":"2025-06-15T09:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/191864\/"},"modified":"2025-06-15T09:50:10","modified_gmt":"2025-06-15T09:50:10","slug":"joggen-in-der-stadt-warum-gruesst-eigentlich-niemand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/191864\/","title":{"rendered":"Joggen in der Stadt: Warum gr\u00fc\u00dft eigentlich niemand?"},"content":{"rendered":"<p>Beim Joggen in der Gro\u00dfstadt bleibt ein freundlicher Gru\u00df oft unbeantwortet \u2013 ganz anders als im Heimatort unseres Autors. Welche Unterschiede es zwischen Stadt und Land gibt \u2013 und warum das Thema mehr mit gesellschaftlichen Erwartungen zu tun hat, als es scheint.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ich laufe meine zweite Runde in einem Berliner Park. Wieder begegnet mir der schwarz gekleidete L\u00e4ufer: 1,80 Meter gro\u00df, drahtige Statur, ein Stirnband h\u00e4lt die mittellangen Haare zur\u00fcck. Ich wei\u00df, dass wir \u00e4hnlich schnell sind \u2013 unsere Wege kreuzen sich oft am selben Punkt. Als wir uns n\u00e4hern, sieht er mich an. Ich schaue zur\u00fcck, hebe langsam die Hand und zeige ein l\u00e4ssiges \u201eThumbs up\u201c. Und er? Macht gar nichts. Gru\u00dflos l\u00e4uft er an mir vorbei, und mein hochgereckter Daumen bleibt in der Luft h\u00e4ngen \u2013 genau wie mein Glaube an gegenseitige Verbundenheit. Wieder wurde ich nicht gegr\u00fc\u00dft, und mir fehlt die Motivation f\u00fcr eine dritte Runde.<\/p>\n<p>Aufgewachsen in einem Dorf in S\u00fcddeutschland, wurde mir das Gr\u00fc\u00dfen schon fr\u00fch beigebracht. Man kennt sich \u2013 zumindest vom Sehen \u2013, und wer nicht gr\u00fc\u00dft, mit dem stimmt etwas nicht. In \u201eder Stadt\u201c ist das anders: mehr Menschen, mehr Anonymit\u00e4t, weniger sozialer Bezug. Wer hier jeden gr\u00fc\u00dft, mit dem stimmt etwas nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es nicht nur am Unterschied zwischen Dorf und Stadt, sondern auch am regionalen Temperament. Manche Regionen gelten als zugeneigter als andere. Eine rheinische Frohnatur gr\u00fc\u00dft eher als eine Berliner Schnauze. An der grunds\u00e4tzlichen Beobachtung, die viele Freunde und Bekannte teilen \u2013 n\u00e4mlich, dass immer weniger gegr\u00fc\u00dft wird, nicht nur beim Sport \u2013, \u00e4ndert das jedoch nichts.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls m\u00f6chte meine Gewohnheit, zumindest beim Laufen, nicht ablegen \u2013 auch nicht in einer Gro\u00dfstadt, nicht einmal in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/berlin\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/berlin\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Berlin<\/a>. Ich gr\u00fc\u00dfe und wei\u00df es zu sch\u00e4tzen, wenn mein Gegen\u00fcber es ebenso tut. Werde ich gegr\u00fc\u00dft, f\u00fchle ich mich gesehen, wertgesch\u00e4tzt und als Teil einer Mikro-Community im st\u00e4dtischen Getriebe. Ein beil\u00e4ufiger Gru\u00df gibt mir die Kraft f\u00fcr eine weitere Runde. Die Gru\u00dfformen reichen von Zunicken und Anl\u00e4cheln \u00fcber einzelne Ausrufe bis hin zum erhobenen Daumen \u2013 gern auch alles auf einmal. Das Einzige, das ich nicht akzeptiere, ist gru\u00dfloses Aneinandervorbeilaufen.<\/p>\n<p>Jede Laufrunde eine Studie in urbaner Begegnungskultur<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich auch mal in Gedanken. Ich nehme es niemandem \u00fcbel, der sichtbar tagtr\u00e4umend seine Runden dreht oder im Schlusssprint ums \u00dcberleben k\u00e4mpft. Doch f\u00fcr die niemals gr\u00fc\u00dfenden Dauerl\u00e4ufer habe ich kein Verst\u00e4ndnis. Mittlerweile erkenne ich sie sofort: Serient\u00e4ter, die aus der Ferne starren und im letzten Moment den Blick abwenden. Aktives Nichtgr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Jeder meiner L\u00e4ufe ist eine Mini-Studie urbaner <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/wissenschaft\/plus248794454\/Nachbarschaft-Schon-beilaeufige-Signale-schaffen-einen-gewissen-Zusammenhalt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/wissenschaft\/plus248794454\/Nachbarschaft-Schon-beilaeufige-Signale-schaffen-einen-gewissen-Zusammenhalt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Begegnungskultur<\/a>. Die h\u00f6chste Gru\u00dfquote erlebt man zu Randzeiten \u2013 fr\u00fchmorgens, sp\u00e4tabends, bei K\u00e4lte oder an abgelegenen Orten. Vielleicht, weil man sich in solchen Momenten gegenseitig best\u00e4tigt: Wir sind hier, wir k\u00e4mpfen gegen den inneren Schweinehund \u2013 und gewinnen gerade.