{"id":198600,"date":"2025-06-17T23:36:16","date_gmt":"2025-06-17T23:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/198600\/"},"modified":"2025-06-17T23:36:16","modified_gmt":"2025-06-17T23:36:16","slug":"ehemaliges-us-konsulat-ich-habe-das-ding-gesehen-und-war-schockverliebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/198600\/","title":{"rendered":"Ehemaliges US-Konsulat: \u201eIch habe das Ding gesehen und war schockverliebt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Urspr\u00fcnglich in j\u00fcdischem Besitz, nach 1933 NSDAP-Hauptquartier und ab 1950 Heimat des US-Konsulats: Das \u201eLittle White House\u201c an der Alster ist eine Augenweide, hat aber auch einige Leichen im Keller. Nun macht sich ausgerechnet ein M\u00fcnchner daran, es zu einem Hotel umzubauen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Max Schlereth sitzt in einem Raum und vor den Fenstern liegt ein Ausblick wie man ihn von Marketingkampagnen der Stadt Hamburg kennt. Ein blassblauer Himmel mit kleinen Schleierwolken, darunter die Alster in einem changierenden, dunkleren Blau, \u00fcber das hie und da die wei\u00dfen Segel von Booten gleiten. Davor ein gr\u00fcnes Band mit Joggern und Fahrradfahrern. In der Wand hinter Schlereth h\u00e4ngen Kabel lose aus einer Buchse, an der Wand ist die Farbe abgekratzt, oben rechts im Raum sieht man, dass sich unter dem angegrauten Wei\u00df eine Wandmalerei versteckt. Max Schlereth ist Unternehmer, der Spross des M\u00fcnchner Baul\u00f6wen Max Schlereth Senior, und als solcher hat er Gro\u00dfes vor mit dem Geb\u00e4ude, in dem er sitzt. <\/p>\n<p>Wobei, so richtig sitzt er eigentlich nie, zumindest nicht still. Er beugt sich vor, r\u00fcckt n\u00e4her heran, so nah wie man es sonst in Hamburg eher nicht tut, er gestikuliert ausladend, schaut vertr\u00e4umt, lacht und schw\u00f6rt. Kurzum, schnell wird klar: Der ist nicht von hier. Der M\u00fcnchner ist gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Mehrheitsgesellschafter der Derag Unternehmensgruppe und hat es auf Objekte im sogenannten \u201eLongstay-Segment\u201c abgesehen. Der j\u00fcngste Neuzugang in seinem Portfolio ist das Geb\u00e4ude des ehemaligen US-Konsulats an der Hamburger Au\u00dfenalster, im Volksmund auch \u201eLittle White House\u201c genannt. Eine echte Perle, wenn nicht die Perle an der Alster. <\/p>\n<p>Max Schlereth erz\u00e4hlt, wie er sich aus dem Stand heraus in das Haus verliebt habe. Es stand zum Verkauf, es gab eine beachtliche Zahl an Mitinteressenten, allerdings zog am Horizont schon eine schwere Immobilienkrise auf, die dazu f\u00fchrte, dass der Run auf das Objekt zwar gro\u00df war, aber nicht so gro\u00df wie zu besseren Zeiten. Er erz\u00e4hlt, wie er dann doch noch wie geplant mit der Familie in den Skiurlaub gefahren und nicht schnell nach Hamburg geflogen ist. Direkt nach dem Urlaub, in den Tagen nach Neujahr 2024, flog er nach Hamburg, durchma\u00df die gro\u00dfe Eingangshalle, zu der die T\u00fcr des Raumes, in dem er sitzt, f\u00fchrt. Und da war das Ding klar. \u201eMuss ich haben.\u201c Die Rede ist vom Geb\u00e4ude des ehemaligen US-Konsulats.<\/p>\n<p>Andere h\u00e4tten vielleicht erst einmal noch einen Termin mit einem Gutachter machen wollen, schlie\u00dflich unterliegt das Objekt dem Denkmalschutz. Max Schlereth aber setze sich hin und schrieb eine Mail an das f\u00fcr Immobilien im Ausland zust\u00e4ndige Au\u00dfenministerium, \u201ein der ich den Amerikanern erkl\u00e4rte, was ich mit dem Haus vorhabe\u201c. Dass er sich der Tradition des Ortes, aber auch der Geschichte bewusst sei &#8211; was zu diesem Zeitpunkt nicht gelogen war, allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer von der Tragweite der Geschichte in dem Haus. Dass er daraus ein Boutiquehotel machen wolle, das nicht in ein paar Jahren an eine x-beliebige Hotelkette verscherbelt werden soll, sondern im Besitz des Familienunternehmens verbleiben solle. Kurzum, dass er das Objekt gerne kaufen w\u00fcrde. Von da an ging alles recht schnell. Dabei w\u00e4re der Deal beinahe gar nicht zustande gekommen. Als Trump im Juli 2017 anl\u00e4sslich des G-20-Gipfels zu Besuch in Hamburg war, fand er das Konsulatsgeb\u00e4ude so \u201estunning georgeous\u201c  dass er meinte, so etwas solle man blo\u00df nicht verkaufen. Zu sp\u00e4t. Die Entscheidung der Amerikaner, sich von der Immobilie zu trennen, war damals schon gefallen.