{"id":198752,"date":"2025-06-18T01:06:12","date_gmt":"2025-06-18T01:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/198752\/"},"modified":"2025-06-18T01:06:12","modified_gmt":"2025-06-18T01:06:12","slug":"buchempfehlung-jonas-luescher-verzauberte-vorbestimmung-deutschlandnofilter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/198752\/","title":{"rendered":"Buchempfehlung Jonas L\u00fcscher \u201eVerzauberte Vorbestimmung\u201c &#8211; #DeutschlandNoFilter"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-intro-text\">Vom Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Technik \u2013 davon erz\u00e4hlt Jonas L\u00fcscher in seinem neuen Buch. Der Schweizer Schriftsteller begibt sich an ganz unterschiedliche Orte und in ganz verschiedene Zeiten, am Ende gar in die Zukunft einer megalomanischen W\u00fcstenstadt.<\/p>\n<p>                Mit seinem literarischen Deb\u00fct, der Novelle Fr\u00fchling der Barbaren (2013), wurde Jonas L\u00fcscher gleich f\u00fcr den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert. Sein erster Roman Kraft\u00a0erhielt 2017 den Schweizer Buchpreis. Die Arbeit an seinem zweiten Roman musste L\u00fcscher wegen einer schweren Corona-Erkrankung unterbrechen. Der Schriftsteller lag sieben Wochen im Koma.<\/p>\n<p>Nun ist dieser Roman unter dem Titel <a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/jonas-luescher-verzauberte-vorbestimmung-9783446283046-t-5563\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Verzauberte Vorbestimmung<\/a> erschienen. Auf dem Cover ist das Hauptmotiv des historischen Stichs <a href=\"https:\/\/www.britishmuseum.org\/collection\/object\/P_1990-1109-86\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">The Leader of the Luddites<\/a> (1812) zu sehen. Diese satirische Abbildung spielt auf Ned Ludd an, den fiktiven und legendenumwobenen Anf\u00fchrer der Ludditen. Damals revoltierten englische Textilarbeiter gegen die Industriellen Revolution und die damit einhergehende Verschlechterung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Diesen historischen Maschinenst\u00fcrmern des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts widmet L\u00fcscher ein Kapitel in seinem Buch, das allerdings im b\u00f6hmischen Varnsdorf spielt \u2013 ein Ort, der einst als \u201eKlein Manchester\u201c galt.&#13;\n<\/p>\n<p class=\"image-wrapper \">\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/2025-06-17_cover-webseite-formatkey-png-w320r.png\"   alt=\"L\u00fcscher: Verzauberte Vorbestimmung (Buchcover)\" title=\"L\u00fcscher: Verzauberte Vorbestimmung (Buchcover)\" width=\"2300\" height=\"2300\" loading=\"lazy\" class=\"image\"\/><\/p>\n<p>            \u00a9 Hanser<\/p>\n<p>Nicht mehr t\u00f6ten, nicht mehr k\u00e4mpfen<br \/>\nDoch zu Beginn von Verzauberte Vorbestimmung geht es in die Sch\u00fctzengr\u00e4ben des Ersten Weltkriegs: Ein algerischer Soldat k\u00e4mpft auf der Seite der Franzosen und ger\u00e4t in einen der ersten Giftgasangriffe. Er sieht, wie seine \u00fcberraschten Kameraden qualvoll sterben, wie sich die gelbe Giftwolke auch ihm n\u00e4hert \u2013 und er flieht:<\/p>\n<blockquote class=\"quote-content \"><p>\n                                Sein Leib war ein einziges Zittern. Dann ein einzelner klarer Gedanke: Nicht mit ihm. Nicht Teil dieser Maschinerie sein. Nicht mehr rennen, nicht mehr feuern, nicht mehr t\u00f6ten, nicht mehr k\u00e4mpfen.\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Im zweiten Kapitel taucht erstmals der Schriftsteller Peter Weiss (1916-82) auf.\u00a0F\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler ist Weiss ein Bruder im Geiste, dem er sich nahe f\u00fchlt:<\/p>\n<blockquote class=\"quote-content \"><p>\n                                Alles in Literatur verwandeln zu m\u00fcssen, war ein Zwang, fast eine Neurose vielleicht, und ich f\u00fcrchte, nicht die einzige, die mir beim Lesen von Weiss\u2018 Aufzeichnungen nur allzu vertraut erschienen war.\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>1960 reiste Weiss von Paris nach S\u00fcdfrankreich und schrieb den Essay Der gro\u00dfe Traum des Brieftr\u00e4gers Cheval. L\u00fcscher kn\u00fcpft daran an. Er nennt dieses Kapitel \u201eDer Schatten des Traums des Brieftr\u00e4gers\u201c und l\u00e4sst seinen Ich-Erz\u00e4hler von seinem Besuch im \u00d6rtchen Hauterives erz\u00e4hlen, wo der Landpostbote und gelernte B\u00e4cker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_Cheval\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Ferdinand Cheval<\/a> (1836-1924) in jahrzehntelanger Arbeit einen bizarren \u201ePalais Ideal\u201c baute \u2013 aus Steinen, die er auf seinen t\u00e4glichen Touren eingesammelt hatte. Dieses Bauwerk sollte Chevals Grabmal und Verm\u00e4chtnis zugleich sein. Es ist mittlerweile ein historisches Denkmal und Touristenmagnet. Dem Ich-Erz\u00e4hler erscheint der Traum des Brieftr\u00e4gers, dieses \u201eWestentaschen-Pharaos\u201c, wie ein \u201eAlb\u201c, er zeuge von Hybris, \u201evon verzweifelter Gr\u00f6\u00dfe und ebenso gro\u00dfer Sinnlosigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Ein reiches und