{"id":194076,"date":"2025-06-16T06:36:17","date_gmt":"2025-06-16T06:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/194076\/"},"modified":"2025-06-16T06:36:17","modified_gmt":"2025-06-16T06:36:17","slug":"martin-lenz-die-bessere-alternative-ist-die-wohnung-zu-erhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/194076\/","title":{"rendered":"Martin Lenz: \u201eDie bessere Alternative ist, die Wohnung zu erhalten\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"question\"><strong>Staatsanzeiger: Herr Lenz, das Thema Wohnungslosigkeit ist in vielen St\u00e4dten und Gemeinden keine Aufgabe, mit der man sich im Rathaus gern besch\u00e4ftigt. Wie kam es dazu, dass Sie v\u00f6llig neue L\u00f6sungen erarbeitet haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Martin Lenz:<\/strong> Wir dachten vor 25 Jahren auch nicht daran, dass wir mal Vorreiter in Deutschland werden. Unser Konzept wurde aus der Krise geboren, aus der Not heraus. <a data-mce-href=\"https:\/\/www.staatsanzeiger.de\/kommunen\/karlsruhe\/\" data-mce-selected=\"inline-boundary\" href=\"https:\/\/www.staatsanzeiger.de\/kommunen\/karlsruhe\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Karlsruhe<\/a> hatte damals seit Jahrzehnten durchschnittlich lediglich etwa 200 Wohnungslose. Um die Jahrtausendwende verdreifachte sich diese Zahl pl\u00f6tzlich. Ich war damals Sozialplaner und mein Chef wollte, dass ich in die Wohnungslosenhilfe gehe und schaue, ob mir etwas einf\u00e4llt, um die Zahl der Obdachlosen wieder einzud\u00e4mmen. Ich hatte keine Ahnung von Wohnungspolitik. Aber vielleicht war es mein frischer und unvoreingenommener Blick, mit dem ich an die Analyse herangegangen bin.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Was haben sie damals festgestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz simpel: Es braucht Wohnungen, um Wohnungslosigkeit zu beenden. Die Hilfesysteme und Unterbringungsh\u00e4user l\u00f6sen das Problem nachhaltig nicht wirklich. Eine vor\u00fcbergehende Unterbringung ist in der Regel sogar eine Verschlechterung der Situation der Betroffenen. Der Erhalt der Wohnung, also gar nicht erst zu r\u00e4umen, ist sozial betrachtet die beste Opti on. Und f\u00fcr die Kommunen wirtschaftlich ist sie das \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wirtschaftlich auch? Das m\u00fcssen Sie erkl\u00e4ren.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie die Pro-Kopf-Kosten in einem betreuten Unterbringungshaus anschauen, stellen Sie fest, dass Sie von den Kosten eines Pflegeheims nicht weit entfernt sind. Oder anders gerechnet: Ein \u00f6ffentlich untergebrachter Wohnungsloser kostet rund drei Mal so viel, als wenn er eine eigene Wohnung h\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Das klingt gut und einfach. Warum wird es dann nicht landauf, landab einfach so umgesetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Wohnungsnot haben wir auch. Aber i ch habe damals festgestellt, dass der private Wohnungsmarkt in Karlsruhe etwa 80 Prozent ausmacht und nur 20 Prozent die Wohnungsbaugesellschaften. Meine Idee war, Wohnungen lieber auf dem privaten Markt zu akquirieren, als bei unserer st\u00e4dtischen Gesellschaft noch Kontingente f\u00fcr die Notunterbringung reinzudr\u00fccken.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wie haben Sie das angestellt?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind als Sozialdezernat auf den V erein \u201eHaus &amp; Grund\u201c zugegangen. Wer das Vorurteil pflegt, Vermieter seien Miethaie, die nur die h\u00f6chstm\u00f6gliche Rendite interessiert: So ist es nicht! Selbst der damalige KSC-Pr\u00e4sident Roland Schmider hat bei der Mund-zu-Mund-Propaganda mitgeholfen, das Programm auf den Weg zu bringen. Aber das Herzst\u00fcck unserer Wohnungslosenhilfe ist immer noch die Pr\u00e4vention, also Wohnungen gar nicht erst r\u00e4umen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wie k\u00f6nnen Sie das als Stadtverwaltung verhindern?