<\/p>\n<p>Man muss diese Vorgeschichte kennen, um zu begreifen, was das f\u00fcr ein Mann ist, der sich nun daran macht, das Objekt in ein Hotel umzuwandeln. Wann der Umbau startet, ist ungewiss, was es kosten wird, dar\u00fcber herrscht Stillschweigen. Die Rahmendaten h\u00f6ren sich jedoch vielversprechend an: 80 Zimmer soll das Boutiquehotel umfassen, circa 28 davon werden in den vorderen Altbauten, zum Teil mit Blick auf die Alster liegen. Die weiteren in einem dezenten Erweiterungsbau, der am r\u00fcckseitig gelegenen Hof hinter dem rechten Teil des Geb\u00e4udes befindet. Geplant ist eine Terrasse, die vom einstigen \u201eBallroom\u201c des Konsulats an der linken Seite des Geb\u00e4udes einen Blick auf die Alster gew\u00e4hrt. Die Front, so wie man sie seit Jahren kennt, soll erhalten bleiben. Im Inneren aber wird man eine Idee davon bekommen, dass der Komplex urspr\u00fcnglich aus zwei Villen besteht. Die Verbindung schufen die Amerikaner in 1950, indem sie die beiden Geb\u00e4ude mittels eines Neubaus verbanden und die in Anlehnung an das Wei\u00dfe Haus in Washington wei\u00dfe S\u00e4ulen davorsetzte. Die jetzige Eingangshalle, in der man auf Empfangsschalter hinter schusssicherem Glas zul\u00e4uft, soll aufgebrochen und mit viel Glas als lichter Durchgang fungieren. Der vier Meter hohe Zaun um das gesamte Areal kommt weg und so sollen nicht nur die Au\u00dfenanlagen aufwendig neu gestaltet werden, sondern auch der Innenhof auf der R\u00fcckseite, der jetzt eine brachliegende, versiegelte Fl\u00e4che ist. <\/p>\n<p>In den beiden Altbauten sollen alle Zimmer bzw. Suiten einen anderen Grundriss haben, im Erweiterungsbau werden die Zimmer standardisierten Grundrissen folgen. Mit dem Projekt beauftragt wurde das Architekturb\u00fcro St\u00f6rmer Murphy &amp; Partner. Wann mit einem Baubeginn zu rechnen ist? \u201eGanz ehrlich: Keine Ahnung. Wir hoffen, dass wir so z\u00fcgig und so sorgf\u00e4ltig wie m\u00f6glich vorankommen\u201c, so Kasimir Altzweig. Die laufende Analyse gebe die Herangehensweise vor, das sei so ziemlich das Gegenteil von dem, was sonst oft \u00fcblich sei. Was es kosten wird? \u201eViel. Es braucht Mut, das anzugehen\u201c, so Kasimir Altzweig. <\/p>\n<p>Aktuell seien Denkmalsch\u00fctzer im Haus, die pr\u00fcfen, welche versteckten Sch\u00e4tze es gebe. Und davon gibt es einige. Unter den schn\u00f6den Rasterdecken, die Mitarbeiter des Konsulats etwa im ersten Stock des rechten Geb\u00e4udes anbringen lie\u00dfen, versteckte sich eine bestens erhaltene Stuck-Decke mit aufwendigen Intarsien. \u201eJeder Raum wird eine eigenst\u00e4ndige Gestaltung aufweisen. Das ist Fluch und Segen zugleich, in erster Linie aber eine gro\u00dfe Chance. Die Herausforderung wird sein, f\u00fcr das Gesamtobjekt einen roten Faden zu finden\u201c, so Kasimir Altzweig. Er sei positiv \u00fcberrascht von der konstruktiven  Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt. \u201eAuch die Kollegen dort verstehen sehr gut, dass es kleine Eingriffe braucht, damit das Geb\u00e4ude anders genutzt werden kann.