r\u00e4tselhaftes Buch<br \/>\nDie letzten beiden Kapiteln f\u00fchren nach Kairo und in eine dystopische Zukunft. Der Ich-Erz\u00e4hler f\u00e4hrt in die im Bau befindliche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Hauptstadt_%C3%84gyptens\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">neue Hauptstadt \u00c4gyptens<\/a>, die zu gleichen Teilen von Gr\u00f6\u00dfenwahn und g\u00e4hnender Leere gepr\u00e4gt ist. Er befindet sich in einem von Fiebersch\u00fcben gepr\u00e4gten, delirierenden Zustand, Peter Weiss sitzt ihm in Gestalt eines Ba-Vogels auf der Schulter. Der Ba ist in der \u00e4gyptischen Mythologie ein Aspekt der menschlichen Seele, der aber erst im Moment des Todes Gestalt annimmt und sich vom K\u00f6rper l\u00f6sen kann. Das letzte Kapitel hei\u00dft \u201eGespr\u00e4ch eines Mannes mit seinem Ba\u201c, ist angelehnt an den alten \u00e4gyptischen Text <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gespr%C3%A4ch_eines_Lebensm%C3%BCden_mit_seiner_Seele\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Gespr\u00e4ch eines Lebensm\u00fcden mit seiner Seele<\/a> und kreist um die \u201eZerrissenheit, das Zerfallen, die Aufl\u00f6sung\u201c, um die \u201eTodesbefallenheit\u201c des Erz\u00e4hlers.<\/p>\n<p>L\u00fcscher reflektiert in seinem Buch \u00fcber die Ambivalenz des technischen Fortschritts, der seit jeher von kritischen Betrachtungen begleitet wird und sich oft genug gegen den Menschen gerichtet hat. Den Zwiespalt zwischen der menschlichen Abh\u00e4ngigkeit von Technik und deren \u201eunmenschlichen\u201c Kehrseite erlebte L\u00fcscher durch seine lebensbedrohliche Corona-Erkrankung am eigenen Leib. Sein Alter Ego im Roman spricht immer ganz allgemein von einer Pandemie, die ihn fast das Leben kostete: \u201eSchwerer Verlauf, beinahe nicht \u00fcberlebt.\u201c Als er nach und nach aus dem Koma erwacht, wird ihm Einiges klar: \u201eBewusstsein ist, wie ich lernen musste, kein bin\u00e4rer, sondern ein gradueller Zustand.\u201c Er begreift, dass er sein Weiterleben diversen \u201eMaschinen\u201c zu verdanken hat, er erkennt die unaufl\u00f6sliche Verquickung von Mensch und Maschine:&#13;\n<\/p>\n<blockquote class=\"quote-content \"><p>\n                                Wie ich bald verstand, war die ECMO, mit diesem Akronym wurde die Maschine vom Personal fast z\u00e4rtlich bezeichnet, nicht die einzige Maschine, die mich am Leben erhalten hatte oder es immer noch tat.\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Verzauberte Vorbestimmung ist ein wilder und anspruchsvoller Ritt durch verschiedene Ort-, Zeit- und Erz\u00e4hlebenen, gespickt mit Anspielungen und Zitaten. L\u00fcscher arbeitet ein bisschen wie der Postbote Cheval, nur dass er keine Steine, sondern ganz unterschiedliche Gedanken sammelt und daraus ein so reiches wie r\u00e4tselhaftes Buch baut. F\u00fcr Wiebke Porombka ist L\u00fcscher vielleicht ein \u201eJahrhundertroman\u201c gelungen, der \u201eeindr\u00fccklich, pr\u00e4zise und literarisch herausragend von einer wesentlichen Z\u00e4sur der j\u00fcngsten Vergangenheit erz\u00e4hlt. Jonas L\u00fcscher versteht es auch, diese Erz\u00e4hlung virtuos mit dem historischen und philosophischen Fundament, auf dem wir stehen, zu verweben\u201c (<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/jonas-luescher-verzauberte-vorbestimmung-roman-rezension-100.html\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\" target=\"_blank\">Deutschlandfunk Kultur<\/a>).<\/p>\n<p class=\"article-date C-gi-grau-9\"><strong>Juni 2025<\/strong><\/p>\n<p>                        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Portrait_Moos-formatkey-jpg-w72.jpg\"  height=\"72\" width=\"72\" loading=\"lazy\" alt=\"\" class=\"article-author-image rounded-circle\"\/> <\/p>\n<p class=\"article-author-name webfont-medium\">\n<p>                            <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/prj\/ger\/de\/atr\/25379360.html\" class=\"stretched-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                        Holger Moos<br \/>\n                            <\/a><\/p>\n<p class=\"article-author-text\">Holger Moos arbeitet im Bereich \u201eBibliotheken\u201c der Zentrale des Goethe-Instituts in M\u00fcnchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vom Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Technik \u2013 davon erz\u00e4hlt Jonas L\u00fcscher in seinem neuen Buch. Der Schweizer Schriftsteller&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":198753,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-198752","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114701689878134197","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198752","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198752"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198752\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/198753"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198752"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=198752"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=198752"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}