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz einfach: Man muss R\u00e4umungsklagen und damit Wohnungslosigkeit verhindern, ganz gleich, was es kostet. Die bessere Alternative ist, die Wohnung zu erhalten, selbst wenn es auch einmal 10\u2005000 Euro an Mietr\u00fcckstand sind. Die zahlen wir, auch wenn man das aus p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden nur einmal machen kann. Daf\u00fcr gibt bei uns Sicherungssysteme, damit das funktioniert. Das leisten unsere Mitarbeiter der Fachstelle Wohnungssicherung. Ein Rundum-Sorglos-Paket f\u00fcr unsere Vermieter.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wie \u00fcberzeugen Sie den Vermieter, die R\u00e4umung nicht durchzusetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Wie gesagt, durch die \u00dcbernahme des Mietr\u00fcckstandes und zweitens durch die zuk\u00fcnftige Sicherung der Mietzahlung in Zusammenarbeit zwischen Sozialamt und dem Betroffenen.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Das hat schon vor 25 Jahren funktioniert?<\/strong><\/p>\n<p>Hat es. Durch Pr\u00e4vention und Wohnraumakquise auf dem privaten Markt haben wir inzwischen 1400 Wohnungen f\u00fcr rund 3500 Menschen zu erschwinglichen Mieten gewonnen.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Warum machen die privaten Vermieter in Karlsruhe in der gro\u00dfen Anzahl mit?<\/strong><\/p>\n<p>Wir zahlen den Vermietern einen Zuschuss, um die Wohnung f\u00fcr zehn Jahre belegen zu k\u00f6nnen, und \u00fcbernehmen in diesem Zeitraum eine Mietausfall-Garantie, wenn keiner drin wohnt. Jetzt kommt das Entscheidende: Nach einem Jahr bekommt der einstmals Wohnungslose wieder einen eigenen Mietvertrag.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wie viele Wohnungslosenunterk\u00fcnfte haben oder brauchen Sie noch?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben 2003 alle Wohnungslosenh\u00e4user in der Stadt Karlsruhe aufgel\u00f6st und privatisiert, bis auf eins. Deshalb sag\u2019 ich immer, dass wir das gr\u00f6\u00dfte Public-Private-Partnership-Projekt in Deutschland sind. Wir hatten das nat\u00fcrlich durchgerechnet und festgestellt: Wir bezahlen lieber Miete und sind trotzdem auf Dauer g\u00fcnstiger, aber auch die Qualit\u00e4t der Wohnraumversorgung ist auf privater Basis viel besser. Wir bringen nat\u00fcrlich keinen alkohol- oder psychisch kranken Menschen da unter. Diese Personenkreise brauchen Betreuung und Begleitung, da hilft die Wohnung allein nicht. F\u00fcr diese Menschen gibt es Spezialeinrichtungen in Tr\u00e4gerschaft der Arbeiterwohlfahrt oder der Kirchen. Wenn sie so wollen, sortieren wir die Zielgruppen unter den Wohnungslosen.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Wer hat sich dieses Konzept denn schon genauer angeschaut?<\/strong><\/p>\n<p>Nordrhein-Westfalen hat sich von uns beraten lassen und ein Landesprogramm nach diesem Konzept aufgelegt, sehr erfolgreich. Mich h\u00e4tte es gefreut, wenn es das in Baden-W\u00fcrttemberg und den anderen 14 Bundesl\u00e4ndern auch g\u00e4be. Was w\u00e4re das f\u00fcr ein Potenzial! NRW gibt nach Karlsruher Vorbild einen Zuschuss pro Jahr von 50\u2005000 Euro f\u00fcr einen Mitarbeiter, der Wohnraum akquiriert. So werden inzwischen 3000 Wohnungen pro Jahr gewonnen. Aber auch wir in Karlsruhe haben wieder alle H\u00e4nde voll zu tun, weil die Wohnungsnot uns immer st\u00e4rker belastet.