{"id":193604,"date":"2025-06-16T02:05:14","date_gmt":"2025-06-16T02:05:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/193604\/"},"modified":"2025-06-16T02:05:14","modified_gmt":"2025-06-16T02:05:14","slug":"autorin-nell-zink-wenn-sechs-berliner-intellektuelle-feiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/193604\/","title":{"rendered":"Autorin Nell Zink: Wenn sechs Berliner Intellektuelle feiern\u00a0\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Diese Schriftstellerin hat den doppelten Abstand, den man f\u00fcr die deutsche Hauptstadt braucht: Sie ist Amerikanerin \u2013 und sie lebt in Bad Belzig. Beste Voraussetzungen, um mit Satirequalit\u00e4ten vom Berliner Literaturbetrieb zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Hier w\u00fcrden Berliner Eliten \u201ein maximaler Verkommenheit\u201c gezeigt und \u201eder Literaturbetrieb maximal l\u00e4cherlich gemacht\u201c, attestierte die Kritikerin Iris Radisch im j\u00fcngsten <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.zdf.de\/video\/talk\/das-literarische-quartett-160\/mai-buecher-thomas-mann-lesen-100\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.zdf.de\/video\/talk\/das-literarische-quartett-160\/mai-buecher-thomas-mann-lesen-100&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">\u201eLiterarischen Quartett\u201c <\/a>(im ZDF)  dem neuen Roman Nell Zinks. Und der Philosophiehistoriker Wolfram Eilenberger emp\u00f6rte sich, er habe seit Jahrzehnten (der Mann ist 52) nichts gelesen, was ihn so sehr ge\u00e4rgert habe: haneb\u00fcchene Konstruktion! Narrative Schlampigkeit! Diskursgrimassen! Gelaber, ziellos hin und her!\u00a0<\/p>\n<p>Das klang gut, nach einem Roman, in dem endlich einmal nicht auf Eliten-Empfindsamkeiten und Konstruktions-Pingeligkeiten R\u00fccksicht genommen wurde. Tats\u00e4chlich f\u00fchlt man sich der Lekt\u00fcre von \u201eSister Europe\u201c erfrischt, als h\u00e4tte ein kr\u00e4ftiger Wind das Bewusstsein aufgelockert.<\/p>\n<p>Die Handlung ist nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des Gro\u00df-, Berlin-, Gegenwarts- und Tiefsinnsromans v\u00f6llig unerheblich: Am 21. Februar 2023 besuchen sechs Leute eine Zeremonie im Hotel Interconti, bei der einem 78-j\u00e4hrigen Beduinen-Dichter, mit elf von der Sinai-Halbinsel nach Norwegen geflohen, ein Preis f\u00fcr Verdienste um die arabische Literatur \u00fcberreicht wird, den eine reiche, \u201eaus einem der liberalen Emirate\u201c stammende und in Montreux lebende Erbin gestiftet hat.<\/p>\n<p>Hinterher ans Buffet<\/p>\n<p>Gekommen sind die G\u00e4ste nicht wegen des Dichters, sondern weil sie gebeten wurden, den Festsaal nicht so leer aussehen zu lassen, und weil es hinterher noch ein mit einem Michelin-Stern pr\u00e4miertes Essen gibt. Sie kennen einander mehr oder weniger gut oder anfangs noch gar nicht: ein Architekturkritiker, seine 15-j\u00e4hrige Transtochter, die sich gerade in ihre neue Existenz als Frau reinfummelt (m\u00fchsam, weil die Strumpfhose dauernd verrutscht und der Oberlippenflaum entfernt werden m\u00fcsste), eine mond\u00e4ne, mehrfach geschiedene, aus einer Nazi-Familie stammende Freundin der Familie, ein Kleinverleger, dem es allm\u00e4hlich schwerer f\u00e4llt, die jungen Frauen zu beeindrucken, die er im Bett bevorzugt, sein \u00fcberraschend aufgetauchtes Tinder-Date, und Radi \u2013 arabischer Prinz, Sohn und Vertreter der Preisstifterin, der Berlin im Februar zu kalt ist.<\/p>\n<p>Weil die Veranstaltung uns\u00e4glich langweilig war und das Essen uns\u00e4glich schlimm (auch, weil es keinen Alkohol gab), beschlie\u00dfen sie, noch zu einem Burger King zu wandern. Ein paar Stunden lang stapfen sie durch eine vernebelte Berliner Februarnacht und reden dabei in unterschiedlichen Konstellationen \u00fcber alle erdenklichen Themen, alle paar Schritte perlt etwas Neues hoch und zerplatzt gleich wieder, bis am Ende jeder wohlbehalten im Bett landet. Nichts Dramatisches ist geschehen, daf\u00fcr sehr viel Undramatisches, das man \u00fcberleben kann, auch wenn es ein bisschen getriggert hat.