<\/p>\n<p>Ein befreundeter L\u00e4ufer gr\u00fc\u00dft vor allem \u201enach unten\u201c, wie er sagt \u2013 also L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer, die sichtbar weniger trainiert sind oder gerade erst anfangen. Er m\u00f6chte motivieren und Mut machen, damit sie dranbleiben. Das kenne ich auch von mir selbst: Wenn mich jemand gr\u00fc\u00dft, der fitter ist, freut mich das besonders \u2013 es f\u00fchlt sich an wie ein kleines Schulterklopfen. Oft steckt darin ein unausgesprochener Code: Der St\u00e4rkere signalisiert Wohlwollen, der Schw\u00e4chere dankt mit einem Nicken. Auch beim Vorbeilaufen spiegeln sich implizite Hierarchien \u2013 nicht unbedingt problematisch, aber dennoch pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Eine Freundin von mir gr\u00fc\u00dft, wenn \u00fcberhaupt, nur andere L\u00e4uferinnen. Zu oft sei ein sportlich gemeinter Gru\u00df von M\u00e4nnern als <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/flirten\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/flirten\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Flirtversuch<\/a> verstanden worden \u2013 gerade dann, wenn sie allein unterwegs war. Ihr selektives Gr\u00fc\u00dfen ist kein Statement, sondern eher eine pragmatische Vorsichtsma\u00dfnahme. Joggen im Park ist f\u00fcr sie eben nicht nur Bewegung, sondern auch das Navigieren zwischen unausgesprochenen Erwartungen. Auch das geh\u00f6rt zur Laufrealit\u00e4t: Ob man gr\u00fc\u00dft, h\u00e4ngt nicht nur von Tageszeit und Tempo ab \u2013 sondern auch vom Sicherheitsgef\u00fchl im \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n<p>Es scheint, jeder hat beim Joggen seine eigene Logik, seine Regeln, seine Distanzen \u2013 sowohl k\u00f6rperlich als auch sozial. Und das ist v\u00f6llig in Ordnung. Doch wer l\u00e4uft, sollte die Kraft kleiner Gesten kennen: die Motivation aus einem Blick, die stille Solidarit\u00e4t im Vorbeiziehen. Denn auch im scheinbar beil\u00e4ufigen Gru\u00df verhandeln wir Zugeh\u00f6rigkeit, N\u00e4he und Respekt. Wir senden Signale: Wer sieht wen? Wer nimmt wen ernst? Und wer f\u00fchlt sich sicher genug, \u00fcberhaupt zu gr\u00fc\u00dfen? In einer Zeit, in der soziale Kontakte oft in Chats und Feeds stattfinden, ist so ein kurzer Blickkontakt fast schon ein analoges Like \u2013 ehrlich, ungefiltert, nicht scrollbar.<\/p>\n<p>Im Laufe der Arbeit an diesem Text habe ich meine Haltung ge\u00e4ndert. Ich bin mit Wut, Unverst\u00e4ndnis und einem durch Dorfsozialisation gesch\u00e4rften Blick ins Thema gestartet. Aber je mehr ich mich mit dem Gr\u00fc\u00dfen und Nichtgr\u00fc\u00dfen besch\u00e4ftige, desto mehr erkenne ich die Vielschichtigkeit dahinter: pers\u00f6nliche Routinen, Schutzmechanismen, Missverst\u00e4ndnisse, implizite soziale Codes. Das alles relativiert mein erstes Urteil \u2013 aber es hebt es nicht auf.<\/p>\n<p>Ich verstehe, dass nicht jeder Mensch immer gr\u00fc\u00dfen m\u00f6chte \u2013 besonders, wenn das harmlose L\u00e4cheln einer Frau als mehr als das verstanden wird. Auch Tagtr\u00e4umerei, Ersch\u00f6pfung oder einfach schlechte Tage sind legitime Gr\u00fcnde, im eigenen Tunnel zu bleiben. Gleichzeitig bleibe ich dabei: Wer konsequent durch andere hindurchl\u00e4uft, statt sie wenigstens wahrzunehmen, macht den \u00f6ffentlichen Raum k\u00e4lter, als er sein m\u00fcsste. Ich m\u00f6chte nicht Teil einer <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/marathon\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/marathon\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Laufkultur<\/a> sein, in der jeder nur auf sich selbst fixiert seine Bahnen zieht.<\/p>\n<p>Ich werde weiter gr\u00fc\u00dfen. Nach oben, nach unten, Frauen, M\u00e4nner und alle dazwischen \u2013 quer durch den Park, Runde f\u00fcr Runde. Nicht nur aus H\u00f6flichkeit, sondern aus \u00dcberzeugung. Als Zeichen von Respekt, Aufmerksamkeit, Zugeh\u00f6rigkeit. Meine Hand bleibt oben \u2013 als Einladung, nicht als Appell. Aber eben auch als Haltung gegen die Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Nikias Thi\u00dfen ist Director Paid Content von WELT und Business Insider. Er lebt seit zehn Jahren in Berlin, l\u00e4uft regelm\u00e4\u00dfig, trainiert gerade f\u00fcr den Berlin-Marathon und hat jetzt schon Angst davor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Beim Joggen in der Gro\u00dfstadt bleibt ein freundlicher Gru\u00df oft unbeantwortet \u2013 ganz anders als im Heimatort unseres&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":191865,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,3644,30,63454,63453,1940,1938],"class_list":{"0":"post-191864","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-fitnesstraining","14":"tag-germany","15":"tag-jogger-ks","16":"tag-laufen-ks","17":"tag-nachrichten-aus-berlin","18":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114686762885424124","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/191864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=191864"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/191864\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/191865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=191864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=191864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=191864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}