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Sie sind in Karlsruhe aber schon wieder einen Schritt weiter\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wir haben etwas Neues versucht. Wir haben jetzt schon zum zweiten Mal ein gr\u00f6\u00dferes Geb\u00e4ude mit einem Sozialinvestor umgebaut. Das sind 100 Wohnungen auf einen Schlag mit einer erschwinglichen Miete von 9,50 Euro warm pro Quadratmeter, und 80 Prozent davon sind barrierefrei. Derselbe Investor hat jetzt ein lange leer stehendes Altenheim aufgekauft, aufgestockt und mitten in der Stadt erweitert. Das sind 130 Wohnungen. Das ist fast so viel, wie in Karlsruhe im vergangenen Jahr neu gebaut wurde. Mit Neubau kann man hier keine sozialen Probleme l\u00f6sen. Die Stadt braucht 1000 Wohnungen pro Jahr bis 2035, um die Wohnungsnot zu bek\u00e4mpfen. Deshalb die Idee, Bestandsimmobilien umzubauen.<\/p>\n<p class=\"question\"><strong>Was m\u00fcsste sich aus Ihrer Perspektive \u00e4ndern, damit sich der Umgang mit der Wohnungslosigkeit \u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Es braucht weiterhin Wohnungslosen-Programme aus sozialer Sicht, aber dringend eine Verkn\u00fcpfung mit klassischen Wohnungsbauprogrammen. Leider arbeiten die Ministerien auf L\u00e4nderebene nicht so zusammen, wie das n\u00f6tig w\u00e4re. Ich bin in der Facharbeitsgruppe des Bundesbauministeriums zur Umsetzung des nationalen Aktionsplans \u201eKeine Wohnungslose 2030\u201c. Da sitzt sogar Vonovia mit drin. Das ist die Chance: Auf andere zugehen!<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Katy Cuko<\/p>\n<p>                        <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1454\" height=\"1272\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/20221221_223443-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59713\"  \/><br \/>\n                        Hohe Anerkennung: Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier und der Karlsruher Sozialb\u00fcrgermeister Martin Lenz bei einem Fachgespr\u00e4ch im Schloss Bellevue in Berlin in Jahr 2022.<\/p>\n<p>Zur Person<\/p>\n<p>Martin Lenz (Jahrgang 1962) begann 1992 in der Sozial- und Jugendbeh\u00f6rde der Stadt Karlsruhe zu arbeiten und war Sozialplaner, als er 1993 den ersten Armutsbericht f\u00fcr Karlsruhe geschrieben hat. Ein Ergebnis war, die Wohnungspolitik von der Stra\u00dfe aus zu denken. So wurde es damals mit dem Gesamtkonzept \u201eWohnungslosenhilfe \u201997\u201c in der Stadtpolitik verankert. Alle zwei Jahre gibt es seither in Karlsruhe den Wohnungslosenbericht. 2009 wurde der Sozialdemokrat Sozialdezernent in Karlsruhe und 2017 wiedergew\u00e4hlt. Im September geht er in Pension. 2022 war Martin Lenz auf Einladung des Bundespr\u00e4sidenten Walter Steinmeier in Berlin bei einem Fachgespr\u00e4ch zum Thema Wohnungslosigkeit.<\/p>\n<p><a data-mce-href=\"https:\/\/www.staatsanzeiger.de\/nachrichten\/wirtschaft\/wie-die-grundsteuerreform-eine-genossenschaft-belastet\/\" href=\"https:\/\/www.staatsanzeiger.de\/nachrichten\/wirtschaft\/wie-die-grundsteuerreform-eine-genossenschaft-belastet\/\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Wie sich auf einige Mieter in Karlsruhe die Grundsteuer auswirkt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Staatsanzeiger: Herr Lenz, das Thema Wohnungslosigkeit ist in vielen St\u00e4dten und Gemeinden keine Aufgabe, mit der man sich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":194077,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1844],"tags":[1634,3364,29,30,8903,64063,64064,32165],"class_list":["post-194076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-karlsruhe","tag-baden-wuerttemberg","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-karlsruhe","tag-lenz","tag-sozialdezernent","tag-wohnungslosigkeit"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114691662712735057","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=194076"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/194076\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/194077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=194076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=194076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=194076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}