<\/p>\n<p>Wie bei \u201eSeinfeld\u201c<\/p>\n<p>Es ist ein wenig wie in \u201eSeinfeld\u201c-Episoden oder in Filmen von Eric Rohmer oder Whit Stillman: Mit Konversationswitz und Selbstdarstellungsbereitschaft begabte Menschen reden \u00fcber nichts Besonderes, und doch, wenn man genauer hinh\u00f6rt, \u00fcber alles: \u00fcber Identit\u00e4t und das Unbehagen an, in und mit ihr, dar\u00fcber, wie man eigentlich leben sollte, wenn man denn k\u00f6nnte und warum das nicht geht, dar\u00fcber, wie man zueinander findet und weswegen dann doch nicht. Nur, dass es bei Nell Zink von all dem noch mehr gibt als in filmischen Konversationskom\u00f6dien: mehr Funkeln, mehr Gegenwartswahnsinn, mehr Virtuosit\u00e4t, mehr Eleganz, mehr T\u00e4nzeln.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich reden wirkliche Menschen nicht wie in <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/nell-zink-sister-europe-9783498007362\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/nell-zink-sister-europe-9783498007362&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">\u201eSister Europe\u201c<\/a>, leider nicht einmal Angeh\u00f6rige verkommener Eliten, doch genau deswegen ist man immer wieder f\u00fcr Zinks Generosit\u00e4t dankbar. \u201eIn Deutschland ist es gef\u00e4hrlich, eine Waffe zu benutzen\u201c, sagt etwa einmal der Kleinverleger, \u201esogar zur Selbstverteidigung. Das liegt daran, dass die W\u00e4nde hier massiv sind. In Amerika prallen Kugeln nicht ab. Die schlagen einfach durch. Als w\u00fcrde man auf einen Heuballen schie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Auf die Frage, warum sie einsam sei, antwortet eine der Figuren: \u201eAus demselben Grund wie alle. Weil das soziale Leben Arbeit macht, und ich bin faul.\u201c Dazu kommen die S\u00e4tze von Zink selbst, die die Konversationsf\u00e4den virtuos ineinander verweben, Charakterisierungen wie \u201eDie M\u00e4dchen wackelten mit dem Hintern, aber nicht f\u00fcr ihn. Er war siebenundf\u00fcnfzig\u201c.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrde man bei solchen Knallern in Standing Ovations ausbrechen. Aber erstens ist Lesen ja ein allein genossenes Vergn\u00fcgen, zweitens sind Zinks S\u00e4tze so gut, dass man ohne Pause weitermachen will. Wenn man sich beeilt, schafft man es, mit dem Buch in genau der Zeit fertig zu werden wie seine Protagonisten mit ihrem Abend, siebeneinhalb Stunden. Danach k\u00f6nnte man \u201eSister Europe\u201c gleich noch einmal lesen, langsamer diesmal. Dann fiele einem auf, wie viele doppelte B\u00f6den, Spiegelungen und Anspielungen Zink in ihrem Roman verbaut hat. Und wie elegant sie einem zeigt, dass man mit der Schwere der Geschichte (Berlin! Nazis! Kommunisten!) und den Gef\u00e4ngnissen von Identit\u00e4t (Gender! Klassen-Kluften!) auch t\u00e4nzelnd umgehen k\u00f6nnte. N\u00e4chtens geht das ja. Der n\u00e4chste Morgen kommt fr\u00fch genug.<\/p>\n<p>Nell Zink: Sister Europe. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Diese Schriftstellerin hat den doppelten Abstand, den man f\u00fcr die deutsche Hauptstadt braucht: Sie ist Amerikanerin \u2013 und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":193605,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,4133,296,1937,29,30,63975,1940,63974,1938],"class_list":{"0":"post-193604","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-belletristik-international","11":"tag-berlin","12":"tag-berlin-news","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-literarisches-leben","16":"tag-nachrichten-aus-berlin","17":"tag-neuerscheinungen-ks","18":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114690596952880580","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/193604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=193604"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/193604\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/193605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=193604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=193604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=193604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}