\u201c <\/p>\n<p>Viel Licht und viel Schatten<\/p>\n<p>Derzeit sei ein Team aus Historikern dabei, Licht in die Geschichte der beiden H\u00e4user zu bringen. Entworfen und errichtet wurden beide Villen von Architekt Martin Haller, der auch das Hamburger Rathaus mit erdachte. Die linke Villa wurde f\u00fcr den Kaufmann Michaelsen in 1882 erbaut, sie befand sich bereits im Bau, als ein Jahr sp\u00e4ter die Eheleute Re\u00e9 ihr Anwesen hier errichten lie\u00dfen. Relativ fr\u00fch,  die Rede ist von zehn Jahren, h\u00e4tten beide Villen schon wieder die Besitzer gewechselt. Der Kaufmann Anton Friedmann kaufte die Villa Michaelsen, eine Familie namens Sanders die Villa Re\u00e9. <\/p>\n<p>Dann beginnt das dunkle Kapitel des Hauses. Offiziell hei\u00dft es, die Erben beider Familien h\u00e4tten in 1933 der NSDAP die H\u00e4user vermietet. Das linke wurde als Sitz des Hauptquartiers genutzt, das rechte zur Zeit des Krieges als B\u00fcroraum. Allerdings lie\u00dfen die Nazis bereits zu diesem Zeitpunkt bauliche Ver\u00e4nderungen vornehmen, die ungew\u00f6hnlich umfassend sind f\u00fcr ein gew\u00f6hnliches Mietverh\u00e4ltnis. In 1950 erwarben die Amerikaner beide H\u00e4user. Die geschichtliche L\u00fccke gilt es nun zu schlie\u00dfen, eine Arisierung wird vermutet. Als er das Geb\u00e4ude kaufte, erz\u00e4hlt Max Schlereth, kannte er die Vergangenheit des Hauses nicht. F\u00fcr ihn sei klar, dass Gedenken und Erinnerung im Haus stattfinden muss und daf\u00fcr gebe er sein Wort. Als er jene R\u00e4ume im Keller des Hauses betrat, in denen Vermutungen zufolge Verh\u00f6re stattgefunden haben sollen, habe er \u201eBeklemmungen\u201c gehabt. <\/p>\n<p>In welchem Konzept Gedenken m\u00f6glich sein soll, dazu k\u00f6nne er noch nichts sagen. Aber die schallgesch\u00fctzten Verh\u00f6rr\u00e4ume, die auch als Tresorr\u00e4ume genutzt wurden, w\u00fcrden sich daf\u00fcr anbieten. Nach der H\u00f6he des Kaufpreises und dem Volumen der Umbaukosten gefragt, zuckt Max Schlereth mit den Schultern. \u201eEs wird kosten, was es kosten wird und irgendwann wird es fertig sein.\u201c Erfahrungen mit derart kniffeligen Objekten hat er. In D\u00fcsseldorf baute sein Unternehmen das De Medici um, ein ehemaliges Stadthaus, ehemaliger preu\u00dfischer Regierungssitz und urspr\u00fcnglich Jesuitenkloster. Ebenso jener Komplex diente als Hauptquartier der Gestapo. Auch an der Alster f\u00fchle er sich nun verpflichtet, der Geschichte des Ortes Rechnung zu tragen. Er sage es ganz ehrlich, so wie es gewesen sei. \u201eIch habe das Ding gesehen und war schockverliebt.\u201c Und er habe auch sofort den Namen \u201eThe Jefferson\u201c im Kopf gehabt, benannt nach dem dritten US-Pr\u00e4sidenten und haupts\u00e4chlichen Verfasser der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung. \u201eDass er es war, der sich noch vor seiner Pr\u00e4sidentschaft daf\u00fcr einsetzte, dass sein Land in Hamburg eine St\u00e4ndige Vertretung haben solle, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht\u201c, sagt er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Urspr\u00fcnglich in j\u00fcdischem Besitz, nach 1933 NSDAP-Hauptquartier und ab 1950 Heimat des US-Konsulats: Das \u201eLittle White House\u201c an&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":198601,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[3373,65188,56457,65187,29,30,692,1092,65183,65185,65186,65184,64],"class_list":{"0":"post-198600","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-alster","9":"tag-arisierungen-ks","10":"tag-bezirk-eimsbuettel","11":"tag-deutsche-realbesitz","12":"tag-deutschland","13":"tag-germany","14":"tag-hamburg","15":"tag-hotels","16":"tag-immobilienwirtschaft","17":"tag-konsulate-ks","18":"tag-konsulatsgebaeude-ks","19":"tag-tourismusbranche-ks","20":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114701335546669114","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198600"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198600\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/198601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=198600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=198600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}